Digital/Pausen

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Hans Ulrich Gumbrecht lehrt Literatur in Stanford und bedauert es, zu alt für eine Karriere-Chance als Trainer im American Football zu sein.

Die Rückkehr des Antisemitismus und sein bleibender Status in Deutschland

Nicht wenig war von Juden die Rede in meiner deutschen Nachkriegskindheit, und zugleich schien es ganz natürlich, dass ich nie einen oder eine von ihnen zu sehen bekam, obwohl sie, wie ich fast täglich hörte, ganz in der Nähe wohnten, “um die Ecke” sozusagen. Ähnlich den Heinzelmännchen oder Schutzengeln, Trollen oder Giftzwergen gehörten sie zu jenem Weltbild, das noch keine Grenzen zwischen Wirklichkeit und Vorstellung braucht. Mein Vater, ein aufstrebender Chirurg an der örtlichen Universitätsklinik, erzählte oft, wenn er spät nachhause kam, er habe noch “im jüdischen Altersheim vorbeigeschaut,” freiwillig und ohne Honorar — aber eine “Kollektivschuld,” dieser Zusatz gehörte dazu, werde er nie und nimmer anerkennen. Keine Ahnung hatte ich, warum die jüdischen Patienten nicht wie alle anderen “in die Klinik kamen,” und noch viel weniger wusste ich mit dem Wort “Kollektivschuld” anzufangen, das immerhin, an der Reaktion meines Vaters gemessen, mit unangenehmen und wohl auch ungerechten Zumutungen zu tun haben musste.

Sonntagmittags bekamen die Juden Gesichter und bald auch eine eigenartige Sprache in den nie endenden Witzen, die der Besitzer eines gehobenen Restaurants (“Hotel Lämmle am Marktplatz”) meinen Eltern erzählte, als sie auf ihrem wirtschaftswunderlich-sozialen Aufstieg ein Dreigang-Menu nach der Hochmesse zum Status-bestätigenden Ritual erhoben hatten. Alle Juden in den Geschichten des eleganten Gastgebers, der statt dem üblichen Mercedes einen Chevy Impala fuhr und den ich beinahe so sehr bewunderte wie meine Mutter, alle Juden in seinen Geschichten hießen Abi oder Sami, waren auf Geld und oft auch junge Frauen aus, sprachen einen Dialekt mit gutturalen Lauten und waren, wie immer unterstellt blieb, an keinerlei Art von Hygiene interessiert. Auf jeden der Witze folgte ein kaum aggressives, beinahe herzliches Lachen und oft auch der Kommentar meines Vaters, dass dieser (jeweils) letzte Witz “ganz besonders gut gewesen sei.”

Bald konnte ich auch Judenwitze erzählen, was meine Eltern so stolz machte, dass ich bei Abendeinladungen nun eine kleine Unterhaltungsrolle zu spielen hatte. 1960 schließlich erschien die von der Schweizer Autorin Salcia Landmann herausgegebene Sammlung “Der jüdische Witz,” eingeleitet von Carlo Schmid, dem damals sozialdemokratischen Intellektuellen vom Dienst, und wurde, vor allem als permanentes Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenk, zu einem epochalen Erfolg – wohl einfach deshalb, weil diese Anthologie dem behäbig-fleißigen Mittelstand der Bundesrepublik bestätigte, “dass die Juden doch auch Humor hatten,” wie meine Mutter gerne sagte. Man wollte und konnte ihnen jetzt etwas vergeben, möglicherweise den humorlosen Vorwurf der “Kollektivschuld,” dachte ich, und sie wieder in die Gemeinschaft der Menschen, vieleicht sogar voller Großzügigkeit in die Gemeinschaft der Deutschen aufnehmen.

Auch im Gymnasium hörten wir dann beinahe plötzlich, ganz anders als auf der Grundschule, viel von den Juden, wenn immer nämlich unsere Lehrer erklärten, warum es soviele Ruinen in der Heimatstadt gab und all die Anstrengungen des Neuaufbaus nötig geworden waren. Deutschland hatte einen Krieg verloren, erfuhren wir, den es wohl besser nie angefangen hätte, viele Juden seien auf der Strecke geblieben (allerdings nicht ganz soviele, wie manche Politiker in Frankreich oder Amerika behaupteten), und wenn die Lehrer uns die eigentliche Wahrheit erzählen dürften, bemerkte sie am Rande, dann würde die Vergangenheit noch einmal ganz anders aussehen. So das zunächst überlieferte Bild von der jüngeren nationalen Geschichte, bevor wir ein paar Jahre später, nicht mehr weit von 1968, unsere eigenen Fragen stellen wollten. Nur ein einziger Studienrat, CSU-Mtglied übrigens, hatte mich je unterbrochen, als ich einen Judenwitz erzählte und das Wort “Itzich” gebrauchte, das ich von meinem Vater gelernt hatte.

Die alte Bundesrepublik war beinahe zwei Jahrzehnte lang eher behaglich mit ihrer unmittelbaren Vergangenheit umgegangen, nach eigener Wahrnehmung den Juden durchaus zugewandt, solange denen klar blieb, dass ihnen außer Adolf Hitler, Joseph Goebbels und Heinrich Himmler ja eigentlich niemand ein Leid hatte zufügen wollen. Dann aber schnitten sich Wörter wie “Shoa” oder “Holocaust” in die Sprache und das Bewusstsein unserer Generation ein; die schrecklich nüchterne Einsicht, dass zur deutschen Vergangenheit unverrückbar und singulär die Industrialisierung eines Genozids gehörte; dass im Entzug individueller Namen und den auf die Unterarme der Juden tätowierten Nummern die funktionale Rationalität der Aufklärung ihre Erfüllung erreicht hatte; und dass der Mord an sechs Millionen Juden, Zigeunern, Homosexuellen und allerhand anderen Anderen eher das kollektive Werk der nationalen Bürokratie und ihrer Eliten gewesen war als die ideologische Verschwörung weniger Nationalsozialisten (wie der junge Historiker Hans Mommsen damals gerade zur Empörung vieler seiner Kollegen gezeigt hatte).

Ein kurzer Moment der Klarheit öffnete sich, was das Verhältnis zwischen Antisemitismus und deutscher Nation angeht, und nicht zufällig geschah dies in den frühen Jahren der Kanzlerschaft von Willy Brandt: als deutlich wurde, dass eine neue Nation nur um die Bedingung eines schonungslos offenen Blicks auf die eigene Vergangenheit zu haben war; dass es für die Historiker nicht um eine lauwarme “Vermittlung” der Vergangenheit mit der Gegenwart gehen konnte, sondern allein um die schonungslosen Konturen im Bild der Vergangenheit; dass nur so, nur um die Bedingung dieser Schonungslosigkeit mit sich selbst, die alten und neuen Deutschen mit ihren Opfern von einst und deren Nachfahren vielleicht würden leben könnten, weil jede Relativierung der eigenen Taten in Deutschland als Bejahung der eigenen nationalen Vergangenheit wirksam werden musste; und dass “Nation” sein für jede Gesellschaft wesentlich bedeutete, unabhängig von allen anderen die Momente der Schande aus ihrer eigenen Geschichte ins Auge zu fassen.

Dieser Wille zur Klarheit begann seit dem 5. September 1972 wieder zu schwinden, seit dem Tag des palästinischen Attentats auf die Mannschaft Israels bei den Olympischen Spielen von München. Seither ist die deutsche Vergangenheit erneut in Prozesse einer unendlichen Modifikation eingetreten, die sie zu einer Funktion der je eigenen weltpolitischen Positionen und Interessen machen (“wir müssen auch zur islamischen Welt eine positive Beziehung haben”) – und die mittlerweile Deutschland erneut in eine Haltung der humanitären Großzügigkeit gegenüber Juden und Israelis versetzt hat, welche an die Zeiten der Salcia Landmann-Anthologie erinnert.

Die Tendenz der revisionistischen Rückbewegung wurde international sichtbar im sogenannten “Historikerstreit” der achtziger Jahren, als der Holocaust zum Teil einer internationalen Verbrechenstypologie werden sollte – mit dem unvermeintlichen Effekt seiner Relativierung. Einmal abgesehen davon, dass ich die beamtenartige Nüchternheit in der Industrialisierung des Genozids unter Befehl des ehemaligen deutschen Staates für welthistorisch singulär ansehe, kommt es auf solche an sich absurde Vergleiche und “Rankings” von Menchheitsverbrechen wirklich nicht an. Denn wenn eine Gesellschaft zur Nation werden und Nation bleiben will, so wird dies — aufgrund der Tradition des Begriffs und des institutionellen Rahmens der “Nation,” wie sie im frühen neunzehnten Jahrhundert entstanden waren — nur unter vollem Einschluss der eigenen Vergangenheit geschehen. Eben deshalb kann die Konfrontationen mit ihren je eigenen und spezifischen Vergangenheiten allein die individuellen Aufgabe jeder Nation sein – und nie die Aufrechnung der eigenen mit den Verbrechen der anderen Nationen.

Demgegenüber zählen all jene vermeintlichen “Entlastungen” nicht, die wie eine kürzlich veröffentlichte Studie des deutschen Innenministeriums zeigt, auf das scheinbar freundliche Gesicht des neuen Antisemistismus geschrieben sind. Es wird erstens natürlich kein Datum geben, zu dem die nationale deutsche Verantwortung gegenüber den Juden (und allen anderen Opfern des sogenannten “Dritten Reiches”) abgelaufen ist, so wie zweitens niemand wirklich Mitglied der deutschen Nation werden kann, ohne Verantwortung auch für diese Vergangenheit mit zu übernehmen — was der heutige deutsche Staat wohl seinen neuen, vor allem islamischen Bürgern nicht immer hinreichend klar macht. Drittens dürfen Interpretationen der Geschichte und der politischen Gegenwart von Israel keinesfalls mit der deutschen Vergangenheit verrechnet werden. Als sich der damals neue deutsche Außenminister bei seinem israelischen Antrittsbesuch während des vergangenen Frühjahrs ausgerechnet am Holocaust-Gedenktag zu Verhandlungen mit palästinischen Politikern traf, hat er – absichtlich oder nicht – genau diesen fatalen Eindruck erweckt, einmal ganz abgesehen vom Antrittsbesuch des gegenwärtigen deutschen Präsidenten, der ausgerechnet mit einer Kranzniederlegung am Grab von Yassir Arafat begann.

Viertens sind auch die politische Unzufriedenheit vieler (nicht nur junger) Israelis und ihre Überzeugung, dass die eigene nationale Identität nicht auf das Opfer-Ereignis der Shoa begründet werden sollte, von der deutschen Konfrontation mit derselben Vergangenheit getrennt zu halten. Vielleicht sollte man umgekehrt tatsächlich so weit gehen zu fordern, dass in langfristigen Zukunftsperspektiven die Handlungsfreiheit der deutschen Poliitk, was Israel angeht, durch die eigene Vergangenheit zu begrenzen ist – und genau diesem Sinn haben ja auch einige der großen deutschen Politiker seit 1945 gehandelt.

Auf einer ganz anderen, nämlich der viel weniger philosophischen Ebene von alltäglichen Fakten wäre sicher zu wünschen, dass gerade die deutschen Medien gewisse Tabus brächen, die sich über die Möglichkeit eines positiven Tons in der Berichterstattung zu Israel gelegt haben. Wieviele Deutsche wissen, dass das Arabische eine National- und Parlamentssprache in Israel ist? Dass sich mehr als zwanzig Prozent der Bürger von Israel als Araber und Palästiner identifizieren und an einem Lebensstandard teilhaben, der deutlich über dem der benachbarten arabischen Staaten liegt? Dass Benjamin Netanyahu als demokratisch gewählter Premierminister des Landes einer extrem scharfen politischen Opposition und juristischen Aufsicht innerhalb des Landes ausgesetzt ist? Dass Israel gerade auch deshalb als ein klassisch demokratisches Land gelten muss, was die Standards des alltäglichen Diskussionen und Auseiandersetzung angeht? Und eigentlich wäre auch festzustellen, dass die Bestätigung von Jerusalem als Hauptstadt Israels durch den amerikanischen Präsidenten, so ungeschickt sie in den strategischen Kontexten der Weltpolotik gewesen sein mag, nicht mehr und nicht weniger als eine aufgrund der politischen Kraft Israels durchaus funktionierende Realität unterstreicht.

Für Israel ist es schwer, in der internationalen Öffentlichkeit ein adäquates – und das heißt vor allem: hinreichend komplexes – Bild seiner selbst zu etablieren, angesichts des wachsenden politischen Drucks, der vom raumfordernden Islamismus ausgeht. In Deutschland hat sich mittlerweile erneut ein Konsens eingespielt, der mit jenen grotesken Moment von 1960 konvergiert, als man den Juden “Humor” konzedierte und sie so wieder auf Menschlichkeits-Status erheben wollte. Heute kritisiert man zwar das Verbrennen israelischer Fahnen in der Innenstadt von Berlin – erinnert aber zugleich daran, dass es keine rechtliche Handhabe gegenüber dem Verbrennen irgendwelcher Flaggen (außer der deutschen) gibt, was bedeutet, dass man Israel — durchaus großzügig — als eine von vielen anderen Nationen betrachtet.

Aber es ist eben nicht dasselbe, ob israelische Flaggen in Moskau, New York und Buenos Aires oder in Berlin, München und Lüneburg verbrannt werden. Die in Deutschland verbrannten israelischen Flaggen bejahen die deutsche Vergangenheit, und das kann sich Deutschland nicht leisten, wenn es je wieder eine Nation mit Würde werden will – auch dann nicht, wenn es seine neuen islamischen Bürger das Flaggenverbrennen erledigen lässt.

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