Digital Twin

Facebook jagt ein scheues Reh

© DAPDAlles, was Whatsapp kann, konnte Facebook schon lange. Was also macht den Messenger 19 Milliarden Dollar wert?

Wenn die Gerüchte stimmen, hatte Brian Acton, einer der beiden Gründer von Whatsapp, eine Notiz über seinem Schreibtisch hängen – als Erinnerung: „Keine Werbung, keine Spiele, keine Gimmicks“. Für die meisten Nutzer des SMS-Ersatzdienstes hatte das seinen Preis: In Deutschland einen Euro pro Jahr. Facebook hat diesen nun in die Höhe getrieben. Sollte Whatsapp auch nach der Übernahme durch das größte soziale Netzwerk allein von seinen Nutzern finanziert werden, wären 50 Dollar von jedem einzelnen fällig, um die 19 Milliarden Dollar Kaufpreis zu erwirtschaften. Die Betriebskosten, die für 27 Milliarden Nachrichten von rund 400 Millionen Menschen pro Tag fällig sind, wären eine Randnotiz in der Rechnung.

Warum hat Mark Zuckerberg dieses Geschäft gemacht? Technisch gesehen verfügt Facebook über alle Kompetenzen, die Whatsapp auszeichnen. Seit Jahren betreibt Facebook eine eigenständige Messenger-App, die von mehreren Hunderten von Millionen von Menschen auch verwendet wird. Das Knowhow von Whatsapp, Personal und Patente, kann den hohen Preis ebenfalls nicht rechtfertigen. Dafür scheint die Technologie, von ihrer Kapazität für Datenmenge einmal abgesehen, nicht raffiniert genug. Wohl eher geht es um zwei Aspekte: Facebooks Gelegenheit, das errungene Monopol zu sichern, den Markt zu schließen; und mehr Echtzeit-Nutzeraktivität.

Gerade in Verbindung mit Facebook wird bis heute häufig über die Verknüpfung von Profilen und Daten diskutiert. Doch dieses Prinzip ist längst überholt. Der Trumpf auf den Datenmärkten ist seit geraumer Zeit die Aktualität, mit der die zahlreichen Basisdaten, die von jedem Einzelnen erfasst sind, angereichert und aufgewertet werden können. Mit dem Kauf von Whatsapp bedient Facebook eins seiner gewaltigsten Defizite.

Immer mehr Menschen nutzen Facebook als zentrale Online-Identität. Nirgendwo sonst hinterlassen Menschen im Internet so viele allgemeine Nachrichten und Bilder. Für die direkte Kommunikation, sei es unter zweien oder in kleinen Gruppen, gilt Facebook aber als zu behäbig. Gerade junge Menschen sehen gänzlich ab vom Management ihrer Onlineprofile, wenn es ihnen um nichts weiter als spontane Interaktionen geht. Erfolge wie die des Dienstes Snapchat verweisen darauf, wie situativ gerade junge Nutzer die Interaktionsmöglichkeiten nutzen: Nicht einmal die einzelne Nachricht soll den Moment überdauern. Was soll man da mit einem Profil als ständigem Begleiter?

Facebook lag mit der Investition von einer Milliarde Dollar für Instagram im April 2012 richtig. Kurz vor dem eigenen Börsengang wurde Investoren gezeigt, in welchen Höhen über Preise für soziale Netzwerke gedacht werden sollte. Fünf Jahre zuvor erwarb Microsoft für 240 Millionen Dollar 1,6 Prozent von Facebook und bezifferte damit den Wert von Facebook auf 15 Milliarden Dollar. Facebook wird heute an der Börse zehn Mal so teuer bewertet. Auch Whatsapp kann und wird künftig weiter wachsen, derzeit kommen jeden Tag eine Million Nutzer hinzu. Der Markt allerdings, in dem sich die sozialen Netzwerke tummeln, wird das die nächsten Jahre offenbar nicht mehr in dem Maße wie bisher.

Facebook hat mit 1,2 Milliarden Menschen jeden potenziellen Nutzer mit relevanter Kaufkraft erreicht. Die Quartalszahlen Facebooks können in dieser Hinsicht auch als Aussage über das Potenzial des gesamten Onlinewerbemarktes gelesen werden. Gibt es mehr Online-Werbeplätze als die, die Google und Facebook bereits erschaffen und erobert haben? Wenn nicht, muss jede Investition auf dem Gebiet damit gerechtfertigt werden, die Qualität der Werbung zu verbessern, um die Erlöse zu erhöhen. Das wird ein Kraftakt sein, der nicht gelingen muss, nur weil Facebook nun Einblick und Zugriff auf den Großteil aller persönlichen Nachrichten der Menschheit hat.

Facebooks Versuche, 19 Milliarden Dollar für Whatsapp finanziell zu rechtfertigen, werden zudem zeigen, wie momenthaft die Messengernutzung tatsächlich ist. Menschen, die die Möglichkeiten des Internets dafür nutzen, Gespräche auf dem simpelsten Wege online fortzusetzen, lassen sich nicht so leicht wie Freundeskreispfleger und Profilmanager an eine App binden. Auf der anderen Seite wird sie sehr viel weniger interessieren, ob der gerade verwendete Dienst in den Dunstkreis von Facebook gehört oder nicht. Das kann Facebook durchaus helfen. Werbung in den Unterhaltungen werden Menschen aber ganz sicher noch weniger dulden, als die Nutzungsgebühr von einem Dollar pro Jahr. Facebook jagt ein sehr scheues Reh.

Mark Zuckerbergs Entwicklerteam wird Wege finden, etwas mit den Einkaufszetteln anzufangen, die sich Ehepaare einander zuschicken. Wer in den künftigen Experimenten lieber Beobachter als Teilnehmer sein will, kann ausweichen, auf die etwas komplizierte aber fast überall anwendbare OTR-Verschlüsselungstechnologie der Jabber-Messenger, oder auf die bequeme, aber (wie Whatsapp) gerätegebundene Threema-App einer Handvoll Schweizer Entwickler, die sich als erste zum Ziel setzten, Benutzerfreundlichkeit und Vertraulichkeit miteinander zu verknüpfen, um mit Verschlüsselung ein Messenger-Geschäft zu machen. Damit bedienen sie derzeit keinen Milliardenmarkt, aber die Bedürfnisse einer wachsenden Zahl an Nutzern.

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