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Stephen Colberts Wahrheiten über die NSA

© YoutubeStephen Colbert und der Cloud-Fog-Holzwürfel, der mehr Sicherheit gewährleisten soll als der Zufallszahlengenerator von RSA-Security, nachdem das Unternehmen ihn für 10 Millionen Dollar von der NSA selbst sabotierte.

Er sei schon vorher gebeten worden, diese Rede nicht zu halten. Das sei selbst für ihn ungewöhnlich gewesen. Würde ihm doch ansonsten immer erst hinterher gesagt, bloß nie wieder zu kommen. Das sagte Stephen Colbert am vergangenen Freitag in San Francisco, während seiner Rede auf der Konferenz von RSA-Security, jenem Unternehmen, über das seit Dezember vergangenen Jahres bekannt ist, 10 Millionen Dollar von der NSA angenommen zu haben, um die eigene Sicherheitssoftware vor Verkauf zu sabotieren.

Dass Colbert die Rede dennoch hielt war bemerkenswert. Seit acht Jahren gilt er als der Schreck der Mächtigen. 2006 führte er Präsident George W. Bush vor einem Saal voller Journalisten in einer inzwischen historischen Rede vor (siehe Video). Auch diesmal wurde Colbert eingeladen. Und er sei gekommen, obwohl es eine öffentliche Petition gegen sein Erscheinen gegeben habe, sagte er. „Als ich die Unterschriften sah, habe ich mir nochmal meine eigene unter dem Honorar angesehen“, sagte Colbert.

Man dürfe die NSA auch in der Spähaffäre nicht derart verteufeln, schloss er an. „Immerhin haben die Überwachungsprogramme null Menschenleben gerettet. Das kann man über das Drohnenprogramm nicht sagen und bislang hat mich noch niemand gebeten, nicht auf einer Konferenz von Lockheed Martin zu sprechen.“ Wenn die Amerikaner einer Institution ein unbegrenztes Budget gäben und keine Aufsicht installierten „ist das Ergebnis doch immer fantastisch“, fuhr er fort.

Man solle der NSA vertrauen, sie ist „zweifellos die mächtigste und fortschrittlichste Überwachungsbehörde aller Zeiten, die von einem Neunundzwanzigjährigen mit einem USB-Stick düpiert wurde.“ Wen störe die Überwachung überhaupt, fragte Colbert und antwortete sich selbst: „Sie sollte sie nicht stören, wenn Sie nichts zu vergeben haben. Und da Sie vor der NSA nichts verbergen können, kann Sie gar nichts stören.“

Die Amerikaner wüssten doch inzwischen, dass sie kein Anrecht auf Privatsphäre mehr hätten. „Was sie schreiben, sagen, tun oder anschauen wird protokolliert, nachdem die Daten einmal von Google genutzt wurden, um Ihnen Werbung zu zeigen“. „Ist es denn wirklich so eine große Sache, dass die NSA Zugang zu unseren Computern und unseren Smartphones, Tablets, Faxgeräten, Funkgeräten, Parkuhren, Mikrowellen, Anrufbeantwortern, Achtspur-Bandgeräten, Pink-Floyd-Lasershowkanonen, Rasierapparaten, Fitnessarmbändern und elektronischen Geburtsurkunden hat“, fragte Colbert kurz vor Schluss.

Alle auf der Konferenz bekamen ihr Fett weg: Das Publikum, das sich gemäß Konferenz-Untertitel traf „Where The World Talks Security“, um über Produkte zu sprechen, die laut Colbert „die NSA schon vor fünf Jahren hatte“; und auch FBI-Direktor James Comey, der zuvor sprach und dessen zentrale Botschaften Colbert schlicht zitierte: „Manche glauben, es gebe einen inhärenten Widerspruch zwischen dem Schutz der Privatsphäre und Menschenrechte und den Garantien für Sicherheit. Dem widerspreche ich. Tatsächlich suchen wir nach Wegen zu mehr Sicherheit, die die Freiheit erweitern.“

Colbert schloss schlicht an: „Wahrscheinlich kann man durch die ‚erweiterte Freiheit‘ so viel Privatsphäre haben, wie man will. Wie man während erweiterten Verhören so viel Wasser atmen kann, wie man will.“

Zum Ende hin nahm sich Colbert RSA-Security direkt vor. Das Unternehmen ließ sich von der NSA dafür bezahlen, den Zufallszahlengenerator der eigenen Sicherheitssoftware zu manipulieren. Und so kam Colbert selbst als Verkäufer eines besser funktionierenden Generators für Zufallszahlen; einem Würfel. „Wenn man ihn zweimal würfelt, kann er Prozentrechnung.“ Sein damit befeuertes Softwareprodukt nennt er „Cloud-Fog“, „teils Wolke, teils Nebel, volle Sicherheit“.

Die restlichen Minuten Bullshit-Bingo, mit denen Stephen Colbert Cloud-Fog anpreist, sieht man sich am besten selbst an, nachdem RSA Security sich getraut hat, den vollen Auftritt Colberts ins Netz zu stellen. Bis Sonntagabend gab es lediglich Ausschnitte der Rede.

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