Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Ikone der Werktätigkeit: Der Spaten

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Der Spaten scheint so ein harmloses Ding, doch in Politikerhand läuft er zur Hochform auf. Wo er sticht, bleibt kein Stein auf dem anderen, Redner sprechen wirr über Visionen und am Ende wird ein Büfett eröffnet.

Bild zu: Ikone der Werktätigkeit: Der Spaten

Der Spaten ist ein Spalter sondersgleichen. Man stößt ihn brutal in nichtsahnend daliegenden Mutterboden, tritt gern noch mit grober Sohle nach und sorgt dafür, daß kein Krumen auf dem anderen bleibt. In meiner Hand trennt er lebenswichtige Wurzeln ab und Regenwürmer durch. Doch erst in Politikerhand läuft der Spaten zu wahrer Hochform auf. Das ist eigentlich erstaunlich, denn das natürliche Habitat der Politikerhand ist das Büro, wo sie auf sanft gerundeten Computermäusen ruht und über Aktendeckel streicht. So greift die Politikerhand denn auch ein wenig linkisch nach dem T-Griff des Spatens, tastet sich unentschlossen den Stiel hinunter und spreizt zu allem Überfluß auch noch den kleinen Finger ab. Solch grobes Werkzeug ist sie nicht gewohnt.

Dieses Szenario spielt sich meist in unwirtlichen Gegenden ab, dort, wo die Städte unbestimmt ausfasern und halbherzig zwischen Natur und Zivilisation schwanken. Nur sehr selten ist der sogenannte Erste Spatenstich wirklich der erste, und nur sehr selten trifft er unberührten Boden. Normalerweise haben Kettensägen und Bagger schon wochenlang herumgefuhrwerkt, haben lästige Erhebungen wie Bauwerke oder Bäume eingeebnet, um den Grund soweit vorzubereiten, daß es dem Politiker zuzumuten ist, seinen Spaten in die geglättete Fläche hineinzutupfen.

Um den Politiker herum wird meist eine Art Bühne aufgebaut, damit er von dort aus den Spatenstich sowie den weiteren Fortgang der Arbeiten wortreich ankündigen kann. Für solche Anlässe hat sich in der deutschen Sprache ein Spezialvokabular herausgebildet, das Außenstehenden zunächst kaum als Deutsch erkennbar ist und tatsächlich mit der Volkssprache wenig gemein hat. Man spricht gern von Landmark-Building, der Creative Class, dem People’s Business, dem Trade-Center, den Challenges, daneben von Leistungsfähigkeit, Wettbewerbsfähigkeit, Zukunftsfähigkeit. Wer versucht, den Sinn zu begreifen, versteht ungefähr folgendes: Mit seinem Spatenstich rettet der Politiker mindestens die Welt, entscheidet die Zukunft, stellt Weichen, holt die globale Leistungselite in seine Stadt und wird durch seine visionären Taten die Dankbarkeit der nächsten fünf Generationen ernten. 

Und der Politiker selbst wird nichts weniger als Unsterblichkeit erlangen, wenn dereinst das Gebäude mit einem Namenstäfelchen versehen wird, auf dem sein eigener Name für jedermann zu lesen ist, der sich in die Trostlosigkeit der städtischen Peripherie verirrt. Zumindest solange, bis die Stadt weiterwuchert und der übernächste Politiker die Bagger bestellt, um genau an dieser Stelle einen Baugrund herzustellen, in den er seinen Spaten stechen kann.

Es hat schon etwas religiöses, wie in jeder Stadt die Politiker auf den Bühnen inmitten von unschönen Brachen stehen und in wattigen Sprachformeln erklären, warum ausgerechnet sie jetzt ausgerechnet diese Stadt mit ausgerechnet diesem Bauvorhaben ganz entscheidend voranbringen werden. Es ist eine Religion mit vielen Anhängern, die meisten davon haben Visionen. Sie arbeiten auf ein Erlösungsversprechen hin, aber Erlösung tritt nie ein, Erlösung würde Stillstand bedeuten und Stillstand ist Sünde. Sie predigen Nachhaltigkeit und bauen, als gebe es kein Morgen. 

Und dabei umgeben sie sich mit einer Ikonographie der Werktätigkeit. Die grobgezimmerte Holzbühne ist ihre Kanzel, das Attribut ihrer Amtswürde ist der Spaten. Wenn sie ihn ungeschickt umfingern, so täuscht das: Den Fuß haben sie auf das Blatt gestellt wie der Großwildjäger auf die erlegte Beute. Und mit ihm gelingt die Wandlung, mit ihm wird profaner Acker zum höchstrichterlich abgesegneten Entwicklungsgebiet. Der Spaten sticht in die Erde, bleibt dort stecken, die Kameras dokumentieren das, was bis dahin schon ungefähr fünfmal als historischer Moment bezeichnet wurde, die Politiker lächeln, lächeln, dann wird der Sand herausgehoben, sinnlos beiseite gekippt und der Spaten irgendwohin gestellt. Da steht er dann. Vielleicht endet er in einem Firmenmuseum. Gleichzeitig wird das Büfett eröffnet.

Den Rest der Arbeit erledigt kein Spaten, den Rest erledigt der Bagger, dann kommen Maurer, Elektriker, Dachdecker, kommen Leute, die ihr Werkzeug anzupacken wissen, bis das Gebäude steht und der Politiker erneut aus seinem Büro anreist, um ein Band durchzuschneiden und all die schönen, fluffigen Wörter (Landmark-Building, People’s Business, Challenge) zu wiederholen. Die Liturgie ist eine etwas andere, der Glauben der gleiche, sein Bekenntnis schwer verständlich und sein Symbol der Spaten.


62 Lesermeinungen

  1. fraudiener sagt:

    Xenon, ich denke nicht. Das...
    Xenon, ich denke nicht. Das hier ist doch so speziell, da bringe ich vieles nicht unter, was dann in meinem Blog landet. Seltsame Urheberrechtskonferenzen etwa.
    .
    Kleinerberg, ab einem gewissen Alter wollen Jugendliche lieber urbane Landschaften erkunden, da gibt die Natur nicht mehr genug her. Und man sucht soziale Treffpunkte, früher klassischerweise die Eisdiele. Wenn dann nichts anderes in Reichweite ist als ein trostloser Einkaufsklotz, der mangels Dorfleben ein Zentrum simuliert, ist das natürlich häßlich.

  2. Wurde das letzte Wort im Titel...
    Wurde das letzte Wort im Titel mit Absicht falsch geschrieben?

  3. fraudiener sagt:

    Proofreader: Nein, Sie sind...
    Proofreader: Nein, Sie sind nur der erste, der’s merkt. Zur Belohnung gibt es eine Korrektur und Zerknirschungsbekundung meinerseits.

  4. Savall sagt:

    Ich bin außerordentlich...
    Ich bin außerordentlich erfreut, Frau Diener, Sie hier auch lesen zu können. Mein Glück wäre vollkommen, wenn es gemeinsam mit Don Alphonso einen Sunbeam-Blog gäbe.
    Etwas fehlt mir allerdings bei der werktätigen Spaten-Betrachtung: das phänomenologische Verhältnis des ersten Spatens zur Maurerkelle der Grundsteinlegung. Werden beim Spatenstich eigentlich auch Gläser zertrümmert?

  5. Proofreader sagt:

    Viele vertrauen auf das...
    Viele vertrauen auf das Vorurteil der Richtigkeit beim Zeitunglesen.

  6. fraudiener sagt:

    Savall, es ist mir ein...
    Savall, es ist mir ein Vergnügen. Ein Sunbeam-Blog wäre zur Zeit allerdings außerordentlich langweilig. Die nächsten drei Wochen gibt es außer Warterei nichts zu berichten.
    .
    Die Maurerkelle ist allerdings interessant, denn sie steht nicht so sehr im Fokus wie der Spaten. Meinen bisherigen Erfahrungen nach ist eher das Versenken der Zeitkapsel der entscheidende Moment, bei dem alle innehalten und in die Kameras grinsen. Davor die Füllung der Zeitkapsel, danach das Mörteln. Das dauert ein wenig länger und kulminiert nicht so sehr in einer singulären Handlung wie der eine, entscheidende Stich.

  7. fraudiener sagt:

    Proofreader, ein vergessener...
    Proofreader, ein vergessener Buchstabe ist da noch das geringste Problem.

  8. Near the Pole Star.

    In the...
    Near the Pole Star.
    In the heart
    of a slender
    fantasy there’s
    the season of
    an apple-tart,
    while a dreamer
    comes back
    like a delicate
    warbling.
    Francesco Sinibaldi

  9. Savall sagt:

    Es ist eben bei den Politikern...
    Es ist eben bei den Politikern wie überall: man kriegt immer weniger fürs Geld. Ich habe mich auch immer gefragt, was mit dem Aushub der ersten Spatenstiche passiert. Das wäre also auch geklärt. Übrigens haben die Pharaonen bei ihrem ersten Sichelschnitt zur Ernte immer eine _goldene_ Sichel benutzt. Insofern ist so eine Spatenprozedur noch ausbaufähig.
    An Sunbeam-Langeweile kann ich nicht glauben. Allein wenn man überblickt, welch epische Ausmaße die Schilderung in den Reisenotizen, im Rebellenmarkt und in den Stützen erreicht hat, würde eine Reprise schon mühelos drei Wochen füllen. Meiner bescheidenen Kenntnis nach ist auch das Rätsel des merkwürdigen Hebels am Motorblock noch nicht geklärt. Ich vermute ja stark, daß der Gott der kleinen Dinge sich mit dem Don einen gewaltigen Jokus erlaubt. Ich jedenfalls bin als automobiler Verweigerer noch nie von einem Fahrzeug so fasziniert gewesen wie von Lazy Susan. Ist Susan eigentlich schon getauft?

  10. anderl sagt:

    Weil es so schön passt:
    "Ich...

    Weil es so schön passt:
    „Ich bin der Schirmherr dieses Krötentunnels
    – es ist mir eine Ehre“
    https://www.youtube.com/watch?v=usgasTxZ-Os

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