Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Ikone der Werktätigkeit: Der Spaten

| 62 Lesermeinungen

Der Spaten scheint so ein harmloses Ding, doch in Politikerhand läuft er zur Hochform auf. Wo er sticht, bleibt kein Stein auf dem anderen, Redner sprechen wirr über Visionen und am Ende wird ein Büfett eröffnet.

Bild zu: Ikone der Werktätigkeit: Der Spaten

Der Spaten ist ein Spalter sondersgleichen. Man stößt ihn brutal in nichtsahnend daliegenden Mutterboden, tritt gern noch mit grober Sohle nach und sorgt dafür, daß kein Krumen auf dem anderen bleibt. In meiner Hand trennt er lebenswichtige Wurzeln ab und Regenwürmer durch. Doch erst in Politikerhand läuft der Spaten zu wahrer Hochform auf. Das ist eigentlich erstaunlich, denn das natürliche Habitat der Politikerhand ist das Büro, wo sie auf sanft gerundeten Computermäusen ruht und über Aktendeckel streicht. So greift die Politikerhand denn auch ein wenig linkisch nach dem T-Griff des Spatens, tastet sich unentschlossen den Stiel hinunter und spreizt zu allem Überfluß auch noch den kleinen Finger ab. Solch grobes Werkzeug ist sie nicht gewohnt.

Dieses Szenario spielt sich meist in unwirtlichen Gegenden ab, dort, wo die Städte unbestimmt ausfasern und halbherzig zwischen Natur und Zivilisation schwanken. Nur sehr selten ist der sogenannte Erste Spatenstich wirklich der erste, und nur sehr selten trifft er unberührten Boden. Normalerweise haben Kettensägen und Bagger schon wochenlang herumgefuhrwerkt, haben lästige Erhebungen wie Bauwerke oder Bäume eingeebnet, um den Grund soweit vorzubereiten, daß es dem Politiker zuzumuten ist, seinen Spaten in die geglättete Fläche hineinzutupfen.

Um den Politiker herum wird meist eine Art Bühne aufgebaut, damit er von dort aus den Spatenstich sowie den weiteren Fortgang der Arbeiten wortreich ankündigen kann. Für solche Anlässe hat sich in der deutschen Sprache ein Spezialvokabular herausgebildet, das Außenstehenden zunächst kaum als Deutsch erkennbar ist und tatsächlich mit der Volkssprache wenig gemein hat. Man spricht gern von Landmark-Building, der Creative Class, dem People’s Business, dem Trade-Center, den Challenges, daneben von Leistungsfähigkeit, Wettbewerbsfähigkeit, Zukunftsfähigkeit. Wer versucht, den Sinn zu begreifen, versteht ungefähr folgendes: Mit seinem Spatenstich rettet der Politiker mindestens die Welt, entscheidet die Zukunft, stellt Weichen, holt die globale Leistungselite in seine Stadt und wird durch seine visionären Taten die Dankbarkeit der nächsten fünf Generationen ernten. 

Und der Politiker selbst wird nichts weniger als Unsterblichkeit erlangen, wenn dereinst das Gebäude mit einem Namenstäfelchen versehen wird, auf dem sein eigener Name für jedermann zu lesen ist, der sich in die Trostlosigkeit der städtischen Peripherie verirrt. Zumindest solange, bis die Stadt weiterwuchert und der übernächste Politiker die Bagger bestellt, um genau an dieser Stelle einen Baugrund herzustellen, in den er seinen Spaten stechen kann.

Es hat schon etwas religiöses, wie in jeder Stadt die Politiker auf den Bühnen inmitten von unschönen Brachen stehen und in wattigen Sprachformeln erklären, warum ausgerechnet sie jetzt ausgerechnet diese Stadt mit ausgerechnet diesem Bauvorhaben ganz entscheidend voranbringen werden. Es ist eine Religion mit vielen Anhängern, die meisten davon haben Visionen. Sie arbeiten auf ein Erlösungsversprechen hin, aber Erlösung tritt nie ein, Erlösung würde Stillstand bedeuten und Stillstand ist Sünde. Sie predigen Nachhaltigkeit und bauen, als gebe es kein Morgen. 

Und dabei umgeben sie sich mit einer Ikonographie der Werktätigkeit. Die grobgezimmerte Holzbühne ist ihre Kanzel, das Attribut ihrer Amtswürde ist der Spaten. Wenn sie ihn ungeschickt umfingern, so täuscht das: Den Fuß haben sie auf das Blatt gestellt wie der Großwildjäger auf die erlegte Beute. Und mit ihm gelingt die Wandlung, mit ihm wird profaner Acker zum höchstrichterlich abgesegneten Entwicklungsgebiet. Der Spaten sticht in die Erde, bleibt dort stecken, die Kameras dokumentieren das, was bis dahin schon ungefähr fünfmal als historischer Moment bezeichnet wurde, die Politiker lächeln, lächeln, dann wird der Sand herausgehoben, sinnlos beiseite gekippt und der Spaten irgendwohin gestellt. Da steht er dann. Vielleicht endet er in einem Firmenmuseum. Gleichzeitig wird das Büfett eröffnet.

Den Rest der Arbeit erledigt kein Spaten, den Rest erledigt der Bagger, dann kommen Maurer, Elektriker, Dachdecker, kommen Leute, die ihr Werkzeug anzupacken wissen, bis das Gebäude steht und der Politiker erneut aus seinem Büro anreist, um ein Band durchzuschneiden und all die schönen, fluffigen Wörter (Landmark-Building, People’s Business, Challenge) zu wiederholen. Die Liturgie ist eine etwas andere, der Glauben der gleiche, sein Bekenntnis schwer verständlich und sein Symbol der Spaten.


62 Lesermeinungen

  1. Devin08 sagt:

    Der Spatenstich nach oben
    Ein...

    Der Spatenstich nach oben
    Ein wichtiger Aspekt, wenn Politiker den Spaten stechen, nach unten stechen, in saftige Muttererde, ist gar nicht genannt, nämlich der, dass an diesem Grund in aller Regel reichlich Geld verdient wurde (und weiter verdient werden wird). So mancher Bauer/Landwirt/ Stadtrat/Landrat (soll ich weiter aufzählen?) wurde da plötzlich sehr reich. Weil an der „Grünen Wiese“ dieses Bauern über Nacht quasi öffentliches Interesse bestand, Ackerland in Bauland umgewidmet wurde, per Beschluss der einen oder anderen Ratsversammlung. Ein Ikea hier, ein Baumarkt dort! Nicht selten, dass diese Beschlüsse oft sehr überraschend kamen, allerdings nicht selten zur Überraschung des so plötzlich Begüterten. So wurde in den letzten Jahrzehnten nicht nur eine Menge Geld geschaffen, wirklich geschaffen, sondern auch eine gewisse Vernetzung von Insidern, von Leuten, die immer wissen, wo demnächst Bauland entsteht. Eine ganze Klasse von Politikern, die sich sozusagen mit Spatenstichen nach oben arbeiten, in die Klasse der wirklich Begüterten, der wahrlich Herrschenden. (Von der Zersiedelung der Landschaft will ich hier erst gar nicht reden, und von der Verödung der Innenstädte, das wäre ein all zu weites Thema.)

  2. Jolly Rogers sagt:

    Liebe Frau Diener, Sie haben...
    Liebe Frau Diener, Sie haben nätürlich Recht! Trotzdem würde eine „Kulturgeschichte des Klappspatens“ aus Ihrer Feder sicher sehr viel Spaß machen.
    🙂

  3. thorsten sagt:

    "Der Mensch ist ein Liebhaber...
    „Der Mensch ist ein Liebhaber eingebildeten Glücks“ schrieb einst Emile Cioran.
    Ein Unterthema von Mensch, in diesem Falle ein Politiker wäre demanch ein „Liebhaber des eingebildeten Spatens“, habe ich Sie da richtig verstanden?
    Ein „Liebhaber des eingebildeten Spatenstichs?“
    P.S. Das Zitat stammt übrigens aus Ciorans bemerkenswerten Werk „Geschichte und Utopie“ und was ich mich auch fragte: schreiben Sie ausschliesslich am Computer oder rammen Sie auch ab und zu einen Füller in ein leeres Blatt Papier?
    Mit freundlichem Gruss. t

  4. thorsten sagt:

    wollte schreiben:...
    wollte schreiben: „ausschliesslich am Computer“

  5. fraudiener sagt:

    Thorsten, das könnte man so...
    Thorsten, das könnte man so sagen, wenn man den Spatenstich mit „Glück“ gleichsetzt. Ich würde ihn ja eher mit „Bedeutung“ gleichsetzen, aber Einbildung ist sicherlich dabei.
    .
    Wenn ich mit der Hand schreibe, dann mit Füller ins Notizbuch. Aber ich mache mir auf diese Weise nur Notizen, weil mir mit dem Füller in der Hand nichts einfällt. Das hat mit einer längeren Zeichnerkarriere zu tun: Ich denke, sobald ich einen Stift führe, anders, nämlich in Formen und nicht in Worten. Daher bevorzuge ich eine Tastatur, die ist so schön abstrakt.

  6. fraudiener sagt:

    <p>Devin, danke für die...
    Devin, danke für die Ergänzungen aus der Provinz. Hier gibt es nicht mehr allzuviele Bauernäcker, auf denen Ikeas entstehen, das Land ist mittlerweile eng be- und an den Rändern auch zersiedelt. Man rodet mittlerweile Bannwälder, etwa für obiges „Event“.

  7. Weil nach jahrzehntelangen...
    Weil nach jahrzehntelangen Startschwierigkeiten hier in Österreich die „Aufarbeitung der Vergangenheit“ jetzt im vollem Gange ist, hab ich beim Kultgerät ‚Spaten‘ einen kurzen Schlenker zum deutschen R.A.D. doch etwas vermißt. Die braven Wikipedianer (freiwilliger Computer Arbeits-Dienst?) hat zum Thema Spatenkult eine sehr treffende Bildergänzung beigesteuert:
    https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Arbeitsdienst.jpg&filetimestamp=20071230232308

  8. John Dean sagt:

    Dabei waren diese die...
    Dabei waren diese die Spatengriffe eher tolpatschig umfassenden Politikerhände selbst nur Werkzeuge des Fotografen, was der Text von Andrea Diener verschweigt, und diese merkwürdig herausfordernde Politikersprache anlässlich der Spatenstiche (richtungsweisende Zukunftsinvestments, Landmark-Building im Trade-Center, Piepels Bissiness u.v.m) ist wiederum ebenso Dienstleistung und den Bedürfnissen leistungsträgerischer PR-Argenturen geschuldet, welches das genau so haben wollen, ja mehr noch, garnicht anders ertragen könnten.
    (Satz mit knapp 60 Worten)
    Genau so, wie der Spaten ein Werkzeug ist, von dessen Handhabung seine Wirkung abhängt, ist auch der Spaten stechende Politiker ein Werkzeug.

  9. Gratulation zur überfälligen...
    Gratulation zur überfälligen Entdeckung einer Allegorese der Dinglichkeit, verehrte Frau Diener – mit vollem Recht haben Sie sich das vertrackt ambivalente Werkstück ausgesucht, das ein „Minister“ (also Diener!) ursprünglich nicht in die Hände bekam, und eine Frau schon gar nicht. Spaten kommt von lat. „spatha“, einem griechischen Lehnwort (deshalb feminine Endung?!) – und bezeichnet das beidhändig geschwungene Langschwert der Franken, Alemannen und anderer besitzergreifender Völkerschaften germanischer Herkunft, aber in den Händen beutegieriger Adliger, die damit ihren Stand beweisen konnten. Wo diese Land nahmen, war als Eigentums-, Gerichts- und Investitursymbol auch immer die(!) Spatha dabei. Heutige Politiker vollziehen also nur einen längst nicht mehr bekannten Akt des Machtvollzugs über die unschuldige Muttererde – kulturgeschichtliche Andeutungen dieser Art kann man gar nicht sexistisch genug verstehen, bis hin zur Aufhebung des Matriarchats älterer Bevölkerungen, denen das Weibliche nur noch im Worte blieb, bis auch dieses „vermännlicht“ wurde. Wenn Sie, liebe Frau Diener, also die Politiker am Portepee packen, dann denken Sie bitte daran, daß solche am Wehrgehenk (das ist ja das P.) eine Spada (Epée) neben sich her schleifen, die immer wieder durch Gebrauch als Männlichkeitsträger nachgewiesen werden muß. Deshalb der unselige Hang von sich bedeutend vorkommenden Männern zum Spatenstich – es könnte ja sonst sein, daß sich zwei würdige Herren zum verbalen Zweikampf in der Badewanne erheben (um eine Ente, wohlgemerkt), dabei aber ihre Spatha hängen lassen. Eben Vollspaten!

  10. Devin08 sagt:

    Die Welt der Dinger(n)
    Am...

    Die Welt der Dinger(n)
    Am Rande sei noch erwähnt, und das will mir halt nicht als Zufall erscheinen, dass eine Frau das „Ding“ zum Thema macht, ja zum Einstieg in ihr Blog. Ich meine jetzt nicht „das Ding“, also anspielend auf ein gewisses sexuelles Attribut, wobei ich das nicht ausschließe, diesbezüglich belasse ich es mal bei einer Doppeldeutigkeit, nein, ich meine natürlich die Sicht der Frau auf die Dinglichkeit der Welt. Und nur unter diesem Aspekt, wäre dann auch der Blick auf „das Ding“ richtig eingeordnet. Nicht im fetischistischen Sinne, und das wäre halt der Unterschied zu jenen, die ebenfalls von Dingen/Dingern inspiriert, ja erotisiert, dabei aber doch nur in ihre eigenen Projektionen vernarrt sind. Es geht um den Blick auf die Dinge, so wie sie sind, und wofür sie sind, und in welchen Zusammenhängen sie sind. Es ist dies womöglich der Urgrund für die Fähigkeit der Frau immer noch dort Gegenwart zu erkennen, wo der Mann sich schon in der Zukunft wähnt, Geschichte imaginiert, denn das Vergangene (die letzte Gegenwart) ist ebenfalls schon abstrakt Geschichtliches. Die Dinge in Ihren Zusammenhängen, gleich welchen, zu erfahren, heißt die Gegenwart erfahren, gegenwärtliches verlängern, und sich damit Spielräume erweitern, ja Handlungsräume für Konkretes dort zu schaffen, wo der Mann dann schon im Abstrakten steckt, feststeckt, wie irre Bedeutungen sucht, statt die Dinge zu sehen, und damit die eigentliche Geschichte verpasst.
    Der Spaten ist offensichtlich ein männliches Attribut, Werkzeug für Besitznahme, Instrument für die Befruchtung, ein höchst aggressives männliches Attribut. Es scheint mir sehr mutig, den Blog damit zu beginnen, ein solches als „Ikone“ zu verhöhnen. Ist doch Ikone selbst weiblich aber männlichen Besitzern zugeschrieben.
    Ein frontaler und doch listenreicher, also höchst intelligenter Angriff auf die Welt des Mannes, seinen „Dingern“, die ja in Wirklichkeit nur Abstraktionen hiervon sind, sprachliches Konstrukt, „Machtdemonstrationen, oft nur Wahnideen hieraus, Projektionen allemal, schlicht: Ideen nur.
    In diesem Angriff steckt das Wissen, dass die Welt, unsere Welt, so wie sie ist, so wie sie von uns und für uns Männern ist, immer noch eine auf dem Kopf gestellte ist. Hegels Weltgeist geistert noch (der Zins hat mehr Realität als das Vermögen in seiner Substanz).
    Marx Kritik hat nicht gefruchtet. Vielleicht auch, weil ein Mann diesbezüglich schon desavouiert ist, wenn er sich als Mann zu erkennen gibt. Die Hälfte glaubt ihm nicht, die andere verfälscht ihn.

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