Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Essen in aller Beiläufigkeit: Das Häppchen

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Die heiße Schlacht am kalten Büfett ist ein Phänomen vergangener Tage. Inzwischen dominiert das Fingerfood: Kleinste Einheiten, braune Klümpchen, bunte Sößchen und obendrauf klebt immer eine Physalis. Doch es scheint, als seien die Tage der aufgespießten Bröckchen gezählt.

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Was waren das für Zeiten, als Reinhard Mey noch singen konnte von der heißen Schlacht am kalten Büfett! Aspik und Gelee habe es dort gegeben, Kaviar und Frikassee. Inzwischen gehören Aspik, Gelee und Frikassee auf die Rote Liste vom Aussterben bedrohter Nahrungsmittel, und auch sonst befremdet mich der dargestellte Sachverhalt: Von Gier und Gewalt ist die Rede, von Schmatzen und Verdauungsgeräuschen. Offenbar konzentrierte man sich in diesen Zeiten voll und ganz und schamlos aufs Zugreifen und Kauen.

Inzwischen ist die Pracht ersetzt durch etwas, das gemeinhin Fingerfood genannt wird und mit einer Miene beiläufiger Herablassung abtransportiert wird. Man hat es, demonstriert der gleichgültige Gesichtsausdruck der Esser, eigentlich nicht nötig. Man ist ja nicht zum Essen gekommen. Oft stimmt das auch, denn man ist zum Trinken gekommen. Jedenfalls nicht wegen der netten Gespräche oder der wichtigtuenden Reden oder der Einweihung von Irgendwas, auch wenn alle sich bemühen, Interesse für den Anlaß zu simulieren.

Was aber bekommt der geneigte Esser geboten, wenn endlich die letzte Ansprache überstanden ist? Kleine Bröckchen auf Spießchen: Die teure Variante verwendet Bambus, die billige Zahnstocher, ähnlich dem, was man früher auf Käseigel steckte, nur in mediterran. Die unvermeidliche Mozzarella, Cocktailtomaten, dazu Pesto und Grissini. Auf einer weiteren Platte türmen sich braune Klümpchen, vermutlich Fleisch, das sich schamhaft hinter eine dicke Panade zurückzieht. Manchmal gibt es auch noch die guten alten Kanapees: Baguettescheiben mit Aufschnitt oder Käse, langsam von den Rändern her eintrocknend, darauf Kleckse, Blättchen und immer klebt irgendwo eine Physalis.

In kleinen, durchsichtigen Plastikbechern, Tequilafreunden vom letzten schlimmen Absturz wohlbekannt, wird Pastoses gereicht, das nie beschriftet ist und von Meerettichsahne bis Weißweincreme so ziemlich alles sein kann. Vermutlich eine Strategie, die Esser zur Kommunikation anzuregen: „Was ist denn das, was Sie da haben?“ – „Keine Ahnung, ist aber irgendwie süß.“ So stehen sie nebeneinander und bemühen sich redlich, mit Hilfe eines winzigen Löffels, der in der Mitte einen S-förmigen Knick aufweist, ein lächerliches Häuflein undefinierbarer Masse aus einem Töpfchen in den Mund zu befördern, ohne vollständig würdelos dabei auszusehen.

Die edle Variante verwendet kleine Porzellanschälchen, gefüllt mit buntem Zeugs, das gerade einmal eine Gabel füllt. Daher rümpeln die Schälchen in Massen die Stehtische voll und können nie so schnell abgeräumt werden, wie die Esser sie vom Büfett herantragen. In letzter Zeit ist außerdem ein Trend zum Spanschiffchen zu beobachten, das mit mehreren Komponenten gefüllt werden kann, die sich daraufhin in einen Dialog begeben: Zander mit Grüner Soße, Mettwurst mit eingelegter Paprika. Irgendwo steckt dann immer noch ein Thymianzweig oder klebt ein Klecks, über den etwas drübergestreuselt wurde. Was da streuselt, ist egal, solange es einen hinreichenden Komplementärkontrast bildet.

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Fingerfood bedeutet auch, daß alle solange an den Platten herumfingern, bis die Stellordnung verwüstet ist und nur noch die unvermeidliche Rucola-Deko übrigbleibt, die die hoffnungslos überholte Petersilie ersetzt hat. Traurig sieht ein solches Büfett aus, wenn die Verzweifelten darüber hergefallen sind. Fingerfood ist im Grunde genußfeindlich bis in die Knochen und spricht jeder Gastgebertugend, dergemäß der ein Gast nicht hungrig nach Hause gehen sollte, Hohn. Der Anspruch, daß kleine Nahrungshäppchen zumindest von auserlesener Qualität sein sollten, läuft meist ins Leere: Das Huhn fasrig, die Frikadelle pampig, die Krabbe schmeckt nach Pappe, das Laugengebäck feuchtelt im Korb vor sich hin. Gerne denke ich auch an den verdorbenen Quiche im früheren Literaturhaus zurück, der es schaffte, die kulturelle Elite Frankfurts über Tage hinweg lahmzulegen.

Wer Hunger hat, hat hier verloren. Vorbei sind die wirtschaftswundergeprägten Zeiten, als aufgefahren wurde, bis die Schwarte kracht. Das moderne Bufett gibt nicht mehr vor, irgendjemanden sättigen zu wollen, denn es reicht nie. Es geht stillschweigend davon aus, daß jeder zu Hause schon anständig gegessen hat oder ohnehin auf Diät ist. Es ist mehr Symbol als Nahrung. Menschenfreundliche Veranstalter stellen einen Korb Laugenbrezeln neben die aufgespießten Lächerlichkeiten, damit wenigstens ein Notvorrat geschaffen ist.

In letzter Zeit jedoch meine ich, einen Trend zur Umkehr erkennen zu können, eine neuerliche Hinwendung zur Gulaschkanone. Der Verzicht auf alles, was überkandidelt aussehen könnte, mag der Krise geschuldet sein, denn ein Bufett ist immer auch Kommunikation. Wer gerade Kurzarbeit fahren mußte und die Gehaltserhöhung in unbestimmte Ferne zurückstellen, wer der Firma einen Anstrich von Sparsamkeit geben möchte, der greift beim nächsten Empfang zur guten, alten, ehrlichen Erbsensuppe. Seht her, sagt die Erbsensuppe zum Arbeiter, auch in den höheren Etagen können wir es uns nicht mehr leisten, zu prassen. Wir verzichten auf die Riesengarnelen, wir kleben keine Physalis dran und streuseln nichts drüber. Wir gießen Erbsensuppe in Plastikschüsseln, genau wie bei euch daheim. Noch ein Würstchen dazu?

Und eigentlich haben alle gewonnen: Der Gastgeber spart Geld, die Gäste werden endlich wieder satt. Außer den Cateringfirmen natürlich. Wenn die Tendenz sich fortsetzt, sehe ich harte Zeiten auf Spanschiffchenhersteller zukommen.


50 Lesermeinungen

  1. Filou sagt:

    Es ist, lieber Savall, sowieso...
    Es ist, lieber Savall, sowieso ein Elend auf Empfaengen. Ewig dieser Orangensaft, ewig dieser Sekt dubioser Herkunft, selten gutes Bier. Erbsensuppe, Linsensuppe? Gerne, her damit! Und wissen Sie was? Inzwischen bekenne ich mich zur Currywurscht und zum Kartoffelpuffer. Geniale Koeche koennen auch aus sowas was Besonderes machen. Vor einiger Zeit in einem Wellness-Hotel (ich kam wegen des Zimmers, die Wellness schenkte ich mir), liess ich irgendein Mus, welches sich im intensiven Dialog mit irgendeinem uninteressanten Sonstwas befand, zurueckgehen, nein stimmt nicht, ich bestellte stattdessen eine ordentliche Portion 5*Fritten. Der Koch kam spaeter dazu und haette mir fast die Fuesse gekuesst vor lauter Freude, mal endlich wieder …
    Liebe Frau Diener, das Frischfleisch, sofern es sich auf den Broetchen befunden haben sollte, wurde verzehrt. Allerdings von der Polizei und einem Feuerwehrbrandmeister. Die Veranstaltung wurde naemlich amtlich beendet. Die Protagonisten blieben professionell und gingen einfach weg. Allerdings schickten sie ebenso professionell Rechnungen, was das Leben des Veranstalters fuer Jahre erheblich veraenderte. Mir kommen heute noch die Traenen…

  2. Savall sagt:

    Danke, Irene, für den Hinweis...
    Danke, Irene, für den Hinweis auf das Bild. Das bringt mich nämlich zu einer Reminiszenz, auf die ich jetzt gar nicht gekommen wäre. Nämlich auf Ludwig Renns „Adel im Untergang“. Ludwig Renn hieß mit Geburtsnamen Arnold Friedrich Vieth von Golßenau und beschreibt in seinem Buch die Dresdner Adelsgesellschaft kurz vom dem I. Weltkrieg. Golßenau/Renn war damals sächsischer Gardeleutnant und beschreibt seine Kreise aus der Binnenansicht. So, wie das manche Dons heute noch tun. Allerdings nicht so witzig, aber kulturhistorisch trotzdem interessant. Und genau die Szene auf dem Bild kommt im Buch vor. (Es ist lange her, daß ich es las. Ich bitte um Nachsicht bei sachlichen Ungenauigkeiten.) Es ist also der Zar von Rußland in Dresden zu Gast, der Gardeleutnant Golßenau wird zum Eintanzen auf den Hofball abgeordnet. Als seine Tanzpartnerin Hunger verspürt, macht man sich zum Büffet auf. Die Sitzplätze sind natürlich für höhere Herrschaften reserviert, der niedere Adel hat zu stehen. Es fehlt also nicht an Stehtischen, sondern es gibt aus Rangrücksichten mit Absicht keine. Unser guter Golßenau erorbert also nach längeren Kämpfen zwei Gläser Champagner und zwei Teller mit kalter Rinderbrust. Jetzt hat er die Aufgabe, seinen Kürassierhelm zwischen die Beine zu klemmen, die Champagnergläser zu balancieren und seiner Tanzdame den Teller mit der Rinderbrust vorzuhalten. Er ist übrigens dann auch hungrig nach Hause gegangen. Wieder mal nicht neues unter der Sonne.

  3. Filou sagt:

    Savall, danke fuer den Hinweis...
    Savall, danke fuer den Hinweis auf Renn. Ming Jott, das war die Literatur meiner Kindertage in der DDR. Vergessen.

  4. fraudiener sagt:

    Savall, was hab ich wieder...
    Savall, was hab ich wieder belesene Leser. Der Dame werden die Teller also vom aufmerksamen Tanzpartner vorgehalten? Interessant. Die Standesgrenzen laufen heute auch ein wenig anders, sitzen darf jeder oder keiner. Das Ergebnis ist dann aber doch das gleiche: Hunger. Wobei ja immerhin die Dame etwas abbekommen hat und es offenbar wenigstens anständigen Champagner gab.

  5. Savall sagt:

    Nunja, Andrea, der Champagner...
    Nunja, Andrea, der Champagner soll warm gewesen sein, aber vermutlich eine erlesene Sorte. Und höflicher war man damals auch.
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    Ja, Filou, ich bin damals und heute bekennender Leipziger und damit der Goethe-Städterin Frau Diener ein wenig verwandt. Allerdings haben wir hier bloß das Grab von Käthchen Schönkopf und nicht das von Frau Rath Goethe. Daß die Küchenchefs übrigens mal wieder was handfestes kochen wollen, ist mir gut verständlich. Überhaupt scheinen wir alle aus Erfahrung ein bißchen konservativer zu werden oder täusche ich mich? Ich war ja in meiner Jugendzeit ein glühender Anhänger des Bauhauses und kann mich jetzt auch an Ornamenten erfreuen (vielleicht nicht ganz so stuckig wie in Oberbayern, für mich käme maximal Würzburg in Frage). Es ist ja auch durchaus nichts gegen mediterrane Küche einzuwenden. Wir haben selbst hier einen mehr als passablen Griechen. Aber wo, Herrschaftszeiten, kriegt man mal ein ernsthaftes Schnitzel her?

  6. FinMike sagt:

    Hach, isses hier einfach: zu...
    Hach, isses hier einfach: zu jedem bekloppten Anlass gibt es hier Wildschweinrücken. Deliziös, zart und in zig Varianten. Die Viecher laufen hier halt so rum, fressen die Felder leer, wenn keiner aufpasst – und man kennt den Jäger.
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    Irgendwie fehlt mir das Berater-Bizznezz so garnicht so richtig…

  7. Kürzlich lud hier in München...
    Kürzlich lud hier in München ein Weltkonzern, der letztes Jahr noch im Park Hilton feierte, in einen Biergarten ein. Und natürlich wurde der Abend ein Erfolg. Aus meiner Perspektive war die Party deutlich besser als im Vorjahr.

  8. Filou sagt:

    Als Hallenser stehen mir Curt...
    Als Hallenser stehen mir Curt Goetz (aber nicht Sodann) und Haendel recht nahe. Ein anderer Musikliebhaber, Heydrich, selbstverstaendlich weniger-nein, ueberhaupt nicht. Es ist dies nur eine boes-satirische Komponente dieser an sich reizenden Stadt. Mit der Zeit wird unsereins ziemlich heimatlos: das Eine wollte man nicht mehr, die Anderen wollen einen nicht recht haben.
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    Aber bleiben wird doch um Himmels Willen beim Thema. Sonst laeuft es so aus dem Ruder, wie so manches mal bei D.A.
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    Nur einmal gab es einen Empfang, keine Ahnung mehr wofuer, da gab es in Berlin, der oedesten Bierwueste der westlichen Hemisphaere, ein anstaendiges Bier. Schloss Charlottenburg. Ich war so begeistert, dass ich sogar das Glas klaute.
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    Frau Diener, enchantée!

  9. Savall sagt:

    @Filou: Heydrich war...
    @Filou: Heydrich war Hallenser? Wie peinlich. Leider Gottes haben wir alle unsere Leichen im Keller. Gegen Curt Goetz hingegen ist wahrhaftig nichts einzuwenden. Im übrigen, um beim Thema zu bleiben, war ihm die Reihenfolge von Suppe, Fleisch und Nachspeise herzlich egal, sofern es höheren Zwecken dienlich war. Für fingerfood hätte ihm jedes Verständnis gefehlt. Falls der Pastor kam, wurde höchstens die Suppe ein wenig verdünnt.

  10. Filou sagt:

    @Savall: Seine Essensvorlieben...
    @Savall: Seine Essensvorlieben sind mir nicht recht erinnerlich. Was ich mein Leben lang nicht vergessen werde, ist sein Praetorius, der, als er endlich den Virus der menschlichen Dummheit entdeckte, vor lauter Lachen gegen einen Baum fuhr. Letaler Ausgang.
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    Ueberhaupt, um nun doch mal vom Thema wegzudrehen (als Segler muss man sich nach dem Wind richten), wo ist das Werk eigentlich abgeblieben?
    Mein Sohn jedenfalls stand noch grinsend vor mir und zitierte: „Ïch weiss, dass ich Strafe verdient habe, und bitte um eine gehoerige Solche!“
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    Ach was tut man nicht alles fuer die Bildung…

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