Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Am Beispiel Trauttmansdorff: Die Touristenfalle

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Muß man wirklich diese angeblichen Sehenswürdigkeiten besuchen, auf die man an jeder Ecke hingewiesen wird? Wir machen den Versuch und wandern über den Sissi-Weg nach Schloß Trauttmansdorff, weil es dort so schön sein soll. Und entgehen auf den letzten Metern einer der größten Touristenfallen Südtirols.

Vor ein paar Jahren erhielt ich eine Postkarte von meinen Eltern aus dem Urlaub. Sie waren, wie immer, gut in Südtirol angekommen und hatten sich gerade den Garten von Schloß Trauttmansdorff angeschaut. Der sei jetzt ein botanischer Garten und so wunderhübsch gestaltet, überhaupt könne man da jetzt endlich hinein, ganz großartig sei das.

Ich tat gerade irgendetwas unerfreuliches im schwülen Frankfurt und mich packte der Neid. Ich will auch in den Garten von Schloß Trauttmansdorff, dachte ich, und wie das mitunter so ist mit solchen Gedanken: Er setzte sich in meinem Kopf fest. Er blieb dort auch hängen, als ich mit dem Reisebegleiter auf dem Weg nach Süden in Meran Station machte, vor zwei und vor einem Jahr und dieses Jahr wieder. Leider reichte die Zwischenstation nie für mehr als einen Strudel im Café Lauben.

Unterdessen hatten wir einige andere Gärten besichtigt, den Giardino Giusti in Verona etwa, der uns ganz außerordentlich gut gefiel. Also beschlossen wir, bei unserem nächsten Meranaufenthalt den Trauttmansdorff-Garten unbedingt einzuplanen. Man erreicht ihn über einen Weg, der Sissi-Weg heißt. Das ist nicht ganz abwegig, denn in Schloss Trauttmansdorff logierte die Kaiserin während ihrer Kuraufenthalte, ihr wurde ein Denkmal an der Sommerpromenade gesetzt und sie trug einen Gutteil dazu bei, Meran als Kurstadt populär zu machen. Dennoch, wir hätten gewarnt sein können.

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Der Sissi-Weg führt rentnersicher ausgeschildert durch Obermais, ein Stadtteil von Meran. Die Strecke ist gesäumt von Jugendstilvillen und alter habsburgischer Pracht in ihrer filigranen südlichen Ausprägung (bei der nördlichen Ausprägung habsburgischer Pracht weht ja immer ein Hauch Bleisarg mit), wir kommen an Hotels vorbei, die Adria oder Bavaria heißen, pastellfarben gestrichen mit weißen Eisengeländern an den Balkonen. Die Grundstücke sind hier im Gegensatz zur Innenstadt groß und parkartig angelegt, Korbstühle stehen darin, üppig bepflanzte Blumenkübel, die Zäune aus Eisen mit exakt der richtigen Menge Rostpatina, um alt, aber nicht heruntergekommen auszusehen. In der Mittagssonne riecht der Lorbeer und der Jasmin, der an Hoftoren emporrankt. Hunde liegen faul auf Steintreppen herum. Dann geht es weiter nach draußen, Obstgärten mischen sich zwischen die Häuser, Äpfel wachsen hier und Pfirsiche.

Mittlerweile brennt die Sonne einigermaßen gnadenlos in den Meraner Talkessel herunter. Wir sind wie immer viel zu spät losgekommen, wofür wir uns wie immer gegenseitig verantwortlich machen, gehen aber tapfer unseres Weges. Irgendwann muß es ja kommen. Der Reisebegleiter weist mich auf einige bunte Flecken oben am Hang hin, was das wohl sei? Ich weiß es nicht. Wir gehen weiter, was bleibt uns auch übrig, bewundern einen alten Gutshof, da könnte man was draus machen, wir haben auch eine grobe Vorstellung was, nämlich ein Wohnhaus südlich der Alpen inmitten eines Weinbergs, das könnte uns gefallen. Weiter. Wir biegen um ein paar Ecken, dann kommt eine Brücke. Dann kommt ein Zaun. Dann kommt das hier:

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Irgendjemand hielt es für passend, einen modernistischen Klotz in die Landschaft zu stellen und daneben ein paar Büsche in Drahtkorsette zu zwingen. Das ist nicht die Sparkassenfiliale von Obermais, das ist der Eingang zum Garten. Denn dahinter, man sieht es gar nicht richtig, steht tatsächlich Schloß Trauttmansdorff. Ich vergleiche in Gedanken mit der Postkarte, die meine Eltern mir geschickt hatten, und kann keine Ähnlichkeit erkennen. Dann geht man um den Klotz herum und sieht das:

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Mehr gequältes Buschwerk, ein riesiger Parkplatz, Touristenbusse. Die Touristen strömen über breite Pflasterwege auf den Klotz zu, doch in uns breitet sich Widerwillen aus. Der Vormittag war, trotz der Hitze, von Harmonie geprägt und von Dingen, die das Auge erfreuen. Nun also miese Architektur, Pflanzen, mit denen ganz offensichtlich nicht gut umgegangen wird und was wir vom Garten selbst sehen, ist auch nicht gerade vielversprechend. Die bunten Flecken am Hang sind offenbar moderne Gartenkunst, doch die erschließt sich uns nicht. „Die sehen aus wie Kuhfladen. Als hätte die eine riesige lila Kuh dahin geschissen“, sagt der Reisebegleiter. Zwischen dem nicht sonderlich üppigen Grün stehen Stahlobjekte, die ich eigentlich nicht sehen will. Ich komme aus Frankfurt, da gibt es genug Stahlobjekte. Ich hielt die Alpen bislang eigentlich für eine erfreulich stahlobjektfreie Gegend.

10 Euro 20 kostet der Eintritt, der im Klotz zu entrichten ist.
„Ich geh da nicht rein“, sagt der Begleiter.
Ich sage erst nichts, denn ich bin sprachlos. Dann sage ich: „Ich höre nie wieder auf meine Eltern.“ 

Denn ganz offenbar handelt es sich bei Trauttmansdorff um eine Touristenfalle. Das sind diese Orte, wo die Reisebusse halt machen, ihre Fracht abladen und später wieder einsammeln, um sie woanders hinzukarren. Das sind organisierte Orte, die man sich nicht suchen muß, sondern Orte, die einem an jeder Ecke angepriesen werden. Jeder Reiseführer, Prospekt, Stadtplan, jeder Wegweiser und jedes Hinweisschild brüllt: Besuchen Sie Schloß Trauttmansdorff! Einer der schönsten Gärten Italiens! Es ist nicht so wie beim Giardino Giusti, daß man sich durchfragt und am Ende ist da nur ein kleines Schildchen und man wäre beinahe daran vorbeigelaufen. Es ist nicht so, daß man dort fast allein ist und das Gefühl hat, gerade etwas Großartiges entdeckt zu haben.

Touristenfallen haben allerdings den Vorteil, daß sie die Städte ein wenig leerer halten. Ohne Trauttmansdorff wäre unter den Meraner Lauben vermutlich kein Durchkommen, das wirkt wie ein Staubsauger, das zieht alle Bustouristen an, die sonst einfach in die Altstadt verklappt würden.

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Man muß nicht alles gesehen haben. Manchmal ist es besser, auf den letzten paar Metern einen Rückzieher zu machen. Wir wenden uns von der Stätte des Grauens ab und gehen durch das heiße und ziemlich menschenleere Obermais zurück, vorbei an den Villen und Hotels, die so weltentrückt und palmengesäumt in der Sonne stehen, so weit weg von jeglicher Pandemiehysterie. Ich kann mich an kein Schild erinnern, das uns Obermais angepriesen hätte: Besuchen Sie Obermais! Einer der schönsten Stadtteile Italiens! Niemand weist einen hin auf die kleinen Lebensmittelläden mit den Wurstketten im Fenster, die dösenden Hunde, die kleinen Küchengärten mit prallen roten Tomaten, von groben Holzlatten eingezäunt. „So“, der Begleiter deutet über einen Zaun, „genau so hat ein Garten auszusehen.“


43 Lesermeinungen

  1. wer weiß, vielleicht war das...
    wer weiß, vielleicht war das eine rache des verschmähten architekten, der den merianern einen klotz in den garten zu werfen beschloß? 😉 denn angesichts der bilderreichen beschreibung scheint die hölle von bosch ein idyllisch hoffnungsträchtiger ort zu sein …

  2. Manuel Märki,...
    Manuel Märki, „Reisebegleiter“ ist durchaus die korrekte Umschreibung, die exakt erklärt, worum es geht.
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    Und ansonsten ist mir kein Museum zu teuer. Zu teuer ist mir nur der Tag in Meran gewesen, um ihn in so einem Müllhaufen mit einem Garten zuzubringen, der präzise den Niedergang der Gartenkultur im 1. Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts umschreibt. Ein Eventgarten. Ein Wellnesspark. Dann wirklich lieber die alten, verwilderten Gärten von Obermais.

  3. Nett geschrieben, aber wie so...
    Nett geschrieben, aber wie so oft im Leben ist der Weg schöner, als das ankommen! Mich wundert allerdings die extreme Ähnlichkeit im Schreibstil mit dem werten Don A., der hier ja auch schon geschrieben hat! Ein Schelm wer sich etwas dabei denkt!

  4. Andrea Diener, mit den...
    Andrea Diener, mit den Generationen hat das nach meiner Erfahrung nichts zu tun. Was ich als Kind schon durch Geröllhalden gerirrt, im Gestrüpp hängengeblieben und in charmanten Bruchbuden genächtigt habe, nur um die Touristenpfade zu vermeiden … Mein Opa ist mit seinen Büchern gleich zu Hause geblieben. Und wehe, man hatte nichts zu erzählen, was einem auf der Reise nun Exklusives, Umwälzendes, Wunderbares begegnet sei.
    Black Jack, der Stil ist nicht ähnlich, nur der Wertekanon.

  5. Was streift Ihr beiden auch...
    Was streift Ihr beiden auch durch fernen Staub zu fadem Grün. Ein Bummel durch die Dörfer des bayerischen und auch des schwäbischen Oberlandes beschert Gartenlust ohne Frust. Zudem geht der automobilen Flotte nicht gleich wieder die Puste aus, wie durch all die alpinen Herausforderungen. Und: „You can leave your hat on!“

  6. <p>Manuel Märki, von...
    Manuel Märki, von Angesicht zu Angesicht verwende ich durchaus den Vornamen. Aber es ist nicht ganz einfach, mit einer Kunstfigur auf Reisen zu sein, da bleibt einem nur der Ausweg in die Fiktion. Bislang jedenfalls gab es noch keinen Anlaß zur Beschwerde, daß es mit mir zu unpersönlich sei.
    Ansonsten war die Reise nicht besonders traurig, und auch nicht der beschriebene Mittag. Eventuell ist Ihnen die ein oder andere blumige Beschreibung ja aufgefallen?

  7. Black Jack, definitiv war der...
    Black Jack, definitiv war der Weg schöner als das Ziel. Sehr viel schöner. Wenn man bedenkt, wie viele sich um den Weg bringen, weil sie mit dem Bus herkutschiert werden – die verpassen ja das Beste. Ansonsten dürfen Sie Schelm sich denken was Sie möchten. Ich versichere Ihnen aber, daß das keine Absicht ist und wir auch beide als eigenständige Personen existieren.
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    Jan Haag, das weiß man vorher alles nicht. Da könnte man ja genausogut zu Hause bleiben und gar nicht mehr wegfahren. Allerdings stimmt es natürlich, daß der hiesige Süden schöne Gärten bietet. ich meine: Schwetzingen!
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    (Ehrenrettung: Der automobilen Flotte ging zwischen München und Pfaffenhofen die Puste aus, da waren die Alpen noch fern.)
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    Ladyjane: Gut, die Theorie war zu einfach. Also keine Generationenfrage sondern Mentalitätsfrage.

  8. Trauttmansdorf, ein...
    Trauttmansdorf, ein zauberhaftes Stueck moderner Architektur. Wo man hinkommt, immer wieder findet man Verbrecher mit Fliege am Kragen, die sowas entwerfen und Idioten, die es bauen.
    Leider ist es dem Publikum wurscht, das findet alles prima. Bemaengelt wird eigentlich nur noch das Fehlen eines schnuckeligen Micky-Maus-Baehnchens. Aber keine Sorge, das kommt noch.
    Vor dem Dom zu Koeln steht so ein Ding, und ich meine sogar ein solches in Reims gesehen zu haben. Die lassen sowas demnaechst auch noch durch Buchenwald fahren.
    Die Vermurksung von Gaerten und Parks begann bereits frueher; Ende der 50er musste ich als Kind die Bundesgartenschau in Koeln erleiden. Dieser Park sieht heute noch so aus wie damals: langweilige, konservierte Gartenzwergigkeit, die jede Heiterkeit erwuergt.
    „Le Figaro“ machte eine Umfrage, bei der es darum ging, welche modernen Gebaeude in Paris geschleift werden koennen. Das Centre Pompidou nahm einen der oberen Raenge ein. Unentschlossen frage ich mich, ob das FUER oder GEGEN die Franzosen spricht.

  9. soviel Schrott zu lesen tut...
    soviel Schrott zu lesen tut richtig weh. Am besten ihr bleibt in Frankfurt, schaut euch eure Betonklötzer an und verstopft nicht die Zufahrtsstraßen zum wunderschönen Meran, inklusive den Gärten von Trauttmannsdorff.

  10. <p>Filou, es gibt eine Kolumne...
    Filou, es gibt eine Kolumne von Stephen Fry über moderne Architektur und ihre Verfechter, und darin ist ihnen der wunderschöne Satz in den Mund gelegt: „Saint Paul’s Cathedral is ugly and has to be surrounded by objects of beauty.“ (Beispielbild: commons.wikimedia.org/…/File:Londres_123..jpg) So etwas Ähnliches dachte ich mir, als ich das zugestellte Schloß Trauttmansdorff sah.
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    Das Bimmelbähnchen im Palemngarten zu Frankfurt möchte ich aber ausdrücklich ausgenommen wissen. Das hat Charme.
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    Kai, ich verstehe nicht recht, was Sie mir mitteilen möchten. Meran ist in der Tat wunderschön. Schrieb ich etwas anderes – abgesehen von einem groben Klotz, der hier besonders negativ auffällt, an dem ich in Frankfurt aber achtlos vorbeigehen würde?

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