Ding und Dinglichkeit

Trauma Südtirol: Der Familienurlaub

Es ist der Tag, an dem wir den Sessellift nehmen und den Hügel hinauffahren, denn dort oben habe ich so ziemlich jeden einzelnen Urlaub mit meinen Eltern verbracht. Wir waren in diesem Hotel untergebracht, einem Alptraum in dunkelbraun und orange mit einer Hollywoodschaukel auf der Hotelterrasse und beheiztem Außenschwimmbad und später, es waren die Achtziger, auch einem Tennisplatz. Inzwischen ist das Hotel mediterran in weiß und hellblau gestrichen und es parken viele italienische Autos davor, damals hingegen war es fest in deutscher Hand. Es war der solide Mittelstand, der hier logierte, Fahrschulbesitzer aus dem Schwäbischen, Bullenhändler aus Günzburg. Angestellte aus Frankfurt.

Nur wenige italienische Familien verirrten sich in unser Hotel, man erkannte sie daran, daß sie zum Abendessen Glaskrüge mit Wasser auf den Tisch gestellt bekamen. Mit dem Wasser verdünnten sie den Rotwein. Die deutschen Männer tranken Bier, die Frauen und Kinder Apfelsaft, und blickten ein wenig verächtlich auf die, die den Wein nicht mit angemessener Kennerschaft zu sich zu nehmen wußten. Anlaß für Verachtung von deutscher Seite bot auch die italienische Unsitte, den Salat in Öl und Essig zu ertränken, anstatt eine gute Salatsoße mit Joghurt und Kräutern darüberzugeben. Man war hier zwar in Italien, aber in einem irgendwie besseren, ordentlicheren Italien, wo die Züge pünktlich fahren und die Leute ihre Wäsche nicht einfach vor dem Fenster aufhängen. Alle sprechen deutsch. Man bekommt sogar Filterkaffee.

Im Hotel spielte das Abendessen eine zentrale Rolle. Die meisten Gäste hatten Halbpension gebucht, und standen schon zehn Minuten, bevor der Speisesaal öffnete, vor der Tür. Eigentlich unnötig, denn die Plätze waren fest nach Zimmernummer vergeben, damit es nicht zu Rangeleien kommt wie um die Liegen am Hotelpool. Als langjährige Stammgäste bekamen wir natürlich immer einen Fensterplatz mit Blick auf Schenna. In frischen weißen Blusen saßen wir im kühlen, klimatisierten Speisesaal und harrten der nun folgenden vier Gänge. Manchmal gab es auch ein großes Büfett, dann stand immer eine Figur aus Eis in der Mitte und darum herum gab es Dinge wie Schinken im Blätterteigmantel und gefüllte Eier. Danach saßen wir herum und spielten Rommé, den ganzen Abend, dabei dudelte das Radio volkstümlich vor sich hin.

Wenn man heute in Dorf Tirol ankommt, steht ein Schild an der Bushaltestelle: „Shoppingspaß in Dorf Tirol“. Soweit ist es also schon gekommen. Es gab hier nie mehr als die Basisversorgung, ein paar Nippesläden und einen Holzschnitzer, darum herum Hotels, Pensionen, Ferienwohnungen. Ich fragte mich immer, ob es eigentlich auch Menschen gibt, die hier leben – und vor allem: wie die hier leben, zwischen Hotelparkplatz und Shoppingspaß. Von einem funktionierenden Gemeinwesen kann keine Rede sein, dieses Dorf ist so künstlich wie ein Center Parc: Eine Kirche, eine Handvoll älterer Häuser, darum herum klotzt eine Wuchtigkeit mit Jodelbalkon neben der nächsten den Hang zu. Die ganze Ansiedlung ist ein langgestrecktes Elend und verfügt über kein richtiges Zentrum, bis heute nicht. Das Zentrum für die Älteren ist der Dorfplatz mit Zeitschriftenladen und Verkehrsbüro, das für die Jüngeren ist die Eisdiele Sabine, vor der die Dorfjugend abends mit Mopeds auf- und abfährt. Es gab eine Zeit, in der hätte ich alles dafür gegeben, meine Abende in der Eisdiele Sabine zu verbringen. Das ist mir heute rechtschaffen peinlich.

Alles ist auf den Tourismus ausgerichtet: Die Wege, die Bänke, die Läden, die gesamte Infrastruktur. Wenn man durch das Dorf geht, hört man sämtliche Dialekte: Hamburgerisch, Fränkisch, Wienerisch, Sächsisch und das dunkle Gewittergrollen des Wetterauers, nur den hiesigen Dialekt, den hört man nicht. Nur dann, wenn man irgendwo etwas kauft oder bestellt. Denn die wenigen Südtiroler, die es hier gibt, die halten den ganzen Betrieb am Laufen, die werden Kellner oder Koch oder Verkäufer und dienen auf die ein oder andere Art der deutschen Völkerwanderung, deren Ankommen und Abfahren den Rhythmus des Dorfes bestimmt wie Ein- und Ausatmen.

Am Morgen ging es mit dem Frühstücksbüfett los, da mußten dann Brötchen geschmiert und in Servietten eingewickelt werden, damit man etwas hat für unterwegs. Die kamen zusammen mit einigen Äpfeln in den Rucksack, die Wanderschuhe an die Füße, dann ging es irgendeinen Berg hinauf, wo man die Leute mit „Grüß Gott“ grüßte, nicht mit „Guten Tag“ wie zu Hause. Man war nie allein dort, man war in Scharen unterwegs, Menschentrauben wurden mit den Seilbahnen und Sesselliften die Berge hinaufgeschaufelt, wo sie sich auf die Wege ergossen und sich auf den Terrassen der Gasthöfe sammelten.

Die Begeisterung des Bergehinaufgehens hat sich mir lange nicht erschlossen, ich verstand diese endlose Lauferei nicht. Es gab ja nichts zu sehen, nur Bäume und Wiesen. Manchmal ein paar Kühe. Dann wieder Bäume und Wiesen. Ab und an blieb die Familie stehen, guckte irgendwohin und sagte: Herrlich. Dann ging es weiter in stupider Fortbewegung. Es war nicht ganz so schlimm wie die Märsche jedes Jahr im Landschulheim, wo man organisiert durch den Taunus kommandiert wurde, aber Vergnügen ist etwas anderes. Vergnügen ist Staudämme bauen, ist Sachen lernen, die naturkundliche Wanderung war ein Vergnügen, Naturlehrpfade sind Vergnügen, die genaue Untersuchung hochalpiner Flora ist ein Vergnügen.

Auf irgendeiner Bank wurden die Brötchen gegessen. Dann ging es wieder weiter, immer ziellos durch den Wald. In dieser Zeit entwickelte ich aus lauter Langeweile und Verzweiflung eine Vorliebe für die Zivilisation: Ich stürzte in jede Kirche hinein, die am Wegesrand stand, denn sie versprach Abwechslung von der ewigen Monotonie des Grünzeugs. Ich las die kleinen Kirchenführer, in denen etwas von romanischen Schiffen stand, das gab dem Kopf etwas zu tun. Man kann beim Wandern ja nicht lesen, das war das Schlimmste. Besser wurde es erst, als ich fotografieren lernte, das gab mir eine Aufgabe, ich hatte die Verantwortung für einen kleinen Kasten und die Bebilderung unseres Aufenthaltes. Fotografieren war praktisch Notwehr.

Irgendwann erreichten wir dann wieder das Hotel, müde und ausgedörrt. Das war die Zeit für den Pool und endlich, endlich für ein Buch. Drei oder vier Stunden Freizeit hatte ich, die galt es zu nutzen, dann war das Abendessen an der Reihe, das zog sich endlos, und danach Spazierengehen und dann, schlußendlich, wieder Romméspielen. Ein endloser, durchorganisierter Ablauf.

Nach den Ferien traf ich auf meine Freunde, die wieder einmal am Meer gewesen waren. Sie waren in einem richtigen Ausland gewesen, nicht in so einer territorialen Auslandssimulation wie ich, sie hatten im Meer gebadet, nicht zwischen Lederkörpern am Hotelpool, und sie hatten vermutlich entsetzlich viel Zeit zum Lesen gehabt. Vermutlich hatten sie am Meer auch keinen Heuschnupfen wie ich auf den Alpenwiesen. Ich habe einen Haß entwickelt auf Alpenwiesen, die mich niesen ließen, und beneidete meine Freunde alle unbändig. Sie aber hatten mir, wie jedes Jahr, ein paar Muscheln mitgebracht, die ich hütete wie einen Schatz. Irgendwann will ich ans Meer, dachte ich, wo es keine Alpenwiesen gibt, nur Muscheln und viel Zeit. Ich will nie wieder durch Alpenwiesen laufen müssen und dauernd Grüß Gott sagen zu Leuten in Kniebundhosen und dabei niesen.

Es hat fast zwanzig Jahre gedauert, bis ich wieder einen Fuß nach Südtirol gesetzt habe – eine Idee des Reisebegleiters. Ich war inzwischen am Meer gewesen und in einem richtigen Ausland, ich habe in kleinen Käffern geurlaubt, in großen Städten, im Süden und im Norden, mit und ohne Auto. Seit ich die Alpenwiesen verweigere, hat sich auch mein Heuschnupfen Jahr um Jahr gebessert. Ich bin, dachte ich, nun reif für eine neuerliche Konfrontation mit dieser Gegend, in die ich lange verschleppt wurde, um stundenlang Dinge zu tun, die mich entsetzlich gelangweilt haben. 

Man muß es eben auf seine Weise angehen: Das Touristenhotel vermeiden, einen Bogen machen um jede Art von Pool, in der Stadt wohnen unter Einheimischen, gepflegt in angenehmer Gesellschaft im Café sitzen statt brunzwarmer Brötchen zu kauen, sich keine Termine verordnen und am Abend auswärts essen statt im klimatisierten Speisesaal. Den Rest der Zeit tut man einfach das, was einem Freude bereitet. Und plötzlich ist es gar nicht mehr so schlimm, wie wir den Hügel durch Weinberge wieder hinablaufen und eine Rast einlegen und dann weiter hinunter, den Weg kenne ich noch auswendig, bis zum Domplatz. Es ist eigentlich sogar schön.

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