Ding und Dinglichkeit

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Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Hauswirtschaftliche Arbeitskleidung: Die Kittelschürze

| 64 Lesermeinungen

Die Arbeitskleidung aller deutschen Großmütter der Nachkriegszeit ist die Kittelschürze. Heute ist sie vom Aussterben bedroht – Anlaß genug, ihrer wild gemusterten Pracht zu gedenken, solange man sie noch auf Ramschmärkten kaufen kann.

Machen wir einmal einen Versuch. Schließen Sie die Augen, denken Sie an Ihre Kindheit, an Resopalmöbel und Wachstuchtischdecken und Gartenmöbel mit riesigen bunten Prilblumen drauf. Denken Sie an Ihre Großmutter, an die Dauerwelle und die plüschgefütterten Lederpuschen. Vermutlich wischt sie gerade etwas, knetet Teig im großen Stil oder zupft welke Blüten aus dem Geranienkasten. Welches Kleidungsstück trägt die Dame?

Natürlich trägt sie eine Kittelschürze. Mit oder ohne Ärmel, mit riesigem Wabenmuster oder kleingeblümt, mit oder ohne Taschen, mit oder ohne Strickjacke darüber, aus Nylon oder Baumwolle (BRD) oder aus Dederon (DDR) – aber immer und unausweichlich eine Kittelschürze. Sommers wie Winters, in Haus und Garten.

Leider führte ihre Allgegenwart dazu, daß die Kittelschürze zum Attribut der älteren, ewig putzenden und eher unfrohen Hausfrau verkam. Im Fernsehen geisterte Else Kling im wilden Schürzen-Mustermix durch die Treppenhäuser der Lindenstraße und fand immer etwas zum Feudeln und zum Granteln. Schon gut zwanzig Jahre zuvor hatte Kling ihr Stilvorbild in Frau Siebenhals, Raumpflegerin bei den Hesselbachs, die ihrer Münchner Kollegin in nichts nachstand. Auch sie ein, um im Metaphernbild zu bleiben, ein arger Besen. Wo immer solche Karikaturen ihr Unwesen treiben, sind sie an Kittelschürze, Kopftuch und Putzutensilien zu erkennen.

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Die Kittelschürze ist die grobe Cousine der feinen Dienstmädchenschürze, auch der Kochschürze, überhaupt aller Schürzen, die die Dame sich temporär umbindet, um eine bestimmte Arbeit zu verrichten. Die Kittelschürze dient in der Nachkriegszeit als Kleidersatz, als vollwertiges Kleidungsstück für die Vollzeit-Hausfrau. Die Kittelschürzenträgerin hat sich darauf eingestellt, in den nächsten paar Stunden keine repräsentative Kleidung zu benötigen und durchzuarbeiten. Es ist ja immer etwas zu tun im Haus, und immer könnte etwas spritzen, tropfen, sudeln, man braucht den Lumpen gar nicht erst aus der Hand zu legen, irgendwo ist immer ein Fleck.

Vielleicht erklärt sich dadurch auch die Ästhetik der häuslichen Kittelschürze, die man kaum in farbneutraler Ausführung antrifft: Geblümt, gestreift, geblümt und gestreift, auch kariert, mit wimmelnden Dreiecken, verstörendem Gestrichel oder amorphen Amöben überzogen und mit farblich kontrastierenden Paspeln abgesetzt erinnert sie in ihrer Ornamentierung immer ein wenig an Küchenvorhänge der fünfziger Jahre. Oder an Schrankpapier. Oder, in besonders verstörenden Momenten, an Badeanzüge dicker Tanten in den frühen achtziger Jahren. Aber die Musterung hilft, sie verschluckt Fettspritzer und Marmeladenkleckse ziemlich effektiv.

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Man muß sich vorstellen, was die Großmütter damit alles getan haben, es wurde ja nicht nur geputzt. Die meisten hatten einen Garten, am Haus oder in einer Kleingartenkolonie. Dort wuchsen Kirschbäume, Pflaumenbäume, Bohnen, gelbe Rüben, Kohlrabi. All das mußte im Sommer eingemacht werden, und zwar genau dann, wenn es reif ist. So saßen also Deutschlands Großmütter ungefähr in den Wochen, wenn die gartenlose Familie in Urlaub fährt, auf einem möglichst abwischbaren Stuhl mit einer großen Schüssel auf dem Schoß und entkernten Obst, schnippelten die gelben Rüben klein und schälten die Kohlrabi. Dabei trugen sie Kittelschürzen und nichts weiter. Am Abend waren die Finger verschnitten, orange von den Rüben und rot von den Kirschen, da half keine Seife mehr, das setzte sich in jede Ritze. Wenn sie nicht schnippelten, standen sie am Herd vor einem großen Topf und kochten Marmelade oder Pflaumenmus, das hier Lattwersch heißt, bei der größten Hitze noch, die Früchte werden sonst schlecht.

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Gibt es noch solche Großmütter, die in Kittelschürzen im Garten sitzen oder in der Küche stehen und Enkel mit Kuchen und Marmelade füttern? Und wochenlang mit dem guten, gesunden Gemüse aus der Tiefkühltruhe traktieren, bis man es nicht mehr sehen kann und jetzt gerne einfach ein paar Nudeln hätte? Man sieht jedenfalls nur noch selten Kittelschürzen angeboten, meist auf Märkten zwischen einem Stand für Suppenkonzentrat und einem für Bügelbrettüberzüge. Ihr Image ist miserabel, wohl auch deshalb, weil sie der Figur der Trägerin nicht gerade schmeicheln. Egal, wie man die Schürze drapiert, sie bleibt eine gerade geschnittene Stoffwurst, die vor allem herunterhängt. Frauen in Kittelschürzen werden von aller Welt Oma oder Mutti genannt, sie haben selten Vornamen, stattdessen haben sie Stellungen innerhalb der Familie inne. Die Kittelschürze dürfte auch das einzige weibliche Kleidungsstück sein, um das sich weltweit noch nie eine erotische Fantasie gerankt hat.

Heute würde man für spritzintensive Arbeiten eher zur klassischen Latzschürze greifen. Die ist schnell umgebunden und schnell wieder abgelegt. Niemand ist heute mehr stundenlang mit Hausarbeit beschäftigt, niemand mehr macht sich zum Sklaven seines Gemüsegartens und läßt sich von ihm vorschreiben, wann er in Urlaub zu fahren hat und wann nicht. Man erinnert sich gern an den Apfelkuchen, den Äppelkuche, den Pflaumenkuchen, der natürlich Quetschekuche heißt, weil man an Großmütter nur im Dialekt denken kann, jeder in seinem eigenen. Aber selbst würde man so nie werden wollen, weil es zuviel Arbeit bedeutet und zuwenig Freiheit. Und man backt dann doch ein paarmal im Jahr einen Gedenkapfelkuchen, wenn man die Zeit dafür findet, weil man es kann, man hat ja so oft zugeschaut damals im Sommer in der viel zu heißen Küche. Aber Arbeit ist das nicht mehr, nur noch Vergnügen, und die Kittelschürze als hausfrauliche Berufskleidung hat damit weitgehend ausgedient.


64 Lesermeinungen

  1. nico sagt:

    Es tut gut Frau Diener, sich...
    Es tut gut Frau Diener, sich schon am Sonntagmorgen unter Seelenverwandten zu wissen. Der Komperativ von all dem – unnütz hier zu erwähnen -, ist der Wohnwagenurlauber, nicht aber der ambulante, nein, sondern der seinen Stammsitz seit Jahrzehnten in Wanne-Eickel oder an den schönen Talsperren Deutschlands hat, sich gar ein Bekannter für dessen Redlichkeit verbürgte. Dort, und nur dort, herrscht noch ein intaktes Nachbarschaftsgefühl mit dem von Ihnen so trefflich beschriebenem Erziehungsgebaren. Niergendwo sonst ist Unterwerfung an den gemeinen Habitus so im Einklang mit der millimetergenauen Verlegung von Gehwegplatten, der Anbringung von Blechwerk wie “ Hier darf ich nicht parken“, die rigide Einhaltung von Ruhezeiten und selbstredend die akurate Versorgung des Rasens. Das Modell Deutschland eben.

  2. Die alten Generationen, die...
    Die alten Generationen, die noch selber Gemüse und Obst angebaut und eingekocht haben, sterben immer mehr weg. Die großen Grundstücke werden aufgeteilt und bebaut. Die jungen Generationen haben dann in ihren kleineren Gärten eher Blumen oder den Standard-Rasen als Obstbäume. Man hat sich eben daran gewöhnt, dass das Angebot in den Supermärkten faktisch alles abdeckt und man daher auch nichts mehr selber einkochen braucht. Welches Haus hat denn heute noch eine Speise- / Vorratskammer? Vielleicht schmecken die gekauften Sachen nicht ganz so gut wie frisch gemacht (wobei manche Marken recht gute Qualität hinbekommen), aber auch das ist Gewöhnungssache. Kinder kennen ja nur noch den Geschmack aus den Supermärkten und wissen häufig gar nicht mehr, wie die frischen Sachen schmecken.
    Jedenfalls: wo spezifische Arbeiten nicht mehr durchgeführt werden, benötigt man auch keine entsprechende Arbeitskleidung mehr.

  3. jean-jacques sagt:

    Frau Diener, you are getting...
    Frau Diener, you are getting better and better!
    Kurz sei erzählt, wie meine Großmutter, die sich tatsächlich selber „Kittel-Oma“ nannte, „Arbeit“ und „Freiheit“ auf einen Nenner brachte. Ihr Standardsatz war: „Bügeln ist mein Hobby.“; ihre andere große Leidenschaft waren bescheidene Reisen.
    Dazu sei gesagt, dass die Oma (Jahrgang 1916) nach dem Krieg mit dem Bügeln von Offizierswäsche als mittellose Witwe sich und ihre kleine Tochter über Wasser gehalten hat. Sie muss es mit solcher Hingabe getan haben, dass noch Jahre nach dem Abzug der Truppen belgische Offiziere im Geschäft der Eltern nach „Madame C.“ fragten.
    Wenn sie ihren wöchentlichen Mittwochsbesuch bei uns machte, holte sie den zunehmend knapp sitzenden Kittel aus dem Putzschrank (!), ging vormittags zum Bügeln in die kalte Waschküche im Keller und saß nachmittags (nach einem kleinen Mittagsschläfchen) im Wohnzimmer mit dem Strickkorb (und einem Höckerchen für die Füße).
    Im Altersheim ist die „Kittel-Oma“, obschon seit Jahren praktisch verstummt und zeitweise bettlägerig, die wohl beliebteste „Kundin“ des Pflegepersonals. Diese tapfere Frau, mit sich und ihrem Herrgott im Reinen, hat ihr Lächeln nie verloren.

  4. perfekt!57 sagt:

    Andrea D. ist eigentlich aber...
    Andrea D. ist eigentlich aber doch mehr sowas wie „ein Teil der Generation Flashmob“, oder?
    .
    https://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,641330,00.html
    .
    Die Pics davon auch nett.

  5. Natürlich könnte ich jetzt...
    Natürlich könnte ich jetzt auch von meiner Oma schwärmen, ihren Kuchen und Marmeladen, dem eingeweckten Obst und vor allem ihrem Waldhimbeersirup (ein Fingerbreit ins Glas und mit saurem Sprudel aufgegossen), aber eigentlich verbindet sich mir die Kittelschürze vor allem mit den Bauersfrauen in unserem Dorf. Bei denen war es wirklich eine Berufsuniform, zu der die Gummistiefel nicht fehlen durften. Dazu gehören in meiner Erinnerung auch die kräftigen, braungebrannten Arme (so ganz anders als die Lederhaut der Poolliegenden), die bizarr der weißen Haut kontrastierten, verrutschte der Ärmel einmal nach oben. Und der Geruch nach Kuhstall, ein keineswegs unangenehmer Geruch für den, der damit aufgewachsen ist, und der noch heute meine Gedanken- und Gefühlswelt unmittelbar nicht nach Combray, sondern nach Oberschwaben entführt.
    .
    Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, wie diese Frauen ihre Leben in Kittelschürzen durchgestanden haben, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr, kein Urlaub, kein Ausspannen, selbst am Sonntag, wenn ihre Männer nach der Mess‘ zum Frühschoppen gingen, mußte um 12 Uhr das Essen auf dem Tisch stehen. Von ländlicher Romantik keine Spur, das war ein beinharter Knochenjob.
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    Von den ganzen Bauern in unserem Dorf ist nur noch einer übriggeblieben, die Frauen in meiner Generation haben sich buchstäblich vom Acker gemacht. Und selbst bei Westfalia, dem Versandhandel für die Landwirtschaft, gibt es keine Kittelschürzen mehr. Irgendwie ist das beruhigend.

  6. kleinerberg sagt:

    nein,nein, ich wollte nichts...
    nein,nein, ich wollte nichts schlechtes wähnen. Nur kann ich noch nicht richtig ausdrücken,was ich wünsche- es geht etwas in die Richtung: der Zweck heiligt die Mittel…..oder anders noch: diese Kittelschürzen( so wie sie tatsächlich im Dorf noch heute getragen werden) machen die Trägerinnen frei von jeglicher
    Interpretation die jenseits der alltäglichen,notwendigen Verrichtungen liegt.
    Zu gegebenen Anlass holen dann ja die Damen ihr „kleines Schwarzes“ hervor,
    z.B wenn es zum Arzt geht,in die Kirche, oder zur Kirchweih.
    Die Kittelschürze( ich vermute es) war auch ein idealer Ort für die Enkel, sich bei der Oma Trost zu suchen.
    .
    Der Gegensatz den wir heute bilden( mit mehrereren Hüten etc., gequältem
    Outletkrempel, Taschentic….) müsste einen eher zur Demut veranlassen.
    Denn die Frauen der Kittelschürzengeneration haben ja nicht mehr erübrigt,
    als was ihr Garten hergegeben hat.
    .
    Dazu fällt mir noch ein gelesener Satz ein: zum Kaufen braucht man kein Geld, zum Bezahlen schon.

  7. missino sagt:

    Liebe Frau Diener,
    jetzt muß...

    Liebe Frau Diener,
    jetzt muß ich doch mal die kleinkarierte Oberlehrerin raushängen: Amöben sind niemals amorph, nicht mal als Muster, Amöben sind Einzeller. Und dann möchte ich noch hinzufügen: „paisley“, weiß auf schwarz, für ehrbare Witwen, vermutlich aber eher eine Erinnerung für die Dorfjugend.

  8. anderl sagt:

    Die Nachbarin ist immer am...
    Die Nachbarin ist immer am Arbeiten, trotz zunehmender Zipperlein. Und immer freundlich. Gemüsebeete und Obstbäume hat hier im kleinen Dorf vor den Toren der Stadt aber fast jeder noch. Die Tomaten wachsen immer und die Hühner legen auch immer Eier, ganz gleich ob gerade eine Bank pleite geht oder ein Autobauer. Die Kittelschürze trotzt jeder Krise, hat schon genug davon erlebt.

  9. FinMike sagt:

    Die eigentliche Idiotie ist...
    Die eigentliche Idiotie ist doch, Gartenarbeit und die daraus resultierende, konservierende Küchenarbeit überhaupt als Arbeit zu betrachten. Kontemplativer, Freude bringendes und zu guter, weil bewusster Ernährung führender Lebensinhalt sollte das sein. Ist es auch, bei so einigen hier auf dem Dorf.
    .
    Übrigens, die Küchenschürzen stammen hier in der Gegend mittlerweile oft vom vietnamesischen Spezialisten auf dem Dorfmarkt. Leider, weil fieses Plaste aus dem Sweatshop in Südostasien.

  10. Brädzl sagt:

    Frau Diener, ich wollte mich...
    Frau Diener, ich wollte mich hier auch eher auf die vermutete Erwartungshaltung der bärtigen alten Männer zum Tschador beziehen und nicht auf die Einstellung der Trägerinnen dazu.
    Die Einstellung der Frau zum Kleidungsstück ist hier vielleicht das Stichwort : Sie haben zwar perfekt beschrieben, wie eine Kittelschürze an einer Frau hierzulande wahrgenommen wird aber die arme Kittelschürze tut da, und da möchte ich Ihnen widerspechen, eher gar nix. Die Entsexualisierung scheint mir hierzulande, entsprechend dem kulturellen Kontext, zumeist im Kopf der Trägerinnen passiert zu sein.
    In Italien erwies sich doch, wenn man dem Artikel glauben darf, die gleiche Textilie als La vestaglietta ohne den in in Deutschland auferlegten ideologischen Ballast auch auf erotischem Gebiet einfach nur als ein praktisches Kleidungsstück – „Leichter Stoff, nur ein paar Knöpfe und mühelos von vorn zu öffnen“ – und eine sexuell selbstbewusste Frau blieb dort wohl auch in der Kittelschürze erkennbar eine solche.
    Allerdings könnten hier natürlich auch die Klimaunterschiede in der Wahrnehmung eine Rolle spielen, In Italien wurde La vestaglietta wohl meist als einzige Oberbekleidung getragen, in Deutschland die Kittelschürze oft als zusätzliche Schicht über der Oberbekleidung. Das ergibt naturlich jeweils ganz unterschiedliche Anmutungen,

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