Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Zwischen Escada und Bling-Bling: Das Goldkettchen

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Normalerweise gehen Trends den Weg von der Subkultur hinauf in die Haute Couture und von dort in die Massenmode. Manchmal aber gehen sie auch ganz seltsame Wege – die Goldkette etwa: Die findet man heute nur noch an älteren Damen und jüngeren Hip-Hoppern.

Das Dahinscheiden des ehemals großen Modehauses Escada hinterläßt wohl keine besonders große Lücke in der deutschen Kreativlandschaft. Daß Fuchsia eine Farbe ist, die manche Menschen sogar anziehen, haben wir nun nach dreißig Jahren verstanden. Aber wir müssen, da führt kein Weg drumherum, über die Achtziger Jahre reden, über die ostentative Form des Luxus, die eigentlich eine pervertierte ist und vor allem unvernünftig teuer. Wir müssen, so leid es mir tut, über Lametta reden, über Goldknöpfe und Goldkettchen.

Bild zu: Zwischen Escada und Bling-Bling: Das Goldkettchen

Eigentlich bin ich in dem Bewußtsein aufgewachsen, daß dicke Goldketten etwas sind, was vor allem gut unter Brusthaar versteckt um die Hälse südländischer Machos zu finden ist. Kleiner, dicker und nicht mehr ganz junger Machos, um genau zu sein. In längerer Form fand sich das auch um großmütterliche Hälse, wenn sie sich stadtfein machte, um bei M. Schneider essen zu gehen. Aber die dicke Version, also das, was man als Panzerkette bezeichnet, die sei, so war ich mir immer sicher, ein Phänomen nicht ganz geschmackssicherer Kreise.

Überhaupt ist Gold ja immer ein bißchen schwierig. Es ist laut und irgendwie protzig. Es muß schon sehr gut bearbeitet sein, um nicht nach Weihnachtsbaum auszusehen. Aber scheinbar ist genau der Lamettalook der angestrebte: Man kann sich Escada-Kundinnen eigentlich nie anders vorstellen als schwer behängt, dazu gern fisseliges Blondhaar und mindestens ein Kleidungsstück in Pink. Und immer, immer älter als fünfzig. Dabei muß das einmal anders gewesen sein. Mit Staunen kann man aus dem Süden der Republik vernehmen, daß all diese Escada-Trägerinnen auch einmal jung gewesen sein müssen. Aber Geschmack, denkt man sich, können die keinen gehabt haben. Sonst hätten sie nicht ausgerechnet zu einer Marke gegriffen, deren Logo mit den zwei E aussieht wie schlecht von Chanel kopiert.

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Das Goldkettchen an sich schlug aber noch ganz andere Karrierepfade ein. Um seine heutige Position zu begreifen, müssen wir in die Ferne schweifen und die Entstehung einer Subkultur beobachten: Fern von München und seinen Escada-Trägerinnen, in Amerika, befreite es sich aus dem Brusthaarbiotop und wanderte schichtweise nach oben über die Pullover, und zwar die Pullover afroamerikanischer Sprechsänger. Vermutlich geht dabei alles auf Mr. T zurück, der den B.A. aus dem A-Team spielte. Mr. T ist eine Art persönliche Kunstfigur des Schauspielers Laurence Tureaud, arbeitet als Türsteher in einem Nachtclub und sammelt die goldenen Hinterlassenschaften prügelnder Gäste auf. So weit, so wild. Das Vorbild Mr. T beeindruckte die Rapper von Run-DMC so sehr, daß sie die Goldkette für sich adaptierten: Nicht im Konglomerat, sondern einzeln, dafür von der Dicke eines durchschnittlichen Gartenschlauchs. Das war Anfang der Achtziger. Run-DMC waren in ihrem Genre musikalisch und modisch stilprägend, und seitdem ist die Goldkette im Verbund mit Brilliantohrring und Zahnschmuck das beliebteste Accessoire zum allgegenwärtigen Sportstyle. 

Während sich also Hip-Hopper die nächsten 25 Jahre als Zeichen erstarkenden Selbstbewußtseins und monetärer Potenz mit Bling-Bling umgeben und auch der südländische Macho nach wie vor unverdrossen das Kettchen ins Gewölle versenkt, macht die goldene Kette in Mitteleuropa eine Krise durch. Anfang der Neunziger zuckt die Panzerkette nocheinmal kurz, als sie Hip-Hop-beeinflußt über die Pret-A Porter-Laufstege getragen wird, dann wird es finster. Der Goldknopf verschwindet in der Versenkung des Minimalismus. Fuchsia ist eine Unfarbe. Man mag dieses Ostentative nicht mehr, und den so offensichtlich nach außen gekehrten Reichtum überläßt man den seltsamen Menschen in den Hip-Hop-Videos. Man läßt es nicht mehr krachen und gibt sein Geld, wenn man es sich leisten kann, lieber Prada. Währenddessen inseriert Escada unverdrossen in Modezeitschriften und tut so, als würden diese trutschigen Blazer, Kostümchen und Rüschenfummel tatsächlich von jemand anderem getragen als den Großmüttern deutscher Volksmusik-Schlagerstars. Menschen also, die einem nicht zwangsläufig als besonders stilbegabt auffallen.

Nun kommt noch schnell die Herbstkollektion von Escada in die Schaufenster, bevor die Marke endgültig verschwindet. An den Taschen baumeln Goldkettchen, die Kleider tun raubtiergemustert, die Kostümjäckchen brüllen fuchsiafarben und berüscht quer über die Freßgass arglose Passanten an. Escada sieht immer noch ganz genauso aus, wie man es sich in seinen schlimmsten Träumen vorstellt. Überraschungen sind nicht vorgesehen, auch wenn die Firmenleitung immer wieder gern beteuert hat, man werde nun aber wirklich umdenken und einen neuen Weg beschreiten. Escada gehört nicht zu den Dingen, die man haben will. Und das in einer Branche, die genau davon lebt: Daß man Dinge kauft, nicht weil man sie braucht. Ein paar Schaufenster weiter baumeln ebenfalls die goldenen Kettchen, das sieht dann so aus:

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Und weil Chanel eben Chanel ist, weil es das Original ist und nicht der Abklatsch, kann es eine Tasche verkaufen, die bereits im Februar 1955 entworfen wurde – ohne groß umdenken zu müssen. Die 2.55 ist die erste Tasche mit Schulterriemen überhaupt, auch damals waren die Kettchen ein klein wenig vulgär. Angeblich sind das genau die gleichen Ketten wie die Schlüsselketten der Aufseherinnen in dem Mädchenpensionat, in dem Coco Chanel aufwuchs. Ob das nun stimmt oder nicht: Wenn man das weiß, sieht man die Tasche mit einem Mal ganz anders, da treten Gold und Bling in den Hintergrund und etwas diffus beunruhigendes kommt zum Vorschein. Und es könnte sein, daß das der Unterschied ist zwischen legendärer Mode und DOB, Damenoberbekleidung, also das, was Escada nunmal leider ist. Nein, war.


67 Lesermeinungen

  1. Ritter sagt:

    So leid es mir für die...
    So leid es mir für die Mitarbeiter dieser Firma tut: Escada war schon immer DER Inbegriff für Dekadenz! Für die Haltung „Mir gehört die Welt“. Auch für: Der Name ist zu bezahlen. Dass ein solches Symbol jetzt zusammenbricht, mag manchen Menschen (die sich nie Escada leisten konnten – oder vielleicht sogar nicht wollten) Hoffnung machen.

  2. Das A-Team kenne ich noch. Ein...
    Das A-Team kenne ich noch. Ein Höhepunkt meiner Jugendzeit. Run DMC kenne ich auch noch. Ein weitererer Höhepunkt miner Jugendzeit (vor ca. 20 Jahren). Sehr schön das alles. Muß ich „escada“ kennen?

  3. fraudiener sagt:

    Ritter, diese Haltung war sehr...
    Ritter, diese Haltung war sehr Achtziger. Manchmal mit einer ekligen Art der Ironie verbunden. Aber Hoffnung? Hoffnung macht das nicht, es wird neue Geschmacklosigkeiten geben, vielleicht sogar noch ein wenig hohler als fuchsiafarbene Jäckchen mit Goldknöpfen.
    .
    Oliver Piecha, nein. Das ist vielleicht der Höhepunkt anderer Leute Jugendzeit, aber die muß man auch nicht kennen.

  4. Manuel sagt:

    Für meinen Geschmack gibt es...
    Für meinen Geschmack gibt es wenig Handtaschen, die nicht irgendwie „billig“ aussehen, selbst wenn sie extrem teuer waren. Egal, ob nun ein E dran baumelt oder 2C… Auch die o.g. fotografischen Abbildungen gehören (leider) dazu. Aber, das ist meine Meinung – und da ich nicht zu den Chromosomenträgern gehöre, die mit Handtaschen rumlaufen (müssen!), kann ich da nur wenig mitreden 🙂
    Allerdings stelle ich noch eine Theorie auf. Bei Handtaschen ist es wie bei Sonnenbrillen. Nicht Jede(r) kann alles tragen. Und auch wenn etwas gerade „in“ ist – dann muss das an einer Trägerin, der das nun einmal nicht steht, nicht zwangsläufig gut aussehen. Meisten sieht es sogar schlecht aus.
    Stilsicheren Geschmack kann man sich (gottlob!) nicht automatisch mitkaufen.

  5. Savall sagt:

    Ich komme ja aus einer...
    Ich komme ja aus einer geographischen Ecke und einer Sozialisation, wo man Chanel höchstens aus dem Fernsehen kennt. Die Kosten für so ein Täschchen dürften sicher mein monatliches Einkommen deutlich überschreiten. Deswegen ist es für mich ungeheuer faszinierend, diese Escada-Diskussion zu verfolgen. Ich komme mir wie ein Anthropologe vor, der einen unbekannten Stamm in Borneo mit merkwürdigen Ritualen entdeckt hat. Die Eingeborenen scheinen die Haut von toten Schweinen religiös zu verehren. Bestimmte glitzernde Amulette scheinen dem Träger übermenschliche Kräfte zu verleihen aber auch gleichzeitig den Stamm in verfeindete Clans zu trennen. Sehr verwirrend ist das. Seit „American Psycho“ frage ich mich ja, wie man zu genauer Kenntnis der Amulettbedeutungen gelangen kann. Mr. Bateman kann auf einen Blick bei jedem Kleidungsstück, jedem Accessoire, jedem Auto, jedem Elektrogerät feststellen, wer der Hersteller ist und welchen Preis der Artikel hat. So etwas kannte ich nur von Aldi-Verkäuferinnen vor Einführung der Scanner-Kassen. Wie viele Stunden pro Woche braucht es eigentlich, um die Amulett-Kunde zu erlernen und vor allem, um immer aktuell zu bleiben? Gibt es dafür eigentlich Handbücher?

  6. fraudiener sagt:

    Savall, als Außenstehender...
    Savall, als Außenstehender ist es ungeheuer schwierig, sich in das Wertesystem einzuarbeiten. Mich hat es auch lange nicht interessiert, bis man mir irgendwann im Laufe meiner Schulzeit recht unwirsch zu verstehen gab, daß ich, mit Verlaub, scheiße aussehe. Kinder sind grausam. Seitdem beschäftige ich mich aber sehr intensiv mit Oberflächen, die ja nicht nur das Überleben auf dem Schulhof, sondern auch die spätere Karriere beeinflussen. Das ist übrigens nicht erst seit heute so, schon der junge Goethe sah sich auf dem Leipziger Campus ob seiner völlig gestrigen Uniformjacke gehänselt. Daran sieht man, daß sich die Codes auch ständig verschieben.
    .
    Im Zweifelsfall haben es Männer aber einfacher. Mit solider, nicht völlig unlangweiliger Herrenkleidung kann man eigentlich keine Fehler machen. Dafür gibt es auch Handbücher. Für die Damen gibt es zwar auch Grundregeln, aber die sind doch zu sehr im Fluß. Ich beobachte das mit Interesse, aber selbst gehöre ich dem Stamm nicht an, weil ich nicht bereit wäre, knapp tausend Euro für so eine Tasche zu bezahlen. Weil ich weiß, daß eine in Mitteleuropa handgefertigte Tasche aus anständigem Leder für knapp 300 zu haben sein muß. Und ich nicht bereit bin, für angeblichen Distinktionsgewinn einen Aufschlag zu zahlen. Mir fehlt auch schlicht die Peergroup, die das würdigen könnte, das kommt dazu.

  7. fraudiener sagt:

    Manuel, an Taschen hat nichts...
    Manuel, an Taschen hat nichts zu baumeln. Das ist schonmal der erste Punkt. Wer die Logos nach dem Kauf nicht herunternimmt, hat es wohl nötig, zu zeigen, daß er sich ein Markentäschchen kaufen kann. Wie verzweifelt muß man sein, um das aller Welt demonstrieren zu müssen? Deshalb gehen Logos schonmal gar nicht. Wenn es schon unbedingt ein Markentäschchen sein muß, dann aus den richtigen Gründen: Qualität, Haltbarkeit, klassische Form. Diese Chanel-Tasche ist jetzt nicht unbedingt mein Stil, aber es wird sie in zwanzig Jahren noch geben, genau wie die Kelly-Bag. Es gibt eben einen Unterschied zwischen Mode uns Stil: Erstere kann man kaufen. Zweiteren muß man lernen.

  8. Don Ferrando sagt:

    Der Titel heißt doch "Das...
    Der Titel heißt doch „Das Goldkettchen“
    Interessant, daß fast alle Kommentatoren (ich eingeschlossen) mehr über Escada, Chanel und Labels diskutieren, als über den Südländer mit Brusthaarperücke. Oder habe sich eh alle commited, daß dies ein „no no “ ist?
    Gibt es hier keine konträren Ansichten dazu?
    Frau Diener, trägt der Schweißer aus Griesheim aus diesen Halsschmuck??

  9. fraudiener sagt:

    Griesheim als traditionelles...
    Griesheim als traditionelles Arbeiterviertel ist natürlich ein Goldkettchen-Eldorado. Hier gibt es sogar noch Goldkettchenträger, die das passend mit buntem Hemd und offenem Kragen kombinieren. Ich bin ja gespannt, ob das als ironische Geste jemals eine modische Auferstehung feiert. Derweil ist das wohl ein eindeutiges No-no. (Oder gibt es irgendwo in obskuren Berliner Hinterhofclubs schon eine Trendwende?)

  10. atomfried sagt:

    Von Kittelschürzen zu...
    Von Kittelschürzen zu Goldkettchen, herrlich. Ich bin begeistert!

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