Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Subversion mit Nadel und Faden: Das Strickzeug

| 63 Lesermeinungen

Müssen Mädchen stricken können? Wenn es nach meiner Mutter geht: Ja. Wenn es nach mir geht: Nein. Dabei entwickelt die Nadelarbeit, richtig eingesetzt, geradezu politisches Potential.

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Gender Mainstreaming war der Westfrankfurter Grundschule, die ich besuchte, eindeutig fremd. In schönster Evaherrmannscher Ordnung marschierten die Mädchen in den ersten Stock zum Handarbeitsunterricht zur gestrengen Frau Lehrerin, während die Jungs im Keller Werkunterricht hatten. Oben also Fäden ver- und entwirren, unten Sägen und Hämmern. 

Mich zog es schon immer zu den exotischen Künsten hin. Und nachdem die Werkbank meines Großvaters schon lange zu meinen bevorzugten Spielplätzen gehört hatte, interessierte es mich durchaus, nun das Mysterium um Nadel, Faden und ihre sachgerechte Verwendung zu lüften. Also spazierte ich mit meiner Mutter in die Stadt und wir kauften Baumwollgarn, aus dem ich krumme und wellige, aber leidlich runde Topflappen häkelte. Deren Ausstellung in einer Vitrine im Schulflur markiert den ersten und bisher einzigen Höhepunkt meiner Handarbeitskarriere.

Nun ist es nicht so, daß es mir an äußerer Motivation gemangelt hätte. „Lern Socken stricken“, forderte mich meine Mutter auf und begründete das mit der leicht surrealen Frage: „Was willst du denn machen, wenn du einen Mann heiratest, der selbstgestrickte Socken tragen möchte?“ Ich erinnere mich nicht daran, wie das Gespräch ausging, aber vermutlich verließ ich irgendwann unter Protest das Wohnzimmer. Als Tochter war ich eine hoffnungslose Fehlbesetzung.

Meine Mutter strickte ständig an etwas, jeden Abend beim Fernsehen. Deshalb sah sie am liebsten Filme, die man auch verstand, ohne hinsehen zu müssen. Aber meine Mutter hatte auch einen Mann geheiratet, der ausschließlich selbstgestrickte Socken trug. Ich nahm mir für mein künftiges Leben dringend vor, das zu umgehen – bislang erfolgreich.

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Häkeln ging ja noch, aber Stricken verstand ich nie. Es ermüdete mich unendlich, Masche an Masche reihen zu müssen, es strengte die Augen an und die Hände. Irgendwann wurden die Maschen immer so eng, daß man Gewalt anwenden mußte, um sie auf der Nadel hin- und herzuschieben, dann bekam ich den Faden nicht durch, dann fiel sie runter, die Masche, dann war wieder alles zu spät. Schwer beeindruckten mich übrigens in diesen Jahren die Abgeordneten der grünen Partei, wie sie in ihren Abgeordnetenbänken saßen und strickten und dabei noch Politik machten, während in ihren Händen die revolutionären Signale der Entindustrialisierung klapperten. Viel hatten die Grünen allerdings nicht mit meiner Mutter gemeinsam, denn bei denen mußten sich die Männer ihre Socken selbst stricken, das hätte es bei uns nicht gegeben. Und revolutionär war meine Mutter auch nicht besonders.

Revolutionär waren auch nicht die vielen militärischen Wach- und Außenposten, die Carl Spitzweg vorwiegend beim Stricken darstellte. Da standen oder saßen sie neben ihren langsam überwuchernden Kanonen irgendwo im Grünen und langweilten sich mangels eines anständigen Krieges fast zu Tode. Was liegt da näher, als zur Nadelarbeit zu greifen? Zu einer der vermutlich friedlichsten und zivilsten Tätigkeiten, die einem so einfallen können, die aber genau deshalb provokant wirkt. Geht man wiederum einige Jahre in der Geschichte zurück, landet man bei den Tricoteuses der Französischen Revolution: Frauen aus Arbeiter- und Mittelklasse, die neben der Guillotine saßen und dort in aller Öffentlichkeit und Seelenruhe ihr Nadelwerk vorantrieben, während nebenan die adeligen Köpfe rollten. Wäre mir in meiner Jugend das revolutionäre Potential des Strickens bekannt gewesen, hätte mich meine Mutter vielleicht eher dazu bringen können, öffentlich oder nichtöffentlich Strümpfe zu stricken. 

In den letzten Jahren avancierte das Stricken zum Lieblingshobby der deutschen Blogosphäre. Einer Erhebung nach sind etwa 2,2 Prozent der von Frauen geführten deutschen Blogs Strickblogs, sie bilden ein eigenes, dichtes Netzwerk innerhalb der Blogosphäre. Das Strickbloggen ist aber kein deutsches, sondern ein internationales Phänomen, das in den USA ähnlich verbreitet ist wie hierzulande. Und es hat sich weiterentwickelt: Neben den braven Stubenstrickerinnen entwickelte sich die wilde Form des Yarn Bombing, man könnte sagen: Guerilla-Stricken, das die häusliche Sphäre verläßt und sich widerrechtlich den Stadtraum erobert. Yarn Bomber umstricken Zäune und umhäkeln Laternenmasten, bislang gab es noch keine Festnahmen, Ordnungsämter sind ratlos. 

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Sämtliche Stricktrends gehen leider kilometerweit an mir vorbei. Um weitere häusliche Konflikte hinsichtlich meiner Handarbeitskompetenz zu umgehen, beschloß ich in der Oberstufe, einmal etwas sehr Kompliziertes zu stricken, nur damit endlich Ruhe ist, und dann nie wieder. Ich klaubte Wollreste zusammen und begab mich an das einzige Strickobjekt, das ich je vollendet habe: Ein Paar Fingerhandschuhe. Ich strickte in besonders langweiligen Unterrichtsstunden, wogegen erstaunlicherweise kein Lehrer etwas einzuwenden hatte außer der Religionslehrerin, die mich aber noch nie leiden konnte (ich sie auch nicht).

So, das muß reichen, dachte ich, als ich die letzten Fäden vernähte. Jetzt weiß jeder, daß ich es kann, meine Mutter und die vielen Augenzeugen. Und ich rührte fürderhin keine Nadel und kein Wollknäuel mehr an, kaufte meine Socken im Kaufhaus und schaute lieber Filme, die man ohne hinzusehen nicht versteht.


63 Lesermeinungen

  1. AMS sagt:

    Der Artikel ist...
    Der Artikel ist herrlich!
    Entgegen aller (pädagogischen) Anstrengungen die Nadel bleibt fest in weiblicher Hand!

  2. Savall sagt:

    Die rosa Phase sollte sie mit...
    Die rosa Phase sollte sie mit 12 aber eigentlich überwunden haben, lieber Ritter. 🙂 Ist jetzt nicht eigentlich die Pony-Phase dran?
    .
    Faschistoide Pullover sind zum Beispiel dunkelgrün mit hellgrünem Muster für einen zwölfjährigen Jungen, Andrea. Außerdem kratzte das Ding wie blöd. Sie können sich nicht vorstellen, wie ich gelitten habe. Für ein solches Ding kann man Kloppe auf dem Schulhof kriegen. Dank einer momentanen genialen Eingebung habe ich das Monstrum geschickt mit einer sorgfältig applizierten Dosis verdünnter Salzsäure im Chemieunterricht erlegt.

  3. mcs sagt:

    Nach Geschlechtern getrennter...
    Nach Geschlechtern getrennter Werk/Handarbeitsunterricht ist wohl vorbei. Stattdessen mussten in meiner Schulzeit (90er) alle nähen, häkeln und Teppiche knüpfen.

  4. Ritter sagt:

    Übrigens - Frau Diener.
    Ich...

    Übrigens – Frau Diener.
    Ich finde das wirklich bemerkenswert, dass Sie hier alle Kommentare (so weit mir ersichtlich) freischalten. Das bei einem so grossem Medium wie der FAZ. GUT!
    FL

  5. AMS sagt:

    Es gibt aktuell eine Vielzahl...
    Es gibt aktuell eine Vielzahl von Gruppen, Grüppchen und Gilden in denen sich 99,9% Frauen mit der „freizeitorientierten“ Anwendung der Nadel beschäftigen. Die Zahl der selbstständigen Frauen die also beruflich stricken, nähen oder sticken steigt ebenfalls enorm.
    Hingegen fand ich nur wenige Herren die etwas mit Nadeln zu tun haben: Sie sind Hersteller von Strick-bzw. Nähnadeln.
    Trotz oder wegen – wie man es nimmt – des „geschlechterübergreifenden“ Handarbeitsunterrichts liegt die Anwendung der Nadel in weiblichen Händen.
    Über die Schönheit, den Nutzen etc. vieler dieser Dinge mag man geteilter Auffassung sein, den Fakten kann man sich jedoch nicht entziehen.

  6. fraudiener sagt:

    AMS: Ich habe ja schon...
    AMS: Ich habe ja schon Schlimmstes befürchtet, als ich Ihre URL las: Nadelobjekte. Aber so wie Sie das angehen, so lasse ich mir das gefallen.
    .
    Savall, die rosa Phase kann bis etwa 13 dauern, inklusive Ponies. Dann geht es schwarzweiß weiter mit ersten Vorlieben für Darsteller aus der Populärkultur. (Wenn das heute noch so ist wie bei uns damals.)
    .
    Ja, Strickmonster, für die man Kloppe kriegen kann. Bei Mädchen geht das ja eher verbal, ist aber ähnlich schmerzhaft. (Es gab da diesen unfaßbaren, selbstgestrickten, dunkelblauen Faltenrock mit Trägern. Mir war das ja egal, aber den anderen irgendwie nicht.)

  7. damenwahl sagt:

    In der Grundschule gab es bei...
    In der Grundschule gab es bei uns in der Kleinstadt noch eine Handarbeits-AG, da waren – natürlich! – nur Mädchen. Ich finde es jedes Mal sehr beschaulich, meine Mutter mit ihren Stricknadeln sitzen zu sehen und liebe ihre selbstgestrickten Socken (das ist auch gar nicht schwer, sagt sie), allein, mir selbst fehlt die Geduld. Nähen würde ich allerdings gerne können, das probiere ich vielleicht irgendwann mal. Stelle ich mir nützlich vor, selbst wenn die Fähigkeiten eher rudimentär bleiben.

  8. ilnonno sagt:

    In meiner Dorfgrundschule...
    In meiner Dorfgrundschule anfangs der Siebziger hatten alle Handarbeit, aber kein Werken, wahrscheinlich mangels Lehrer und Ausstattung. Mir war das egal, weil mein Herz weder an dem einen noch an dem anderen hing. Aber es gab da einige Bauernsöhne, die fanden so wenig gut, dass sie sich zunächst weigerten. Der zu Hilfe gerufene Rektor löste das Boykott-Problem mit Methoden der frühen Fünfziger…

  9. fraudiener sagt:

    mcs, ilnonno, warum haben...
    mcs, ilnonno, warum haben nicht alle gehämmert? Das wäre zumindest eine zivilisatorische Fertigkeit, mit der man etwas anfangen kann. Nägel muß jeder mal einschlagen. Aber man kommt prima durchs Leben ohne Teppiche knüpfen zu können. Naja, wenn die Bauernsöhne wenigstens gelernt haben, Hemdenknöpfe selbständig anzunähen, wäre das ja schon ein Verdienst.
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    Ritter, danke schön. Manchmal ist es ein bißchen wie Stubenarrest, das Freischalten. Besonders bei Wetter wie heute.
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    Damenwahl, nähen finde ich wirklich nützlich. Und auch gar nicht so schwer. Die Grundfertigkeiten kann man an der Volkshochschule lernen, ansonsten habe ich eine idiotensichere Aldi-Nähmaschine, die so ungefähr auf dem Stand der Siebziger Jahre vor sich hinrattert. Eine gebrauchte tut’s natürlich auch. Man muß auch nicht gleich komplette Kostüme produzieren, es reicht schon, wenn man mal was ändern kann. Oder etwas verschönern.

  10. perfekt!57 sagt:

    Grüße an Euch alle: Ihr seid...
    Grüße an Euch alle: Ihr seid so nett, einfach wunderbar!
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    https://blog.tagesanzeiger.ch/mamablog/index.php/606/was-eine-mutter-in-einem-jahrzehnt-lernt/

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