Ding und Dinglichkeit

Imageverlierer der Espressokultur: Der Kaffeefilter

Die moderne säkulare Gesellschaft bietet nicht mehr viele Gelegenheiten zu einer ordentlichen konfessionellen Auseinandersetzung. Eines der wenigen religiösen Gefechte der Gegenwart dreht sich daher um das jeweils verwendete Betriebssystem. (Ich bin da ja gar nicht religiös, aber was ich mir immer anhören muß, warum jemand Fenster benutzt, wobei benutzen natürlich auch ein Euphemismus ist für die von Fehlermeldungen und Flüchen begleitete Prozedur, sich mit dem ortsfremden Wlan zu verbinden, während ich schon seit einer halben Stunde Fotos bearbeite, nachdem ich Mails abgerufen habe, und dann heißt es wieder, das Wlan sei so komisch, ob ich eventuell mal den Apfel zur Verfügung stellen könne, der ja nichts tauge und nur billiges Plastik sei, und ich lächle fein und dulde still die Beleidigungen meines Gerätes, denn es funktioniert und kostet mich keine Nerven, bis auf den Neid derer, deren Wlan mal wieder nicht funktioniert, aber wie gesagt: Religiöser Fanatismus ist mir fremd.)

Wo war ich? Konfessionelle Auseinandersetzungen, richtig. Eine zunehmend beliebte Möglichkeit, der unbedingt richtigen Erlösungslehre anzuhängen, ist die Zubereitung einer Tasse Kaffee. Irgendwie müssen geröstete und gemahlene Kaffeebohnen mit heißem Wasser zusammengebracht werden. Das klingt einfach, aber das Feintuning dieser Prozedur gerät mitunter zum Streitfall. Die bisher am weitesten verbreitete Möglichkeit war auch die ungeeignetste: Die klassische Kaffeemaschine mit Papierfilter, Tröpfelautomatik und Wärmeplatte ist eine sichere Maßnahme, auch aus gutem Kaffeepulver richtig schlechten Kaffee herzustellen. Wie viele seltsame Dinge, so hielt auch diese Maschine in den Siebziger Jahren ihren Einzug in die Haushalte und verteidigt ihren Platz auf der Küchenarbeitsplatte mit einiger Hartnäckigkeit.

Wer etwas auf sich hält, hat seine Kaffeezubereitung längst professionalisiert. Der moderne Mensch trinkt keinen deutschen Filterkaffee mehr, mit dessen Image es in den letzten dreißig Jahren rapide bergab ging, er trinkt italienisch. Espressomaschinen und ihre näheren Verwandten gibt es längst auch bei Aldi, nach oben hin ist die Preisskala bis ungefähr zur Größenordnung eines Kleinwagens hin offen. Was tagsüber im Büro geht, und was man in Pappbechern über die Straße trägt, das muß auch zu Hause gehen. So zischt es in der Küche des weltgewandten Altbaubewohners mit Dielenboden nach dem Essen aus allen Rohren, und als nichtsahnender Gast wird man expertentümlerisch gefragt: Espresso, Cappuccino, Latte Macchiato, Cafè Latte? Die ganze Palette italienischer Kaffeekultur kann freihändig aus dem Ärmel geschüttelt werden, sogar mit Kakao obendrauf. Für alles hält der Kenner die passenden Gefäße bereit, und die Latte wird natürlich nicht im Gerippten serviert, wie in Frankfurt oft üblich. Alles so authentisch wie irgend möglich – nur das, was der Italiener normalerweise verwendet, die Moka, die findet man in hiesigen Haushalten kaum.

Urgestein der WG-Kultur ist die gute alte French Press. Dafür muß das Pulver ein bißchen gröber gemahlen sein, aber ansonsten ist es eine der billigsten, einfachsten und besten Möglichkeiten, Kaffee herzustellen. Völlig idiotensicher, unaufwendig und schmackhaft. Der Nachteil an der Sache ist: Man kann nicht jeden Billigkaffee verwenden. Was der Massenröster an der Ecke feilbietet, ist ebenso ungeeignet wie die Palette des örtlichen Supermarkts (mit Ausnahme der Fairtrade-Produkte). Die French Press ist da gnadenlos, sie verzeiht keine Fehler und zeigt jeden Kaffee ziemlich ungeschminkt so, wie er ist. 

Angesichts der italienischen und französischen (und unter Umgehung und völligen Nichtbeachtung der österreichischen) Kaffeekultur macht der gute alte Filterkaffee wenig her in den stilbewußten urbanen Haushalten der Nation. Man denkt an Kaffeekränzchen bei Oma, an magenschonenden Blümchenkaffee, an Kaffeegedenkwasser für Herzkranke. Das Image ist auf den Hund. Kein Wunder, daß die Tabs mittlerweile den Großteil des Kaffeeregals im örtlichen Supermarkt einnehmen, denn die sind noch praktischer, einfacher und sauberer als Kaffeefilter, man kommt mit dem braunen Pulver gar nicht mehr in Berührung, ähnlich wie beim Teebeutel. Man muß nicht portionieren, nicht mahlen, man drückt ein Knöpfchen, schon hat man einen Kaffe in einer singlehaushaltskompatiblen Menge erzeugt. Leute, die das verwenden, finden vermutlich auch Windows Vista gut.

Dabei hat in diesem unserem Land alles so gut angefangen. Nur zwanzig Jahre nach der Einführung in Italien und England kam der Kaffee nach Deutschland, und angesichts der Verschnarchtheit des kleinen Provinzfürstentumkonglomerates im 17. Jahrhundert war das richtig schnell. Man goß direkt auf, filterte mit Sieben, kaute dennoch immer auf irgendwelchen Körnchen und Bröckchen herum und kämpfte mit klärschlammartigen Rückständen am Tassenboden, bis im Jahre 1908 endlich eine beherzte Dresdner Hausfrau namens Melitta Bentz den Kaffeefilter zur Marktreife entwickelte. 

Darauf hat zumindest die deutschsprachige Welt gewartet. Melitta Bentz läßt das Verfahren patentieren, spannt Gatten und Söhne ein und vermarktet die Idee. So erfolgreich, daß das Unternehmen schnell expandiert. Auch, wenn das Geld beim Volk nicht für echten Bohnenkaffee reicht: „Kaffee aus Korn, Malz oder anderen Kaffeemitteln schmeckt auch gut“, heißt es in einer Melitta-Werbung aus dem Jahr 1938. Was man sich in der Not halt so alles einredet.

Nach dem Krieg schrumpft die Firma, rappelt sich aber bald wieder auf. Und die Hausfrauen lernen nun erneut, ihren von den Mühen des Wirtschaftswunders gebeutelten Gatten am Wochenende einen korrekten Filterkaffee mit Kondensmilch zuzubereiten. Natürlich mit dem Melitta-Schnellfilter, der perfekt auf die klassisch schlichte Melitta-Kanne paßt, dazu das Melitta-Kaffeegeschirr in den schönsten Softeisfarben, die die Fünfzigerjahre zu bieten haben. So läuft  das die nächsten zwanzig Jahre in bewährter Manier vor sich hin, bis sich schließlich die bislang unerschwingliche Kaffeemaschine durchsetzt und der Lösung der Bitterstoffe im Pulver Tür und Tor öffnet. Denn die Schwallmethode, bei der das Wasser direkt aus dem Kessel in den Filter geschüttet wird, hat den Vorteil, daß sich das Wasser besser verteilt und damit das Aroma gleichmäßiger aus dem Pulver extrahiert. Das kann die Maschine nicht, da helfen auch nicht die vom Melittamann in den Achtzigerjahren so ausdauernd beschworenen Aromaporen.

Und so begann der Abstieg des Filterkaffees – völlig zu Unrecht. Wer sich ein paar Minuten Zeit nimmt, um das Wasser per Hand aufzugießen, wird mit einem ziemlich unschlagbar guten, milden Kaffee belohnt. Es ist ja auch nicht so, daß es in diesem Land keinen guten Kaffee gäbe: Wer ein wenig sucht, findet in jeder Stadt kleine Röstereien, die noch im Langzeitröstverfahren rösten. Das ist zwar aufwendiger und teurer, dafür aber ungleich besser. Im Gegensatz zur Maschine können mit dem Handfilter auch kleine Portionen, wie etwa die morgendliche Tasse, umstandslos zubereitet werden. Und das beste ist: Der Porzellanfilter ist für wenig Geld zu haben, nimmt keinen Platz weg und ist leicht zu reinigen. Er geht nicht kaputt, wenn man ihn nicht gerade fallen läßt und ist mit jeder Art Kaffee zu verwenden. Eigentlich warte ich schon seit Jahren auf eine Renaissance, die bei diesen Vorteilen längst fällig wäre. Aber, und das ist wohl sein Problem: Mit einem bescheidenen deutschen Porzellanfilter läßt sich vor Gästen nur ganz schwer angeben. So ein zischender und dampfender Gerätepark mit Druckanzeige macht sich einfach besser auf der Marmorfläche der hochglanzpolierten Poggenpohl-Küche.

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