Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Handgepäck des Großstadtnomaden: Der Rucksack

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Der Rucksack ist das Universalbehältnis des modernen Menschen. Er ersetzt Schulranzen, Handtasche und Aktenkoffer, es gibt ihn in unzähligen Varianten. Wie konnte das kommen, daß ein Wanderutensil eine dermaßen steile modische Karriere hinlegen konnte?

Es war etwa Mitte der Achtziger Jahre, als die einflußreiche In-Group meiner selbsternannten Eliteschule mir in gewohnter Herablassung bedeutete, daß dieser Schulranzen jetzt aber wirklich indiskutabel sei und durch etwas weniger Peinliches ersetzt werden müsse.

Eine Schultasche? fragte meine Mutter.

Nein, sagte ich, ein Rucksack natürlich!

Bild zu: Handgepäck des Großstadtnomaden: Der Rucksack

Rucksäcke waren lange Zeit graue oder braue Beutel, die man sich auf den Rücken schnallte, um auf Wanderungen ein Brötchen dabei und gleichzeitig die Hände frei zu haben. Daneben gab es die unterschiedlichsten Sportrucksäcke, aber für den zivilen Einsatz? In der Stadt, in der Schule? Das war neu. Weil gerade die Achtziger Jahre herrschten, mußte man möglichst einen Rucksack von einer sogenannten Marke haben, am besten eine Sportmarke, deren Logo nicht zu übersehen sein sollte. Die meisten waren aus heutiger Sicht brüllend häßlich. Aber was will man machen? Weil man als lesende, brillentragende Schülerin die Hoffnung nicht aufgibt, daß ab und an nochmal jemand mit einem redet, ging ich einen Rucksack kaufen. Und natürlich war er brüllend häßlich.

Viele Moden der Achtziger Jahre kamen und gingen, aber der Rucksack blieb. Er änderte die Form ein wenig und das Material, später hatte ich einen aus rotbraunem Leder, dann einen schwarzen. Sie waren ja auch unbestreitbar praktisch, es paßte viel hinein, ließen sich bequem tragen und erlaubten den Transport auch größerer Mengen Bücher, etwa zwischen Unibibliothek und Wohnung. Bis heute hat der Rucksack den Schulranzen oder die Büchertasche weitgehend ersetzt.

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Auch der gute alte Aktenkoffer scheint ein Relikt zu sein – aus Zeiten, als man feste Arbeitsplätze hatte, einen festen Dienstbleistift, und zum Dienstjubiläum gab es einen goldenen Kugelschreiber. Solche Menschen tragen Aktenkoffer, der moderne Büronomade natürlich nicht. Als Zeichen seiner Flexibilität hat er einen Rucksack, auch wenn er nur ein Paar Blatt Papier darin herumträgt. Aktenkoffer sehen auch viel zu erwachsen aus. Niemand will erwachsen werden, also trägt man das, was man auch schon als Schüler hatte. Das bedeutet, man ist noch jung. Das muß es bedeuten. Man ist ja noch nicht alt. Jedenfalls noch nicht so alt wie die Eltern, als die in dem gleichen Alter waren.

Die meisten dieser Rucksäcke sehen dann irgendwie sportlich aus. Das erkennt man einerseits am Material: Es muß abwaschbar sein, also Kunstfaser und Plastik. Und der Rucksack muß funktional sein, das heißt: nicht unter zehn Seitentaschen, und überall hängen irgendwelche Riemen und Verschlüsse herunter, mit denen man noch etwas anschnallen kann. Survivalmäßig essentiell im urbanen Dschungel ist etwa die allgegenwärtige Wasserflasche, gern mit Nuckelverschluß, damit man auch unterwegs schnell mal was tanken kann. Man könnte ja verdursten, so mitten in Frankfurt. Und wenn es hart auf hart kommt, kann man noch einen Gurt um die Hüfte schnallen, dann ist alles ganz bestimmt gut befestigt.

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Aber leider hat der Rucksack auch die Handtasche ersetzt. Irgendjemand muß den älteren Damen der Republik erklärt haben, daß Handtaschen aber sowas von out sind und nur kleine Klümpchen, die an langen Schnüren über den Anorak geschnallt werden, noch von der Öffentlichkeit toleriert werden. In diesen Rucksäckchen kann nicht viel mehr enthalten sein als ein Geldbeutel und eine Packung Taschentücher, und als Krönung baumelt dann gern ein Stofftier am Reißverschluß. Eins dieser Stofftiere hat als Minirucksackanhängertier Karriere gemacht: Die Diddlmaus hat keinen anderen Daseinszweck, als völlig zweckbefreit dort herumzubaumeln und die Trägerin daran zu hindern, von irgend jemandem ernst genommen zu werden.

Es ist schön, wenn man Menschen für solche Entwicklungen beschuldigen kann, und im Fall des als Handtasche pervertierten Rucksacks gibt es eindeutig eine Hauptverantwortliche, auf die man mit dem Finger zeigen kann: Miuccia Prada. Diese ansonsten recht stilbewußte Dame erfand den Stadtrucksack als ironische Geste: Seiner Funktion als Lastenträger beraubt, leiht er dem Täschchen seine Form, das Täschchen wiederum leiht Funktion und Größe. Leider ist die ironische Geste an sich als Designgrundsatz eine völlig fehlgeleitete Angelegenheit: Form und Funktion haben sich nicht mehr allzuviel zu sagen und leben beziehungsunfähig nebeneinander her.

Es ist nicht so, daß der Minirucksack der Handtasche irgendetwas voraus hätte. Eher im Gegenteil: Aus lauter Angst, den Geldbeutel nicht mehr im Auge zu haben, tragen manche Zeitgenossen den Rucksack vorne vorm Bauch. Besonders besorgte umklammern ihn dann noch mit beiden Armen. Warum diese Menschen dann einen Rucksack tragen und nicht einfach eine Tasche, will mir nicht recht in den Kopf. Heißt der Rucksack dann eigentlich überhaupt noch Rucksack, und nicht eher Vorsack oder Bauchsack?

Und dann ist da noch das Problem mit der Ansehnlichkeit. Rucksäcke sind Säcke, also formlose Dinge. Sie gehen einher mit anderen Insignien der Formlosigkeit: Dem Anorak, der Dreiviertelhose, den Sandalen mit Fußbett. Eine Gruppe Rucksackträger (sie treten gern in Rudeln auf) erscheint dem unbedarften Zeitgenossen daher als amorphe Masse, als organische Verklumpung, der an keiner Stelle Einhalt geboten wurde. Wenn Masse an einer Stelle nicht einfach ungehemmt weiterwuchert, nennt man das Formgebung. Der Rucksack ist so ungefähr das Gegenteil davon.

Ob das die In-Group meiner selbsternannten Eliteschule damals geahnt hätte? Vermutlich nicht. Um nicht peinlich zu sein, bräuchte ich heute vermutlich irgendwelche Plastikturnschuhe. Oder Piercings. Oder irgendwelchen anderen Wahnsinn, den zwanzig Jahre später die Rentner von übermorgen auftragen und mit Stofftierchen behängen.


57 Lesermeinungen

  1. ilnonno sagt:

    Ich dachte immer, Touristen...
    Ich dachte immer, Touristen tun alles, um nicht wie Touristen auszusehen. War es nicht quasi wie ein Ritterschlag, von einem Einheimischen nach dem Weg gefragt zu werden?

  2. Till sagt:

    Und noch etwas zu Frankfurt:...
    Und noch etwas zu Frankfurt: Offensichtlich sind seine Bewohner im Schnitt und aus den vorgenannten Gründen angenehme Zeitgenossen. Obendrein finde ich es aber auch noch schön. Gerne baue ich daher auf meinen Nordlandfahrten einen Schlenker übers Frankfurter Kreuz ein, um zu meiner Rechten dann die geliebte Silhouette vorbeiziehen zu sehen. Andere deutsche Städte verstecken sich ja eher vor des Reisenden Blick oder zeigen bizarre Arrangements, wie z.B. das Münchner Ensemble aus Aufblasstadium und Windrad auf Müllberg.
    Ich grüße Sie aus der Diaspora!

  3. fraudiener sagt:

    Icke, das beruhigt mich ein...
    Icke, das beruhigt mich ein bißchen. Mir widerstrebt es, täglich mehrere Liter Wasser abzupumpen, und das in Kleinstdosen über den Tag verteilt. Irgendwie haben die Menschen früher auch ohne überlebt. Das mit dem Essen ist auch im Zug zu beobachten: Manche Menschen packen ja die Wurststulle (oder die Tupperdose mit gesundem Obst) aus, sobald sie auf den reservierten Sitz gefallen sind. So ein Mensch, denke ich, kommt auch mal zwei Stunden ohne Essen aus, das muß doch irgendwie gehen.
    .
    Till, der Autoreifen kurz vor München ist wirklich ein schlimmer Anblick. Dann doch lieber Banktürme.

  4. fraudiener sagt:

    ilnonno, für Italien scheint...
    ilnonno, für Italien scheint das nicht zu gelten. Ich sehe hier niemanden, der nicht in der klassischen Touristenkluft herumliefe, mal in schlimmer, mal in sehr schlimmer Ausprägung. Außer dem Begleiter trägt hier kein Reisender Sakko. Aber wenigstens sind die schlimmsten sommerlichen Entblößungen mittlerweile vorbei. Das in Meran konnte man ja teilweise nicht mitansehen.

  5. Ariadne sagt:

    Aus irgend einem Grund tragen...
    Aus irgend einem Grund tragen die beschriebenen Herrschaften ihr Outdoor-Survival-Outfit aber oft nur in der Stadt. In 2000 m Höhe, auf Geröllflächen und an Steilhängen begegneten uns im Urlaub dagegen erstaunlich viele Turnschuhe, Ballerinas(!) und Handtaschen…

  6. Jeeves sagt:

    Ich zieh meine Gattin...
    Ich zieh meine Gattin tagtäglich wegen ihres Rucksackes auf (an dem auch noch ein kleines buntes Plastiktier (?) hängt). Doch was macht sie? Sie erträgt oder besser: ignoriert mein Lästern gelassen und läuft weiterhin täglich und überall mit diesem unförmigen Ding rum. Allerdings immer auf dem Rücken, nie vorne. Und nur außer Haus. Mehr an Zugeständnis war von ihr nicht zu bekommen. Nun ja.

  7. Frau B. sagt:

    Ein Rucksack ist etwas feines...
    Ein Rucksack ist etwas feines – wenn man auf den Berg geht. Und nur dann.
    Was an einem Rucksack in der Stadt praktisch sein soll, ist mir unbegreiflich. Für andere Menschen ist es eine schiere Zumutung – weil die Träger ihre Ausmaße nicht mehr kennen und einen nur noch anrempeln. Außerdem sind sie ein gefundenes Fressen für Taschendiebe in vollen U-Bahnen.
    Und @Raucher: mir hat noch immer ein Taxifahrer den Koffer in den Kofferraum gehieft. Ich käme ja nicht im Traum auf die Idee, dies selbst zu tun.

  8. Savall sagt:

    Ja, der Rucksack ist mir ein...
    Ja, der Rucksack ist mir ein leidig Ding. Mittlerweile in allen sozialen und Altersschichten verbreitet und einer häßlicher als der andere. Wenn nur _eine_ Diddlmaus dranhängt, kann man ja noch von Glück reden. Manchmal sind es ganze Plüschtierzoos. Vor allem scheint keiner der Rucksackträger seinen geänderten Schwenkradius zu kennen. Was hab ich nicht schon unter diversen Schleudertraumen leiden müssen! Vor allem scheint mir der praktische Zweck nicht ganz einzuleuchten. Entweder man hockt sich mit Rucksack auf eine Sitzgelegenheit wie ein Huhn auf die Stange oder muß bizarre Körperverrenkungen in Kauf nehmen. Bemitleidenswert finde ich ja die Subjekte, die so ein Schnallenmodell erwischt haben. Kaum haben sie sich ihre 10-Kilo-Bombe aufs Kreuz gewuchtet, so fängt das hysterische Suchen des Schnallenanschlusses irgendwo in der Podexgegend an. Es sieht dermaßen albern aus! Ich meine, ich lege meinen Aktenkoffer auf die Knie und wenn ich aufstehe, nehme ich ihn in die Hand und gut is. Brauche ich mal die Hände frei, wird er eben mal kurz abgesetzt. Freilich habe ich in der Regel mindere Mengen meines Hausstandes dabei. Könnte mich da mal jemand von den Praktikern aufklären, was in den Rücksäcken, außer der Wasserflasche, noch drin ist? Bei den Schulkindern kann ich es mir ja noch vorstellen. Aber bei älteren Jahrgängen? Komplette Zweitgardarobe? Sammlung von bemoosten Feldsteinen?

  9. Savall sagt:

    Ah, Frau B., jemand der meine...
    Ah, Frau B., jemand der meine Nöte versteht! 🙂

  10. Prof. sagt:

    Die auf Kongressen...
    Die auf Kongressen ausgehändigte Umhängetasche ist international längst zum Kongress-Rucksack mutiert, mit Sponsorenaufdruck und Wasserflasche.

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