Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Spaß ohne Strom: Gesellschaftsspiele

| 59 Lesermeinungen

Gesellschaftsspiele bringen Menschen an trüben Regentagen an Tischen zusammen und sorgen dafür, daß man Zeit miteinander verbringt, ohne sich der Gefahr peinlicher Konversationspausen auszusetzen. Sie brauchen keinen Strom und passen in jede Tasche. Doch das gemeinsame Spielen weicht zunehmend einem autistischen Vor-sich-hinspielen am Daddelgerät der Wahl.

Regentage im Urlaub haben ihre ganz eigene Magie. Nach dem ausgedehnten Frühstück tut man erst so, als sei nichts, man geht nach draußen in die schöne Gegend, von der man zwischen Pfütze und Schirmunterkante nicht viel mitbekommt, schließlich kann man die Tatsache fortschreitender Durchnässung nicht weiter ignorieren, begibt sich still resignierend zur Unterkunft zurück und verbringt den Tag entweder im Zimmer oder in der Hotellobby.

Ich für meinen Teil bevorzuge den öffentlichen Teil des Hotels, weil man dann wenigstens in Ansätzen das Gefühl hat, draußen und unter Menschen zu sein. Ich mag auch diesen halböffentlichen, salonartigen Ort, der im Gegensatz zum Restaurant oder Café nicht zum Verzehr verpflichtet. Man kann dort herumsitzen und plaudern, man kommt mit anderen Leidensgenossen lose ins Gespräch. Und vielleicht holt man dann noch die Rommékarten heraus.

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Vermutlich ist der Urlaub das letzte Refugium des guten alten Gesellschaftsspiels, das sich im 18. Jahrhundert anschickte, Konversationslöcher zu füllen und Hände zu beschäftigen. Nicht zu verwechseln sei es mit dem Glücksspiel, bei dem es um etwas geht, um Geld normalerweise, um Ruin und um Existenzvernichtung. Nein, das Gesellschaftsspiel führt Menschen gemeinsam an einen Tisch, die sich dort für eine gewisse Zeit freiwillig Regeln unterwerfen, die sie nicht gemacht haben, Steinchen oder Karten herumschieben, Zahlen um die Wette aneinanderreihen – und das Ganze auch noch zum reinen Spaß an der Freude. Und auch ein bißchen, um zu gewinnen, aber nichts Materielles, sondern einfach nur die Erkenntnis, daß man der beste Steinchenherumschieber oder Zahlenaneinanderreiher am Tisch ist.

Das Schöne an klassischen Spielen ist, daß man auch mit völlig fremden Menschen sofort einen gemeinsamen Nenner hat. Wenn abgeklärt ist, ob man Rommé mit oder ohne Klopfen spielt, ist auch schon alles Nötige entschieden. Die Karten passen in eine Westentasche und könne praktischerweise überall dabeisein. Und niemals ist ein Akku leer. Spielen ist auch etwas, was über alle Altersgrenzen hinweg funktioniert: Siebenjährige, Siebzehnjährige und Siebzigjährige können wenig gemeinsam haben außer einer Partie Halma. Und meiner Erfahrung mit Tanten und Großmüttern nach gewinnt üblicherweise die Siebzigjährige.

Ich weiß nicht genau, wie sie das machen: Aber meine Tante war im Rommé unschlagbar, meine Großmutter die Meisterin des Halma- und Mühlespiels. Dieses nonchalante Grinsen, wenn sie wieder eine Zwickmühle installiert hatte und sich anschickte, mich meiner sämtlichen Steine zu berauben, das bleibt mir ewig im Gedächtnis. Von Großmüttern lernen, das heißt zunächst einmal verlieren lernen. Und wenn man sie lange genug beobachtet, lernt man siegen.

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Spiele eröffnen aber auch die Konfrontation mit anderen Kulturen. In einer Hotellobby an einem verregneten Tag lernte ich von einer Schwäbin Binockel mit altdeutschen Karten, und auf einer langen Zugfahrt bekam ich von meiner italienischen Freundin und ihrem Vater Briscola und Scopa beigebracht, was man mit neapolitanischen Karten spielt. Alle diese Spiele verstand ich, Rommé verstand ich zunehmend gut, nur eins verstand ich nie: Skat.

Skat war das Spiel, was mein Klassenlehrer auf der Klassenfahrt spielte, weshalb immer ein zweiter Lehrer mitkommen mußte und keine weibliche Lehrerin, wie es eigentlich Vorschrift ist, und diese beiden hatten sich zwei etwas seltsame, weitgehend unbeliebte Schüler dazugeholt, um eine Viererrunde zu bilden. Wir fuhren nach München und tranken uns dort von Kloster zu Wirtshaus und wieder zurück (ein Glas dürfen wir, hieß es, aber so eine Maß ist ganz schön viel), während die Viererrunde zusammensaß und Skat spielte. Das Kulturprogramm bestand darin, an einem Vormittag fünf Kirchen abzulaufen, dann war am Nachmittag mehr Zeit zum Skatspielen. Skat blieb für mich ewig das Spiel der seltsamen, unbeliebten Schüler. Die Genialen spielten ja Schach.

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Doch es wird noch seltsamer, wenn man sich in die Gegenwart begibt. Anstatt ein kleines Päckchen Spielkarten mitzunehmen, schleppen Spielwütige heute elektronische Kästchen mit sich herum, die Töne machen und Strom brauchen. Abgesehen von den tragbaren Spielkisten kommt heute kein elektronisches Gerät mehr ohne Spiel aus: Mit dem iPod kann man spielen, mit dem Handy, mit dem Computer sowieso. Überall in den Foyers der Republik sitzen die Empfangsdamen und legen verbotenerweise virtuelle Patiencen, um Zeit totzuschlagen. In den S-Bahnen sitzen die Schüler und klicken auf ihren Telefonen herum. Wartezeit wird damit verkürzt und sich abgelenkt. Der gesellschaftliche Aspekt, den das Gesellschaftsspiel einmal hatte und das seinen Namen prägte, ist mittlerweile kaum mehr erkennbar.

Überall wird gespielt auf Teufel komm raus, aber immer alleine gegen den Computer, nicht gegen Tanten oder Großmütter. Wie unschlagbar der Computer sein soll, kann man einstellen, und er grinst nicht einmal nonchalant, wenn er einen besiegt. Vermutlich können Kinder damit taktisches Denken lernen und Probleme zu lösen, was bestimmt gut ist für den Weltmarkt. Aber was sie nicht lernen können, das ist, gegen einen anderen zu verlieren.


59 Lesermeinungen

  1. mark793 sagt:

    Sehr schöner Beitrag - und...
    Sehr schöner Beitrag – und eine nette Geste des Hotels, neben der Bibel auch das sogenannte „Gebetbuch des Teufels“ zur Zerstreuung anzubieten.
    Meine Großmutter war übrigens auch kaum zu schlagen bei Halma und Mühle, wobei sie für „Zwickmühle“ in ihrem Bauerndialekt ein etwas anderes Wort verwendete, das ich hier mal mit *ickmühle nur zart andeuten möchte.
    Ich selber habe Maumau, 66, Rommé und Canasta immer gern gespielt, wobei ich es aber nie zur Meisterschaft brachte, auch das „Reizen“ beim Skat hat sich mir nur mit einiger Mühe erschlossen. Dafür bin ich als einziger in meiner Familie irgendwann durch Versuch und Irrtum dahinter gekommen, wie man „Solitär“ (nicht die digitale Patience am Rechner, sondern das Spiel, bei dem man die Spielsteine mit Drüberhüpfen vom Brett nimmt, bis idealiter einer in der Mitte übrig bleibt) zum glorreichen Abschluss bringt.

  2. fraudiener sagt:

    Burtchen, daß...
    Burtchen, daß Warcraft-Multiplayer-Zocken so sozial sein kann wie Blogs führen, da haben Sie recht. Ich dachte da an etwas anderes: Ich hatte gestern in der S-Bahn das Vergnügen, neben einem Kind zu stehen, das ausdauernd nach „seinem Nintendo“ jammerte, mit der Begründung, es wolle spielen und zwar jetzt. Es gibt ja eine ganze Menge Dinge, die man in so einer Situation spielen kann, Ratespiele oder Ähnliches. Warum Nintendo? Das meine ich. Das Kind bekam sein Nintendo dann nicht zwecks Ruhigstellung, es bekam aber auch keine Alternative angeboten.
    .
    Tschonnie, zum Glück liegt fast überall ein Backgammon herum. Leider funktioniert der Link nicht, ich nehme aber mal an, es handelt sich um eine Taschenversion des Labyrinths?

  3. Rupolt sagt:

    Kompliment für Ihren feinen...
    Kompliment für Ihren feinen Stil, den ruhigen Tonfall, die erfreuliche Themenwahl. Sie berühren die verlorenen Zeit, die ich mir stets in Ihren Texten wiederfinden kann. Ich würde gern ein Buch von Ihnen lesen.

  4. Tschonni sagt:

    Das hoffte ich zu finden, aber...
    Das hoffte ich zu finden, aber es war ein Nintendo-Ds Version! 🙁

  5. ast sagt:

    Ich denke, dass Brett- oder...
    Ich denke, dass Brett- oder Kartenspiele eigentlich nie out waren. Es liegt auch daran sein Freizeitverhalten zu entschleunigen und sich der Muße eines analogen Spieles hinzugeben. Bei uns gibt es gerade in den Wintermonaten lange Spielnächte (auch für die Kids: Aufbleiben dürfen als Highlight). Ein weiteres Beispiel: 5 Tage auf einer Hütte im Schwarzwald mit Kindern zwischen 11 und 15 Jahren. Es war keine Elektronik an Bord – aber 3 Pokerkoffer unabgesprochen dabei. Und diese wurden rege genutzt.

  6. Paulchen sagt:

    Geehrte Frau Diener,
    danke...

    Geehrte Frau Diener,
    danke für diesen Artikel und die eventuelle Möglichkeit
    an leider nicht mehr anwesende Personen zu denken.
    Dieses von Ihnen beschriebene Grinsen kenne ich nur zu
    gut. Doch heute aus der Sicht eines “ alten“ Onkels er-
    kenne ich auch die Schwierikeit des Spielen`s.
    Soll ich Sie gewinnen lassen?
    Ich gebe ja zu manchen Lieblingsenkel oder Neffen zu bevorzugen,
    doch Ihn beim Halma oder Mühle spielen, zum Sieger werden zu lassen
    ist das schon etwas anderes. Wir mussten da auch durch, sind da durch?
    Was nun den Skat betrifft, so lernt sich dieses Spiel am besten
    durch Vater und Onkel, an dunklen Herbstabenden in der
    Aussicht als 12- jähriger sehr spät oder früh „morgens“ zu Bett zu gehen.
    Auch ist die Angst am nächsten Morgen beim Frühstück über
    falsche Entscheidungen belehrt zu werden ein “ guter “
    Lehrmeister.
    Wenn ich mit diesen Spielen Zeit verbringen, kann das Glück sehr nah sein.
    Herzlichst P.

  7. Raffy Ryff sagt:

    Karten spielende Menschen...
    Karten spielende Menschen erkranken seltener an Demenz.
    Zudem schüttet die Siebzigjährige bei der Zwickmühle das Glückshormon Endorphin aus, was ihrer Gesundheit äusserst zuträglich ist.
    .
    Zu jeder Schachtel Antidepressiva sollte gratis ein Gesellschaftsspiel abgegeben werden und der Staat in Hotellobies investieren: Domino(effekt) statt Abwrackprämie!

  8. fraudiener sagt:

    Mark, Sie haben das Reizen...
    Mark, Sie haben das Reizen auch nur mit Mühe verstanden? Da bin ich aber froh. Ich dachte schon, das sei wieder so ein Geschlechterding wie das Abseits bei Fußball (das ich inzwischen aber durchaus verstehe). Ein Solitär hatte ich auch, ein richtig schönes aus Holz. Da stellt sich die Frage: Wo sind diese Sachen eigentlich alle hingekommen?
    .
    Rupolt, ich danke sehr. Und ja, ich würde auch gern ein Buch von mir lesen. (Seufz. Da bohren Sie in einer Wunde.)
    .
    ast, wahrscheinlich ist das wirklich eine Frage der Muße, im Gegensatz zum mußefreien Nebenbei-Daddeln am Handy. Und damit eine andere Qualität des Spiels.
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    Paulchen, leider spielten bei uns in der Familie nur die Frauen. Und die spielten kein Skat, sondern eben Rommé. Die Männer spielten nicht, die lasen Zeitung (große, ernstzunehmende Weltpolitik und so). Nicht zu spielen nehme ich allerdings bis heute als Defizit wahr.
    .
    Zur Frage des Gewinnenlassens: Erst zeigen, wo der Hammer hängt, und das letzte Spiel als Trostpflaster gewinnen lassen. So ungefähr war das, und ich glaube, so ist es auch richtig. Mütter lassen viel zu oft gewinnen, da ist es an den Onkeln und Großeltern, den Kindern halbwegs realistische Grenzen aufzuzeigen. (Dafür konfigurieren sie einem dann das Email-Konto.)

  9. Liebe Andrea...
    Liebe Andrea Diener,
    Gesellschaftsspiele sind IMMER in. Die Umstände haben sich gewandelt, unter welchen gespielt wird. Hat einen früher immer die Oma beim ‚Mensch Ärgere Dich Nicht‘ gewinnen lassen, versuchen in der heutigen Zeit die Mitspieler/Gegenspieler dies zu verhindern. Elektronische Helferlein waren nie ernste Gefahr, eher Ablenkung, Vereinfachung der Solosituation. Schließlich hören die allermeisten auch Musik, auf CD, im iPod. Wer hat in der heutigen Zeit noch das Kammerorchester zu Hause oder den Pool aus Familienmitgliedern mit Kenntnissen min. 3 Instrumente ?
    Zwei ernsthafte Termine seien genannt:
    (1) Internationale Spieltage SPIEL 2009 – 22.Oktober bis 25.Oktober 2009 ( Essen )
    https://www.internationalespieltage.de/
    (2) Spielwiesn 2009 – 05.November bis 08.November 2009( München )
    https://www.spielwiesn.de
    Auch muß ich ‚auxtroisglobes‘ beipflichten. „German Games“ (oder auch: Eurogames) finden besonders in den USA und Asien sehr viele Anhänger. So wird ‚SPIEL 2009‘ für mich dieses Jahr nicht nur die Möglichkeit eine Messe zum Thema Gesellschaftsspiele zu besuchen, ja auch über das Internet geschloßene Freundschaften ‚live‘ dort zu vertiefen.

  10. elbsegler sagt:

    Dazu, dass die...
    Dazu, dass die Gesellschaftsspiele keineswegs tot sind, wurde hier schon genug geschrieben und dass viele Computerspieler nicht allein, sondern im Netz mit viel mehr Menschen zusammen spielen, als dass dies bei den alten Spielen möglich war, sei nur am Rande erwähnt.
    Manchmal treibt der Fortschritt aber auch seltsame Blüten. Das gute alte „Monopoly“ (entweder man hasst es, oder man liebt es, wobei diese Zustände auch zeitlich dicht aufeinander folgen können) habe ich kürzlich in einer modernen Variante gesehen, die das parallele Abspielen einer DVD erforderlich macht. Das ist eine „geniale“ Lösung. Für ein simples Brettspiel soll ich zusätzlich den Fernseher und DVD-Rekorder oder einen PC in Betrieb nehmen. Warum einfach, wenns auch kompliziert geht.
    Es geht aber nichts über ein Kartenspiel bei Regen. Wer über die Jugend von heute klagt, sollte sich fragen, wann er zum letzten Mal mit seinem/seiner Kind/Neffe/Nichte/etc ein Brett- oder Kartenspiel gespielt hat. Wir treffen bei diesem Thema regelmäßig auf große Begeisterung.

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