Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Vom Kuhstall in die Mitklatschhölle: Das Dirndl

| 54 Lesermeinungen

Auf dem Oktoberfestgelände marodieren wieder die alkoholisierten Horden durch die Festzelte, und jedes Jahr verkündet die Medienlandschaft, daß man wieder Dirndl trage. Aber was ist das für ein Ding, das Dirndl? Eine richtige Volkstracht eher nicht. Wo kommt es her, wenn wir uns schon dauernd anschauen müssen, wo es offenbar hingeht?

Man kann es ja leider nicht übersehen, weil man auf allen Kanälen damit zugeschüttet wird, wobei es die angeblich überregionale Tageszeitung aus München auf ihrer Website am Dollsten treibt: Die schlimmsten Wiesn-Sünden, der Wiesn-Knigge, Typologie der Wiesn-Zelte, Wiesn von A-Z, After-Wiesn-Locations, Promis auf der Wiesn, die schönsten Wadln auf der Wiesn, und alles das als mindestens zwanzigteilige Klickfalle. Und natürlich die schönsten Dirndl, als Bildstrecke in, richtig, zwanzig Teilen. Das Adjektiv, das all das entschuldigen soll, lautet zünftig.

Bild zu: Vom Kuhstall in die Mitklatschhölle: Das Dirndl

Aber wo kommt es her, das Dirndl? Es entstammt der bäuerlichen Arbeitsbekleidung, und als solches soll es immer wieder naturzugewandte Einfachheit und die Nähe zu Kuh und Alm demonstrieren, ganz ähnlich wie die Schäfertrachten im 18. Jahrhundert. Aber dort auf dem Land sind die Trachten nicht entstanden, denn die Bauern kopierten oft mit ihren Mitteln höfische oder städtische Kleidung, eigneten sich die Mode der Städter an und machten sie zu dem, was heute als Volkstracht bekannt ist und was eigentlich so etwas ist wie eine Momentaufnahme des Kleidungsverhaltens einer bäuerlichen Gemeinschaft irgendwann im 19. Jahrhundert. Denn Tracht ist nicht nur ein regionales Phänomen, es ist auch zeitliches und eins des Standes und der gesellschaftlichen Stellung. Und nicht nur in der Stadt, auch auf dem Land gab es Modeströmungen, auch wenn sie viel langsamer und abgeschwächter vonstatten gingen. Es ist also alles nicht so einfach.

Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts förderte die bayerische Obrigkeit das Tragen von Tracht, um das Nationalgefühl der Untertanen zu stärken – die Debatte einer Nationaltracht ist aber keine rein bayerische oder süddeutsche, sondern nahezu in ganz Europa zu finden. Das erste Münchner Oktoberfest im Jahre 1810 fand anlässlich der Hochzeit von Kronprinz Ludwig und Prinzessin Therese statt, damals war die Veranstaltung noch eine Mischung aus Pferderennen und Olympiade – der Antikenbegeisterung des Kronprinzen geschuldet. Auch damals schon wurde ein Umzug mit Kinder-Trachtengruppen für das Kronprinzenpaar organisiert, und zwar durch einen Verwaltungsjuristen namens Felix Joseph Lipowsky, der sich auch als Herausgeber einer Grafikreihe mit Abbildungen von Landestrachten hervortat. Was authentisch war, bestimmte er: Möglichst ländlich, möglichst althergebracht. So sollte sich das Volk im Kostüme vereint fühlen, und der Regent gab sich in Tracht gekleidet volksnah. Der zweite Oktoberfest-Trachtenumzug kam erst 1835 dazu, nun auch mit erwachsenen Trachtenträgern, der dritte 1895, und erst seit 1950 ist er obligater Bestandteil des Festes.

Bild zu: Vom Kuhstall in die Mitklatschhölle: Das Dirndl

Wo bleibt das Dirndl? Beginnen wir mit einer Definition: Das Dirndl ist ein Mädchen oder eine Magd, die dem Dirndlgewand ihren Namen lieh – und zwar ungefähr im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, vorher sprach man vom Heugwand, was auf eine Arbeitskleidung hinweist. Dieses Dirndlgewand ist ein Kleid, eng geschnitten, mit angesetztem Rock und einer Schürze dazu. Der Ausschnitt kann weit sein, wie heutzutage im Festzelt oft demonstriert wird, aber auch ganz hochgeschlossen. Unter dem ärmellosen oder kurzärmeligen Kleid trägt man eine Bluse, es gibt aber auch Winterdirndl mit langen Ärmeln. Der Stoff ist üblicherweise Baumwolle, Leinen oder Wolle. Das Verbreitungsgebiet ist unscharf, aber ungefähr der Münchner Raum, teilweise nach Süden hin ausfransend. 

Und jetzt kommen die Touristen: Nach der Adaption städtischer Moden durch die Bauern im 18. Jahrhundert schwappte das einfache Arbeitskleidchen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schließlich wieder zurück in die Städte, denn hier wurden gerade fröhlich Alpenvereine gegründet. Man pflegte sich als Alpintourist gern mit romantischen Insignien der Heimatliebe zu umgeben. Aber diese Bestrebungen hatten nicht nur die Städter, denn auch auf dem Land erkannte man zunehmend das Potential der Trachten, nicht nur für den Tourismus, aber auch. Und natürlich gründete man sofort auch Vereine, die man Gebirgstrachten-Erhaltungsvereine nannte. Die Tracht wurde zum Festtagsgewand für Dörfler, und das Dirndl zum Standardgewand der Sommerfrischlerin, besonders die Miesbacher Tracht wirkte dabei stilbildend, und trat von München und Salzburg aus einen Siegeszug durch die bürgerlichen Schneidereien an. Und was die Mode erst einmal in den Klauen hat, das verwurstet sie bis zur Unkenntlichkeit: Details der überlieferten Volkstracht werden als Versatzstücke behandelt und zu einem Gewand arrangiert, das vage volkstümelnd Traditionsverbundenheit signalisiert. 

Bild zu: Vom Kuhstall in die Mitklatschhölle: Das Dirndl

Seinen endgültigen, deutschlandweiten Durchbruch erlebt das Dirndl mit der Operette „Im Weißen Rössl am Wolfgangssee“, uraufgeführt 1930 im alpenfernen Berlin. Kurz erlebt die Tracht eine Blüte, etwa bei den Salzburger Festspielen mit dem Henndorfer Dirndl, in dem sich die Prominenz in der ersten Reihe angetrachtelt zeigt, danach wird es finster. Denn dann beginnt die Suche nach der urdeutschen Urtracht, bei der regionale Farb- und Formenvielfalt eher unerwünscht ist – gelenkte Kulturpflege war das Stichwort im Nationalsozialismus.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wühlte man sich tief in die Volkskunde, authentisch sollte es sein, gleichzeitig entstanden in den Fünfziger Jahren Heimatfilme am laufenden Band, die die Sommerfrischler-Tracht wieder populär machten. In der Verfilmung mit Johannes Heesters ist auch das Weiße Rössl am Start. Und so fährt die Dame von Welt wieder im alpinen Look in die Berge, knöpft Blusen halshoch zu, schnürt Dirndlmieder und bindet Schürzenschleifen.

Aber in den Folgejahren setzt etwas ein, was ich als Carolinreiberisierung des Dirndls bezeichnen möchte: Die Degradierung des Dirndls zum Rüschenkitsch in Softeisfarben. Die ältere Dame wählt eine Variante mit mehr Pluster und Rüschen, die sich gnädig über Halsfalten legen, die jüngere ein Glitzerkleidchen irgendwo zwischen Zirkusreiterin und Holiday on Ice.

Bild zu: Vom Kuhstall in die Mitklatschhölle: Das Dirndl

Aus der zeitlosen Tracht, dem konservierten Gewand, ist endgültig ein Modeartikel geworden, wie auch aus der Volksmusik im Fernsehen die volkstümliche Musik gerann: Mit einigen historischen Versatzstücken operierend, dem Zeitgeist folgend, sich modern gebend, aber Tradition ausstrahlen wollend. Man kann nicht alles haben, deshalb geht das so gnadenlos schief. Und das, was Trachten schön macht, die Einfachheit, die strenge Eleganz mit gezielt eingesetzter Opulenz in den Details, die fehlt den Schleifenorgien im Fernsehen völlig.

Und nach dem Muff der Mitklatschsendungen wird nun eine neue Trachtengeneration durch die Festzelte geschwemmt, die alles ironisch sehen will. Der Stilbruch ist mittlerweile Normalität, man trägt Bergstiefel zum Minidirndl, Seppelhut zum Seidenmieder und immer wieder Polyester. Niemand ist gefeit vor solchen Entgleisungen, die kollektive Entstellungswelle ergreift Alt wie Jung, Einheimische wie Auswärtige. Besonders schlimm ist es immer dann, wenn Menschen ein an sich schon hoffnungsloses Kleidungsstück dadurch zu legitimieren versuchen, daß es witzig sei, was so etwas Ähnliches ist wie zünftig, nur allgemeiner. Aber müßte man über Witzigkeit nicht lachen können, und warum treiben mir Hüte in Form von Bierfässern höchstens Tränen der Scham in die Augen?

Bild zu: Vom Kuhstall in die Mitklatschhölle: Das Dirndl

Noch gibt es alte Arbeitsdirndl aus vergangenen Jahrzehnten zu kaufen. Im Internet zu Spottpreisen, ebenso auf Flohmärkten in München und Umgebung für zehn, zwanzig Euro. Mit etwas Glück finden sich auch Winterdirndl aus Wollstoff, geknöpft oder gehakt, ohne Reißverschlüsse und mit dem charakteristischen Einstiegsschlitz unter der Schürze. Nicht mehr lange, klagte eine Flohmarktverkäuferin, die ausgesucht schöne Gebrauchtkleidung verkauft. Man müsse sich ranhalten. Und sowas kommt nicht mehr nach. Das gibt es nicht mehr. Was es gibt, sind die Billigausgaben aus Fernost, komplett für hundert Euro mit Bluse und Schürze. Die Designerdirndl aus Seide im vierstelligen Preisrahmen. Die Landhausmode, Leinensäcke mit Hirschhornknopf. 

Ich bleibe beim Gebrauchtdirndl. Wenn es nicht sexy genug sei, schlug eine andere Verkäuferin vor, könne ich es ja überm Knie kürzen. Ich werde mich hüten!


54 Lesermeinungen

  1. fraudiener sagt:

    Petz, genau, das Waschdirndl....
    Petz, genau, das Waschdirndl. Das ist mir das liebste. Darin kann man sogar Federball spielen.
    .
    Herr Fügner, so ein Dirndl ist ebenso körperbetont wie die Uniform. Und zwar vorteilhaft körperbetont.
    .
    Alter Bolschewik, beim Oktoberfest eines hiesigen Vereins sorgen die Egerländer Vertiebenen für das Trachtenflair. Nicht, daß da irgendetwas zusammenpaßt. Hauptsache bunt und die Weißwurst stimmt.
    .
    lustiger, ich habe die Theorie, daß Kleidung in Deutschland nie größer von Belang war. Zumindest ist es eine ziemlich ehrgeizlose Angelegenheit, die nicht ernst genommen wird und wenn, dann aus den falschen Gründen (Marken, Geld etc). (Übrigens besitze ich keine Jeans.)

  2. khaproperty sagt:

    Wo bleibt hier der...
    Wo bleibt hier der emazipatorische Ansatz!? Wo bleibt die Lederhose als Zierde aller maßgeblichen Männlichkeit? Jesses, Maria und Josef.

  3. Devin08 sagt:

    Nicht gerechter, aber...
    Nicht gerechter, aber wenigstens schöner
    @Diener: Die Schotten tragen aber keine Unterhose drunter, und es sind die Männer die das „Dirndl“ tragen, naja, das Unterteil davon. Im Übrigen ist es wirklich Geschmackssache, wer was tragen sollte oder darf. Aber Geschmack haben, das muss man lernen. Ich komme aus Unterfranken und musste als Bub immer eine kurze Lederhose tragen. Ich werde mich hüten, so etwas noch mal anzuziehen. Abgesehen davon, denke ich aber, dass Trachtenkleidung eigentlich nur Kindern steht (aber man sollte sie nicht zwingen dazu!). Aber die können ehe anziehen was sie wollen, die sehen immer gut drin aus, denn eben nur Kinder sehen vorbehaltlos gut aus, können fast alles und vor allem fast alle Farben tragen. Der Rest sollte sich bemühen etwas zu anzuziehen, das zu ihm passt, ihn nicht verunstaltet, seine Hässlichkeit nicht all zu sehr hervorkehrt. Farben, Farbenlehre, das wäre es, was die Leute begreifen sollten, dann wäre die Welt wohl nicht gerechter, aber wenigstens schöner.

  4. Morrissey sagt:

    Wie jedes Jahr bekommen halt...
    Wie jedes Jahr bekommen halt Regionen wie das Rheinland zu Karneval oder München zum Oktoberfest das übliche neidische Wadenbeißen von der FAZ zu spühren.
    Wenn es wenigstens halbwegs gut recherchiert wäre….
    Mei, wenn’s Spass macht.

  5. Tiroler sagt:

    waren Sie schon mal auf einer...
    waren Sie schon mal auf einer Hochzeit in Südtirol, Meran, Österreich, Schweiz oder im Süddeutschen Raum (Allgäu, Oberbayern, Oberschwaben)? Schon mal was vom Festtagsdirndl gehört? Ein Drindl taugt sogar als Hochzeitskleid!
    Oder schon mal auf dem Kocherlball im Engl. Garten gewesen?
    Fahren Sie doch mal in oben genannten Regionen übers Land oder gehen in die Kirche: Nur wegen dem Verbreitungsgebiet München.

  6. Hiwwelhubber sagt:

    ... im mal wieder desaströs...
    … im mal wieder desaströs verspäteren Zug von Berlin nach Frankfurt las ich gerade aus lauter Verzweiflung das ausliegende DB-Magazin – und darin gab’s den Artitel über eine Tusse, die das Punk Dirndl erfunden hat… leider hab ich den Namen vergessen.
    Aber vielleicht kommt hier einer drauf oder hat das Schmierenheft zur Hand?
    Schalkt der HH.

  7. Sepp Ganger sagt:

    Vor drei Jahren nach London...
    Vor drei Jahren nach London gezogen, hatte ich vor einigen Wochen eine geschäftliche Besprechung der sehr skurrilen Art:
    Meine Chefin (geboren in Bath) und eine externe Beraterin (aus Bournemouth) fingen nach den üblichen Fragen, woher ich denn eigentlich stamme (Bayern, in München geboren, aber noch nie auf dem Oktoberfst gewesen) eine angeregte und äusserst fachkundige Diskussion darüber an, welches Zelt auf dem Oktoberfest denn das beste sei.
    Dann schwärmten sie sich beide von ihren Dirndln vor, um mir schließlich zum Schluss noch zu erklären, mit welchen Anschaffungen sie demnächst selbiges zu perfektioniern gedächten.
    Das alles natürlich auf englisch, in London, im Meeting. Mit leuchtenden Augen.
    Mir blieb wieder mal nur übrig, denn lustigen Bayern zu spielen und zu lächeln…

  8. fraudiener sagt:

    sidewinderpeter & Morrissey,...
    sidewinderpeter & Morrissey, ich bin nicht „die FAZ“. Ich bin dort nicht einmal angestellt und habe dort auch kein Büro. Das hat Nachteile, aber auch Vorteile. Sprechen Sie mich ruhig persönlich an, ich spreche schließlich auch persönlich zu Ihnen. Sie, Morrissey, könnten mir eventuell ein paar Hinweise geben, was genau in diesem Artikel schlecht recherchiert ist. Das interessiert sicherlich auch die Verfasser meiner Lektüre.
    .
    Tiroler, das Verbreitungsgebiet München bezog sich auf das Urdirndl im 19. Jahrhundert. Aber das ist in diesem Absatz nicht ganz deutlich, da haben Sie recht. Das Festtagsdirndl wiederum ist eine eher neue Erfindung, denn das schloß sich ursprünglich aus wie Gummistiefel und Abiball.
    .
    Hiwwelhubber, eine Frau Zwerenz produziert sowas und ist erreichbar unter www dirndlpunk de. Meinen Sie die? (Auf ihrer Seite schreibt sie, ihre Dirndl seien „frei von Gelerntem“. Mei.)

  9. Manni1000 sagt:

    @devin08: ich komme aus...
    @devin08: ich komme aus frankfurt und „durfte“ eine kurze lederhose tragen. hatte immer viel spass mit/in ihr, leider bin ich aus ihr rausgewachsen, da konnte selbst omi nix mehr machen ;-((
    letzte woche hat sich mein nachbar ueber den dress-code bei seiner arbeit aufgeregt. jetzt will er sich allen ernstes eine kurze lederhose zulegen, denn die ist (noch) nicht verpoent! aber wo kriegt man in arizona lederhosen her ?? vorletztes wochenende war ich auf einem der vielen auch hierzulande stattfindenden „oktoberfeste“. die musi hod sche aufgspuid und die trachtengruppen hod recht ordenli danzt und zuenfti gschuapladlt, des wor fast wia dahoam! ebenso die bierpreise: 0,33 flasche paulaner 4,50$. — gibts bei uns ueberhaupt so kleine flaschen, oder sind die nur fuer den export ??

  10. Sehr geehrte Frau...
    Sehr geehrte Frau Diener,
    vielen Dank für den Link.
    Die Kittelschürze, oder die Schürze allgemein, worin trägt man sonst Kartoffeln, wenn man keinen Eimer oder Korb dabei hat, ist halt doch ein wichtiger und nützlicher Gebrauchsgegenstand (vielleicht ähnlich wie Ihr Gebrauchtdirndl). Und allesamt kleidsamer als die Schlabberjogginghose und das alte T-Shirt, darin würde sich jeder vor dem Pfarrer schämen, wenn der mal vorbei schaut. Im Gebrauchtdirndl oder auch in der Schürze erkennt jeder, dass man seine Pflicht tut ;-).
    Einen schönen sonnigen Tag.

Kommentare sind deaktiviert.