Ding und Dinglichkeit

Den Winter wegignorieren: Der Heizpilz

Wir sind alle so durchmediterranisiert, wir essen nur noch Pasta statt Nudeln mit Pesto statt Soße, wir sitzen mit Espresso auf der Piazza statt mit Filterkaffee auf der Sonnenterrasse und entkalken den Wasserkocher mit Balsamico. Ja, wir hier in Deutschland arbeiten hart an unserem Dolce Vita, wir schauen alle böse an, die noch Gnotschi sagen und Lambortschini, keine Frage, und die ganz Schlauen unter uns kennen sogar alle richtigen Pluralformen. Eigentlich sind wir innerlich schon richtige Italiener, so leicht und entspannt und temperamentvoll, und wenn einer uns blöd kommt, dann beschimpfen wir ihn: Du bist so typisch deutsch, sagen wir, und dann geht er in die Ecke und schämt sich.

Nur eine Kleinigkeit, die hält uns noch ab vom korrektestmöglichen Italienersein, die sorgt dafür, daß wir uns öfter als geplant in rustikale Gaststuben mit Butzenscheibenimitat zurückziehen, um Gänsekeulen mit Rotkraut zu essen, und das ist unser wirklich beschissenes Wetter hier im Norden. Damit können wir uns einfach nicht abfinden. Schauen Sie nur einmal nach draußen: Es nieselt, es ist kalt, seit Tagen läßt sich die Sonne nicht blicken. Hinten am Horizont ragt der Schornstein des Heizkraftwerkes empor und bläst entweder eine dunkelgraue Wolke in den hellgrauen Himmel oder eine hellgraue Wolke in den dunkelgrauen Himmel. Und so geht das monatelang. Da wird einem mental einiges abverlangt.

Aber zum Glück sind wir Deutschen nicht umsonst bekannt und gerühmt als Nation der Techniker und Tüftler, als Heimat der fortgeschrittenen Ingenieurskunst. Es gibt nichts, was wir nicht mit Stahl und ein paar Schrauben lösen könnten. Und wenn das Wetter uns querkommt, dann kontern wir mit Heizpilzen. 

Diese flüssiggasbetriebenen stationären Strahlungsheizungen, offiziell als Terrassenstrahler bezeichnet, verbrauchen ja leider Unmengen an Energie. Pro Stunde frißt so ein Ding ein knappes Kilo Gas und verursacht dem Wirt Kosten von etwa 1,50 Euro, die er allerdings wieder einnimmt: Sein Lokal wird ja durch die Mitbenutzung der Straße locker doppelt so groß. Die wirtschaftliche Bilanz geht also in Ordnung, die klimatische nicht ganz: Bei mehrstündiger Betriebszeit pro Tag stößt so ein Pilz aufs Jahr gerechnet soviel Kohlendioxid aus wie ein durchschnittlicher Mittelklassewagen, nämlich etwa vier Tonnen. Deshalb hat der Heizpilz nicht nur Freunde, es gibt auch immer wieder Bestrebungen, ihn gänzlich zu verbieten. Aber er hält sich hartnäckig, denn in Sachen Dolce Vita kennen wir keinen Spaß. Vor allem Raucher wissen ihn zu schätzen, wenn sie, aus der Gaststube vertrieben, draußen am Stehtisch Nikotin nachladen müssen.

Der Heizpilz zieht aber noch anderes nach sich, denn er verändert die Bedingungen, unter denen Straßencafés arbeiten, grundlegend. Zum Beispiel vermehren sich die sogenannten Einhausungen drastisch, das sind zeltartige Anbauten aus meist transparentem Plastik, die sich nun plötzlich jeder Metzger leistet, damit die werte Kundschaft in angenehm temperiertem Umfeld die Worscht zu sich nehmen kann. Eine Art Verlängerung des Geschäftes in den öffentlichen Raum hinein.

Wer dieser Tage über die Frankfurter Freßgass flaniert, sucht vergeblich nach Ladenfronten: Ein Zelt nach dem nächsten wuchert die Straße zu und zeigt sein häßliches Plastikgesicht, darin sitzen dick eingepackt die Gäste auf Caféhausmobiliar nicht richtig drinnen und nicht richtig draußen, sondern in einer Art sehr großem Windfang und halten sich am Macchiatoglas fest. Die Wärmeverteilung darin stellt sich nämlich leicht lagerfeuerhaft dar: Von hinten oder oben rösten die Heizstrahler, während die andere Körperhälfte der Kälte anheimfällt. Die gut durchgewärmte Gaststube scheint offenbar weniger attraktiv als die archaische Heizsituation am Gaspilz. Aber man ist halt doch irgendwie draußen auf der Piazza, auch im Winter, und schaut durch Plastikfolie den dahineilenden Passanten nach. Dolce Vita: Was muß, das muß.

Die richtig modernen urbanen Gastronomieangebote in der Innenstadt sind da noch konsequenter und räumen ihre Sommergarnituren gar nicht mehr weg. Was einst temporär die Straßen bemöbelte ist nun Dauerzustand, nach draußen verlegte Gaststuben ohne Ladenmiete. Die Sonnenschirme bleiben auch gleich stehen und bekommen eine neue Aufgabe zugewiesen: Sie halten jetzt notdürftig die Wärme unten. Gerade hat auf der Zeil der neue Cafépavillion eröffnet und mitten im November die Bänke auf dem hölzernen Terrassenboden abgestellt, Heizstrahler drübergehängt, paßt. Und Sitzbänke, breit und tief und gepolstert, gruppieren sich um couchtischartige Abstellflächen.

Denn die neue Dauerhaftigkeit wirkt sich auch auf die Sitzgelegenheiten selbst aus: Nicht mehr die zierlichen Draht- oder Rattanmöbelchen von einst, die sich so leicht wegtragen lassen, stehen vor den Cafés, nein: Es wird geloungt, bis der Körper in die Kompletthorizontale gerutscht ist. Breite Sofas, so schwer, daß ein Mann sie nicht alleine heben kann, bilden rechtwinklige Sitzinseln. Darauf liegen dicke Koltern bereit wie bei Oma am Fernsehsessel, Werbekuschelkissen von Zigarettenmarken, das Ganze an flachen Tischen, an denen man nicht essen kann, aber gerade noch halb liegend die Latte drauf abstellen. Dort sitzt man nicht, dort fläzt man zwischen Stehaschenbecher und Buchsbaumkugel und tut so, als wäre noch nicht Winter, als wäre einfach nie Winter. Winter wollen wir nämlich nicht, der ist so typisch deutsch. Geh in die Ecke, kalte Jahreszeit, und schäm dich.

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