Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Den Winter wegignorieren: Der Heizpilz

| 65 Lesermeinungen

Das Straßencafé ist jetzt ganzjährig geöffnet. Möglich macht es der Heizpilz, der unter Sonnenschirmen und Plastikzelten brennt und für einen immerhin provisorischen Sommer sorgt. Dort loungt der moderne Großstadtmensch auf tiefen Sofas zwischen Decken und Kissen und ignoriert bei einem Glas Latte den Winter weg.

Wir sind alle so durchmediterranisiert, wir essen nur noch Pasta statt Nudeln mit Pesto statt Soße, wir sitzen mit Espresso auf der Piazza statt mit Filterkaffee auf der Sonnenterrasse und entkalken den Wasserkocher mit Balsamico. Ja, wir hier in Deutschland arbeiten hart an unserem Dolce Vita, wir schauen alle böse an, die noch Gnotschi sagen und Lambortschini, keine Frage, und die ganz Schlauen unter uns kennen sogar alle richtigen Pluralformen. Eigentlich sind wir innerlich schon richtige Italiener, so leicht und entspannt und temperamentvoll, und wenn einer uns blöd kommt, dann beschimpfen wir ihn: Du bist so typisch deutsch, sagen wir, und dann geht er in die Ecke und schämt sich.

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Nur eine Kleinigkeit, die hält uns noch ab vom korrektestmöglichen Italienersein, die sorgt dafür, daß wir uns öfter als geplant in rustikale Gaststuben mit Butzenscheibenimitat zurückziehen, um Gänsekeulen mit Rotkraut zu essen, und das ist unser wirklich beschissenes Wetter hier im Norden. Damit können wir uns einfach nicht abfinden. Schauen Sie nur einmal nach draußen: Es nieselt, es ist kalt, seit Tagen läßt sich die Sonne nicht blicken. Hinten am Horizont ragt der Schornstein des Heizkraftwerkes empor und bläst entweder eine dunkelgraue Wolke in den hellgrauen Himmel oder eine hellgraue Wolke in den dunkelgrauen Himmel. Und so geht das monatelang. Da wird einem mental einiges abverlangt.

Aber zum Glück sind wir Deutschen nicht umsonst bekannt und gerühmt als Nation der Techniker und Tüftler, als Heimat der fortgeschrittenen Ingenieurskunst. Es gibt nichts, was wir nicht mit Stahl und ein paar Schrauben lösen könnten. Und wenn das Wetter uns querkommt, dann kontern wir mit Heizpilzen. 

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Diese flüssiggasbetriebenen stationären Strahlungsheizungen, offiziell als Terrassenstrahler bezeichnet, verbrauchen ja leider Unmengen an Energie. Pro Stunde frißt so ein Ding ein knappes Kilo Gas und verursacht dem Wirt Kosten von etwa 1,50 Euro, die er allerdings wieder einnimmt: Sein Lokal wird ja durch die Mitbenutzung der Straße locker doppelt so groß. Die wirtschaftliche Bilanz geht also in Ordnung, die klimatische nicht ganz: Bei mehrstündiger Betriebszeit pro Tag stößt so ein Pilz aufs Jahr gerechnet soviel Kohlendioxid aus wie ein durchschnittlicher Mittelklassewagen, nämlich etwa vier Tonnen. Deshalb hat der Heizpilz nicht nur Freunde, es gibt auch immer wieder Bestrebungen, ihn gänzlich zu verbieten. Aber er hält sich hartnäckig, denn in Sachen Dolce Vita kennen wir keinen Spaß. Vor allem Raucher wissen ihn zu schätzen, wenn sie, aus der Gaststube vertrieben, draußen am Stehtisch Nikotin nachladen müssen.

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Der Heizpilz zieht aber noch anderes nach sich, denn er verändert die Bedingungen, unter denen Straßencafés arbeiten, grundlegend. Zum Beispiel vermehren sich die sogenannten Einhausungen drastisch, das sind zeltartige Anbauten aus meist transparentem Plastik, die sich nun plötzlich jeder Metzger leistet, damit die werte Kundschaft in angenehm temperiertem Umfeld die Worscht zu sich nehmen kann. Eine Art Verlängerung des Geschäftes in den öffentlichen Raum hinein.

Wer dieser Tage über die Frankfurter Freßgass flaniert, sucht vergeblich nach Ladenfronten: Ein Zelt nach dem nächsten wuchert die Straße zu und zeigt sein häßliches Plastikgesicht, darin sitzen dick eingepackt die Gäste auf Caféhausmobiliar nicht richtig drinnen und nicht richtig draußen, sondern in einer Art sehr großem Windfang und halten sich am Macchiatoglas fest. Die Wärmeverteilung darin stellt sich nämlich leicht lagerfeuerhaft dar: Von hinten oder oben rösten die Heizstrahler, während die andere Körperhälfte der Kälte anheimfällt. Die gut durchgewärmte Gaststube scheint offenbar weniger attraktiv als die archaische Heizsituation am Gaspilz. Aber man ist halt doch irgendwie draußen auf der Piazza, auch im Winter, und schaut durch Plastikfolie den dahineilenden Passanten nach. Dolce Vita: Was muß, das muß.

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Die richtig modernen urbanen Gastronomieangebote in der Innenstadt sind da noch konsequenter und räumen ihre Sommergarnituren gar nicht mehr weg. Was einst temporär die Straßen bemöbelte ist nun Dauerzustand, nach draußen verlegte Gaststuben ohne Ladenmiete. Die Sonnenschirme bleiben auch gleich stehen und bekommen eine neue Aufgabe zugewiesen: Sie halten jetzt notdürftig die Wärme unten. Gerade hat auf der Zeil der neue Cafépavillion eröffnet und mitten im November die Bänke auf dem hölzernen Terrassenboden abgestellt, Heizstrahler drübergehängt, paßt. Und Sitzbänke, breit und tief und gepolstert, gruppieren sich um couchtischartige Abstellflächen.

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Denn die neue Dauerhaftigkeit wirkt sich auch auf die Sitzgelegenheiten selbst aus: Nicht mehr die zierlichen Draht- oder Rattanmöbelchen von einst, die sich so leicht wegtragen lassen, stehen vor den Cafés, nein: Es wird geloungt, bis der Körper in die Kompletthorizontale gerutscht ist. Breite Sofas, so schwer, daß ein Mann sie nicht alleine heben kann, bilden rechtwinklige Sitzinseln. Darauf liegen dicke Koltern bereit wie bei Oma am Fernsehsessel, Werbekuschelkissen von Zigarettenmarken, das Ganze an flachen Tischen, an denen man nicht essen kann, aber gerade noch halb liegend die Latte drauf abstellen. Dort sitzt man nicht, dort fläzt man zwischen Stehaschenbecher und Buchsbaumkugel und tut so, als wäre noch nicht Winter, als wäre einfach nie Winter. Winter wollen wir nämlich nicht, der ist so typisch deutsch. Geh in die Ecke, kalte Jahreszeit, und schäm dich.


65 Lesermeinungen

  1. zonebattler sagt:

    Die dummbratz'schen...
    Die dummbratz’schen Erinnerungen an „die Tradition der frühen Kioske in Pilzform“ seien hier dahingehend präzisiert, daß diese ursprünglich als „Milchpilze“ konzipiert waren, siehe
    https://www.pilzkiosk.de
    Deren Umweltbilanz war sicher allemal zu loben!

  2. eriktheodor sagt:

    Der Erfolg der Heizdinger ist...
    Der Erfolg der Heizdinger ist aber schon verwunderlich, wird sonst in Deutschland beim kleinsten Hauch bewegter Luft schon Theater veranstaltet, wenn’s mal nicht Scheißwetter hat.
    „Es zieht junger Mann, schließen sie bitte das Fenster!“ – aber bei 30 Minusgraden draußen hocken. Die Welt ist schlecht.

  3. fraudiener sagt:

    Gärtner, ja, Botticelli ist...
    Gärtner, ja, Botticelli ist ein Grund. Am besten jetzt bald gehen, bevor im Dezember die ganzen Scharen einfallen, die immer mit dem Weihnachtsmarkt anreisen. Und gleich noch nach nebenan ins Liebighaus. Einkehren würde ich dann allerdings in einem der vielen Museumscafés.
    .
    Zonebattler, danke für die Verlinkung dieser wunderbaren Website.

  4. elbsegler sagt:

    Heizstrahler in der...
    Heizstrahler in der Außengastronomie sind nun alles andere als neu. Früher waren es elektrisch betriebene Infrarotstrahler, die eben den Nachteil hatten, einen Stromanschluss zu brauchen. Der (Gas-)Heizpilz kann überall aufgestellt werden. Optisch sind diese Dinger nicht immer eine Delikatesse und so manches gerät ist von so mieser Qualität, dass es kaum einen Winter durchhält. Es ist wohl weniger der Italiener in uns, der dafür sorgt, dass überall diese Heizpilze aus dem Boden schießen, sondern der sogenannte Nichtraucherschutz. Welcher Wirt kann es sich leisten, die Raucher ganz zu vergraulen. Da ist der Kaffee oder das Bierchen unter dem Heizpilz für Nikotinabhängige ein naheliegendes Angebot. Eigentlich nur kundenfreundlich, dieser Trend. Unsere rührigen Stadtverwaltugen, die beim Einnehmen von Sondernutzungsgebühren von Wirten nicht gerade zimperlich sind, freuen sich auch über die verlängerte Freiluftsaison. Irgendwelche wuchernden Zeltstädte sind rechlich auch zuverlässig zu vermeiden. Wo es sie gibt, sind sie von der Stadt genehmigt (meistens). Kein Grund zur Aufregung also. Ach so, die Klimakatastrophe! Indirekt ist jetzt also der Raucher nicht nur an seinem eigenen Tod und dem der „Passivraucher“ schuld, sondern auch daran, dass seinetwegen die Eisbären am Nordpol von ihren Schollen geheizt werden. Da die Tiere nicht mehr zu Pelzmänteln verarbeitet werden dürfen, wie wir beim Don lesen müssen, kann sich der Raucher auch nicht mit Eisbärenfell vor der Kneipe wärmen. Also muss er unter den Heizpilz. Ein Teufelskreis.

  5. N.W. sagt:

    Frankfurt ist auch so schon...
    Frankfurt ist auch so schon unsagbar haesslich — da kommt’s auf ein paar Plastik-Vorbauten auch nicht mehr an.

  6. Observator sagt:

    Nichts gegen Heizpilze, ich...
    Nichts gegen Heizpilze, ich bin Raucher und freue mich im Winter über jede Form wärmender Flora und Fauna, aber die Zeil wird durch’s Draußen-sitzen-können auch nicht besser. Ganz gleich, ob sommers oder winters, ich finde sie einfach nur scheusslich. Meiner Ansicht nach eine der am wenigsten charmanten Ecken von Frankfurt. Dann sitze ich doch lieber vor’m Opitz. Und da fällt mir gerade ein: Haben die da eigentlich auch Heizpilze?

  7. rocinante sagt:

    letzen Sommer war ich in...
    letzen Sommer war ich in München und Umgebung im Urlaub, und war sehr überrascht dass es überall Espresso und Latte Macchiatto, gibt, der Eiskaffee wurde zum Affogato, und am Abend trinkt man Aperol.
    Ich lebe seit Jahren in Spanien und fand es sehr amüsant, wenn nicht schon lächerlich.
    Wenn sie sich fragen warum in Rom oder Barcelona im Winter die Strassencafés beheizt werden, ist die Antwort ganz einfach, die Einheimischen frieren eben schon bei 10ºC plus.

  8. Der Gärtner sagt:

    Die Heizpilze haben, so denke...
    Die Heizpilze haben, so denke ich, Ihre Berechtigung, denn so kann man auch in der dunklen Jahreszeit convivialité, das Miteinander auf der Strasse leben. Der Heizpilz ist somit ein Instrument des Zusammenseins zu Zeiten wo Familie eher auf dem Rückzug ist und das Singledasein in Städten die Regel wird. Es rechnet ja auch keiner ernsthaft die Oekobilanz von Single-Haushalten, Single-Portionen von Lebensmittelverpackungen, Heizen der Wohnungen für nur eine Person, Single Zweitwohnungen am Tegernsee..etc… Bei all diesen CO2-trächtigen Grösst- Verschwendungen sollte man doch grosszügig das bisschen Gas übersehen, das aus dem Heizpilz flimmert.

  9. molosovsky sagt:

    Laut google haben die...
    Laut google haben die Engländer 1856 die ersten kommerziellen *patio heaters* hergestellt.

  10. E.R.Nest sagt:

    @Elbsegler: den Gedanken hatte...
    @Elbsegler: den Gedanken hatte ich auch grade – der Heizpilz als Fluch der guten (?) Tat, keine Pelze mehr zu tragen. Die Methode „Ausstieg aus der Kernkraft auch wenn es den CO2-Ausstoss massiv erhöht“ funktioniert also auch im Kleinen.
    @ der Gärtner: Ist Ihnen mal der Gedanke gekommen, daß man das Miteinander auch in geschlossenen Räumen veranstalten kann.
    Conclusio: Der Heizpilz ist der SUV des Möchtegern-Italieners.

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