Ding und Dinglichkeit

Im toten Winkel der Poesie: Die Plastiktüte

Ich hätte es wissen müssen, als ich mich auf den Platz direkt neben dem Mann mit der gebraucht aussehenden Plastiktüte setzte. Bei Lesungen oder Ausstellungseröffnungen tauchen immer diese Männer mit gebraucht aussehenden Plastiktüten auf, und die sind alle ein bißchen irr. Die meisten kommen nur, wenn der Eintritt frei ist und besonders dann, wenn es was umsonst gibt und ganz besonders dann, wenn es Wein umsonst gibt. Dieser Abend war also ganz nach dem Geschmack des Mannes mit der Plastiktüte.

„Haben Sie schon einmal an so einer Veranstaltung teilgenommen?“ fragte er mich, kaum, daß ich mich gesetzt und die Handschuhe ausgezogen hatte. 
„Wie – im Publikum? Ja, durchaus“, sagte ich.
„Ist das heute Abend eine Lesung oder eine Podiumsdiskussion?“ fragte er.
„Eine Lesung“, sagte ich leicht irritiert. Ich denke ja immer, Menschen, die auf Lesungen gehen, sind wenigstens grob darüber orientiert, was sie sich da gleich zu Gemüte führen. Anscheinend nicht alle.

Der Plastiktütenmann klärte mich dann darüber auf, daß er öfter hier am Hause vorbeigehe und nun einmal an so einer Veranstaltung teilnehmen wolle. Dabei krallte er sich an seiner Plastiktüte fest, an der er sich augenscheinlich schon so oft festgekrallt hatte, daß die Farbe ganz abgewetzt war und das weiße Material hervorschien wie bei einer Moonwashed-Jeans aus den Achtzigerjahren.

Die abgewetzte Plastiktüte ist die Handtasche des einsamen alten Mannes. Meist schon mehr als ein bißchen wunderlich und mit einer leichten Neigung zum Suff stopft er die Plastiktüte voll mit Zeitungen, wahllos zusammengesammeltem Informationsmaterial und anderen Dingen, ohne die er das Haus nicht zu verlassen sich in der Lage sieht und begibt sich auf seine abendliche Wanderung durch die Kulturinstitutionen der Stadt. Er ist sehr höflich, spricht jeden an und riecht meist etwas streng. Es gibt ihn in jeder Stadt, bei nahezu jeder Veranstaltung und manchmal auch in weiblicher Ausführung. Manchmal erzählen sie einem ihr Leben, dann erfährt man, daß sie seit 40 Semestern Germanistik studieren.

Vorne auf dem Podium liest ein junger Lyriker, und während die Wörter an mir vorbeihuschen, denke ich über die Melancholie der Plastiktüte im Endstadium nach. Denn der Beginn ist ja so hoffnungsfroh, wenn im Laden Frischgekauftes in die Tüte gepackt und stolz nach Hause getragen wird. Sie ist ein Symbol gerade eben vollzogenen Konsumverhaltens, seht her, ich tu was für die Wirtschaft, ich habe gerade eben dazu beigetragen, einen Arbeitsplatz zu erhalten. Man tut heute ja nichts mehr einfach so privat, kaufen oder Kinderkriegen, man tut es für das ökonomische Wohlergehen des geschätzten Vaterlandes.

Dann tritt die Plastiktüte ihren ersten Gang an, bis sie im Heim des Käufers ankommt. Alles, was nun folgt, ist schon eine Zweitverwertung, für die sie nicht hergestellt wurde. Sie deckt Dinge ab, die nicht naßwerden sollen, sie transportiert Gegenstände, die keine Griffe haben, sie wird mit alten Kissen gestopft und als Knieposter für Gartenarbeit verwendet – ihre Einsatzgebiete sind mannigfaltig und immer irgendwie provisorisch. Man verwendet sie, wenn man nichts besseres hat. Die Nachkriegsgeneration konnte mit einer Plastiktüte, etwas Draht und Isolierband praktisch alles reparieren. So jemand war auch mein Großvater: Immer mehr kaputte Gegenstände im Haus wurden durch Konstruktionen aus diesen drei Materialien ersetzt, was nicht schön war, aber billig. 

Ein besonders abgewetztes Exemplar, auf dem man die Hertie-Rosette kaum noch erkennen konnte, nahm Gartenschere und Handrechen auf und kam regelmäßig einmal in der Woche mit zum Friedhof. Es hing in seiner ganzen in Würdelosigkeit gealterten Pracht am Lenker des Fahrrads, bis mein Großvater wieder zu Hause ankam und die Tüte die Woche über an einem Haken im Keller hing. Jahrelang lebte diese Plastiktüte mit uns. Und als sie endlich einen Riß bekam, was lange dauerte, wurde sie noch immer nicht ersetzt, obwohl sich neue, kaum gebrauchte Plastiktüten massenweise im Haushalt einfanden. Man trennt sich nicht so leicht.

In Österreich gilt das Plastiksackerl als Ausweis von zerstreuter Genialität. Der bekennende Messie Hermes Phettberg sammelt Staub jahrgangsweise und die Jagdbeute täglicher Sammeltouren in solchen Sackerln, dem Wiener Opernspezialisten Marcel Prawy dienten sie einstmals als Organisationsgrundlage seines Daseins. In rund tausend beschrifteten Sackerln sammelte er Dokumente, die er nach seinem Tod der Stadt Wien vermachte. In Phettbergs legendärer Sendung „Phettbergs Nette Leit Show“ tauschten sich die beiden einstmals über ihren Sackerlfetischismus aus (Teil 1, Teil 2), der vom Hosensackerl über das Papiersackerl schließlich im Plastiksackerl seine Apotheose findet: „Das Plastiksackerl ist das Heiligtum“, befand Prawy. Dies ist das Land, in dem eine große Supermarktkette mit drei- und überdimensionalen, leuchtenden Sackerln als Logo wirbt, davon können wir nur lernen.

Aber auch ohne Dichter ist die Plastiktüte zur Poesie fähig, wie eine schöne Sequenz aus dem Film „American Beauty“ zeigt. Von diesen wenigen Ausnahmen abgesehen aber fristet die Plastiktüte eine unbeachtete Existenz im toten Winkel der Gegenwartskultur. Edle Geschäfte, die viel auf sich halten, verwenden keine Plastiktüten, dort gibt es Papiertüten mit Schnurgriff und fest gefaltetem Boden, wie ein Karton. Mit dem ordinären Gegenstand Plastiktüte möchte man sich dort nicht gemein machen, denn sie hat immer etwas billiges an sich, auch in ganz neuem, noch leicht stinkendem Zustand frisch vom Block. Der Rest der Menschheit greift mittlerweile zum handbedruckten Leinensackerl mit Heimatmotiv, das den etwas drögen Jute-statt-Plastik-Beutel abgelöst hat, während das praktische, faltbare Einkaufsnetz in Regenbogenfarben mit Druckverschlußetui nahezu ausgestorben ist. Zusammen mit einem zweiten Druckverschlußttui, das eine Regenhaube aus Plastik beinhaltete, war es einstmals unverzichtbarer Bestandteil ein jeder Tantenhandtasche.

Der junge Lyriker beendete seine Lesung, es folgte die Einladung zum Wein im Foyer.
„War ganz interessant, oder?“ sagte der Plastiktütenmann zu mir.
„Ja, war es“, sagte ich.
Wir standen gleichzeitig von unseren Stühlen auf, dann verlor ich ihn aus den Augen. Im Foyer traf ich ihn wieder, er stand vor mir am Ausschank. Es gehört zu den unheimlichen Fähigkeiten des Plastiktütenträgers, stets der erste beim Wein zu sein. Er nahm sich noch eine Brezel, setzte sich mit Glas und Tüte aufs Sofa, während ich noch in der Schlange stand, und begann mit wohldosierter Penetranz, auf eine dort bereits sitzende Dame einzureden. Er verhielt sich, kurz gesagt, völlig plastiktütenträgerkonform.

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