Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Haus, Auto, Großmutter: Das Fotoalbum

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Fotoalben sind oft nicht sonderlich phantasievoll, dafür aber umso liebevoller gestaltet und mitunter die einzige Möglichkeit, längst verblichene Verwandte kennenzulernen. Allerdings nie im Alltag, denn der wird völlig ausgeblendet. Film ist schließlich teuer und nur etwas für Festtage. Und was hat sich eigentlich seit der Erfindung der Digitalfotografie geändert?

Achtung, gleich kommt das Vögelchen. Sag cheese! Und da sitzt man also zwischen Tanten und unter Weihnachtsbäumen und sagt cheese, erstarrt in einer Pose, die natürlich wirken soll, es aber nie ist und am Ende auch so aussieht. Der Blitz wäscht einem die Gesichtszüge aus, wirft einen finsteren Schlagschatten auf beige Cordpolster und die grünliche Wabentapete dahinter, während der Hintergrund in dunklem Matsch ersäuft, aber das macht nichts. Es geht hier nicht um Schönheit.

Das lichtbildnerische Zeugnis unserer Anwesenheit in jenem Wohnzimmer 1979 wird in ein Album geklebt, sorgsam beschriftet mit den Namen, dem Ereignis und einer Jahreszahl. Das ist für uns, als Erinnerung, und für die Nachgeborenen, damit sie wissen, daß es uns gab und in welchen scheußlichen Wohnzimmern wir gelebt haben. Das war mal modern, wir hatten damals nichts anderes.

Bild zu: Haus, Auto, Großmutter: Das Fotoalbum

Zwischen feinstem Seidenpapier mit Spinnwebprägung ruht die Geschichte des Aufstiegs bundesrepublikanischer Familien. Schau, da hat die Oma noch gelebt, und die Tante Hedwig. Namen, von denen man einmal gehört hat, ganz früher und ganz fern, Gesichter, die man nicht kennt, dicke Brillen darin und seltsame Frisuren obendrauf und darunter Kleider aus Polyester mit Lurexfäden. So sitzen sie auf Sofas oder in Restaurants, stehen mit Wanderrucksack im Wald oder feiern mit ihren Kindern im Garten Geburtstag. 

Die Familiengeschichte, wie sie sich im Album darstellt, ist eine Geschichte, die sich von Fest zu Fest hangelt und von Urlaub zu Urlaub. Das liegt vor allem daran, daß nur zu besonderen Anlässen die Kamera herausgeholt wurde, das gute Stück, und Film ist teuer und Abzüge erst recht, jedes Bild kostet Geld. Der männliche Teil der Verwandtschaft übernahm meist die Bedienung der Technik, wie sich das gehört, es gab ja noch keine Automatik damals, und man mußte alles mit der Hand einstellen. Die Sonne scheint, der Himmel lacht, ein Hundertstel und Blende acht. Sehr zappelige Kinder sind immer von einem Hauch Unschärfe umweht.

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Die Sujets sind wenig einfallsreich, aber warum sollten sie auch jemandes Kreativität beweisen? Kreativität war in diesen Zeiten noch nicht als Tugend entdeckt, sondern Grille, Seltsamkeit, Phantasterei. Mach ein ordentliches Foto, nicht schief, von Urlaub, ersten Autos, größeren Wohnungen, Geburtstagen und Hochzeiten. Junge, fröhliche Menschen machen Ausflüge ins Gebirge. Die Hochzeitsreise. Eine Eintrittskarte klebt daneben wie ein Beweisstück, ein Hotelprospekt, gepreßte Enziane. Hier waren wir also zu Ostern 1959, wir konnten es uns leisten, wir hatten eine Jugend und ein paar gute Freunde. Einziges Zeugnis werktätigen Tuns sind Betriebsfeiern, Tanz und kaltes Büfett, dazu Ansprachen vom Chef, alle im feinen Anzug, es ist heut alles frei und die Musik spielt dazu. Am Tisch sitzen sie reihum und halten sich an Biergläsern fest, von einigen kennt man noch die Namen.

Es ist ein Leben von Höhepunkt zu Höhepunkt. Es ist nie der Alltag, der in diesen Alben dokumentiert wird. Man sieht kein normales Mittagessen bei Müllers zu Haus, keinen Kohl und keine Kartoffeln, keinen normalen Schultag der kleinen Steffi mit Turnbeutel und Hausaufgaben. Ab und an schlurfen allenfalls Großeltern in Kittelschürzen und Strickjacken durchs Bild, längst verflossene Haustiere werden portraitiert. Unsere Anja, so ein treuer Hund war das.

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Säuglinge in Plastikwannen sind natürlich immer ein Ereignis. Von manchem Menschen gibt es vermutlich mehr Fotos in der Babywanne als aus den nächsten dreißig Jahren. Das Kleinkindalter ist minutiös dokumentiert, danach franst es aus. Das Kind tobt dann nur noch durch Urlaubsfotos und gliedert sich schließlich ein in die ganz normale Festtagsfotografie. Der Alltag mit Kleinkind ist noch ein Ausnahmezustand, der Alltag mit Schulkind ist schon zur Routine geronnen, die nicht mehr festgehalten werden muß.

Die Alben in unseren Schränken bilden die fotogewordene Erfolgsgeschichte der Nachkriegsgeneration, die wuchs und sich mehrte, die Wohlstand anhäufte und sich Urlaube leistete, auch solche im Ausland. Freudige Höhepunkte, abbildungswürdige Ereignisse, und was machen wir? In einer Zeit, da nichts mehr gewiß ist und der Aufstieg schon gar nicht, schlampen wir mit unseren Fotos auf fünf externen Festplatten und dreißig Speicherkarten herum. Wenn man mal Muße hat, brennt man welche auf CD, beschriftet sie und wartet, bis die Daten der Zeit und dem Vergessen anheimfallen, denn anschauen, nein, anschauen will diese Bilder niemand mehr. Seit das Fotografieren so billig geworden ist, seit sich Fehlschüsse umstandslos löschen lassen, ist die Kamera gern dabei und hält drauf, was der Akku hergibt.

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Das Vorzeigen des Familienalbums war stets ein Akt der Einweihung in die inneren Kreise. Schwiegersöhne und -töchter in spe bekommen bei Antrittsbesuchen gern die Kinderbilder ihrer Liebsten gezeigt, während die Liebsten danebensitzen und sich schämen – das ist ein Ritual, das sich Mütter nur ungern entgehen lassen. Ein Ritual, das heute gern schon vorab auf der Facebook-Seite erledigt wird, ohne Mutter und völlig freiwillig. Ein großer Teil der Familienalben liegen digital als Homepage vor, dort stellt man sich und den Nachwuchs heute aus und schickt den Link reihum. 

Skifahren ist jetzt Snowboarden, Wandern in Tirol ist jetzt Trekking durch Asien, die Arbeitskollegen tragen keine Krawatte mehr. Kleinkinder sind noch immer ein Ereignis, Schulkinder immer noch nicht. Die Objektive sind länger geworden, die Kameras haben immer mehr Knöpfe, die man immer weniger braucht, weil alles automatisch geht. Papa kennt sich mit der Technik aus, Mutti nicht, aber ab und an will man jetzt auch kreativ sein. Das Familienalbum auf Papier mit den Fotos darin mit gezackten Rändern, diesen Fotoecken, die nie richtig kleben, dem knisternden Seidenpapier zwischen den Seiten, das mag tatsächlich aussterben. Aber die kulturelle Praxis, die dahintersteht, die bleibt. Das Zeigen von Bildern, das Basteln an der eigenen Aufstiegslegende mittels fotografischen Beweisen. Und wie soll man sonst die Erinnerung wachhalten an all die schönen, nur die schönen Zeiten – für sich selbst und für andere?


33 Lesermeinungen

  1. Nuschi sagt:

    Das Brennen auf die CDs - die...
    Das Brennen auf die CDs – die dann in fünf oder zehn Jahren nicht mehr ausgelesen werden können… bin das nur ich, der glaubt, das die Jahre, die wir jetzt grade erleben, später mal als die schlechtestdokumentierte Zeit von allen bejammert werden wird?
    Denn von den tausend Bildern, die wir machen, kommt doch kaum mal eins auf Papier.
    Vielleicht finden wir die Bilder, die wir heute verlieren, ja morgen per Google-Images-Suche wieder.

  2. fraudiener sagt:

    Chris, und andere schauen sich...
    Chris, und andere schauen sich tatsächlich diese ganzen Flickr-Fotos durch und bewerten die? Haben die sonst nichts zu tun? („Und das ist meine Frau im knappen Bikini“ – na wunderbar. Da wird sich die Frau aber freuen über die vielen positiven Bewertungen.)
    .
    Ich bin im Übrigen heilfroh, noch nie zu einem digitalen Urlaubsdiaabend eingeladen worden zu sein. Hoffentlich bleibt es dabei.

  3. Christian S sagt:

    @Zonebattler:

    "Der...
    @Zonebattler:
    „Der Diaprojektor hat dem zeitgenössisch digitalen Bildwerfer gegenüber einen unschätzbaren Vorteil: Man kann an der Zahl der nebendran gestapelten Magazinkästen recht valide abschätzen, wie lange einen der Gastgeber zu bespaßen resp. zu drangsalieren gedenkt!“
    Trefflich und köstlich bemerkt! Ich bin in der Tat überaus dankbar, dass meine Eltern bei Urlaubsfotos stets durchaus selektiv vorgingen und -gehen, damals bzgl. Papierfilmen wie heute bzgl. Bits & Bytes. Sind die Koffer ausgepackt und hat sich der Heimkehrerstress gelegt, werden baldestmöglich die Bilder durchgesehen und bereinigt, und Dia-Abende zogen sich bei uns auch nie über mehr als drei Kisten. Meistens dann doch in Nostalgie schwelgend, da man Ende der 80er, Anfang der 90er aus Bequemlichkeit doch nur noch Papierbilder aufgenommen hat.
    Aber Weiterverwertung und Medientransfers werden doch weiterhin dem „effizienteren“ Sohne übertragen bzw. -lassen. Nicht dass ich es ihnen übelnähme.

  4. bez. flickr
    Vielleicht war das...

    bez. flickr
    Vielleicht war das im Jahr 2006 noch anders, die Aussage jenes Herren , im übrigen Universitäts-Professor, hat mich erschaudern lassen. Und weil das damals zugleich mein Erstkontakt zu flickr durch Mundpropaganda war, konnte ich mich zwangsläufig nie mit flickr anfreunden.
    @Nuschi: Die Google-Bilder-Suche ist nicht immer ganz leicht. Aber wenn es funktioniert, ist es immer erfreulich wie süss die Fotos als Vorschaubilder aussehen.

  5. fraudiener sagt:

    Nuschi, nein, das sind nicht...
    Nuschi, nein, das sind nicht nur Sie. Mit etwas Glück funktioniert Archive.org dann immer noch. Wir haben letztes Jahr für die Tagebuchausstellung im Museum für Kommunikation versucht, mein Blog in allen Stadien seit dem Jahr 2000 zu rekonstruieren (und es auch geschafft) – da bekam ich eine grobe Vorstellung davon, was Internetarchäologen dereinst werden leisten müssen.
    .
    Christian S., inzwischen liegt die Fotografiererei meiner Eltern weitgehend auf Eis. Meine Mutter tut etwas, was sie „knipsen“ nennt, und die Ergebnisse landen dann in diesen registerartigen Alben mit Klarsichthüllen. Ein ziemlicher Kulturabfall gegen das, was sie in den Fünfzigerjahren liebevollst gestaltet hat.

  6. schusch sagt:

    "Gezackte" Fotos. Ich kann...
    „Gezackte“ Fotos. Ich kann mich an solche Fotos in meiner Kindheit aus meiner noch früheren Kindheit erinnern. Es gab sie. Was da jetzt drauf war, werde ich wohl nie wieder wissen, denn die Fotoalben, die meine Eltern in Anwesenheit meiner diesmaligen Lebensgefährtin rausgeholt haben, (sind das das die einzigen?) hätten auch von Stalins Propagandaeinheit herausgeholt sein können. Die einzige Erkenntnis: Entweder war ich mit Eimer und Schaufelchen am Strand von Jesolo Lido oder hatte später Mal bescheuerte Frisuren. Und die Bilder von den anderen wirken auch nur dadurch, dass ich diese Leute wohl mal gekannt habe und sie wohl damals irgendwie so aussahen. Oder auch nicht.

  7. zonebattler sagt:

     
    Ein kleiner...

    Ein kleiner Seitenschwenk: Die weiter oben angesprochene Google-Bilder-Suche gibt mir zuweilen Anlaß, an der Menschheit zu zweifeln. Der mit großem Abstand meist-angeklickte Beitrag in meinem eigenen virtuellen Album ist nämlich dieser hier:
    https://www.zonebattler.net/2006/10/20/memory-effekte-6/
    Der wurde schon von mehreren Tausend virtuellen Gästen aufgerufen (mindestens ein Dutzend täglich!), die per Google-Bildersuche nach „Reichsadler“ gefahndet hatten. Ich habe meine Zweifel, daß das sämtlich Historiker von unzweifelhaft demokratischer Gesinnung sind, die da im Netz ihre wissenschaftlichen Recherchen betreiben…

  8. Ju Honisch sagt:

    Was mich immer an diesen alten...
    Was mich immer an diesen alten (50er, 60er Jahre) Fotos fasziniert ist, dass sie bei allen Familien so unendlich gleich sind. Da ist die Mode, aber auch die Gesichter scheinen eine einheitliche Ausrichtung zu haben. Gedacht waren die Bilder als Zeugnis des Daseins bestimmter Individuen und Familien und rausgekommen ist die Erkenntnis, dass wir alle – blicken wir nur weit genug zurück – den Nachkommenden nur eine amorphe Masse identischer Zeitgeist-Darstellung sind. Nackte Kinder in Zinkbadezubern, Frauen mit der Hand am Korbgeflecht-Kinderwagen, daneben Männer, die stolz aussehen, aber den besagten Wagen nicht selbst schieben, da das als unmännlich galt. Und alles irgendwie sehr gleich.

  9. fraudiener sagt:

    <p>Ju, ich glaube, diese...
    Ju, ich glaube, diese Gleichheit sah man damals positiver. Man wollte wohl als angenehm normal, als nicht abweichend gelten. Dementsprechend hat man also brav die Familienbild-Sujets nachgestellt, die sich in ihrer Frühzeit noch an die Familienportraits in Öl anlehnen. Mit der portablen Fotografie, die nicht mehr im Studio vom Fachmann ausgeführt werden muß, ist zwar ein Stück Alltag in die Fotos eingekehrt, aber nur in sehr begrenztem Ausmaß. Es entwickelten sich eigene Familienbildthemen (Urlaub, Kind in Zinkwanne etc.), die die Alben in allen Familien gleich aussehen lassen. Umso stärker fallen Bilder heraus wie die aus dem Arbeitsumfeld meiner Mutter.

  10. elbsegler sagt:

    Die Bedeutung der Fotos...
    Die Bedeutung der Fotos wandelt sich auch mit der Zeit. Jedenfalls bei mir. Ich habe früher, als man noch die Bilder zählte, diese „Familienbildthemen“ eher vermieden und im Urlaub lieber Land und Leute fotografiert. Nach Jahren suche ich jetzt oft gerade die Bilder der Familie. Diese „Guck mal, da hattest du ja noch Haare!“-Bilder. Ob die digitale Speicherung es noch zuläßt, unsere Bilder von heute in 20 oder 30 Jahren problemlos ansehen zu können? Oder gehen die Bilder mit dem Handy in den Müll? Jedenfalls steigt der Aufwand enorm. Das olle Fotoalbum brauchte nur herumliegen und warten, bis sich wieder jemand für seinen Inhalt interessiert. Das Digitale Archiv braucht ständige Pflege. Man kann seinen privaten Kram natürlich auf irgendwelchen fremden Servern ablegen, dann haben die Betreiber das Problem. Gleichzeitig verliert man ein Stück Privatsphäre. Denn wer weiß schon wirklich, was mit seinen Daten dort passiert.
    Auf jeden Fall geht ein Stück Authentizität verloren. Schon das Album selbst ist ein zeitgeschichtliches Zeugnis. Die alte Blechdose mit den unsortierten Fotos hat auch einen magischen Reiz, den ein Bildschirm nicht ersetzen kann.

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