Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Allein unter Begonien: Das Grab

| 34 Lesermeinungen

Stein, Laterne, Cotoneaster: Warum haben ausgerechnet Gräber etwas derart trostloses an sich? Da möchte man nicht begraben sein, denkt man sich schaudernd angesichts monströser Granitbrocken und schauderhafter Bronzevasen, und schaut sich nach Alternativen um, wenn es mal soweit sein sollte. Unterdessen beginnen die Hinterbliebenen mit Migrationshintergrund, die deutsche Grablandschaft zu erobern.

Regelmäßig im Spätherbst, wenn das letzte Blättchen gefallen ist, brach meine Familie zum Nordzipfel unseres Stadtteils auf, denn dort, direkt am Rand des kleinen Wäldchens, liegt der Friedhof. Und dort muß man zum Winter hin etwas tun, was man „Grab machen“ nennt. Man tritt also durch das etwas martialische Portal, das irgendwann in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts einmal für würdevoll gehalten worden sein muß, durch die Pappelallee, deren Blätter ordnungsliebende Grabpfleger verzweifeln läßt, in hintersten Teil des Friedhofs. Dort, direkt an der unverputzten Ziegelmauer, stand der Grabstein: Schwarz mit Frakturschrift, ein wenig Efeu rankte von hinten her um den Sockel, darauf die Namen der Verwandtschaft meines Großvaters väterlicherseits.

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Ich hatte wenig Bezug zu denen, die dort lagen. Lange verstorbene Großonkel, Urgroßväter und ihre Gattinnen, nie gesehen und nie erlebt, ihre Namen kennt man nur aus den Geschichten, wenn die Großeltern von einer Zeit erzählen, die „früher“ heißt. Verwischte Gesichter im Familienalbum, einfache Kleidung, Bärte, große Kinderschar.

Wir waren selten die einzigen dort, die Grab machten. Scharen vorwiegend älterer Damen bewaffnen sich einmal im Jahr mit graugrünen Mooskissen, in denen getrocknete Pflanzenteile stecken, mit winterharten Eriken und Tannenkränzen und ordnen diese sinnfällig auf einem Rechteck an, das mit Cotoneaster und anderem Kriechgrün bewachsen ist. Liebevoll wird ein dunkelschwarzes Feld, für dessen Farbe ein Quadratmeter Moorlandschaft gestorben ist, mit einem Rechen in einen Zustand korrekter Krümelhaftigkeit versetzt, Gräslein werden gezupft und letztes Laub entfernt. Gepflegt und ordentlich soll es aussehen. Schön sollen es die Verstorbenen haben. 

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Einige treiben es besonders weit. Man erzählte sich in Friedhofsgängerkreisen, die Schulze käme dreimal täglich. Das Grab ihrer Familie war stets makellos, kein Blättchen darauf, alle heruntersortiert, kein Unkraut, nichts. Sie hatte ihren eigenen Kies, der besonders sauber war und viel rötlicher als der normale, breitgetretene Wegekies, den breitete sie zu einem exakten Rechteck vor dem Grab aus und rechte ihn dreimal täglich wieder glatt. Im Winter packte sie den Kiesteppich ein und wusch ihn.

Die Schulze war das Extrembeispiel, aber es wurde ja viel getratscht auf dem Friedhof. Wer sein Grab ordentlich hält und wer nachlässig wirkt, wer geschmacklose Gestecke aufstellt und wer die billigen vom Penny, es wurde getratscht, wer nur eine Gärtnerei beauftragt und sich nicht einmal die Mühe macht, sein Grab selbst in der Reihe zu halten und wie lieblos das sei. Es gab eine Menge zu tratschen, wie überall, wo viele alte Frauen mit viel Zeit zusammenkommen, und viel zu urteilen, und nur eins schwebte über dem Tratsch, das war die Friedhofsordnung.

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Trauer, so könnte man angesichts der Friedhöfe denken, ist nichts individuelles, und denen, die hier begraben liegen, wird anhand eines stereotypen Trauerarsenals gedacht, das keine persönlichen Züge zuläßt. Im süddeutschen Raum haben die Toten Gesichter, hier nicht. Hier haben sie nur einen Namen und dürre Lebensdaten, der Rest ist Begonie und Grablaterne. Es bleibt nur die Wahl zwischen Granit und Sandstein, zwischen Efeu und Cotoneaster, zwischen Primeln und Stiefmütterchen. Überall die roten Dauerkerzen, an denen noch der Aufkleber mit dem Barcode klebt. Im Tod, so heißt es, sind wir alle gleich. Es klingt wie eine Drohung. Wir bekommen einen nierenförmigen Stein hingestellt und mit etwas Glück eine Zwergkonifere. 

Die Formensprache der heutigen Sepulchralkultur hängt irgendwo zwischen falschverstandenem Jugendstil und Bronzebrutalismus fest. Immerhin kann man sich in Eintracht-Frankfurt-Urnen einäschern lassen, wahlweise in rot oder schwarz, soviel Auswahl muß sein. Man kann sich zunehmend auch in Ruhewäldern bestatten lassen, die viele Friedhöfe inzwischen anlegen. Dort erinnert ein Stein an einen, ein Grab muß nicht gepflegt werden. Die Menschheit ist eben mobiler geworden, Hinterbliebene ziehen mitunter auch weg, und es ist keiner mehr da, der die Blättchen aufliest. Witwen und Waisen haben mitunter auch andere Lebensinhalte.

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Doch auch bei der guten, alten Grabgestaltung tut sich derzeit einiges. In den neu erschlossenen Arealen macht sich ungewohnte Farbigkeit breit. Hier ruhen die Neuankömmlinge: Polen und Italiener stellen große, bunte Madonnen auf, Plastikblumen und Figürchen aller Art, Marmorengelchen sind besonders beliebt. Wer einen türkischen Namen trägt, bekommt sein Grab mit weißen Steinen eingerahmt, ein Holzschild statt ein Kreuz und viele bunte Blumen. Mit ein wenig Verspätung gleicht sich der Friedhof seinem Stadtteil an. 

Es ist nicht mehr alles braun und beige. Es gibt noch mehr Blumen außer Begonien. Kindergräber dürfen bunt sein und sind gerade dadurch besonders rührend. Es gibt keine DIN-Norm für Trauer, und seitdem die Ordnung ein wenig aufgebrochen ist, die eigentlich die Würde bewahren helfen sollte, haben die Friedhöfe einiges von ihrem sterilen Schrecken verloren. Und an Würde interessanterweise gewonnen. Für einige Unverbesserliche gibt es noch immer viel zu tratschen, aber das ist egal, es gibt wichtigeres.


34 Lesermeinungen

  1. muscat sagt:

    @Jeeves: "bundisch" ist das...
    @Jeeves: „bundisch“ ist das hessische Wort für „bunt“.
    @Esther: Sehr schön ;-)) So einen Spruch würde ich mir für mein Grab in jedem Fall auch wünschen. Doch das will verdient sein…

  2. Sehr geehrte Frau Diener,
    der...

    Sehr geehrte Frau Diener,
    der Tratsch auf den Friedhöfen, meine Familie „macht viele Gräber“ ist mir nie aufgefallen.
    Die Friedhofskultur ist trotz allem doch sehr individuell. Nie habe ich bei meinen Freundinnen gehört, dass bei ihnen alle Feiertage auch für die Toten schön sein sollen. Und so besuchen vermutlich nur mein Vater und meine Mutter vor Ostern (quasi Frühlingsputz), zu Allerheiligen, zum Volkstrauertag, zum Totensonntag und dann noch einmal zu Weihnachten sämtliche Familientote, um die „Gräber zu machen“, zusätzlich dann ganz individuell noch einmal zu den jeweiligen Geburtstagen und bei meinen drei verstorbenen Großeltern dann noch an ihren Hochzeitstagen. Nicht zu vergessen, die viele Male, die man im Sommer dann die Gräber (auf verschiedenen! Friedhöfen), aufsuchen muss, um regelmäßig zu gießen.
    Ich wohne weit weg, und so ist diese Friedhofskultur für mich auch weit weg. Ein schöner besinnlicher Artikel, der mich fragen läßt, was mit den Gräbern geschieht, wenn es einmal nicht mehr die Leute gibt, die sich regelmäßig darum kümmern können, weil wir alle aufgrund der notwendigen Mobilität für unseren Job weit weg von unseren Wurzeln wohnen. Entwurzelung wird auch für die Grabpflege Folgen haben. Niemand der noch ein „Schnäpschen“ extra auf den Grabstein gießt (sehr individuelles Ritual meiner Familie am Grabstein meines Großvaters väterlicherseits), sondern nur Standardpflege durch die Friedhofsgärtnerei.
    Vergängliche Dinglichkeit. Ihr Artikel hat mich heute leider sehr traurig gemacht.

  3. Hiwwelhubber sagt:

    Schöner Artikel, und leider...
    Schöner Artikel, und leider auch schön wahr… und dabei reden Sie ja noch nicht mal vom Pomp der Beerdigungen und Särge…
    Zu letzterem gebe ich immer wieder mal gerne den bösen Spruch:
    „… das ganze Leben in Pressspan und Plastik gelebt, aber in Eiche massiv unter der Erde!“
    Raunt der HH.

  4. Frau Waldwuff, kein Tratsch...
    Frau Waldwuff, kein Tratsch auf dem Friedhof? Dann kommen Sie ganz bestimmt nicht aus Oberschwaben. Ich hatte das Vergnügen in einem Haus am Berg großzuwerden, das vielleicht hundertfünfzig Meter oberhalb des Dorffriedhofs lag. Um den Tratsch mitzubekommen – pünktlich am Samstagnachmittag wurden die Gräber gemacht, und zwar jeden Samstag – , brauchte man nur das Fenster zu öffnen. Dank der trainierten Lungen der Bäuerinnen, die sich vom einen Ende des Friedhofs zum anderen unterhielten, konnte man problemlos mithören.
    Den hiesigen Friedhof finde ich gar nicht uniform und phantasielos, sondern es wird von vielen eine Blumenpracht entfaltet, die Bundesgartenschauen in den Schatten stellt. Mein Abendspaziergang führt mich recht häufig über den Friedhof und ich finde den wirklich sehr schön. Aber vielleicht muß man zwischen katholisch geprägten und protestantischen Friedhöfen unterscheiden.

  5. AM Schäfer sagt:

    AMS
    Das " dunkelschwarze...

    AMS
    Das “ dunkelschwarze Feld“ ist tatsächlich oft zu sehen. Die dazu gern genommene Graberde sei jedoch weder eine besondere Moorerde und auch nicht besser als jede andere Blumenerde: Sie sei schwarz gefärbt! So jedenfalls erschütterte seinerzeit ein Gärtner meinen Glauben man tue den Blumen mit der Graberde was Gutes.

  6. fraudiener sagt:

    Frau Waldwuff, gerade wegen...
    Frau Waldwuff, gerade wegen der mobilen Hinterbliebenen sind wohl derzeit die Ruhewälder so beliebt. Es ist schön dort, es gibt einen Erinnerungsstein, aber man muß selbst nichts pflegen. Die angenehme Alternative zur Urnenwand mit ihren, wie meine Altvorderen auszudrücken pflegten, Gefachen. Ich finde die jetzt nicht so schlimm, es sieht ja in ganz Italien nicht anders aus. Aber wenn ich die Wahl zwischen Wald oder Betonwall habe, nehme ich ersteres.

  7. S.Schubert sagt:

    HAHA, herrlich hiwwelhubber....
    HAHA, herrlich hiwwelhubber. in einer deutschen komödie fand das kürzel r.i.p. nach einer explosion eine tolle bedeutung: rest in pieces. in diesem sinne ^^

  8. kimwales sagt:

    Solange wir nicht,wie in...
    Solange wir nicht,wie in Spanien,in Wänden abgelegt werden,soll mir die deutsche Friedhofskultur recht sein.

  9. Hiwwelhubber sagt:

    @kimwales: Link funktioniert...
    @kimwales: Link funktioniert nicht, erbitte NACHBESSERUNG!

  10. Ich wohne in einer Gemeinde,...
    Ich wohne in einer Gemeinde, die 2 Friedhöfe hat, einen kirchlichen und einen kommunalen. Auf dem alten kirchlichen findet man noch ein paar Bäume, schönen Kies und individuelle Grabsteine.
    Auf dem kommunalen Friedhof findet man nur noch Einfalt. Form (breiter als hoch) und Bearbeitung (möglichst poliert) der Grabsteine werden von der Gemeinde vorgegeben. Jedes Grabmal muss genehmigt werden. Die Wege und Grabumfassungen sind aus Betonsteinen. Bäume gibt es keine, nur ein paar Büsche, die in Höhe der Friedhofsmauer abgeschnitten werden. Es gibt keine Rückzugswinkel für Trauernde, man sieht von A – Z über den Friedhof. Die Gräber liegen sich gegenüber, Trauernde schauen sich also ins Gesicht. Es gibt keine Friedhofskultur mehr in dieser Gemeinde, dank Bürgermeister und Gemeinderäten. Es gibt nur noch hohe Gebühren, die soeben um 33,33 % angehoben wurden. Ab 2010 kostet das Doppelgrab (4-stellig nennt das die Gemeinde) 2400,–€ statt 1800.–€ für eine Nutzungsdauer von 25 Jahren. Alle 5 Jahre werden die Gebühren erhöht. Die Benutzung der Leichenhalle kostet jetzt 330,–€ und das Begräbnis 595,–€ für eine Person mehr als 10 Jahre alt.
    Es ist zum Heulen, Tote werden zu einem Kostenfaktor der für viele Angehörige nicht mehr zu schultern sein wird.
    Vorsorglich hat man auch gleich den Personenkreis, der zur Zahlung verpflichtet wird, erhöht. Nicht nur Ehegatten, Kinder und Eltern, auch Großeltern, Enkel, Geschwister und Lebensgefährten sind jetzt dabei.

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