Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Latte aus der Nuckeltülle: Coffee to go

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Wie konnte sich diese Pest namens Coffee to go eigentlich durchsetzen? So ein Kaffeehaus ist doch eigentlich ein angenehmer Ort. Die meisten Zeitgenossen scheinen ihn jedoch fluchtartig verlassen zu wollen und tragen den Kaffee daher in Pappbechern herum. Wenn das Kaffeehaus die moderne Öffentlichkeit geprägt hat, was sagt dann die Pappbecherkultur über unsere Gegenwart aus?

Welches Problem genau hat die Menschheit heutzutage mit der eigentlich so angenehmen Institution des Kaffeehauses? Es ist warm, was gerade im Winter von Vorteil ist, es gibt Torte, an der Wand hängen Zeitungen und der Stuhl ist meist auch gepolstert. Man darf so lange sitzenbleiben wie man will und sogar nachordern. Aber irgendetwas treibt den jungen urbanen Lebensteilnehmer aus den Kaffeehäusern heraus wie den Nestflüchter aus der Bruthöhle. Er lässt sich den Kaffee in einen Pappbecher mit Nuckeltülle abfüllen, auf dem der Hinweis steht, besagter Becher könne unter Umständen heiße Inhalte enthalten, stürzt sich samt Becher hinaus in die im Winter alles andere als lebensfreundliche Umwelt und trinkt seinen heißen Inhalt auf offener Straße.

Eigentlich, sollte man meinen, ist die Republik bereits flächendeckend mit Kaffeemaschinen ausgestattet, sodass man nahezu überall den Koffeinbedarf decken kann. In jedem besseren Büro zischt ein Espressomonstrum mit Milchaufschäumer vor sich hin, in jeder Wohnung steht chromblitzendes Baristagerät, nur die paar hundert Meter dazwischen klafft eine anscheinend entsetzliche Lücke, die durch mobilen Transportkaffee gefüllt werden muss.

Bild zu: Latte aus der Nuckeltülle: Coffee to go

Nun ist es ja so, daß das Kaffeehaus als Ort eine nicht unwesentliche Rolle in der westlichen Kulturgeschichte spielt. Los ging es Mitte des 17. Jahrhunderts in Venedig, 1650 ist das erste Coffee-House in Oxford nachgewiesen, 1652 öffnete das Virginia Coffee-House in London. In den folgenden Jahren verbreitete sich die Idee dort vor allem rund um die Börse und das Parlament und erreichte schließlich andere Städte wie Paris und Wien. Das Kaffeehaus diente als Verabredungsort in geschäftlicher, politischer und privater Angelegenheit und war, das war neu, für alle Stände offen. Hier konnte man mit wenig Geld Zugang zu Nachrichten und Wissen erlangen – wenn man nicht gerade eine Frau war, weshalb diese sich sehr gegen das Kaffeehauswesen wandten. Das Zeug stinkt und macht unfruchtbar, wetterten sie in der „Womens Petition against Coffee“ von 1674. 

Im Traktat „Verteidigung der Kaffeehäuser“ („Coffe-Houses Vindicated“, 1675) führt der Verfasser als Erwiderung gegen die erzürnten Damen allerlei gute Gründe an, warum die überall sprießenden Cafés eine überaus gute Entwicklung sind, und kommt zu dem Schluß: „So daß wir schließlich, in dieser ganzen Angelegenheit, und trotz der müßigen Sarkasmen und der trivialen Ablehnung, derer es ausgesetzt ist, mit nicht weniger Berechtigung denn Klarheit eben jene kurze Charakterisierung eines gut geführten Kaffehauses geben können (unsere Feder sträubt sich, jenen gräßlichen Löchern das Wort zu reden, die sich dieser Bezeichnung bedienen, um die in ihnen praktizierte Ausschweifung zu bemänteln): Daß das Kaffeehaus der Tempel der Gesundheit ist, die Kinderstube der Mäßigung, die Quelle der Sparsamkeit, eine Akademie des höflichen Umgangs und Schule des Einfallsreichtums.“

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Dazu kommt das Postwesen, das sich als „Penny Post“ im Kaffeehaus etablierte, und die Versicherung Lloyds begann als, richtig: Kaffeehaus. Und nicht zu vergessen die guten alten Holzmedien: Die erste Zeitung, der „Spectator„, wurde im Kaffeehaus gelesen und dort auch herausgegeben. All das, was dazu führte, daß Jürgen Habermas nicht weniger als einen Strukturwandel der Öffentlichkeit diagnostizierte und ihn am Kaffeehaus festmachte. Es war ein aufklärerisches Projekt, und in seinem Zentrum stand ein Getränk, das zur Abwechslung mal nicht betrunken machte.

Was hat das nun zu bedeuten, daß gute dreihundert Jahre Kaffeehausgeschichte über Bord geworfen werden, und stattdessen die Epoche des Pappbechers eingeläutet scheint? Zunächst einmal sitzt der Gesprächspartner oft genug nicht gegenüber und schon gar nicht am Nebentisch, sondern am anderen Ende der Leitung im virtuellen Irgendwo. Der Pappbechertrinker ist immer allein unterwegs, gern mit Mobiltelefon, meist geschäftlich beschäftigt tuend. Der öffentliche Raum, den er mit seinem albernen Tall Latte Double Cream Hazelnut Zimtstern Frappucchino zu erobern gedenkt, ist eine Parkbank oder gern auch ein Mäuerchen, das irgendein Stadtplaner mit Platzgestaltung verwechselt hat. Manchmal trinkt er such nicht stationär, sondern legt Wegstrecken zurück, bleibt nicht einmal stehen, die Nuckeltülle erlaubt es ja: Das ist die moderne Aufputsch-Druckbetankung für den Leistungsträger.

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Der Coffee To Go ist die mobile Weiterentwicklung des Stehkaffees, der ja ohnehin schon etwas sehr ambulantes an sich hat. (Vermutlich ist er auch der Tod des Kaffeeautomaten, der Klare Brühe und Milchpulvercappuccino durch ein und dieselbe Tülle jagt, was ja nun wirklich kein Verlust wäre.) Während das Kaffeehaus einen Raum, also etwas innerhäusliches, für die öffentliche Sphäre reklamiert hat, gehen die Kaffeegeher genau umgekehrt vor: Sie tun so, als sei der Platz, also etwas außerhäusliches, privat. Sie setzen sich hin, trinken dort Kaffee und telefonieren mit Mutti. Sie ignorieren das Getöse um sich herum, richten sich in der Öffentlichkeit häuslich ein, und man fragt sich: Haben die eigentlich kein Wohnzimmer? Oder sind die da nur so selten?

Man kann sich einmal die Zeit nehmen, und die Schlipsträger beobachten, wie sie zur Füllstation wanken, die immer mit Hausfrauenjazz beschallt wird, wie sie komplizierte Englisch-Italienische Wortmassenkarambolagen unfallfrei und mit leicht amerikanischem Akzent aussprechen, wie sie jovial nebeneinander herumstehen mit ihren lächerlichen Becherchen mit der Schneeflöckchenbanderole darauf und der Warnung vor heißem Inhalt. Solche Leute erfinden keine Zeitungen. Solche Leute erfinden höchstens Telefone, mit denen man unterwegs fernsehen kann.


151 Lesermeinungen

  1. fraudiener sagt:

    Sabine, mit Muffins werde ich...
    Sabine, mit Muffins werde ich in diesem Leben auch nicht mehr richtig warm, die haben diese seltsame Schaumstoffkonsistenz. Kein Vergleich mit weichen Bisquitböden, mit feuchtelndem Nußkuchen, mit fluffiger Schokoladencreme. (Mist. Ich komme gerade vom Zahnarzt und darf eine Stunde nichts essen.)
    .
    Julius, das kann ich letztgültig nicht beantworten. Ich vermute, daß der Begriff der Öffentlichkeit irgendwie immer undeutlicher wird und sich verwischt. Stattdessen gibt es immer mehr virtuelle öffentliche Räume (Sie baden gerade ihre Hände darin), in denen Begegnung, Diskurs und Gespräch von Tisch zu Tisch stattfinden. Ich persönlich glaube ja, Blogs sind die Kaffeehäuser des 21. Jahrhunderts, mal sehen, ob sich das bewahrheitet.

  2. Solange die To-Go-Trinker an...
    Solange die To-Go-Trinker an der frischen Luft bleiben, soll es mir recht sein, da denke ich wie Ariadne.
    Aber wenn diese mit Laptoptasche und Handy am Ohr in überfüllte Busse steigen und den letzten Platz mir gegenüber ergattern, dann sehe ich rot. Eigentlich sollte ich im Büro immer irgendwelche Sachen zum Wechseln haben – oder den Mut, diese Damen und Herren aus dem Bus zu weisen.
    Der Verfall der Kaffeehauskultur ist ja beklagenswert, aber die in Bus und Bahn Trinkenden sind einfach eine Pest.

  3. fraudiener sagt:

    Carolin Maras, ich betrachte...
    Carolin Maras, ich betrachte immer mit Freude, wie sich in Frankfurt das Wackers-Verbreitungsgebiet ausdehnt, und auch Stern-Kaffee von Wissmann ist mehr als trinkbar. Es ist gut, daß es vernünftige lokale Alternativen zum Großröster sowie zu den amerikanischen Ketten gibt, wo es einfach besser schmeckt, und es ist auch gut, daß diese lokalen Röster vom Kaffeeboom profitieren können.
    .
    Barocke Hörerin, auch das ist so ein wunderbarer Aspekt der Kaffeehaus-Kultur, stimmt. Aber immerhin muß das gemeine Volk gegen Zahlung ja heute nicht mehr auf den Musikgenuß verzichten. Oder steht des Nachts mit dem Reclam-Libretto vorm Außenlautsprecher des Opernhauses.

  4. elbsegler sagt:

    Verfällt da eine...
    Verfällt da eine Kaffeehauskultur? Ich glaube nicht. Da ist eine Togo-Kultur zusätzlich entstanden. Man kann sich streiten, ob die Döner-Bude den guten alten Imbiss verdrängt. Aber so wie der Döner nicht den Italiener verdrängt kann auch Starbucks und Co. keinem echten Café was anhaben. Das sind zwei Welten, in denen bevorzugt ein Getränk gereicht wird, das man früher einfach als Kaffee oder in Berlin als Kaffe (mit stummem e) bezeichnet hat. Beide haben nichts miteinander zu tun. Oder können Sie sich ein Starbucks-Publikum in einem Café vorstellen?

  5. Filou sagt:

    Ach was waren das schoen...
    Ach was waren das schoen Zeiten, als man im Café noch paffen durfte, stundenlang sitzen, auf die Freundin warten, den Spiegel dreimal durchhatte.
    Ein Café ohne stinkenden Zigarillo zu besetzen ist nicht mehr befriedigend. Darum gehe ich nur noch ins Café, um meine Toertchen zu schaufeln-und schwupps-bin ich wieder weg.
    Das ist schade. Sehr schade.

  6. Wieder mal ein schöner...
    Wieder mal ein schöner Beitrag. Eins rauf mit Mappe!

  7. Julius sagt:

    @ Andrea Diener: Woa, 100...
    @ Andrea Diener: Woa, 100 Punkte für das Zitat! Eine so ölig-prilig verstandene Öffentlichkeit ist aber nicht attraktiv, oder? Schon gar nicht mit erzieherischem Gehabe (Clementine war vermutlich die Ursupernanny). Bäh. Bescheidene Frage: Wenn Blogleser die Hände drin baden, nehmen Blogger da nicht ein Wannenbad? (*Könnte warmes Wasser enthalten*)

  8. Sehr verehrte Frau...
    Sehr verehrte Frau Diener,
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    ich stimme Ihrer Beobachtung vollumfänglich zu, muß mich aber über einige Kommentare trotzdem aufregen.
    Einerseits sehen es alle hier Schreibenden genauso wie Sie, andererseits ist die Inkarnation des Schlechten dann immer der Anzugträger mit dem Mobiltelephon.
    Ich bekenne offen:
    Ich trage an drei von fünf Werktagen einen Anzug, mit Krawatte, Manschettenknöpfen und Einstecktuch, ich besitze zwei Mobiltelephone und entspreche auch ansonsten hinreichend dem Feindbild des gemeinen deutschen Intellektuellen, besitze mehrere Autos mit entsprechendem CO2-Ausstoß, nutze fast nie den ÖPNV und habe Frau Merkel gewählt.
    Abends fahre ich ins Westend, hinter hohe Hecken, mit Seeblick.
    Trotzdem habe ich noch nie in meinem Leben einen Coffee-to-go getrunken, meide Coffee-Shops, lese in der FAZ zuerst das Feuilleton, esse niemals im Stehen oder Gehen, hasse das Rauchen auf der Straße und schaue kein Privatfernsehen. Außerdem besitze ich mehrere Bücher und bevorzuge klassische Musik.
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    Mehr Gedankenfreiheit, weniger Vorurteile!
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    Beste Grüße, hs.
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    P.S.
    Jedesmal, wenn ich an meiner Stammtankstelle ein durchschnittliches Monatsgehalt für Benzin einzahle, werde ich gefragt „und, wie wär’s, noch Kaffee und ‚was zu Essen für Unterwegs?“ und jedesmal antworte ich, daß ich diese Frage hasse, niemals in meinem Sportwagen Kaffee trinke und alt genug bin, einen eventuellen Wusch eigenständig zu äußern.
    Das ist eigentlich noch furchtbarer, als der Kaffee aus dem Pappbecher.

  9. Sehr geehrter Herr...
    Sehr geehrter Herr Filou,
    .
    ich hab‘ mich ja gar nicht getraut, das auch noch zu schreiben!
    Ein Caféhaus ohne den Duft von Tabak ist ungefähr so schön, wie ein Fünfgangmenue mit Mineralwasserbegleitung.
    Noch absurder wird es in Bars und Jazz-Clubs.
    .
    Tabakrauchumwehte Grüße, hs.

  10. fraudiener sagt:

    Hugoservatios, bei meiner...
    Hugoservatios, bei meiner Tanke gibt’s nur Hausmacherworscht, und die hat mir noch niemand to go andienen wollen:)
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    Der gemeine Sichwichtigfühler-Unddasauchdemonstrierer ist ja nicht nur das Feindbild des Intellektuellen (den ich ohnehin für eine aussterbende Gattung halte), er hat es sich ja durchaus ob seines Axtimwalde-Benehmens mit einem ganz schön großen Teil der Stadtbevölkerung verschissen. Das sind allerdings selten die mit Einstecktuch und Manschettenknöpfen (und vermutlich auch anständigen Schuhen, wenn ich Sie richtig einschätze), sondern eher das Fußvolk mit dem Tuch von der Stange, das seine Ellenbogen, mit denen es sich an die Spitze zu kämpfen geruht, auch im Alltag sich einzusetzen nicht scheut – und etwa die Metzgerschlange in der Kleinmarkthalle als knallharte Wettbewerbssituation wahrnimmt. Wen Sie wählen, ist mir erstmal wurscht, solange Sie nicht neben mir stehen und Anweisungsvokabular ins mobile Device brüllen. Ich differenziere meine Feindbilder da durchaus 🙂

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