Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Charity im Alltag: Die Spendensammeldose

| 22 Lesermeinungen

Jemand hält Ihnen eine Spendensammeldose unter die Nase – wie verhalten Sie sich? Das kommt natürlich darauf an. Ja sicher. Aber worauf? Und wenn es dauernd auf irgendwas ankommt, kommt man kaum noch dazu, überhaupt mal jemandem etwas zu geben.

Zum alljährlichen Fest der Liebe zirkuliert ja immer eine Menge Geld. Diejenigen Glücklichen unter uns, die noch ein richtiges Angestelltenverhältnis haben, bekommen Weihnachtsgeld, alle anderen geben zumindest einiges aus, um ihre Lieben zu beschenken. Die Jüngeren unter uns, die die Familie besucht haben, bekamen von den Eltern ein paar Scheine zugesteckt, die nun sicherlich nicht im Sparschein landen, sondern unters Volk gebracht werden. Im besten Fall helfen sie, den sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz eines qualifizierten Werktätigen sowie eines innenstadtnahen Fachhändlers zu erhalten, im schlimmsten Fall subventionieren sie Sweatshops in weit entfernten Ländern und eine Konsumhölle in einem Betonquader auf der grünen Wiese.

Und während man so mitten im schönsten Erwerben begriffen ist, flankieren den Weg: Tierschützer mit Spendendose, zwei Männer mit Zirkuspony und Spendendose, ein junger Mann, der auf einer Gitarre spielt und etwas Russisches dazu singt mit Spendendose, eine Horde Punks mit Hunden und ein alter Mann mit Rollstuhl und Spendendose und der freundliche Bettler von der Schillerstraße mit Pappbecher. 

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In Städten bitten immer viele Menschen um eine milde Gabe, die meisten von ihnen kennt man auch, aber um Weihnachten herum sind es gleich doppelt so viele. Zur Weihnachtszeit trudelten auch immer die Bettelbriefe ein mit den mundgemalten Postkarten darin und Anschreiben, auf denen einen großäugig Kinder aus weit entfernten Ländern anschauten. Zeitungen veranstalten Spendenaktionen, Gemeinden veranstalten Spendenaktionen, Geschäfte, Friseure und Tierheime veranstalten Spendenaktionen.

In meiner Familie herrschte keine besonders freigiebige Mentalität, und so wurden diese Briefe, wie auch die vielen Spendendosen am Rande der Zeil, so weit als möglich ignoriert. Man kaufte vielleicht einen Strohstern auf dem Weihnachtsbasar der Gemeinde, aber wenn die Sternsinger läuteten, stellte man sich tot. Ein Reflex übrigens, der mir bis heute eigen ist. Aber ist es denn wirklich so, daß Menschen zu Weihnachten freigiebiger werden? Ist die Bereitschaft, etwas abzugeben, gerade dann größer, wenn man ohnehin schon hunderte Euro für Geschenke rausgehauen hat? Vielleicht verschieben sich dann die Relationen, und ein, zwei Euro werden leichter verschmerzt.

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Wie halte ich es denn mit der Wohltätigkeit, für die es natürlich auch schon einen häßlichen neudeutschen Begriff gibt – Charity? Das leitet sich von der Caritas her, der christlichen Tugend der Nächstenliebe, klingt aber, in englischer Form, schon wieder nach wohlorganisierter, sauberer, von toupierten Gattinnen in Chanelkostümen durchgeführter Alibiveranstaltung. Ungefähr das, was früher einmal mit der Vorsilbe „Benefiz“ versehen war und meistens im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Eine irgendwie muffige Angelegenheit, bei der Geld gesammelt wird, das dann in dunklen Kanälen versickert, man hört ja so viel schlechtes.

Ich für meinen Teil mißtraue auch den meisten Wohltätigkeitsorganisationen. Vielleicht bin ich da irgendwie zu desinteressiert, aber ich habe nie für die üblichen kirchlichen Missionen in Schwellenländern gespendet. Ich weiß nicht, was die dort machen, ich kann das nicht nachprüfen, und ich weiß auch nicht, ob das an der Lage der Menschen dort wirklich etwas verbessert. Bis zu meiner Aufklärung beschränke ich mich auf lokale Wohltäter, dort kann ich jederzeit hinspazieren und schauen, was mit dem Geld geschieht. Ich tu es nicht, aber ich könnte. Was natürlich auch völlig irrational ist.

Genauso irrational wie der Anspruch, daß spenden irgendwie zeitgemäß und sexy zu sein hat, um das positive Verkaufsadjektiv Nummer eins mal wieder zu strapazieren. Nichts ist weniger sexy als das Leid und die Armut anderer Menschen, also sollte man sich vielleicht einfach mal nicht so haben und die ein oder andere Überweisung klarmachen. Spendenquittung nicht vergessen, kann man ja von der Steuer absetzen.

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Es ist alles nicht so einfach, denn sogar in Sachen Wohltätigkeit herrscht die übliche popkulturelle Etikettierung und Einsortierung. Man sollte es zum Beispiel nicht übertreiben, sonst bezeichnen einen andere noch als Gutmensch. Insofern sollte man zwar Gutes tun, aber möglichst nicht darüber reden, um keinen moralischen Druck zu verbreiten. Oder nur mit denen reden, bei denen man sich sicher sein kann, daß man ihnen auf Augenhöhe begegnet. 

Und man, also ich, brauche einen Plan. Ich habe mir daher einen, wie immer völlig irrationalen, Wohltätigkeitsplan zurechtgelegt: Ich spende für kulturelle Einrichtungen, indem ich mich niemals auf meinen blöden Presseausweis berufe. Ich spende auf der Straße immer dann, wenn Frauen mich freundlich fragen, seien es Punkmädchen oder obdachlose Frauen. Freundlich ist natürlich subjektiv, aber egal. Ich spende immer für den netten Bettler an der Schillerstraße, den mit dem weißen Rauschebart, also nur für freischaffende, selbständige Bettler und immer dann, wenn ich gerade ein besonders großes Trinkgeld bekommen habe. Das hat weder Sinn noch Plan, führt aber immerhin dazu, daß ich überhaupt etwas spende, denn mit Mißtrauen kann man sich aus so gut wie jeder Spendensituation herausreden und am Ende bekommt niemand, der in Not ist, überhaupt je etwas. Das kann ja auch keiner wollen.


22 Lesermeinungen

  1. sabineffm sagt:

    Andrea, wie erkennen Sie einen...
    Andrea, wie erkennen Sie einen freischaffenden, selbstständigen Bettler? Ich gebe in der Frankfurter Innenstadt grundsätzlich nichts, da ich immer Bedenken habe, dass eine organisierte Bande dahintersteckt.
    Ich freue mich weiterhin auf Ihre interessanten Beiträge und wünsche Ihnen alles Gute für 2010.

  2. damenwahl sagt:

    Ich habe neulich wieder den...
    Ich habe neulich wieder den Zirkus Pony Scam gesehen. Die stehen jedes Jahr vor Karstadt und anderswo. Habe irgendwann mal geg**gelt: kein Treffer. Kein einziger. Sollte ein Circus keine Website haben, in keiner Zeitng besprochen sein und überhaupt im Internet nicht existent?

  3. Sehr schön aufbereitet -...
    Sehr schön aufbereitet – diese vielschichte Thematik!
    Tot stellen wenn die Sternsinger kommen? Wäre ja eine schräge Einstellung – vor allem dann wenn die Mitschüler aus der eigenen Volksschulklasse um Spenden werben – aber diese Zeiten sind bei mir vorbei.

    Spenden sammeln und Wohltätigkeit, dass dies nicht unbedingt das gleiche ist, wird in diesem Artikel wieder mal sehr deutlich. Wenn ich da an diverse NGOs denke, welche die Spendensammlung ausgelagert haben, und sinnigerweise oft nicht einmal noch Bargeld einsammeln wollen, sondern Daueraufträge oder gar Bankeinzugsermächtigungen (!) wünschen.
    Ein ehemaliger Wohngemeinschaftsmitbewohner erklärte mir mal, er war mal Fundraising-Mitarbeiter für eine NGO unterwegs: „Du tingelst durch das ganze Land, lernst die Leute kennen. Solange du ganz unauffällig im Kaffeehaus sitzt, fällst du nicht auf. Aber in jenem Moment, wo du die gelbe Jacke mit der grünen Aufschrift anziehst, benehmen sich Menschen dir gegenüber eigenartig; manche sind sogar ängstlich. Es ist ein scheußliches Gefühl wenn Menschen vor dir Angst haben.“

    Aber warum zur Weihnachtszeit dieses vermehrte Aufkommen? Die gesellschaftliche Grundstimmung ergibt nun Mal den Druck spenden zu sollen wollen. Es ist doch unlogisch und inkosequent sich Jahreszeit-bedingt von seinen Grundsätzen abbringen zu lassen. Spenden muss aus Überzeugung geschehen, und nicht durch den Erhalt eines Aufklebers fürs Auto oder Geschäftsportal „Förderer von xyz“

    Der Gutmensch – diesem Wort möchte ich bitte nur in Studien zum Sprachgebrauch rechts-orientierter Personenkreise lesen – und sonst nirgends. Es ist dem Image sozial handelnder Menschen nicht zuträglich. Der Grammatik-Krepierer Gut-Mensch provoziert ja regelrecht diesen grammatische Fehler auf den Charakter der so bezeichneten Menschen übertragen zu wollen!

    @BarockenHörerin: FairTrade-Produkte hat nichts mit Wohltätigkeit zu tun; auch wenn es mitunter von der selben (guten) Idee abstammt. Beim Fairen Handel ist es in Wahrheit so, dass die Konsumenten ein hochwertiges Produkt erhalten – also dieses gute Angebot in Anspruch NEHMEN. Bei Produkten mit TransFair-Siegel sind in Wahrheit die Produzenten die Gebenden und alle Partner sind voll integriert in die Gesetze der (öko-sozialen) Marktwirtschaft.

    Ich freue mich auch zwanzig-zehn auf viele gute Ding-Abhandlungen!

  4. Die Lösung des Problems hat...
    Die Lösung des Problems hat Heiner Müller einmal mit dem ihm eigenen trefflichen Zynismus formuliert: „Ein Kommunist gibt keine Almosen.“ Trotzdem kriegen die Punks immer etwas von mir – außer wenn sie allzu höflich fragen oder mich gar siezen. Das hat wahrscheinlich wirklich etwas mit „delegiertem Saufen“ zu tun, seit ich in dem Alter bin, in dem man das nicht delegierte spätestens am nächsten Tag bereut.

  5. fraudiener sagt:

    sabine, vielen Dank, Ihnen...
    sabine, vielen Dank, Ihnen auch gute Neujahrswünsche. Den echten Bettler erkenne ich vor allem am Stammplatz. Oder daran, daß ich ihn überhaupt erkenne. Die Banden ziehen ja meistens herum, der echte Bettler ist standorttreu oder hat zumindest ein bestimmtes Revier. (Der blinde Mann mit der fetten Katze etwa saß jahrelang auf der Zeil, so lange, bis er in einem Genazino-Roman verewigt wurde. Ob er das wohl weiß?)
    .
    damenwahl, das wundert mich auch. Der Zirkus, der seit Jahren in Frankfurt bettelt, hat nur Treffer von Twitterern und Flickr-Bildern. Das sind alles Leute, die sich ebenfalls wundern, ob es den gibt, oder wirklich nur das eine Pony mit dem Schild. Vermutlich letzteres.

  6. Begriffe sind so wunderbar...
    Begriffe sind so wunderbar dazu geeignet die Dinge zu beschreiben. Dem gegenüber steht die Frage ob sie der eigentlichen Sache dahinter gerecht werden. Beleuchten wir also selbige mal von einer anderen Seite:
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    Da ist zum einen der Gebende sowie der mehr oder weniger un/bekannte Beobachter. Beide haben Ihren sehr subjektiven, möglicherweise auch mit Vorurteilen belasteten, Standpunkt.
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    Befrägt man aber den Empfänger danach, ob es Ihm wichtig sei das die Gabe in moralisch korrekter Haltung erfolgt, oder was möglicherweise der Beobachter vom Geber denkt, er gar die Gabe ablehnen würde, sofern das eine oder andere nicht so recht in die kritisch gaffende Öffentlichkeit passt.
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    Nun – eine Antwort vom Schlage „ist mir doch scheißegal“ käme wohl ziemlich häufig und das völlig zu Recht, denn ob uns das nun passt oder nicht: Eine Gabe lindert im Augenblick des Empfanges die vorhandene Not; demnach zählt nur die Tat und nicht was irgendwelche Leute über den Geber oder die Situation als solche zu sagen wissen.

  7. Filou sagt:

    Alter Bolschewik, schoenste...
    Alter Bolschewik, schoenste Punkerfrage in Halle/ Saale:
    Hamse mal ’nen Euro fuern antifaschistisches Projekt?
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    Issen das?
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    Neonazi untern Tisch trinken!
    ……………………………………..
    Ein Euro ins Projekt investiert.

  8. muscat sagt:

    Frau Diener, es ist doch...
    Frau Diener, es ist doch schön, wenn die Menschen überhaupt was abgeben. Und auch „Zeitspenden“ (Mitarbeit in einer gemeinnützigen Organisation) halte ich für sinnvoll. Da sehen Sie dann in jedem Fall, wohin ihr „Investment“ geht.

  9. perfekt!57 sagt:

    Auch wenn wir müde sind,...
    Auch wenn wir müde sind, schnell noch ein paar Zeilen, sozusagen ins Unreine, in der Hoffnung, trotzdem verstanden zu sein:
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    Was mir an der ein- oder anderen Stelle manchmal fehlt, sind die Elemente des Tauschs. Zumindest schon Mal in der reflektierten Form eines möglichen Gedankenexperiments.
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    Hier fände ich es z. B. prima, wenn die Möglichkeit bestünde, evtl. einmal mit den Sammeldosenhaltern zu tauschen. Also sich selber mal dahin zu stellen und „bekommen“ aushalten zu müssen. Oder so. „Sich selbst mal probehalber von der anderen Seite sehen“. Und dann – Tun ist ja so wichtig – evtl. einen Blog zu schreiben „Wie ich mit der Sammeldose stand“. (Und überlegte, was wohl meine Freunde oder Bekannte sagen würden, resp. was ich ihnen sagen würde (oder nicht) nach dem sie mich gesehen hätten.)
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    Und damit gedanklich „Schein“ (eng zum Stift gerollt) in „Dose“ auch noch umzukehren. Auch wenn das für den ein- oder anderen evtl. schwierig klingen mag: Ganz sachlich gesprochen glauben wir schon verschiedentlich beobachtet zu haben, dass viele Menschen auch hinsichtlich penetrieren/penetriert werden in sehr vielen und ggfls. auch weit auseinanderliegenden Lebensbereichen sehr festgelegt sein können und ohne das zu merken: Einen Schein zu rollen und irgendwo reinzustecken wird z.B. schon mal als aggressiv oder irgendwie unangenehm empfunden. Schon im Unterbewußtsein (und wir sagen nicht, dass das hier der Fall war).
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    Um dann – vielleicht etwas salopp formuliert – mit einer Kleingeldschwangerschaft frierend im Wind stehen zu müssen erst recht. Als angenehmer kann es auch empfunden werden, wenn man einfach nur das Portemonnaie aufhält und ein als ansprechend empfundenes Gegenüber das Richtige rausnimmt. (Die bekannt kluge Form aktiver Passivität!)
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    Und damit man von sich gibt, muss man selbst erstmal genug haben. Und wie viele andere kenne auch ich Frauen, für die ist das das Gesicht des Mannes, den sie lieben – und zwar in Großaufahme. Also ganz dicht. Und haben sie davon genug, dann können sie auch geben. Viel bis alles sogar. Und in alle Richtungen.
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    Wie gesagt, nur am Rande.
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  10. Stefan sagt:

    Ich habe ein Los bei der...
    Ich habe ein Los bei der „Aktion Mensch“, weil zum einen eine geistig behinderte Bekannte sehr von dieser Organisation profitiert, ich also nur Gutes sagen kann und zum anderen man immer den zusätzlichen Reiz hat, vielleicht etwas Tolles zu gewinnen. Damit ist für mich das Thema aber gegessen. Ich spende sonst nichts weiter.
    Unsere Firma spendet zu Weihnachten einer lokalen Organisation, die sich auf die Verteilung von Lebensmittelspenden spezialisiert hat. Das finde ich gut, weil es eben nicht irgendwo in der Ferne ist und weil es Sachgüter sind.

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