Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Das Haus des Sammlers: Sir John Soane’s Museum

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Jemand, der einigermaßen systematisch viele Dinge anhäuft, heißt Sammler. Mitunter artet die Anhäuferei jedoch derart aus, daß man größere Häuser braucht, was sich besonders dann gut trifft, wenn man ohnehin Architekt ist. Sir John Soane war ein großer Anhäufer, erfolgreicher Architekt und Erbauer eines der seltsamsten Zwitter zwischen Wohnhaus und Museum, die einem unterkommen können – in London ist es zu besichtigen.

Von außen sieht alles vergleichsweise harmlos aus: Die üblichen dunklen Ziegel, weißer Sandstein in der Mitte, Bogenfenster, Eisenzaun drumherum. Ein völlig normales Londoner Townhouse mittleren Repräsentationsgrades. Vier Spolien kleben an der Fassade, aber sonst weist nichts darauf hin, daß es sich um das Haus des manischsten Sachensammlers Londons handelt, der hier hauste, arbeitete und seine Schätze um sich und seine Schüler herumarrangierte. Sir John Soane’s Museum ist Wunderkammer, Galerie, Wohnhaus und Dokumentation überbordender Antikenverehrung. Schon im Eingangsbereich hängen die ersten Abgüsse, alles ist ein bißchen improvisiert, ein freundlicher Herr empfängt einen an der Tür und winkt einen herein, der Eintritt ist frei, dann stellt man seine Tasche am Boden ab und wird gebeten, sich ins Gästebuch einzutragen.

Bild zu: Das Haus des Sammlers: Sir John Soane's Museum

Normalerweise stehen die Besucher bis um die Ecke, erfahre ich später, denn es dürfen immer nur 70 auf einmal ins Haus. Gruppen werden aufgeteilt in handliche Fünferpäckchen, Gepäck wird abgegeben, lauter Vorsichtsmaßnahmen. Aber nichts bereitet einen darauf vor, was man dann zu sehen bekommt: Zunächst einmal das hübsch übersichtliche Speisezimmer in pompeianischem Dunkelrot, Bücher an der Wand, ein Haufen Kuriositäten und nicht die allerschlechteste Kunst an den Wänden (Reynolds). Ein Mann mit Geschmack. Der an diesen eher konventionellen Raum dann aber ein Labyrinth von einem Haus anbaute, das man so eher selten sieht. 

Die englische Liebe zur mediterranen Antike führte normalerweise eher zu klaren, nüchternen und übersichtlichen Raumgestaltungen, also dem, was im 18. Jahrhundert Palladianismus hieß und einen weiten Bogen um den Stil des Erbfeindes, das Rokoko, schlug. Rational, vernünftig, demokratisch, so sah man sich gern. Doch Soane war kein Mann, der in seine Partyräume ein paar Säulen hineinstellte, er klotzte. Jeder Millimeter ist vollgehängt, vollgestellt, mit einem Regal versehen, in dem die Kunst der letzten 2000 Jahre ihren Platz findet, und farblich noch irgendwie abgesetzt. Älteres meist in Form von Abgüssen, Zeitgenössisches als Original. Die Durchgänge sind mitunter keinen Meter breit, dann steht man wieder vor einem Fenster, von dem aus man in einen kleinen Innenhof schaut, in dem sich noch mehr Spolien und Statuen stapeln.

Im Gemäldekabinett hängt die große Hogarth-Sammlung, darunter der komplette Rake’s Progress. Soviele Ölgemälde des englischen Meisters findet man selten auf einen Haufen, auch in Hogarth’s House in Chiswick, südwestlich der City, hängen vorrangig Stiche. Ich stehe und staune noch ganz ehrfürchtig, da kommt ein Herr von der Aufsicht herein mit zwei Damen im Schlepptau, „here, you see“, und klappt einen kleinen Hebel an der Wand beiseite. Die ganze Seitenwand mitsamt den Hogarth-Gemälden in ihren Rahmen öffnet sich wie ein Flügelaltar, dahinter hängen Aquarellskizzen von Soanes Entwürfen. Das ist aber nicht alles, denn auch hier gibt es noch einen Hebel, der Herr klappt nocheinmal – und die Wand öffnet sich wieder. Diesmal gibt sie den Blick frei auf eine Art Apsis mit einer bronzenen Venus über einem Modell der Bank of England, Soanes größtem Auftrag als Architekt (er entwarf dafür eine Kassenhalle, die ans römische Pantheon angelehnt war).

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Leider sei es schon ein wenig dunkel, bedauert der Herr von der Aufsicht, wenn es hell ist, sieht man mehr von den Gemälden. „This house was obviously built before the electric age“, und wir nicken: Obviously. Aber abends sei es eben „athmospheric“, und was er damit meint, sehe ich, als ich mich durch den engen Gang, der Bad und Ankleidezimmer ist, hindurchdränge. Die Museumsgalerie schließt sich an, und bitte vergessen Sie jetzt alle Bilder von Museumsgalerien, die Sie so im Kopf haben. Diese ist anders. Vergessen Sie die zwar irgendwie ungeordnet herumstehenden, aber doch ziemlich viel Freiraum beanspruchenden Plaster Casts im Victoria&Albert, und die üblichen gut ausgeschilderten und ausgeleuchteten Museen sowieso. Das hier ist eine Grotte, hier wuchert an jeder Ecke ein Kapitell, Köpfe und Säulen, Relieffragmente und Statuetten drängen sich dicht an dicht, türmen sich übereinander, oben dorisch, unten korinthisch, dazwischen stehen Windlichter, flackern und verleihen den Fratzen Lebendigkeit, Gipsgeweih piekt in den Raum, vielbrüstige Gottheiten greifen nach einem, Urnen türmen sich, dazwischen losgelassen Mänaden, Sphingen, völlig unbeeindruckt inmitten all des Getümmels William Pitt the Younger und ganz oben, mit Blick auf alles und jeden, der Hausherr selbst: Sir John Soanes Büste.

Man schaut nach unten, im Tiefgeschoß geht das so weiter, rund um einen Steinsarkopharg, der dem British Museum für einen Ankauf zu teuer war und für dessen Installierung Soane die Wand aufbrechen lassen mußte, weitere Köpfe, Büsten, Urnen, die gesamte Antike auf allerengstem Raum. Nach diesem bizarren Ensemble erreicht man wieder einen vergleichweise zivilen Frühstücksraum, zwei Portraits vom Schoßhund Fanny, natürlich, auch Hogarth ist ja praktisch ohne Mops nicht denkbar. Eines dieser Portraits ist posthum entstanden und zeigt Fanny auf einem Kapitell der Akropolis sitzend als Hund des Architekten verklärt.

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Wer war denn jetzt dieser Sir John Soane, der sich so ein wunderbares, absonderliches Hausmuseum baut? 1753 geboren, Architekt, das war sein Beruf, Sohn eines Maurers, das war seine Herkunft, aus einfachsten Verhältnissen stammend, aber mit wachem Geist und verständnisvollen Lehrern gesegnet, schließlich Student an der Royal Academy. Ein Stipendium ermöglichte ihm eine Italienreise, und da war es um ihn geschehen: Er traf Piranesi und besuchte Villen, klaute eine Kachel in Pompei und nahm an Büchern und Stichen mit, was er sich von seinem schmalen Studentenbudget gerade eben leisten konnte. Er arbeitete dann als Architekt streng neoklassisch, zunächst mit bescheidenem Einkommen, dann zunehmend erfolgreicher, heiratete, bekam zwei Söhne und richtete sich ein Haus in Ealing ein. Alles noch völlig unverdächtig. Doch um 1800 herum packte ihn die Sammelleidenschaft, die mit zwei Canalettos anfing und mit der Diana von Ephesus noch lange nicht aufhörte. Hogarth-Gemälde, zwei Katzenmumien, Turner-Aquarelle kamen nach Ealing, das als Familiensitz einer, also seiner, Architekten-Dynastie vorgesehen war. Doch die Söhne taten nicht so, wie Soane wollte, heirateten unstandesgemäß und völlig undynastisch und interessierten sich mehr fürs Theater als für die Baukunst. Soane brauchte ein Projekt, um sich von diesen Enttäuschungen namens James und George abzulenken.

Drei Häuser in Lincoln’s Inn Fields, mit Parkblick, wurden gekauft und mußten weichen. Hier entstand nach und nach Soanes großes Werk, die Visitenkarte des Architekten, sein eigenes Haus, nach eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen geformt und der staunenden Nachwelt hinterlassen. Hauptbedürfnis war weniger das alltägliche Wohnen als vielmehr die Unterbringung der rapide anwachsenden Sammlung. Nur kurz nachdem Soane und Gattin sich häuslich eingerichtet hatten, erschienen zwei anonyme Zeitungsartikel: „He reares this mausoleum for the enshrinement of his body“, wetterte der Verfasser, und die Mutter seufzte, es könne sich dabei nur um den mißratenen Sohn George handeln. „Das ist mein Todesstoß“, sagte sie und schied zwei Wochen später dahin. Soane war am Boden zerstört, rahmte die Artikel, schrieb „Todesstöße“ darüber und hängte sie auf. Nun wohnte er allein im großen Haus, mit Fanny, dem Schoßhund der geliebten Gattin, sammelte und arbeitete und arrangierte sein Vermächtnis.

Er gründete eine Stiftung und stellte zwei wichtige Bedingungen: Freier Eintritt, und keine Veränderungen. Im 19. Jahrhundert sah man sich jedoch gezwungen, einige Durchgänge zu verbreitern, weil die Besucherinnen in ihren Krinolinen kaum noch durchpaßten. Dann fiel das Museum langsam dem Vergessen anheim, öffnete nur noch selten, galt als antiquiert, bis etwa in die 1990er Jahre hinein. Nach einigen vorsichtigen Neuerungen strömen inzwischen die Besucher in beachtlicher Zahl, rund 93000 pro Jahr, das ist nahezu mehr, als das Interieur verträgt. Deshalb die Begrenzung der Besucherzahl, und deshalb allzuoft auch eine lange Schlange. Heute nicht, heute waren es nur knapp 200 Besucher, das ist selten. Einige Umbauarbeiten wurden gerade abgeschlossen, die Räume im ersten Stock wurden renoviert, es gibt jetzt einen Museumsshop – irgendwo muß das Geld herkommen. Es gibt genug große Pläne: Als nächstes sollen die Schlafräume wiederhergestellt werden, aus denen in viktorianischer Zeit Möbel, Betten und persönliche Gegenstände verkauft wurden, und ein Eingangsbereich soll gestaltet werden, um den improvisierten Zustand mit den Taschen auf dem Fußboden zu beenden.

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Egal, das nimmt man gerne in Kauf, denn den Zustand des Gerade-aus-der-Mode-seins hat Soane’s Museum erfolgreich durchgestanden. Ganz sicher ist es eins der seltsamsten Museen, das man besichtigen kann, einzigartig, obsessiv, sehr persönlich. Die meisten von Sir John Soanes Bauten haben die Zeit nicht überlebt, aber sein Wohnhaus wurde seit seinem Tod 1837 kaum verändert. Ein Mausoleum, vielleicht, ein Schrein auch, da hatte Sohn George nicht einmal unrecht. Vor allem aber, wie alle Sammlungen, ein Stück Sicht auf die Welt, eine eigene Ordnung der Dinge.

(Wer nach London fährt und Soanes Hausmuseum einen Besuch abstatten will, lädt sich die Audioführung von der Homepage auf seinen MP3-Player. Lincoln’s Inn Fields ist in der Nähe der Tube-Station Holborn, also ziemlich zentral.)


55 Lesermeinungen

  1. Ist ja toll, was einem so...
    Ist ja toll, was einem so alles entgeht, wenn man nichts weiss. Ich werden den Tip an den Sohn weitergeben. Der ist Londonfan.

  2. Herr Göttinger, Frau Barocke...
    Herr Göttinger, Frau Barocke Hörerin, es gibt ja nicht nur individuelle Sammeltendenzen, sondern auch zeitgemäße. Die Wunderkammern barocker Zeiten legten vor allem Wert auf das Ausgefallene, das Seltene, das Absonderliche. Sammler des 19. Jahrhunderts dagegen verfuhren genau umgekehrt, sie sammelten vor allem die Musterexemplare und kategorisierten sich so die Welt zurecht. Das sind ja schonmal zwei völlig verschiedene Ansätze.
    Natürlich lebt der Sammler gern in seiner Sammlung, denn er sammelt ja meist Dinge, die er mag, gern anschaut und zu denen er eine besondere Bindung hat. Mitunter gleitet das ins obsessive ab, das stimmt. Ich würde da gar nicht übermäßig psychologisieren wollen, aber das will ich ja eigentlich eh nie, ich glaube jedenfalls, Sammeln ist eine recht gesunde Reaktion auf die Unübersichtlichkeit der Welt. Da schafft man sich ein kleines Eckchen Ordnung.

  3. Danke, Herr...
    Danke, Herr Pockrandt!
    .
    Filou, London habe ich nun schon einigermaßen oft besucht, aber das ist hier derart groß und es gibt so viel zu sehen, das schafft man kaum in einem Leben. Ich habe eine endlose Liste an Dingen, die ich hier noch besuchen möchte, so geht es vermutlich vielen, und das Problem ist weniger das Nichtauskennen als die Zeit, die Gelegenheit und die nicht ganz kurzen Wege. Und irgendwann will man ja auch noch shoppen (morgen vermutlich).

  4. Die Groesse Londons, liebe...
    Die Groesse Londons, liebe Frau Diener, kann einen fertig machen. Vor Jahren war ich mit Freunden ueber die Nordsee bis London gesegelt, ab Southend-On-Sea, natuerlich mit Motor, die Themse aufwaerts. Am Nachtmittag lagen wir dann im St.-Katharins-Dock. Der Teufel gab mir ein, sofort bis Westminster zu laufen. Seitdem weiss ich wie lang die Canon-Street ist. Sie ist uebringens viermal so lang, denn den Rueckweg musste ich ebenfalls zu Fuss machen. Mein Portemonnaie hatte im Boot liegen lassen. Noch nicht mal einen Hamburger, ein Bier konnte ich mir leisten. Im Hafenclubhaus muss es wohl ‚was zu essen gegeben haben. Daran kann ich mich aber nicht mehr erinnern. Wir waren vier Jungs und meinten uns wie echte Fahrensleute zu betr…

  5. Und London im Januar? Das kann...
    Und London im Januar? Das kann nur lustig sein! Ich musste mal im November dort sein, Trickfilmequipment in Hounslow kaufen. Hounslow ist keine Reise wert.
    .
    Spaeter, in Mayfair, in einer Galerie sah ich zwei ziemlich gewagte Originalfotos von Helmuth Newton. Mein Beuteinstinkt gaukelte mir den Preis von 80 Pfund vor. Das waere gegangen. Ging aber nicht. Die eine Null hatte ich uebersehen, es mussten 800 Pfund sein. Heute wuerde ich ueber den Preis lachen, aber damals, damals war das Pfund noch teuer.

  6. London im Januar ist lustig,...
    London im Januar ist lustig, wenn gerade der härteste Winter seit 1963 gegeben wird. Engländer reden ja auch so schon viel vom Wetter, Sie können sich also vorstellen, was hier Hauptthema ist. Meistgehörter Satz: „We are not prepared for this kind of weather“.

  7. <p>Wunderbar - dieser...
    Wunderbar – dieser Flashback! Es ist nun drei Jahre her, als ich bei meiner theoretischen Bakkalaureatsarbeit über die Wunderkammern der frühen Neuzeit so manches zusammen trug. Da meine damalige Studienrichtung einst wie auch jetzt von Architekten geleitet wurde, war die versteckte Ordnung in der konstruierten Unordnung in den verschachtelten Kabinette des John Soane das perfekte Killer-Kapitel um die Betreuerin milde zu stimmen.
    Was vielleicht noch eine Erwähnung verdient: Soane hat schon im 19. Jahrhundert voll auf 3D-Rendering gesetzt. Mit aufwändigen Aquarellen, welche das jeweilige geplante Gebäude zwischen Querschnittansicht und Ruine changieren ließ, überzeugte er die Auftraggeber von seinen Entwürfen. Er selbst soll die Ansicht vertreten haben ästhetisch wirklich gelungen sei ein Gebäude erst dann, wenn es im Verfall noch immer gut aussieht.
    Aber eines möchte ich nachfragen: Haben Sie das Herzstück, den gewölbten Spiegel an der Decke des Arbeitszimmers denn nicht gesehen? Dieser ermöglicht von einem Punkt aus den Überblick über die gesamte Sammlung.

  8. Ach Frau Diener, nun bin ich...
    Ach Frau Diener, nun bin ich aber etwas enttäuscht; ich hätte nicht gedacht, daß Sie zur Kategorie derer gehören, die „shoppen“ gehen.
    Eher den guten alten Einkaufsbummel.

  9. Chris, es war schon recht...
    Chris, es war schon recht dunkel. Mit Überblick war da nicht mehr allzuviel. Ich war froh, Spiegel von Durchgang unterscheiden zu können.
    .
    Don Ferrando, also bitte, geshoppt wird erst nach der Kultur. Da bin ich eisern. Man hat ja außerdem mal was anständiges studiert und interessiert sich. (Gestern nochmal eine Halle, eine Kapelle und zwei Museen, aber heute ist Schluß, heute ist die Geschäftswelt dran.)

  10. Sie waren auch sicher ein paar...
    Sie waren auch sicher ein paar mal in Paris, nehme ich an. Geht es Ihnen aehnlich wie mir, dass ich im Vergleich der Staedte London als warmen Brummbaer, Paris aber als praetentieuse Zicke sehe?
    Komischerweise bin ich bei der Zicke oefter zu Besuch.

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