Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Zwischen Bankern und Trinkern: German Sausage

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In London ist die German Sausage bei Kurz & Lang zu Hause, einem Imbiß am Rande des Finanzdistriktes. Ich treffe Valentin und frage ihn, wie sich die Krise so darstellt aus der Sicht eines Wurstbudenbesitzers. Und lerne, daß es nicht das Schlechteste ist, mit Dingen zu handeln, die man auch anfassen kann.

Im Londoner Finanzdistrikt gehen langsam die Lichter aus. Die Restaurants sind beleuchtet, aber noch menschenleer, der Freitagabend läuft langsam an. Auch bei Kurz & Lang steht noch niemand im Laden, und so serviert mir der Chef persönlich die Käsekrainer mit Kartoffelwürfeln und Senf. „Sauerkraut dazu?“ fragt er. „Ich weiß, das ist nicht ganz originalgetreu. Aber die Engländer lieben Sauerkraut zur Wurst.“ Also lasse auch ich mir Sauerkraut reichen.

Immerhin die Würste sind originalgetreu. Valentin von Amsberg, der den Wurstimbiß zusammen mit einer Geschäftspartnerin leitet, kauft lokal erzeugte Bioprodukte bei einem Familienunternehmen im Schwäbischen. Die sind dort zwar fünfmal so teuer als anderswo, aber Qualität setzt sich durch, davon ist er überzeugt. Auch wenn für ihn die Ausgaben jetzt noch höher geworden sind. „Ich habe immer billig in Deutschland eingekauft, weil ich ein starkes Pfund in der Hand hatte“, sagt er. Das ist jetzt anders, das Pfund schwächelt, seit einem Dreivierteljahr schon.

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„Und wie stellt sich die große Wirtschaft so dar, aus der kleinen Wurstbude betrachtet?“ will ich wissen. Die letzten 15 Jahre, so berichtet Valentin, sei es dem Land aufgrund der Banken sehr gutgegangen. Es gab wenig gesetzliche Beschränkungen etwa für Hedge Fonds, 10 Prozent des britischen Bruttoinlandsproduktes wurde auf engstem Raum in der City zwischen dem Tower und der St. Paul’s Cathedral erwirtschaftet. Dann fing die Krise an, und zwar mit Northern Rock im Spätsommer 2007, die ganz dringend Geld brauchte. Vor den Niederlassungen reihte sich nach diesen Neuigkeiten eine lange Schlange von panischen Bankkunden, die ihr Geld abhoben, bis die Regierung eine Garantie abgab. Dann wurde Northern Rock verstaatlicht. „Inzwischen sind alle großen Banken hier zu 90 Prozent Staatseigentum.“

Früher hat er selbst im Bereich Finanzdienstleistungen gearbeitet, dann hat er die Seite gewechselt. Nun kommen die Angestellten in der Mittagspause zu ihm in den Wurstimbiß. Sogar deutsches Brot gibt es, er hat sich beim Import mit dem Bavarian Beerhouse zusammengetan. Die ursprüngliche Idee war ein mobiler Bratwurstverkauf, entstanden bei einem Abendessen zweier mit ihrer Arbeit unzufriedener Angestellter – doch so liberal die Auflagen für Hegde Fonds sind, so kompliziert sind sie für einen Wurststand. London besteht aus 33 Städten mit eigenen Verwaltungen, den Councils, und alle haben unterschiedliche Regeln und Gesetze. Einige verbieten mobilen Lebensmittelverkauf, andere haben eine Warteliste von 30 Jahren, wieder andere weisen Stellplätze am Rande abseitiger Parkplätze zu.

Innerhalb eines Jahrs entwickelten Valentin und seine Mitstreiterin dann das Konzept für einen stationären Bratwurstverkauf in einem Ladenlokal. „Ich habe drei Geschäftsfelder: Mittags die Banken, nachmittags After Work und die Residents, abends die Clubgänger. Letztere sind am wenigsten von der Krise betroffen, denn ausgegangen wird immer.“ Die Banken dagegen zeigen sich wenig stabil. „Gegenüber haben Merril Lynch gerade 2000 von 6000 Angestellten entlassen. Da sind auch viele Stammkunden von mir dabei, die nun nicht mehr kommen.“

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Arbeitslosigkeit ist ein großes Problem in Großbritannien, man lebt von „Benefits“ auf Hartz 4-Niveau, Ersparnisse hat kaum jemand. Die Mentalität ist eine völlig andere, erklärt Valentin: „Wenn man in Deutschland jemanden fragt: Wieviel Geld hast du?, dann wird der einem die Summe der Bankguthaben nennen. Hier nennt man die Summe der Kreditrahmen.“ Üblich sei es, bei Kreditkarten nur das Minimum zurückzuzahlen, Kredite wurden dennoch freigiebig gewährt. „Inzwischen fordert die Regierung, mehr Kredite an kleine und mittlere Unternehmer zu gewähren, um die Wirtschaft anzukurbeln – das war aber genau der Fehler, der alles ausgelöst hat.“ Dazu kommt, daß es üblich ist, sich während oder unmittelbar nach dem Studium auf die „property ladder“ zu begeben und dort aufzusteigen. Erst die Wohnung, dann das Haus, dann das größere Haus. Finanziert wird das Ganze durch Hypotheken, bis zu 120 Prozent gab es, weil alle davon ausgingen, daß die Preise immer weiter steigen. „Und auf einmal sind die Preise richtig in den Keller gegangen.“  Keiner hat Besitz, alle haben Schulden. In solchen Situationen kann ein Jobverlust eine persönliche Katastrophe auslösen.

In den meisten von der Krise betroffenen Ländern berappelt sich die Wirtschaft allmählich, nur in Großbritannien nicht. „Mit der Industrie ist es ja nicht mehr weit her“, sage ich. Die Stimmung sei allgemein schlecht, bestätigt Valentin: „Die Anzahl der leerstehenden Läden ist erschreckend.“ Früher haben sich in der City sofort Nachmieter gefunden, das ist inzwischen anders. Die Banker dagegen bekommen ihre Boni: „Das ist ein großes Thema, weil das ja jetzt auf Staatskosten geht. Diese Debatte wird sehr emotional und öffentlich geführt.“ Denn einerseits brauchten die Banken gute Leute, andererseits werde zur Zeit überall die Schraube angezogen. Da lassen sich Boni nur schwer rechtfertigen.

Valentins Wurstbusiness steht vergleichsweise gut da. „Ich habe im letzten Jahr 4 Prozent weniger Umsatz gemacht – und damit noch eine sehr gute Karte gezogen.“ An den Preisen darf derzeit nichts verändert werden, „das geht aus psychologischen Gründen nicht.“ Für einen Imbiß befindet er sich ohnehin schon im höherpreisigen Segment. Insofern muß er mit dem Verlust durch die schwächelnde Währung ebenso leben wie mit der steigenden Mehrwertsteuer. Doch für den Engländer ist das Biertrinken am Wochenende so wichtig wie die Luft zum Atmen, das Motto lautet: Get pissed. Das sonst so zivilierte und höfliche Volk stellt sich dann in einen Pub und kippt sich mit einiger Entschlossenheit ein Pint nach dem nächsten in die Birne, bis die Sätze nur noch aus F-Wörtern bestehen und das gnädige Vergessen einsetzt. Und Bier macht hungrig. Wurst ist nicht das Schlechteste dagegen.

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Feilschen oder sich über die Preise beschweren würde ein Engländer nie. „Die sagen nichts, die stimmen eher mit den Füßen ab“, sagt Valentin. „Die würden auch nie sagen, wenn mal etwas nicht stimmt.“ Aber Engländer sind nicht seine einzigen Kunden, gerade auch durch die Banken ist das Publikum recht international. Auch viele Deutsche gehören dazu. „Manche sind so dankbar, wenn sie hier hineinkommen, die fallen mir fast um den Hals. Deshalb sage ich auch gern, ich arbeite eigentlich im Charitybereich.“ Quality hot food on the go sei hier ein echtes Problem: „Ich habe lange hier gearbeitet, und ich habe sehr gehungert.“ Daher füllt er eine Marktlücke, während die Restaurantbranche stark gelitten hat, überall gibt es Special Deals, die Preise sind stark gefallen.

Allmählich kommen die ersten Abendkunden in den Laden. „Du hast ja Tannenzäpfle-Bier“, sage ich. „Ach, das kennst du?“ fragt er verwundert. „Das ist in Deutschland mittlerweile eine Art Szenegetränk“, erkläre ich. Davon hat Valentin nichts mitbekommen, schenkt uns aber eins ein. Die letzten Angestellten sind weg, das Licht hinter den Bürofenstern ist erloschen, die Sonne ist hinter der Kuppel von St. Paul’s untergegangen, die Straßen beleben sich. „Paß auf, wenn du heimgehst, der Freitagabend ist hier richtig böse.“ Ich verspreche, aufzupassen. Und tatsächlich trudeln mir schon nach wenigen Metern die ersten Feierwütigen entgegen, die im Prozeß des getting pissed begriffen sind. Routiniert sehen sie aus, wie sie das Pint über die Straße tragen, drinnen ist ja Rauchverbot. Wer ist Banker? Wer ist Arbeiter? Es ist nicht zu erkennen.


71 Lesermeinungen

  1. Wie ich hoere, wird der...
    Wie ich hoere, wird der „Deutsche Weihnachtsmarkt“ inzwischen in England etabliert. Der Wuerstchenstand ist bereits angekommen. Langsam, ganz langsam schaffen es die Hunnen doch noch, das Land zu besetzen.
    Und was Brot betrifft, bin ich sowieso der Meinung, das am deutschen Wesen die Welt genesen soll.

  2. JMense, dazu kommt natürlich...
    JMense, dazu kommt natürlich die Frage der Motivation. Man motiviert Manager über die Bezahlung, während man das arbeitende Fußvolk ganz prima über Angstmechanismen motivieren kann. Einfach ab und an beunruhigende Andeutungen über Rationalisierung und Verschlankung machen sowie das neue Werk in Bulgarien. Sie werden sehen, die strengen sich gleich noch ein bißchen mehr an.
    .
    Filou, Don Ferrando, was das angeht, wurde ich auch aufgeklärt. Bereits das englische Mehl ist mit Fett und Zucker versetzt, weshalb es nahezu unmöglich ist, daraus etwas anderes als pappiges Zeugs zu produzieren. Das Problem sind demnach schon die Inhaltsstoffe.
    Und über englische Würste reden wir besser mal gar nicht. Da ist nur zu wenigen Prozent Fleisch drin. (Was den Kaffee angeht, habe ich allerdings noch Hoffnung.)

  3. Ich sage nur das englische...
    Ich sage nur das englische Fruehstueck!

  4. Also nen guten Kaffee gibts...
    Also nen guten Kaffee gibts aufem Borroughmarket : )
    Der ist einfach Spitzenklasse, wenn gleich auch der einzig gute den ich in 6 Monaten London trank.

  5. Was die Inhaltsstoffe angeht:...
    Was die Inhaltsstoffe angeht: angelsächsisches Brot wird aus Papiermaische angerichtet und solange mit flüssigem Gips versetzt, bis es die Beschaffenheit und den Geruch von Hakle feucht erreicht. Daraus machen sie dann 37 verschiedene Sorten. Schon wenn man dieses Produkt im Supermarkt riecht, wird einem übel. Der Trick scheint zu sein, das Zeug solange zu rösten, bis Geruch, Konsistenz und Geschmack nicht mehr von Bedeutung sind.

  6. Mein Bruder hasst die...
    Mein Bruder hasst die Rothausbrauerei regelrecht. In Heidelberg gibt es das Tannezäpfle aber auch an jeder Tanke.
    Ich hier in Bad Soden muss dagegen immer mindestens bis in einen bestimmten Getränkeladen in Rödelheim fahren, der Tannezäpfle führt. Zumindest die gängigen Sorten. Ist für mich schon ein Stück badische Heimat in der hessischen Diaspora.

  7. Das ist auch so ein immer...
    Das ist auch so ein immer wiederkehrender Traum von mir: ´ne Würstchenbude oder eine Bäckerei in Neuengland. Alles original deutsch. Aber auch dort gibts Bürokratie (nicht zu knapp) und grauen Alltag. In Deutschland hieße der Laden Ihrer Londoner Bekanntschaft wahrscheinlich „Kurz & Lang´s“ …

  8. Aber Weihnachtslieder können...
    Aber Weihnachtslieder können sie!

  9. <p>Tschonni, den einzigen...
    Tschonni, den einzigen trinkbaren Kaffee bekam ich dann auch bei den Würsten. Eine Oase ist das.
    .
    BAH, was unterscheidet die englischen Brotsorten eigentlich? Der Zusatz von Dispersionsfarbe im Spektrum elfenbein bis ocker?
    .
    elbsegler, wenn die Medienkrise mich eines Tages überrollen sollte, dann mache ich eine Steckerlfischbraterei auf und beglücke die Nordländer (also alles oberhalb von Aschaffenburg) mit Steckerlfisch. Das ist mein Plan B.

  10. Die komplexen Rätsel des...
    Die komplexen Rätsel des englischen „Brotes“ werden wir nicht lösen. Ich habe es aufgegeben. Inzwischen glaube ich, sie erzählen einander hinter vorgehaltener Hand, wie grässlich deutsches Brot riecht, aussieht und -puuh – schmeckt. (Have you ever tried german „brot“, dear? Horrible!“)

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