Ding und Dinglichkeit

Bye bye, Riesenrutsche: Im Wellnessbad

Bereits vergangene Woche hatte sich die gesamte politische Elite der kleinen Stadt für das Titelbild der Lokalzeitung im Whirlpool ablichten lassen. Grinsend saß man im kreisrunden Becken, das Haupthaar angeklatscht, den Blick starr auf die Kamera gerichtet, körperwarmes Wasser brandete gegen die Brust des Bürgermeisters, des Stadtverordnetenvorstehers und des Ersten Stadtrates. Das neue Wellnessbad eröffnet, und heute ist Tag der offenen Tür.

Dicht gedrängt schieben sich die Massen durch die neue Saunalandschaft, drücken sich unter Palmen hindurch und strecken Finger in Becken. Lauwarm! verkündet Emily, deren Hello-Kitty-Pullover heute schon eine Kollision mit einer Kugel Schokoladeneis verkraften mußte.

Ja und wo ist jetzt die Riesenrutsche? fragt mich Emilys Mutter und schaut hinaus auf die Mondlandschaft, die demnächst gnädig mit Rollrasen abgedeckt werden soll.
Die Riesenrutsche, sage ich, ist weg.
Wie, weg?
Abgerissen. Kommt auch keine neue mehr.
Ach. Schade.

Schwimmbäder haben heutzutage keine Riesenrutschen mehr. Riesenrutschen sind genauso verpönt wie die Vorstellung, junge Menschen könnten in einem Schwimmbad Spaß haben und das womöglich sogar lautstark äußern. Moderne Schwimmbäder verwenden Naturmaterialien und Erdtöne, haben eine riesige Saunalandschaft und ein Wellnessbecken. Leise plätschert Wasser, leise plätschert Musik. Dazwischen stehen Liegen in gediegenem Beige in Ruhezonen herum, und empfindliche florale Gestecke in Terrakottagefäßen dürfen nicht angefaßt werden. Besonders hochwertig, sagt der Architekt.

Früher haben wir unsere Sommerferien auf der Riesenrutsche verbracht. Alle, die im Südwesten Frankfurts wohnen, kennen das hellblaue Ungetüm, das sich durch den Waldrand schlängelte und in einem Becken viel weiter unten endete, wo man mit dem Hintern aufschlug, wenn man nicht gerade verbotenerweise kopfüber rutschte. Der große Bruder rutschte manchmal auch rückwärts, die Kleinsten mit Schwimmärmeln oder mit Mutter. Die Schlange reichte manchmal fast bis zum Kiosk hinüber, wo es nach Pommes roch, sodaß man früher oder später beim Schlangestehen Hunger bekam. Es gab keinen Sommer ohne Riesenrutsche, keinen Sommer ohne die aufregenden, endlos gedehnten Sekunden Geschwindigkeit, die einem den Magen ganz leicht machten, trotz der vielen Pommes. 

Zwischendurch ging es ins Wellenbecken, wenn der Gong ertönte und die Ansage verhieß: „In fünf Minuten beginnt der Wellenbetrieb“. Der Wellenbetrieb strukturierte diese Sommertage und verpackte sie in handliche Päckchen von jeweils einer Stunde faulen Herumliegens oder einer Stunde Schwimmens oder Tauchenübens. Was man so tat, in den Tag hinein, man hat ja immer etwas zu tun, wenn man jung ist, man schwimmt ja nicht einfach so seine Bahnen, man versteht das gar nicht, dieses stupide Bahnenschwimmen der Älteren. Oder man sieht den Turmspringern zu, die mehr oder weniger elegant vom Fünfer sprangen, was man sich selbst nie getraut hätte. Arschbombe, Bauchplatscher. Die roten Striemen vom Aufprall trugen sie wie Trophäen vor sich her.

Nun gibt es keine Riesenrutsche mehr, die wurde vor zwei Sommern abgerissen, auch das Wellenbecken und der Sprungturm. Für ein Fünfmeterbrett ist das neue Sprungbecken genau 70 Zentimeter zu flach, aber wer muß schon springen? Es gibt einen Wasserspielgarten für die Kinder. Schön, daß jemand an Emily denkt. Aber was, wenn Emily größer wird, dem Kleinkinderbecken entwächst, wenn sie lange Sommerferien zu überbrücken hat? Es gibt draußen nur noch das Wellnessbecken. Mit 16 ist Emily zu jung dafür und zu alt für das Kinderprogramm.

In den Zeiten der Riesenrutsche gingen die Senioren in irgendeines der umliegenden Bad Soden und zogen in der Thermalsole ihre Bahnen. Badeanzüge mit Wattepanzer, Badekappen mit bunten Gummiblumen ragten aus dem Wasser, der Hintern hing tief und die Arme führten Minimalbewegungen aus. Brillen wollten nicht verspritzt werden. Das Springen vom Beckenrand ist verboten. Das war die Welt der Wellness, bevor die Wellness erfunden war, das war die Kur, die die Kasse zahlte. Heute zahlt die Kasse nichts mehr, deshalb zahlen alle für Wellness, das nun so verkauft werden muß, daß man es freiwillig absolviert und ein Heidengeld dafür ausgibt. Man kann nie früh genug damit anfangen, sagen sie. Gönn dir mal was, sagen sie, tu dir mal was Gutes. Wer kann solchen Aufforderungen widerstehen?

Irgendwann einmal wird Emily die Lückenzeit der Jugend überwunden haben. Wenn sie einen Job hat, der sie hinreichend auslaugt und Geld genug, daß sie 13 Euro 50 für zweieinhalb Stunden Sauna ausgeben kann, dann wird sie wieder interessant für das Wellnessbad. Also in 25 Jahren ungefähr, als Leistungsträger der Gesellschaft, wenn sie sich im Büro den Rücken ruiniert und Freizeit und Geld dafür aufwendet, das wieder hinzubiegen, was der Job kaputtmacht, trotz des ergonomischen Bürostuhls. Dann sitzt sie in der Salzsauna und pflegt sich die Atemwege, dann gibt sie vielleicht noch ein bißchen mehr aus für eine Massage, und später geht sie dann zur Senioren-Wassergymnastik.

Die Riesenrutsche hat uns alle geprägt, sagt Emilys Mutter. Die hat ja alle Jugendlichen hierher gelockt.
Ja, sag ich, mich hat sie auch geprägt.

Das ist nicht viel, was so eine Riesenrutsche prägt. Das sind nur Minuten eines Lebens, die man in angenehmer Schwerelosigkeit durch die Halbröhre flutscht. Aber in diesen Momenten ist die Riesenrutsche nur für einen selbst gebaut, da gibt sie dem Sommer und den endlos langen Ferienwochen ein Ziel und ein Zentrum. Es ist schade, daß Emily das nicht mehr erleben wird. Und ich habe nur noch eine Kachel davon, ein kleines hellblaues Mosaiksteinchen, das ich kurz vor dem Abriß gerettet habe.

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