Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Bye bye, Riesenrutsche: Im Wellnessbad

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Die Riesenrutsche wird abgerissen, und damit ein Teil meiner Jugend. Nicht nur meiner, sondern ein Teil der Jugend aller, die in den letzten 25 Jahren im Südwesten Frankfurts aufgewachsen sind. Jetzt steht da ein Wellnessbad mit Saunalandschaft – aber was machen die, die im Südwesten Frankfurts aufwachsen, jetzt in ihren Sommerferien?

Bereits vergangene Woche hatte sich die gesamte politische Elite der kleinen Stadt für das Titelbild der Lokalzeitung im Whirlpool ablichten lassen. Grinsend saß man im kreisrunden Becken, das Haupthaar angeklatscht, den Blick starr auf die Kamera gerichtet, körperwarmes Wasser brandete gegen die Brust des Bürgermeisters, des Stadtverordnetenvorstehers und des Ersten Stadtrates. Das neue Wellnessbad eröffnet, und heute ist Tag der offenen Tür.

Bild zu: Bye bye, Riesenrutsche: Im Wellnessbad

Dicht gedrängt schieben sich die Massen durch die neue Saunalandschaft, drücken sich unter Palmen hindurch und strecken Finger in Becken. Lauwarm! verkündet Emily, deren Hello-Kitty-Pullover heute schon eine Kollision mit einer Kugel Schokoladeneis verkraften mußte.

Ja und wo ist jetzt die Riesenrutsche? fragt mich Emilys Mutter und schaut hinaus auf die Mondlandschaft, die demnächst gnädig mit Rollrasen abgedeckt werden soll.
Die Riesenrutsche, sage ich, ist weg.
Wie, weg?
Abgerissen. Kommt auch keine neue mehr.
Ach. Schade.

Schwimmbäder haben heutzutage keine Riesenrutschen mehr. Riesenrutschen sind genauso verpönt wie die Vorstellung, junge Menschen könnten in einem Schwimmbad Spaß haben und das womöglich sogar lautstark äußern. Moderne Schwimmbäder verwenden Naturmaterialien und Erdtöne, haben eine riesige Saunalandschaft und ein Wellnessbecken. Leise plätschert Wasser, leise plätschert Musik. Dazwischen stehen Liegen in gediegenem Beige in Ruhezonen herum, und empfindliche florale Gestecke in Terrakottagefäßen dürfen nicht angefaßt werden. Besonders hochwertig, sagt der Architekt.

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Früher haben wir unsere Sommerferien auf der Riesenrutsche verbracht. Alle, die im Südwesten Frankfurts wohnen, kennen das hellblaue Ungetüm, das sich durch den Waldrand schlängelte und in einem Becken viel weiter unten endete, wo man mit dem Hintern aufschlug, wenn man nicht gerade verbotenerweise kopfüber rutschte. Der große Bruder rutschte manchmal auch rückwärts, die Kleinsten mit Schwimmärmeln oder mit Mutter. Die Schlange reichte manchmal fast bis zum Kiosk hinüber, wo es nach Pommes roch, sodaß man früher oder später beim Schlangestehen Hunger bekam. Es gab keinen Sommer ohne Riesenrutsche, keinen Sommer ohne die aufregenden, endlos gedehnten Sekunden Geschwindigkeit, die einem den Magen ganz leicht machten, trotz der vielen Pommes. 

Zwischendurch ging es ins Wellenbecken, wenn der Gong ertönte und die Ansage verhieß: „In fünf Minuten beginnt der Wellenbetrieb“. Der Wellenbetrieb strukturierte diese Sommertage und verpackte sie in handliche Päckchen von jeweils einer Stunde faulen Herumliegens oder einer Stunde Schwimmens oder Tauchenübens. Was man so tat, in den Tag hinein, man hat ja immer etwas zu tun, wenn man jung ist, man schwimmt ja nicht einfach so seine Bahnen, man versteht das gar nicht, dieses stupide Bahnenschwimmen der Älteren. Oder man sieht den Turmspringern zu, die mehr oder weniger elegant vom Fünfer sprangen, was man sich selbst nie getraut hätte. Arschbombe, Bauchplatscher. Die roten Striemen vom Aufprall trugen sie wie Trophäen vor sich her.

Nun gibt es keine Riesenrutsche mehr, die wurde vor zwei Sommern abgerissen, auch das Wellenbecken und der Sprungturm. Für ein Fünfmeterbrett ist das neue Sprungbecken genau 70 Zentimeter zu flach, aber wer muß schon springen? Es gibt einen Wasserspielgarten für die Kinder. Schön, daß jemand an Emily denkt. Aber was, wenn Emily größer wird, dem Kleinkinderbecken entwächst, wenn sie lange Sommerferien zu überbrücken hat? Es gibt draußen nur noch das Wellnessbecken. Mit 16 ist Emily zu jung dafür und zu alt für das Kinderprogramm.

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In den Zeiten der Riesenrutsche gingen die Senioren in irgendeines der umliegenden Bad Soden und zogen in der Thermalsole ihre Bahnen. Badeanzüge mit Wattepanzer, Badekappen mit bunten Gummiblumen ragten aus dem Wasser, der Hintern hing tief und die Arme führten Minimalbewegungen aus. Brillen wollten nicht verspritzt werden. Das Springen vom Beckenrand ist verboten. Das war die Welt der Wellness, bevor die Wellness erfunden war, das war die Kur, die die Kasse zahlte. Heute zahlt die Kasse nichts mehr, deshalb zahlen alle für Wellness, das nun so verkauft werden muß, daß man es freiwillig absolviert und ein Heidengeld dafür ausgibt. Man kann nie früh genug damit anfangen, sagen sie. Gönn dir mal was, sagen sie, tu dir mal was Gutes. Wer kann solchen Aufforderungen widerstehen?

Irgendwann einmal wird Emily die Lückenzeit der Jugend überwunden haben. Wenn sie einen Job hat, der sie hinreichend auslaugt und Geld genug, daß sie 13 Euro 50 für zweieinhalb Stunden Sauna ausgeben kann, dann wird sie wieder interessant für das Wellnessbad. Also in 25 Jahren ungefähr, als Leistungsträger der Gesellschaft, wenn sie sich im Büro den Rücken ruiniert und Freizeit und Geld dafür aufwendet, das wieder hinzubiegen, was der Job kaputtmacht, trotz des ergonomischen Bürostuhls. Dann sitzt sie in der Salzsauna und pflegt sich die Atemwege, dann gibt sie vielleicht noch ein bißchen mehr aus für eine Massage, und später geht sie dann zur Senioren-Wassergymnastik.

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Die Riesenrutsche hat uns alle geprägt, sagt Emilys Mutter. Die hat ja alle Jugendlichen hierher gelockt.
Ja, sag ich, mich hat sie auch geprägt.

Das ist nicht viel, was so eine Riesenrutsche prägt. Das sind nur Minuten eines Lebens, die man in angenehmer Schwerelosigkeit durch die Halbröhre flutscht. Aber in diesen Momenten ist die Riesenrutsche nur für einen selbst gebaut, da gibt sie dem Sommer und den endlos langen Ferienwochen ein Ziel und ein Zentrum. Es ist schade, daß Emily das nicht mehr erleben wird. Und ich habe nur noch eine Kachel davon, ein kleines hellblaues Mosaiksteinchen, das ich kurz vor dem Abriß gerettet habe.


60 Lesermeinungen

  1. fraudiener sagt:

    elbsegler, ich erinnere mich...
    elbsegler, ich erinnere mich an den Satz, der im Bauausschuss mehrfach fiel: Wir wollen kein Halligalli-Bad. Man könnte auch gleich sagen: Wir wollen keine Jugendlichen. Zum Glück gibt es andere Beispiele, denn irgendwo müssen Jugendliche ja auch gewollt sein.
    .
    Blackjack, Ferse und Ellenbogen? Das hab ich nie probiert. Ich glaub, ich muß mal wieder ins Rebstockbad. Ich bin ja so kindisch, ich finde Riesenrutschen bis heute großartig.

  2. Der Gärtner sagt:

    Letzte Woche waren meine Frau...
    Letzte Woche waren meine Frau mit Tochter im hiesigen Schwimmbad mit Riesenrutsche und sie haben sich beide wie die Königinnen gefreut, da runter zu saussen. Tatsächlich, Frau Diener, die Sommer und auch mein Studium habe ich im Schwimmbad verbracht. Uebrigens: die derzeit im Kino laufende Studentenkomödie ,, 13 Semester“ thematisiert diese Freuden (Film in Darmstadt gedreht).
    Ein schönes déjà-vu mit meiner Kindheit hatte ich vor zwei Jahren in Freyburg an der Unstrut (Rotkäppchen-Sekt Stadt). An dem heissen Sommertag gingen wir ins dortige Freibad, wurden vom Bademeister mit Handschlag begrüsst, Eintritt 30 oder Fuffzig Cents und alle daheimgebliebenen Kinder (eine Menge) waren zu unserem grössten Spass bei der Sache: Arschbombe, Eiershaker, u.s.w. In der Ecke gab’s ’ne Wurstbude (Bock-und Bratwurst, Einlege-Gurken), die von einer mit Kochmütze ausstaffierten Köchin besorgt wurde. Dieses Bad mag ich an dieser Stelle allen Amateuren ans Herzelein legen, auch wegen der lieblichen Landschaft drumherum.

  3. Ephemeride sagt:

    Riesenrutschen sind was für...
    Riesenrutschen sind was für Riesen. Und alldieweil, zumal im hessischen Kochland, können sich zwergenhafte Entscheider so etwas nicht mehr vorstellen. Neunjährige Gymnasialzeiten verbonsaien zu G8, ausgiebiges Studieren mit Blick-über-den-Tellerrand verschrumpelt zu Masterundbachelor, selbstständige Kinder mit Abenteuer-und-Bewegungsdrang hätschelt man zu Mini-Erwachsene und nur die Autos wachsen und wachsen ins Unendliche und werden zu Riesenkutschen…

  4. elbsegler sagt:

    @Andrea Diener
    ein...

    @Andrea Diener
    ein Halligalli-Bad sieht wohl anders aus. Es macht auf mich eher den Eindruck eines kommunalen 08/15 Planschbades, das zu allem taugt, nur nicht, zum Schwimmen und Spaß haben. Selbst den Blumenbadekappen wird es nicht gefallen, denn das Becken ist nicht quadratisch. Und sehe ich auf dem letzten Bild mitten im Wasser einen Sprudel? Oh, je! Die potentiellen Nutzer auf Bild 3 gucken auch schon so enthusiasmiert, dass sie wohl nicht noch mal wiederkommen.

  5. fraudiener sagt:

    Elbsegler, es gibt auch ein...
    Elbsegler, es gibt auch ein quadratisches Becken. Mit fünf (!) Bahnen. Wenn ein Verein dort trainiert, bleiben dem Volk dann doch noch drei. Zusammenstöße vorprogrammiert.
    .
    Übrigens, auf Google Maps steht die Riesenrutsche noch (links oben):
    https://maps.google.de/maps?f=q&source=s_q&hl=de&geocode=&q=kelsterbach&sll=50.067859,8.542838&sspn=0.000983,0.001998&g=kelsterbach&ie=UTF8&hq=&hnear=Kelsterbach,+Gro%C3%9F-Gerau,+Hessen&ll=50.067814,8.542779&spn=0.000983,0.001998&t=h&z=19
    Immer wieder großartig, wie das ein Fenster in die Vergangenheit bildet und längst abgebrochene Gebäude wiederauferstehen läßt. Die ganze Außenanlage ist weg, bis auf eine kleine Wellnesspfütze. War zu teuer. Tja.

  6. muscat sagt:

    Rebstockbad - natürlich, ich...
    Rebstockbad – natürlich, ich vergaß… Als ich mit 14 das letzte Mal dort war, fand ich es irgendwie von den Leuten her ziemlich ätzend und auch ein wenig heruntergekommen. Wie ist es denn da jetzt so?

  7. windsbraut sagt:

    Oho, da hab ich ja mal wieder...
    Oho, da hab ich ja mal wieder Glück gehabt. In Hamburg gibt es das noch in der Alsterschwimmhalle: Sprungturm, Rutsche und rechteckiges Becken mit 50-Meter-Bahn. Und das auch noch nach der jüngst abgeschlossenen Renovierung (2007). Wenn Sie jetzt aber denken, hier hätte man in Punkto Stadtentwicklung bessere Ideen als anderswo, muss ich Sie leider enttäuschen, denn die Alsterschwimmhalle existiert nur noch, weil die Hamburger massiv gegen die Schließung protestiert haben.

  8. elbsegler sagt:

    Ich muss zugeben: ich mag...
    Ich muss zugeben: ich mag Hallenbäder nicht besonder. Schon der Geruch… Der Horror war das Schulschwimmen. Auch wenn wir vormittags Schulschwimmen hatten, durfte sich die Rentnertruppe im Wasser treiben lassen. Wir schwammen um die Wette und dann kam ein Hippopotamus von Backbord… Und wie A.D. schon feststellte: Keine Spritzer, bitte! Wehe die Brille, oder noch schlimmer, die Badekappe wurde nass. Dann gab es aber mal ´ne Ansprache an die nichtsnutzige Brut. Grauenhaft. Zu allem Überfluss war auch noch das Wasser kalt. Es war ja Ölkrise damals.

  9. elbsegler sagt:

    @Andrea Diener
    Hab gerade...

    @Andrea Diener
    Hab gerade Ihren Google Maps Link angeklickt. Das ist ja reine Barbarei! Das ganze schöne Freibad ist auf der Baumülldeponie? Reife Leistung! Ich glaub es nicht.

  10. mark793 sagt:

    Hm, vielleicht ist es den...
    Hm, vielleicht ist es den rheinischen Frohnaturen geschuldet oder einer von Frankfurt stark abweichenden demographischen Entwicklung, aber hier im Raum Düsseldorf steht dem Interessierten eine erkleckliche Auswahl an Spaßbädern zur Verfügung. Ich bin noch gar nicht dazu gekommen, mit Töchterlein alle anempfohlenen Adressen im näheren und weiteren Umkreis anzutesten.
    Was die richtige Rutschtechnik angeht: In diesen Plastikröhren-Rutschen nimmt man am meisten Fahrt auf, wenn man sich ganz flach auf den Rücken legt. Im „Düsselstrand“ in D-Flingern gibt es eine schwarz abgedunkelte Rutsche, die gar nicht mal so mördermäßig hoch ist, aber wenn man da oben an der Stange richtig Schwung mitnimmt und sich gleich ganz flach macht, vergehen einem unterwegs Hören und Sehen bis es einen unten dann mit Schmackes ins Auffangbecken knallt. Soviel Halligalli darfs auch für mich als Mittvierziger noch sein. (Und ehrlich gesagt könnte es mich immer noch reizen, in einer typischen Alte-Leute-Therme, wo jedes Spritzerlein verpönt ist, eine satte Arschbombe vom Beckenrand zu springen, deren Welle ein paar Leutchen die Bademützen vom Kopf spült. Aber das verkneift man sich selbstredend…)

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