Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Zwischen Gesetz, Moral und Remix: Das Plagiat

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Die jüngste Feuilleton-Aufregung kennt mehrere Begriffe für ein und dasselbe Ding: Zitat, Remix, Plagiat. Manche sagen auch einfach "abschreiben" dazu. Blöderweise einigt man sich in der Diskussion nicht auf eine Ebene, und wirft munter moralische, juristische und künstlerische Argumente durcheinander. Ich bemühe mich um ein wenig Klärung im Dickicht.

Wem Bücher gehören, ist klar: Dem Besitzer, der Bibliothek. Wem Texte gehören, ist schon komplizierter. Aber wem gehört das Wort „Vaselintitten“? Gehört es überhaupt jemandem? Airen, seines Zeichens Blogger, Autor und unter einem unbekannten, vollständigen Namen auch Unternehmensberater, hat es jedenfalls in die Welt gesetzt, und zwar in folgendem Zusammenhang: „Denn alles führt ja von selber von sich aus ganz automatisch zum Chaos und dies zu bejahen oder gar prototypisch zu personifizieren, ein Künstlerleben zu führen […] mit farbigem Schattenspiel auf hyperrealen aber durch Rohypnol etwas schlecht aufgelösten Vaselintitten … „ und so weiter. Dann kommt eine Nachwuchsautorin, die findet das gut, und greift das Wort auf. Prima. Soll sie. Und zwar in folgendem Zusammenhang: „Meine Existenz setzt sich momentan nur noch aus Schwindelanfällen und der Tatsache zusammen, dass sie von einer hyperrealen, aber durch Rohypnol etwas schlecht aufgelösten Vaselintitten-Installation halb zerfleischt wurde.“ So schreibt Helene Hegemann in ihrem Debütroman „Axolotl Roadkill“. Es geht also nicht nur um die Vaselintitten, sondern um durch Rohypnol etwas schlecht aufgelöste Vaselintitten. Und es bleibt auch nicht bei den Vaselintitten, das geht weiter mit der Technoplastizität, mit überhitztem Blut, mit den schmutzigen Details des Heroinrauchens und vielen, vielen anderen Fragmenten.

Die Masse macht es illegitim, meint Deef Pirmasens, auch Blogger und Entdecker der doch ziemlich frappierenden Übereinstimmungen, in einem Interview. Und jetzt streiten sich die Experten, warum das nun illegitim ist, und verhandeln das Ganze auf zwei Ebenen: Juristisch und moralisch.

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„Also wie das juristisch ist, weiß ich leider nicht so genau“, das sagt die Autorin, und spätestens da fragt sich der unbedarfte Leser, ob der Verlag eigentlich mal mit ihr darüber geredet hat, was so geht und was nicht. Sie verteidigt ihr Vorgehen mit den Konventionen der modernen Remixkultur, der „Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess durch das Recht zum Kopieren und zur Transformation“, so sagt sie, argumentiert also mit ihrem gefühlten Recht als Künstler, sich quer durch die Kulturproduktion bedienen zu dürfen.

Gut, reden wir also über den Remix und nehmen das Argument der Autorin einen Moment lang mal ernst. Wie und unter welchen Bedingungen findet Cut-up, findet Transformation statt? Das ist ja so ein von Hipness umwehter Prozeß, der jeden, der da mit dem Recht am Text kommt, sofort zum Spielverderber degradiert, der die Moderne boykottiert. Man verweist dann gerne auf Beat-Literatur, auf frühen Hip Hop oder auch schon mal auf Goethe und wirft Dinge in einen Topf, die nun wirklich nicht zusammengehören. Gern rührt man noch den Begriff des Zitats dazu, damit das Ganze auch hübsch harmlos aussieht. Aber das ist es eben nicht, denn wenn da mehr steht als, sagen wir mal, „Vaselintitte“, dann muß das kenntlich gemacht werden, und das ist nicht passiert. Das gilt im Übrigen auch für die Hip-Hop-Kultur, die aber ziemlich gerne kenntlich macht, weil das da eine Art der Respektsbezeugung ist. Diesen Respekt vermisse ich bei Axolotl Roadkill. Den vermisse ich auch an anderer Stelle. In einem älteren Interview mit dem „Küchenradio“, als Podcast online, lobt man sie für einen Satz aus ihrem Film „Torpedo“. „Wenn die Liebe geht, die Hobbies bleiben“ – das fand der Moderator toll. Den Satz finde ich auch toll. So toll, daß ich ihn selbst schon mal als Motto eines Blogtextes verwendet habe. Mit dem Hinweis, woraus er stammt: Aus dem Lied „Dreißigjährige Pärchen“ von Rainald Grebe. Rainald Grebe ist wunderbar und gehört gefälligst der Menschheit nahegebracht, finde ich. Frau Hegemann scheint das nicht zu finden und heimst das Kompliment für sich ein. So geht also Remix, aha.

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Vom Juristischen mal abgesehen, sagen andere, ist das vor allem moralisch verwerflich, weil sie sich mit fremden Federn schmückt, in diesem Fall mit einer ziemlichen Ballung an Formulierungen, die nicht die ihren sind. Sie als vielbesprochene Autorin eines Publikumsverlages bereichere sich auf Kosten eines kaum wahrgenommenen Autors aus einem Berliner Untergrundverlag, das gehöre sich nicht. Das ist die zweite Argumentationsebene, auf der die Sache verhandelt wird.

„Es geht hier nicht um Remix-, Sample- und Zitatkultur, ein postmodernes Vexierspiel und intertextuelle Verweise … Wir haben es hier nicht mit einem Roman von Thomas Meinecke oder Italo Calvino zu tun. Auch Rainald Goetz protokolliert Gespräche mit Freunden, aber er schreibt sie nicht aus anderen Büchern ab“, meint der SuKultur-Verlag, der Airens Buch veröffentlicht hat, in einer Presseerklärung (Apropos Goetz – schonmal jemand mit „Rave“ abgeglichen?). Im Internet, wo ja angeblich auch überall nur geklaut wird, gehört es zum guten Ton, Links zu setzen. In einem Buch hätte sich ein Verweis ebenfalls gut gemacht. Hegemann ringt sich immerhin in der zweiten Auflage – noch vor den Plagiatsvorwürfen, wie man ihr zugestehen muß – dazu durch, Airen in die Danksagungen mit aufzunehmen. Einen so hübschen Credit wie David Foster Wallace bekommt er allerdings nicht. Den bekommt auch nicht der Autor Malcolm Lowry, der die Eingangssequenz beisteuert und auch nicht die Band Archive, deren Song „F*** U“ Hegemann übersetzt und als Brief der verstorbenen Mutter an ihre Tochter an den Schluß des Buches stellt. Ein gern und vielzitiertes Stück Prosa, das den Rezensenten ganz außerordentlich gut gefällt. Doch darf man eine Autorin für etwas loben, was sie nicht gut erfunden, sondern nur gut gefunden hat? Reicht das schon?

Im Grunde geht es um unser Verständnis von literarischer Kultur, meint der Züricher Literaturwissenschaftler Philipp Theisohn in einem hörenswerten Interview mit dem Deutschlandradio. Was wollen wir, fragt er, eigenständige Autoren, Werke, literarische Verdienste und eben auch Verlage, die Autoren am Markt präsentieren und dank „Urheberrechtsexzeß“ nicht unerhebliche Summen auszahlen – oder eine Kultur des Hypertextes, in der Frau Hegemann dann aber nichts weiter wäre als eine unvermarktete Bloggerin unter vielen? Es geht eben nur eines, und da müsse man sich entscheiden. Derweil leben wir noch in Szenario eins, auch wenn einige das Gegenteil behaupten. Der Urheberschutz gilt auch für Texte aus dem Internet.

Einigermaßen aus den Fugen gerät derweil das gesamte Drumherum. Man sollte vielleicht bei einer Siebzehnjährigen nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, aber kann der Verlag sie nicht ein bißchen besser davor schützen, unfaßbar peinliche Interviews zu geben, in denen sie Sachen sagen darf wie „die Quellenangabe ist für mich ein ästhetisches Problem, wobei ich aber aus ethischen Gründen glaube, dass sie trotzdem richtig ist“? (Gut, Interviewerin Cosima Lutz ist mit ihrer penetranten Duzerei nicht minder unangenehm.) Kann man ihr auch erklären, daß es nicht gut kommt, zu behaupten, sie haben Airens Buch nie gelesen, obwohl es nachweisbar an ihre Adresse ausgeliefert wurde? Warum so viele Unwahrheiten?

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Vielleicht geschieht aber auch ein Wunder. Vielleicht regt sich das geschätzte Feuilleton einfach mal ab und fällt nicht auf jedes Küken mit Destruktionsvokabular hinein, das sie großäugig und minderjährig durch den Haarvorhang vom Waschzettel herunter anglotzt. Vielleicht zieht es sich nicht auf Ausweichbewegungen zurück wie Peter Michalzik in der Rundschau, „dass Helene Hegemanns wesentliche Leistung vielleicht darin besteht, eine Erfahrung von der Sub- in die Hochkultur (schau an, die beiden gibt´s ja doch noch!) transponiert zu haben“, nur damit man irgendwas hat, was man an dem Buch noch feiern kann, wenn man selbst sich schon zu fein ist, sich in die Niederungen der Subkultur zu begeben.

„So verführerisch individuell“ fand Maxim Biller in seiner FAS-Hymne die Sprache der Autorin, „dass ab morgen bestimmt hundert andere deutsche Schriftsteller – manche sogar gegen ihren Willen – den Hegemann-Sound nachmachen und dabei natürlich absolut scheitern werden.“

Naja, vermutlich kommt es doch eher anders.


165 Lesermeinungen

  1. Ladyjane sagt:

    Der Feuilletonhype um...
    Der Feuilletonhype um Hegemanns Buch ist tatsächlich überdimensioniert. Aber der Antihegemannhype in verschiedenen Blogs rundum, kurzgeschlossen mit einem allgemeinen Feuilletonbashing ist selbst so was von Feuilleton, da hilfts auch nicht, wenn Blog drüber steht. Ansonsten bin ich ganz Ihrer Meinung. Verweisen und zitieren ist eine Frage des Respekts. Im Falle Hegemanns möglicherweise auch der Ahnungslosigkeit. Letztere und/oder Unverfrorenheit treibt auch ein Gutteil der Studierenden, wenn sie copyundpasten was das Zeug hält. Und die erzählen nicht mal was von Hypertext oder Bricolage oder Samplen, nur große Augen… Na gut, nicht alle, nur viele.

  2. Ariadne sagt:

    Welch eine Aufgregung! Doch...
    Welch eine Aufgregung! Doch ehrlich, viel peinlicher als die Urheberrechtsverletzung ist doch das Verhalten der Feuilletonisten. Dass Frau Hegemann möglicherweise selbst glaubt, ein epochales Werk zustande gebracht zu haben, halte ich für gar nicht unwahrscheinlich. Das Mädel ist 17 und stammt offensichtlich nicht unbedingt aus einem, sagen wir mal bodenständigen Elternhaus. Da kann man schon der Täuschung unterliegen, das inhaltslose Geschwurbel sei ein großer Wurf. Peinlich wird es aber, wenn drittklassige Autoren das Ganze aus allzu offensichtlichen Gründen bejubeln und die Autorin zum jugendlich-literarischen Genie erklären (eine Beleidigung für Rimbaud oder Keats!). Oder anders ausgedrückt: Einige Herren (und Damen?) mittleren Alters und von eher überschaubarem Bekanntheitsgrad nutzen eine 17jährige und deren (Ab-)Schreibversuche zur Selbstprofilierung. Und die Qualitätspresse macht den ganzen Zirkus mit.

  3. pardel sagt:

    Sehr geehrte Barocke Hörerin,...
    Sehr geehrte Barocke Hörerin, ich empfinde mit Ihnen, ich kann Ihre Empörung gut verstehen. Diese Inszenierung war Absicht, geistig-moralisch grenzt es an Betrug, wenn es auch im strengen juristischen Sinne der Tatbestand nicht erfüllt wird. Welche Eitelkeit hat den Herrn Papa da getrieben, von welchem Recht auf Privileg geht die angebliche Autorin aus? Eine Frechheit ist das. „Die Quellenangabe ist für mich ein ästhetisches Problem“? Wie kommt die angebliche Autorin darauf? Mag sie die Typographie der Gänsefüßchen nicht, sind ihr die Zahlen, die auf eine Fußnote verweisen, nicht schön genug? Womit haben die Axolotl das verdient?

  4. @Avantgarde
    Natürlich ist...

    @Avantgarde
    Natürlich ist nicht jeder irgendwo aufgeschnappte Satz schon ein Plagiat. Aber hierum geht es ja .im „Fall Hegemann“ ja nicht. Es geht um systemastischen Formulierungsklau – wohl in der Erwartung, dass es nicht so auffällt.
    Interessanter ist tatsächlich die peinliche Rezeptionsgeschichte der Kritik, die in blinder Affirmation ihrer Göttin Authentizität ihr Repertoire deutlich unter Wert verscherbelt hat. Dass man jetzt das „Wunderkind“ verteidigt, hängt damit zusammen.

  5. Rosinante sagt:

    Avantgarde, Andrea Diener...
    Avantgarde, Andrea Diener 09:23 hat der die das Link zu einem Text von Jürgen Kaube in der FAZ-Printausgabe von heute angegeben. Damit sind einige Ihrer -keinesfalls unberechtigten- Überlegungen angesprochen, wenn nicht beantwortet.

  6. Chat Atkins sagt:

    Müssten in beiden Fällen...
    Müssten in beiden Fällen diese Vaselintitten nicht präziser Silikontitten heißen? Oder hat sich dort jemand mit Melkfett eingeschmiert, damit der Absatz besser flutscht? Schließlich lese ich diese Pampers-Literatur nicht, bei der auch unsere Feuilletonisten feuchte Höschen bekommen …

  7. Don Ferrando sagt:

    "Wann wird endlich die Rolle...
    „Wann wird endlich die Rolle des Vaters und seiner Seilschaften ein Thema? “
    @avangarde, da sprechen Sie aus, was auch mich sehr beschäftigt. Sowohl aus dem juristischen Blickwinkel als auch ein Vater eigentlich eine Fürsorgepflicht jenseits der rechtlichen Verpflichtungen für eine 16 jährige Tochter hat.

  8. müller sagt:

    Man sollte Autoren unter...
    Man sollte Autoren unter dreißig nicht lesen ! Von wem stammt das Zitat ?

  9. pardel sagt:

    @avantgarde, Don Ferrando: Ja,...
    @avantgarde, Don Ferrando: Ja, der Vater. Da liegt wohl der Ursprung des Problems. Und der Ansatzpunkt für die Lösung.

  10. fraudiener sagt:

    Barocke Hörerin, das ist ja...
    Barocke Hörerin, das ist ja ärgerlich. Zum Glück ist mir das noch nicht passiert, bislang bin ich vorher immer gefragt worden. Ich sage dann auch meistens eh zu, aber gefragt werden möchte man dann ja doch. Das ist diese Sache mit dem Respekt.
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    Rosinante: der Link. (Denken Sie an: der Verweis.)
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    jpeg, ich habe mir heute Morgen auch Strobo bestellt. Einfach aus einem gewissen Gerechtigkeitsempfinden heraus, weil ich nicht für Hegemann 15 Euro hinlegen will und für Airen gar nichts. Das Buch habe ich zwar schon lange auf dem Radar, aber ich dachte so schlunzig vor mich hin, ach, die Texte kennste eh alle. Schluß damit, der soll jetzt sein Geld bekommen.

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