Ding und Dinglichkeit

Musik zum Mitnehmen: Der Walkman und die Folgen

Ich weiß nicht genau, wie ich ohne Walkman meine Jugend überstanden hätte. Eigentlich müßte ich schon längst taub sein, sooft wie ich man mich und meine Altersgenossen vor den drastischen Spätfolgen warnte, aber ich höre bis heute ausgezeichnet. Spätfolgen traten dann ganz andere auf. Spätfolgen wie die, daß ich Musik bis heute eigentlich nur dann ungestört hören kann, wenn ich alleine bin. Ich fühle mich am wohlsten, wenn keiner hinschaut oder hinhört. Ich in meiner Blase, und ich muß mir keine Gedanken machen, daß sich irgendjemand belästigt fühlt. Wunderbar.

Für die meisten Jugendlichen ist Musik Abgrenzung zur Umgebung und Anschluß zur Peergroup, sie ist ziemlich wichtig in Sachen Grüppchenbildung und Identifikation, ähnlich wie später der Beruf. Was machen Sie so? fragen sich Erwachsene auf Parties, Was hörst du so? fragen sich junge Menschen. Damit weiß man noch nicht alles, hat aber einen validen Anhaltspunkt, wie das Gegenüber einzuschätzen ist. Gleichzeitig zieht Musik eine Linie zur vorangehenden Generation, denn wenn das Elternhaus mit René Kollo und dem Naabtal-Duo beschallt wird, bleibt nur die Flucht – ob nach vorn oder hinten. (Und wenn die Eltern coolere Musik hören, ist das trotzdem egal, denn Abgrenzung muß sein.)

Es gibt für den Jugendlichen dann zwei Möglichkeiten des Auslebens: Laut und offensiv, mit Ghettoblaster oder Plärrhandy, vorzugsweise im öffentlichen Raum und gern auch störend. Und introvertiert, mit Ohrstöpseln, unbemerkt von der Umgebung, hinter dem Haarvorhang mit dem Hintergrund verschmelzend. Beides ist möglich, beides wirkt mehr oder weniger charakter- und geschmacksbildend.

Ich hatte einen häßlichen, sehr uncoolen Siemens-Walkman in lila und weiß, der auch nicht viel taugte, aber in unserer Familie gab es nun einmal alle Elektrogeräte aus dem Werksverkauf der Frankfurter Siemens-Niederlassung, da mußte ich durch. Das war jedenfalls immer noch besser, als dauernd blöde Kommentare zu kassieren, was man da wieder für ein unkultiviertes Zeugs hört. Der lilaweiße Plastikklotz half mir auch im Urlaub, während ich auf der Poolliege herumlungerte, und reinigte die Ohren von der volksmusikalischen Dauerbeschallung vom Vorabend. Die Ärzte eigneten sich dafür hervorragend. („Sind das wirklich Ärzte?“ – Nein, Mama.“ – „Hätte ja sein können.“ – „Guck dir die doch mal an.“) Der Kopfhörer war noch mit Drahtbügel und Schaumstoffpuffeln, die irgendwann ausleierten, und der Bügel hatte unbedingt leicht nach hinten versetzt aufgesetzt zu werden, alles andere war uncool. Später kamen die Stöpsel, dann war wiederum alles andere uncool. Inzwischen gehen ja nur noch weiße Ohrstöpsel, alles andere ist uncool, oder richtig dicke Kopfhörer, das sind die Auskenner, die auf alle anderen herabblicken und sie zwar nicht uncool finden, aber irgendwie leidenschaftslos und konsumistisch.

Ob Sony wohl ahnte, was der Walkman auslösen würde? 1979 kam das tragbare Kassettenabspielgerät auf den Markt, und die vielen toten Wartezeiten an der Bushaltestelle waren plötzlich viel weniger tot. Zumindest für die meisten Heranwachsenden und ein paar Berufsjugendliche, denn kaum jemand über vierzig hätte sich mit Kopfhörern in der Öffentlichkeit gezeigt. Das hat sich mittlerweile gründlich geändert, an der Taunusanlage steigt kaum noch ein unverkabelter Anzugträger in die S-Bahn, alle mit weißen Schnüren überm Revers und diesem nach innen gerichteten Blick. Die sind alle damit aufgewachsen, daß Musik tragbar ist, mitnehmbar, Zeitvertreib für Zwischendurch.

Das Prinzip änderte sich nicht, nur die Form. Erst der bunte Plastikklotz, dann immer kleiner und technischer aussehende Geräte, schließlich Discmen und Minidisc-Spieler, dann im Jahr 2001 der iPod als Kulminationspunkt des digitalen Zeitalters, der die Form aller MP3-Geräte definierte wie einst der Walkman seine kassettenbasierten Nachfolger. Das Praktische ist, daß man nicht einmal mehr Medien dafür braucht. Wie oft hab ich mit dem Bleistift Kassetten zum Ende gespult, um kostbare Batterie zu sparen, wie oft gab es Bandsalat oder ausgenudelte Tonträger begannen zu leiern. Und diese holprigen Anfänge von Liedern, die aus dem Radio aufgenommen wurden, und man hat nicht rechtzeitig auf den Aufnahmeknopf gedrückt, und am Ende redet der Moderator rein, den man dafür hätte schlagen können. Was hatte ich Aggressionen auf Radiomoderatoren. Doch das Geholper und Geblubber wurde zum Bestandteil eines Stückes, zumindest für einen selbst. War ja auch egal, für den Eigenbedarf reichte es.

Wildes Sharing gab es schon immer, die Tauschbörse hieß Schulhof, das Angebot war zwar nicht üppig, aber man versorgte sich so. Das ist heute nicht anders, nur illegaler geworden. Angesichts der liebevoll zusammengestellten Mixtapes meiner Jugendzeit, möglichst mit selbstgestaltetem Einlagepapier, wäre keiner auf die Idee gekommen, von Produktpiraterie zu sprechen. Mit was hätten wir sonst auch unsere Walkmen gefüttert? Vinyl für zu Hause, Kassette für unterwegs, alles lag in zwei Versionen vor. Und so, wie heute Playlisten zusammengeklickt werden, wurden Kassetten für besondere Anlässe zusammengestellt und gern auch mal verschenkt.

Die Qualität war allzuoft mies, aber das Gerät prima. Heute ist es ja eher umgekehrt, wenn kristallklare Audiodaten aus blechernen Handylautsprechern scheppern und den jugendlichen Besitzer in eine eigene Klangsphäre hüllen, die die Umgebung auf Abstand hält. Der Abstand ist wichtig, der Unwillen, angesprochen zu werden, in Kommunikation treten zu müssen oder der Kommunikation der Mitmenschen ausgesetzt zu sein. Es ist vielleicht kein Zufall, daß der iPod gerade in einer Zeit populär wurde, als die Menschheit begann, intime Telefongespräche in öffentliche Verkehrsmittel zu verlagern. Akustische Verstöpselung ist da reine Notwehr.

Es gibt nur eins, was noch besser ist: Auto mit CD-Spieler. Und laut mitsingen.

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