Ding und Dinglichkeit

Resignation unter verpixelten Photoshopbäumen: Der Powerpoint-Vortrag

Da sitzen wir also zu ungefähr hundertfünfzig in diesem Raum und verfallen ganz allmählich in einen Zustand der Duldungsstarre. Vor uns sitzt der versammelte Vorstand, der uns seine Bilanz präsentiert, seine Kompetenz lobt und ab und an mit ernster Miene die Krise erwähnt. Damit wir all das wirklich verstehen, bekommen wir es in vierfacher Ausfertigung serviert: Der mündliche Vortrag, der Powerpointvortrag auf der Leinwand, der Powerpointvortrag ausgedruckt auf Papier und schließlich noch die Pressemeldung, die wiederum auch doppelt vorliegt: Auf Papier und nochmal als PDF auf dem Werbe-USB-Stick, der blechern eingedost in der Corporate-Tüte liegt, in der die Corporate-Pressemappe steckt, worin sich wiederum die Pressemeldung befindet. Da muß einiges entblättert werden, bevor man zum Kern der Sache vorstößt.

Eigentlich hat kein Mensch einen vernünftigen Grund, hier herumzusitzen und eine Stunde seines Lebens damit zu vertrödeln, sich in aller Ausführlichkeit Zahlen anzuhören, die als bunte Balken an die Wand projiziert werden, während sie gleichzeitig noch ausgedruckt vor einem liegen. Bei einem Übermaß an Gleichzeitigkeit schaltet mein Hirn ab. Alles ist so schön aufbereitet, nur im Flughafen-Parkhaus 3 habe ich mich wieder verfahren, stand an der Ausfahrt, ohne geparkt zu haben, weil wieder zwei Deppen brettelbreit auf dem Strich standen und dann wurde ich auch schon wieder die acht Ebenen nach unten durchgeleitet. Da raus und links und rechts und links und drunter durch zur weißen Box Nummer 136 sollte es theoretisch Frauenparkplätze geben, sagt der Parkwächter, aber die hab ich auch nicht gefunden, dabei ist meine Orientierung noch vergleichsweise gut. Also kam ich nach einer erneuten Irrfahrt in P3 zu spät in die Powerpointhölle und da sitze ich nun und schaue mir Balken an. Ein Powerpointvortrag über die Logik des Flughafenparkhauses P3 und seiner Absperrungen hätte mich an dieser Stelle deutlich mehr interessiert.

Immerhin gibt es Kekse. Die mit roter Marmelade mag ich am liebsten, aber die gibt es nur in der Reihe vor mir, auf meinem Teller liegen nur welche mit gelber Marmelade. Verschärfte Resignation. Und mit Schokolade, die aber sofort schmilzt, wenn man sie berührt. Vermutlich ein Zeichen minderwertiger Qualität. Die Retail-Services wie Food and Beverage seien sehr stabil, sagt der Mann vorn am Rednerpult. Hieß das nicht letztens noch „Gastronomie“? Die Shopping-Flächen werden verdoppelt, und Gepäckwagen leichter auffindbar. Faszinierend. Bilder von grinsenden Kundinnen. Gibt es irgendwann auch auffindbare Frauenparkplätze? Oder kapierbare, geschlechterübergreifende Parkhäuser?

Die Balken schrumpfen, es ist Krise, und meine Aufmerksamkeit kippt sachte weg. Vor mir erodieren die Körper auf ihren Stühlen, malen mit dem Corporate-Kugelschreiber lustige Telefonkritzeleien auf Corporate-Blöcke („Ihr Mobility-Hub“) und schenken sich Kaffe nach. Ersatzhandlungen aller Orten. Neben mir ist man nun in die Phase des Visitenkartentauschs eingetreten, ich habe keine offizielle, aber sie wird ohnehin sofort mit Hieroglyphen bekritzelt, damit man mich einordnen kann. Anscheinend sitze ich direkt neben der Public Relations, und dort neben einem neuen Kollegen, den ich nicht kenne. Er kennt aber meinen Chef und läßt schön grüßen, dann will er mal meine Kamera anfassen. Ein strategisch erfolgreiches Jahr, wenn das Wachstum anzieht, werden wir wieder einstellen, die Talsohle ist durchschritten, die Fracht entwickelt sich bullish.

Wir werden ins Koma geredet. Die Fotografen haben wenigstens was zu tun und Bewegung, die sind nicht in die engen Sitzreihen gekeilt und verdammt, sich die gesammelte Redundanz in vergewaltigtem Bullshitdeutsch anhören zu müssen. Ich muß leider zuhören, frage mich gerade, was alles unter Ground Handling fällt, was wohl die Overhead-Funktionen sind, die von den Zentral- und Geschäftsbereichen abgetrennt werden und warum die Verantwortungen, die geschaffen werden sollen, ausgerechnet ganzheitlich sein müssen. Immerhin gibt es bald Feedback-Stelen. Compliance wird auch immer wichtiger.

Eine Feedback-Stele an der Ausfahrt des Parkhauses 3 wäre sicher eine lehrreiche Sache, denke ich, aber nur, wenn es Raum für eigene Bemerkungen gibt. Unterdessen schwenkt der Vortrag in den Bereich Umwelt- und Nachbarschaftspflege, an der Wand und vor mir die Bildchen zweier sich schüttelnder Hände und darunter ein ziemlich verpixeltes von einem Flugzeug neben einem großen Baum. Wo haben die den Baum her? Das ist doch Photoshop. Die Hände gehören sowieso irgendwelchen Handmodels. Die Nachbarschaft hat schon lange keine Lust mehr, sich in irgendwelchen Alibi-Foren veralbern zu lassen. Es gibt nur noch wenige Orte, an denen diese Fiktion gepflegt wird, und einer davon ist dieser Powerpointvortrag. Denn hier läßt es sich munter behaupten, es lassen sich Stichworte zusammenfassen, Datenbank-Fotos dazustellen, daneben ein paar Balken oder eine wirre Grafik, schon hat alles einen Anschein von Wissenschaftlichkeit. Und wenn der Sermon nur lange genug dauert, ist jeder Wille zum Denken im Publikum erloschen.

Eigentlich, denke ich, sollte man überall Pecha-Kucha-Regeln einführen. Das ist eine gute Sache: Zwanzig Folien, jede davon nur zwanzig Sekunden. Gnadenlos. Kein Platz für Gelaber über Nachhaltigkeit und Kundenmanagement, die mit den eigenen Zentralbereichen verankert werden sollen. Keine wirren Grafiken, kein flauschiges Philosophiegebrabbel, kein Corporategedröhne. Da ist man froh, wenn man die Zahlen wuppen kann, dann Fragerunde. Fertig. Pecha Kucha ist ziemlich unterhaltsam, das macht das Architekturmuseum hier regelmäßig seit 2006, immer zu den Themen Kunst, Design, Fotografie. Wenn man Kunst in 6 Minuten 40 erklären kann, dann geht das mit so einer Unternehmensbilanz doch gleich dreimal.

Dann ist es geschafft, der Vortrag endet, die Menge scharrt mit den Füßen, die Wirtschaftsblätter fragen wirtschaftsspezifisches, der Kollege vom Lokalblatt fragt lokalspezifisches, die Antworten sind vage, man muß abwarten, man wird sehen, ein Wortpudding nach dem nächsten wabbelt vor sich hin. Dann geht es in den Nebenraum, da gibt es was zu essen, Menschen schlingen an Stehtischen, beklagen die wabbeligen Antworten und leiden sichtbar an den Folgen der einstündigen Berieselung. Ich gehe.

„Das hab ich mir doch gleich gedacht, daß Sie von der Presse sind“, sagt der Parkwächter, als ich meinen Parkgutschein vorlege. „Und, wie war’s?“
„Eine Stunde Zahlen“, sag ich. „Aber die Riesengarnelen waren gut.“
„Oje“, sagt der Parkwächter.
„Sagen Sie mal, was ist eigentlich Ground Handling?“
„Abfertigung.“
„Ah, danke. Da hätte ich auch selbst drauf kommen können.“
„Ja, die benutzen immer so englische Wörter.“
„Was sind Sie eigentlich?“ frag ich. „Traffic Operator? Parking Consultant?“
„Verkehrs-Manager. Halb deutsch, halb englisch.“
„Warten Sie ab, mit der nächsten Gehaltserhöhung wird der Verkehr auch noch englisch“, sag ich.

Dann verabschiede ich mich wieder einmal aus dem unergründlichen Inneren von Parkhaus 3, das so komplex ist, daß niemals ein Powerpoint-Vortrag es je ganz erfassen könnte.

Die mobile Version verlassen