Ding und Dinglichkeit

Vom kostenfreien Sitzen: Die Parkbank

Erste Sonnenstrahlen, erste warme Tage, und schon werden sie zum umkämpften Gebiet. Menschen suchen sie auf mit Kaffeebechern, Telefonen und Zeitungen in der Hand, lassen sich nieder, wollen möglichst eine für sich allein und wenn es geht auch sonnig, und sobald einer aufsteht, kommt schon der nächste. Die Parkbank ist bei schönem Wetter immer Mangelware.

Wer weder über Garten noch über Balkon verfügt, für den ist sie die einzige Möglichkeit, kostenlos draußen in der Sonne zu sitzen – im Straßencafé kostet das mindestens einen Espresso, mit dem man sich Sitzrecht erkauft. Da ich zu denjenigen gehöre, die weder über Garten noch über Balkon verfügen, kenne ich die Kreise gut, die man drehen muß, um endlich eine Bank zu ergattern. Möglichst eine ruhige Bank, man hat ja ein Buch dabei. Da geht es zweimal um die Schwanheimer Wiese, dreimal das Mainufer auf und ab und im Rosengärtchen am Eschenheimer Turm ist auch schon wieder alles voll.

Das Stückchen Ruhe im öffentlichen Raum ist ein seltenes Gut, das von Stadtplanern offenbar nur sehr widerwillig gewährt wird. Nachdem der Goetheplatz entgrünt und brutalstmöglich urbanisiert wurde, was ja immer bedeutet, daß alles noch schneller und leerer wird, damit den Konsumenten auf dem Weg zum nächsten Laden keine Hindernisse im Weg stehen, hat man ein paar Bänke auf die weite, dunkelgraue Fläche gestellt. Hier kann jeder begreifen, was es heißt, agoraphob zu sein. Daneben liegen einige Basaltbrocken, auf die man sich auch setzen soll, aber sie sind buckelig und unbequem und haben keine Lehne. Vor der Börse und am Rathenauplatz soll man sich auf gemauerten Stufen niederlassen, was nur bei richtig warmem Wetter angenehm ist. Auf der Zeil werden wieder die runden Bänke installiert, auf denen man sich den Rücken zuwendet, und lesen möchte man da mitten im Trubel auch nicht. Auf dem Römerberg gibt es Bänke, aber immer zuwenige. Auf dem Paulsplatz, auf der Schillerstraße, auf der Goethestraße: Keine Bänke. Ich weiß nicht, wie es in anderen Städten ist, aber Sie werden mir in den Kommentaren sicherlich Bericht erstatten.

Es ist, als solle man durch die Stadt eilen, möglichst überall etwas kaufen, dann Gast im Café werden und zack, wieder heim. Man soll wimmeln und Geld ausgeben, aber sich nicht aufhalten, bloß nicht verweilen, bloß nicht unnütz Sauerstoff verbrauchen, ohne dabei zu konsumieren. Ab und an darf man mal einen Basaltblock besetzen, aber bloß nicht zu lange. Oder irgendeinen anderen Blödsinn, der dabei herauskommt, wenn Platzgestalter meinen, so eine Parkbank sei irgendwie viel zu wenig innovativ, und die Form unbedingt neu erfinden müssen, was meist zu rückenzermürbenden Stahlstreben führt oder seltsamen Gittern oder anderem Werkstoff, der sich in Weichteile stanzt, weshalb man dann lieber wieder aufsteht und sich resignierend einen Espresso bestellt, dafür darf man dann aber auch in den Korbsessel sinken.

Die parkbanklose Stadt ist eine im Grunde menschenfeindliche Stadt, die keine Einwohner will, nur Kunden, nur Arbeitnehmer, nur ökonomische Beziehungen. Es darf sie dann aber nicht wundern, wenn man keine andere Beziehung zu ihr aufbaut und keine Zuneigung entwickelt. Denn man möchte sich aussuchen dürfen, was man in ihr anfängt. Man möchte flanieren dürfen und nutzlos herumsitzen. Man will tratschen dürfen und lesen, auf jemanden warten oder über die Aufmachung der Passanten herziehen. Ein paar Raucher gibt es auch noch, die möchten dort rauchen. Man ist ja schließlich Bürger, das hat ja eine Bedeutung, dieses Wort, das ist ja mehr als ein Eintrag im Einwohnermeldeamt, sollte man meinen. Als Bürger möchte man sich bitteschön in seiner Stadt aufhalten dürfen, in etwas, was man den öffentlichen Raum nennt. Das ist der Raum, der uns allen gehört. Um sich dort aufhalten zu können, braucht es Sitzgelegenheiten, öffentliche Möblierung.

Die Parkbank hat aber noch eine andere Dimension, denn das friedliche Herumsitzen ist eine der wichtigsten Komponenten des Altwerdens. Irgendwann verlieren wir alle den vergeblichen Kampf, das Ringen um Jugend und Fitness, irgendwann nutzt auch Nordic Walking nichts mehr, denn die Hüfte kann nicht mehr richtig und wir werden zu Parkbankpersonal. Besser, wir gewöhnen uns schon einmal an den Gedanken und sitzen Probe. Denn dann lassen wir uns alle paar Meter nieder, und zwar auf etwas, was kein Basaltbrocken ist und keine Mauerstufe, sondern ein bequemes, vertrauenserweckendes Konstrukt aus Holzbalken, gucken in die Sonne und freuen uns an einer Aussicht, die hoffentlich etwas anderes zu bieten hat als dunkelgraue Steinwüste. Es muß ja nicht gleich ein See sein oder ein Kurpark – gerade in Städten sind Bänke wichtig. Sie sehen vielleicht nicht urban aus oder so, wie man sich als Stadtplaner Urbanität gerne vorstellt (irgendwie kahl und mit Stahl meistens), aber sie erfüllen eine wichtige Funktion, nämlich die des Innehaltens, des sich Heimischfühlens, des sich Einrichtens in der Öffentlichkeit.

Irgendwann werden auch die Stadtplaner alt und irren durch unendliche Fußgängerzonen, in denen jeder Sitzplatz an den Verzehr eines Heißgetränkes gekoppelt ist. Aber dann kommt die Einsicht zu spät, denn ihre Nachfolger sind bereits im Amt und beauftragen Sitzmöbelgestalter mit der Neuerfindung der Parkbank in innovativer Form und nie dagewesenem Material, und wieder wird sich niemand draufsetzen wollen, wie bei allen Innovationen zuvor schon, und die wenigen, verbliebenen Parkbänke bleiben ein hart umkämpftes Gut. Und gerade jetzt, wenn die Sonne herauskommt.

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