Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Blogpremiere: Gut auf dem Papier

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Ein geradezu altmodischer Anspruch, um die Bühne der immer weiter anschwellenden Bloggerwelt zu betreten. Doch unsere neue faz.net-Kolumnistin Sophie von Maltzahn meint es ernst und deswegen: Vorhang auf für das neue, alte Blog von Andrea Diener. Wenn das nicht mal ein Ding ist!

Was für ein seltsames Ding ist doch, was uns von fünfzehn bis fünfunddreißig bestimmt. Es wird zur Messlatte des Seins, zur Geißel aller Entscheidungen, zur Krönung der Selbstaufwertung. Nein, ich meine nicht den Verlobungsring, liebe Damen. Es ist vielmehr ein simples Blatt Papier ohne Eigenwert, den man beim Pfandverleiher umsetzen könnte: Es ist der Lebenslauf.

Als strukturiert, erfolgsorientiert und qualifiziert verkauft er mich.  Mein geliebtes Chaos, ständiges Sinnieren oder mein einziger Zugang zu nachhaltigem Wissen, die Autodidaktik, zählen auf ihm nicht. Also muss ich eine Rahmenhandlung darüber stülpen, ein Studium zum Beispiel. Im Grunde nutzt mein Lebenslauf mir vielmehr um zu verheimlichen, was ich besonders gut kann: Schlafen bis zur Mittagshitze und tagelang Backgammon spielen am Strand während des Auslandssemesters, staffelweise meine Einsamkeit ignorieren mit Hilfe von TV-Serien während des Praktikums weit weg von allen meinen Freunden. Oder Flüchten in schmeichelnde Zukunftsmomente nach einem anstrengenden Tag im Büro, direkt vor den Kamin mit einem Ehemann, der mir aus Dostojewski vorliest.

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Sätze wie „ich möchte keine Lücke auf meiner Vita“ höre ich oft, als könnte das Leben einfach aussetzen, wenn sich beispielsweise eine längere Reise nicht als Eintrag im Lebenslauf eignet. Wirklich kompliziert wird es für Absolventen, wenn die Bewerbungszeit nach dem Studium selbst zur Lücke wird. Jobs recherchieren, Anschreiben abschicken, Interviews führen, Assessment Center ertragen, dazu kommt die Warterei auf Zu- oder Absagen. Derweil regelmäßig zu Hilfseinsätzen nach Hause abkommandiert werden – man hat ja nichts zu tun.  Außerdem jobben in der Kneipe nebenan, umgeben von Kreativen, die noch nie eine Bewerbung losgeschickt haben. Die Galerie entdeckt schließlich den Künstler, alles andere gilt als unzurechnungsfähig.

Auch schon oft gehört: „das ist nicht gut für meinen Lebenslauf“. Ein Bruch in der Ausrichtung, von Modejournalismus über Buchhaltung zu Personalberatung zum Beispiel, kommt sehr schlecht an; Unternehmen wollen keine Tausendsassa. Auch ein Jobwechsel nach weniger als zwei Jahren darf nicht sein, ist der Chef auch noch so cholerisch, die Kollegen dickbramsig und Aufstiegschancen nicht vorhanden. Gut auf dem Papier, so heißt das Ziel. Überträgt man diese Bezeichnung auf einen möglichen Lebenspartner, bedeutet es zwar Tantentäuschung und gähnende Langeweile, doch nur so läuft es.

Ausbildung

Anfangs weiß niemand, was er in die Zeilen reinschreiben soll. Also kriegt das kleinste Talent großer Bedeutung: Gute Deutsch-Noten in der Grundschule heben eine besondere Ausdrucksstärke hervor, Bäume pflanzen in der Schüler-AG gilt als Indiz für Teamfähigkeit, das Amt des Klassensprechers beweist Führungsqualitäten. Als Zehntklässlerin sagte mir eine Freundin, ich sollte bei dem Schülerplanspiel „Models of United Nations“ teilnehmen. Hierfür kommen Schüler aus aller Welt zusammen, um einen Kongress der Vereinten Nationen protokolltreu nachzuspielen. Dieser Eintrag auf dem Lebenslauf belegt eindeutig, ob ich nun anwendbare Resolutionen für das Übel der Welt verfasst habe oder nicht, eine Anwärterin auf die Weltherrschaft zu sein.

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Wenn das Studium beginnt, ist ein Leben danach erst einmal unvorstellbar. Es überwiegt die Erleichterung, endlich zu wissen, wo man die nächsten drei Jahre leben wird. Existentielle Fragen nach dem Ich lähmen derweil den Geist, die Einordnung in das System scheint unmöglich. Wer nicht weiß, wer er ist, kann auch nicht nach vorhandenen Chancen greifen.  Doch dann der Blick auf die anderen, die nicht rasten, sondern fleißig beim Praktikum im Sommerloch die Däumchen drehen. Man wird nun wer und manche haben es verdammt eilig damit. Schnell fühlt man sich überholt, es muss was passieren. Vor allem, wenn man, wie die anderen heimlich auch, im fünften Semester immer noch nicht sicher ist, überhaupt das richtige zu studieren. Ein Abgleich mit dem echten Berufsleben soll helfen, schließlich sind Praktika dafür da, um sich auszuprobieren, am besten in Vollzeit. Und so heißen Ferien bald Urlaub und Leben ist das, was man tut, während sich der Lebenslauf füllt.

Berufserfahrung

Es ist sogar schon so weit, dass die Zeitspanne der Semesterferien nicht mehr ausreicht. Damit ein Praktikum auf dem Lebenslauf überhaupt erst anerkannt wird, sollte es mindestens sechs Monate dauern, sonst fällt es durch das Raster der Online-Bewerbung und gelangt erst gar nicht zu den prüfenden Augen der Personaler oder deren Praktikanten. Also werden Urlaubssemester beantragt und gegebenenfalls Kredite aufgenommen, die Liebe nur unter Vorbehalt und mit Enddatum zugelassen, das eigene Bett mit einem Sofa in einer Fünfer-WG eingetauscht oder, etwas züchtiger, im Gästezimmer einer entfernten Tante genächtigt, wo man sich der Etikette des Biedermeiers unterwirft: keine Partys, keine laute Musik nach elf, keine Männerbesuche.  

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Wirklich absurd wird es, wenn der Lebenslauf aus allen Nähten platzt. Zwei Studienabschlüsse in drei verschiedenen Ländern, vier Publikationen, sieben Praktika und zehn Projektarbeiten passen nicht auf eine Seite und niemals darf der Lebenslauf länger sein als eine Seite. Also wird aussortiert und umgeschrieben, gerade so wie es am besten zur Jobbeschreibung passt. Der Schwerpunkt lässt sich beliebig stricken, Hauptsache die Dramaturgie ist nachvollziehbar, der berühmte Rote Faden erkennbar, ganz so, als hätte ich immer schon gewusst, was die Aufgabe meines Lebens ist.

Sonstiges

Die Anpassungsfähigkeit geht soweit, dass auch Hobbies gnadenlos abgestimmt sind. Für eine Bewerbung beim Immobilienmakler spiele ich Polo, für Public Relations eignet sich Yoga, als Unternehmensberater gehe ich ins Theater, im Kunsthandel auf die Jagd, bei einer Werbeagentur trainiere ich für den Triathlon.

Und doch reichen all diese Anstrengungen noch nicht aus, um sich besser zu fühlen als die anderen. Voller Unruhe bemerken Anwärter auf einen soliden Berufseinstieg im mittleren Management, dass sie nicht nur als Karrieristen gelten dürfen. Unverzichtbar und vielleicht ausschlaggebend, mehr noch als das Golf-Handicap, ist die Kategorie „Soziales Engagement“.

Je näher das Ende des Studiums rückt, desto schneller muss diese Lücke geschlossen werden. Praktisch, wenn attraktive Gutmenschen bereits im Hospiz um die Ecke Besuche abstatten oder die Armensuppe zweimal die Woche ausschenken. Man schließt sich für ein paar Wochen an und macht nebenbei noch interessante Kontakte. Im Verbund der Engagierten sind Mitläufer zwar schnell erkannt, doch jede Hand wird gebraucht und wer weiß, vielleicht dringt das Erlebnis, einen kleinen Dienst an der Menschheit vollbracht zu haben, tiefer in die Persönlichkeit ein, als vom kurzweiligen Helfer geplant.

Sehr gut lässt sich das soziale Engagement auch mit einem Auslandsaufenthalt verbinden. Tierpflegedienst in Afrika, Popo-Abputzen in einem bolivisches Waisenhaus, einen Hilfsgütertransport nach Weißrussland organisieren. Die Möglichkeiten sind so vielfältig wie die Welt groß und schlecht; und ich klein, mein Herz nicht rein und der Wunsch nach Bedeutung übermannend. Aber das schreibe ich wohl besser auch nicht auf meinen Lebenslauf.


64 Lesermeinungen

  1. unellen sagt:

    <p>Die Grenze von 35 macht...
    Die Grenze von 35 macht vielleicht deswegen Sinn weil man dann (hoffentlich) schon echte Berufserfahrung reinschreiben, echte Projekte als Referenz aufzeigen kann und nicht mehr auf (dubiose) Praktika zurückgreifen muss (obwohl: nix gegen Praktika, ich hab mal eins im Bundestag gemacht, das hat immer sehr Eindruck geschunden ;-))
    Ich persönlich wär ja mehr für diese Methode:
    http://www.thedoghousediaries.com
    das wär wenigstens ehrlich.

  2. Inge sagt:

    schoener Beitrag und Jade...
    schoener Beitrag und Jade triffts auf den Kopf

  3. V sagt:

    <p>Ab einem gewissen Alter...
    Ab einem gewissen Alter lässt ja das Gedächtnis doch merklich nach, liebe Sophie, aber ich kann mich wirklich beim besten Willen nicht an irgendwelche Praktika erinnern. Ich habe zwar davon gehört, dass es solche gibt, und das man kein Geld dafür bekommt, und frage mich daher, wieso man soetwas machen sollte – umsonst für jemanden arbeiten? Das ist ja Frondienst! Ich bin empört, dass Leute so dumm – direkt die Entschuldigung in die Runde, falls jemand betroffen sein sollte – sind.

  4. FAZ-soma sagt:

    Ich danke Ihnen allen so sehr...
    Ich danke Ihnen allen so sehr für Ihre liebe Anerkennung. Sie glauben nicht, wie groß das Lampenfieber war, bevor ich heute Nacht auf „Publizieren“ gedrückt habe

  5. FAZ-soma sagt:

    Ich schätze ALLE sind davon...
    Ich schätze ALLE sind davon betroffen.
    V wie Vendetta!

  6. FAZ-soma sagt:

    Liebe Alexandra SJ, ich gebe...
    Liebe Alexandra SJ, ich gebe Ihnen vollkommen recht. Nie wieder möchte ich mich bewerben, nie wieder, nie wieder, nie wieder

  7. Kalchas sagt:

    Anscheinend wird Praktikum...
    Anscheinend wird Praktikum inzwischen mit unbezahltem Arbeiten gleichgesetzt. Das mag so sein, wenn man ‚etwas mit Medien‘ macht, aber zwingend ist dem nicht so. Wo etwas Sinnvolles und Verwertbares gemacht wird, gibt es auch Geld. Daß in D vielleicht zuwenig Sinnvolles gemacht wird, ist ein anderes Thema.
    Schöner Artikel ansonsten, meinerseits viel Zustimmung.
    Gruß K

  8. ilnonno sagt:

    <p>Naja, SvM, natürlich sind...
    Naja, SvM, natürlich sind alle betroffen, wenn man es weit genug auslegt. Ansonsten habe ich in 25 Berufsjahren noch nie eine Bewerbung verschickt, auch noch nie einen Lebenslauf getippt (wäre mal spannend). Dennoch kommen pro Jahr in schöner Folge zwei bis drei Angebote.
    Langsam habe ich den Eindruck, das mit dem Bewerben und den Praktika ist wie mit dem Rauchen. Hat man einmal damit angefangen, kommt man nicht mehr so leicht davon los. Zugegeben ein blöder Vergleich. Was ich meine: die Leute hängen in der immer gleichen Schleife und sehen die Möglichkeiten gar nicht mehr, die anderen einfach zufallen.

  9. FAZ-soma sagt:

    Unterbezahlt,...
    Unterbezahlt, überqualifiziert und doch oft die große Chance. Ist eben ein sehr amerikanisches Prinzip-Praktikum, was sich auch im alten Europa eingenistet hat.

  10. Ursel81 sagt:

    <p>Der Text hat so viel...
    Der Text hat so viel Wahres. Viele Branchen tendieren dazu mit Praktika und ausschließlich befristeten Verträgen, die mühsamen unbefristeten Mitarbeiter zu ersetzen. Doch die Rechnung geht am Ende nicht auf. Wer keine langfristig loyalen Mitarbeiter fördert und Ihnen nachhaltigen Anreiz gibt, wird seine Existenz langfristig in einer alternden Gesellschaft und vor dem Hintergrund der Fach- und Führungskräftemangels nicht sicher.
    Die betroffene Generation darf sich das Dumping und diese Entwicklung nicht bieten lassen. Einer muss mal anfangen nein zu sagen.

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