Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Hedonismus fordert Opfer: Die Ohrstöpsel

| 42 Lesermeinungen

Techno kann man nicht erklären, man muss dabei gewesen sein. Der Clubgänger tut es immer wieder, nächtelang, bis zum nächsten Dienstag. Auch wenn er noch Tage danach sein zerschlagenes Ich in mühsamer Kleinarbeit zusammenfügen muss. Doch ohne Selbstaufgabe kein Vergnügen: Das bißchen Tinnitus ist doch nicht so schlimm.

Es ist nicht schlimm, wenn man missverstanden wird,
schlimmer ist, wenn man verstanden wird.
(Donatien Alphonse F. Marquis de Sade)

 

„Hast du Koks im Ohr?“ Der Techno-Hippie ist wie magnetisiert von dem weißen Leuchten in meinen Ohren. Im Schwarzlicht des Clubraums entfalten meine notbehelfsmäßigen Papierkügelchen gegen Ohrenschmerz tatsächlich neue Strahlkraft. Begeistert, eine neue Einnahme des Narzissmus-Boosters entdeckt zu haben, versucht er mir seinen Finger in den Gehörgang zu stecken. Kopfscheu wie ich bin, halte ich schnell beide Hände vor meine Ohren. „Zu laut hier“ flüstere ich mit großen Mundbewegungen. Damit er mich tatsächlich hört, müssten sich meine Lippen sehr nah an seine Ohren begeben. Nur um ihm diese platte Wahrheit entgegen zu brüllen? Er merkt doch selbst, wie sein Brustkorb im Takt mit dem Bass pocht, ja sogar die Nasenflügel mitvibrieren. Lieber schone ich meine Stimme, die brauche ich noch für Wertvolleres wie „xx ist auch hier“, „xy legt in der P-Bar auf“ oder: „Taxi?“

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Man hört nichts mehr vom Gegenüber, man redet nicht mit ihm und ist doch vollständig amüsiert, wenn in den Morgenstunden die Finger eine elektronische Tonleiter auf und ab spielen, die Füße rhythmisch zucken und der nickende Kopf den ständig wechselnden Beats hinterherjagt. Hirn auf Null, Blick auf Unendlich. Dreht der DJ einen besonderen Klang auf, strahlen sich Fremde mit orgiastischem Lachen an. Sie teilen Herzenswärme, als wären sie aus einem Guss, und verfallen danach wieder in sich selbst überlassene Ekstase. Stunden über Stunden, wer sich nicht genug amüsiert oder nur den Anschein macht, wird nicht dazu gebeten. Das tut uns aber leid, hat der Türsteher dich nicht reingelassen? Du merkst doch selbst: du interessierst hier nicht, dort nicht, mich selbst auch nicht.

Einen Schritt vorbei an der wartenden Schlange, hinein in die verlockende Ausblendung der Nacht und schon ist es wieder geschehen. Flucht ins Verdrängen, geliebtes Vergessen, keine Peinlichkeit mehr kennen. Tanzen will ich mit elektrischem Gefühl. Schein oder Sein? Könnte ich wählen, ich wollte das Eine und kann doch bloß das Erste. Nur dem Anschein nach verschmilzt für wenige Momente, was innen und außen ist, Gewesenes und Gewolltes, Verrücktes und Gebliebenes in trügerischer Vollständigkeit: ein gedämpftes Ganz-bei-sich-Sein in der Musik.

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Die Mode, der Betäubung als Hochgenuss gilt, geht nicht vorbei. Zu jeder Gelegenheit wieder dieselbe Verzückung: Der Tänzer fühlt sich attraktiv, geht er in die Tiefen seines Selbst und verharrt dort im andauernden Karussell bis die Ohren klingen und der Taktstock um den Schmalz sich dreht. Erst am nächsten Tag, nach komatösem Schlaf, wird krustig Verklebtes sichtbar, beschämt sieht er sich dann nur hässlich, egoistisch und dumm.

Mehr Schonung statt Selbstzerstörung ist der Vorsatz an jedem Sonntag, an dem postalkoholische Depressionen und ein Sozialkater die Selbstachtung zerkratzen. Tief im Inneren pochen die bösen W-Fragen: Warum muss es immer so viel von allem sein und wozu? Oder konkreter: Wo ist man gewesen und mit wem? Wie nach Hause gekommen? Was hat man von sich preisgegeben? Wen beschimpft, geküsst oder beides? Aber, wer will das schon genau wissen? Wer kann aus der verrauschten Erinnerung überhaupt noch entziffern, was passiert ist?

Yoga-Stunden oder sonntagabends einen Gottesdienst besuchen, sind gute Maßnahmen, um das zerschlagene Ich wieder zusammenzufügen. Bei umschmeichelnden Orgelklängen spricht mir ein Mann Gottes allgemeinen Mut zu, damit ich meinen Alltag in der nächsten Woche gut bewältigen kann. Doch, während hier demütig die Laster von der Seele geputzt werden, flirrt ein hohes Fiepen in meinen Ohren, schwillt an, schwillt ab. So gut haben die Papierkügelchen nicht geschützt, die empfindlichen Härchen im Trommelfell haben sich doch den Schallwellen gebeugt.

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Mich schälen aus meinen Körper, das ist ich mein Wunsch am Rande der Erschöpfung. Könnte man doch einfach herauskatapultiert werden: hoch über die Wolken, hinter die Berge, unter die Flüsse. Ich müsste mich und meine Kopfschmerzen nicht mehr ertragen, sondern ginge seicht im Strom auf, in kleinen, leichten Flüssen, bis auch diese sich verlieren. Lästig ist mir mein Sein, mein gieriges Leben, mein dummes Gehirn. Doch nicht nur ich bin es, die das Überflüssige verherrlicht. Im Munde aller wird elender Dreck, der sich Event und Kunst nennt, geehrt, doch vermag keiner aus der Dauerschleife der Exzesse auszusteigen. Immer tiefer nur dreht sich die Schraube der vergötterten Nutzlosigkeit.

Ich wünschte so sehr, im Supermarkt verkauft zu werden. In einer Tüte zu verschwinden und einen Herrn zu haben, der mich erwählt und mit Genuss vernascht. Ich wünschte so sehr, niemals im Supermarkt verkauft zu werden. Es ist das größte Grauen in einer Tüte zu verschwinden, einen Herrn zu haben, erwählt und vernascht zu werden. Doch die einzige Rettung ist die Gleichgültigkeit, so autonom und frei zu werden; niemandem gefallen zu müssen, dass man jedem gefällt. Zwei Seelen sind in meiner Brust, doch lieben sie mich beide nicht.

Das Leben nimmt mich nicht ernst. Es fühlt sich wohl durch meine Eskapaden nicht ausreichend gewollt und hofiert. Launisch wird es dann und geizt mit dem Schönen, verschleiert die Wege und gefällt sich in grausamen Plagen. Es will, getragen auf Händen, kein einziges Mal einen Fuß auf die Erde setzen, nie ohne verlässliche Stütze und seine auf Appell getrimmten Sklaven. Erst dann nimmt es mich gnädig wieder auf. Vielleicht.

Besser wäre nicht.


42 Lesermeinungen

  1. FAZ-soma sagt:

    Das Zitat von Marquis de Sade,...
    Das Zitat von Marquis de Sade, von dessen Name sich Sadismus ableitet, ist anständig ausgewiesen. Ansonsten: Vor Quellen und Fußnoten, den breit diskutierten Tretminen, braucht sich hier keiner zu fürchten. Am wenigsten ich selbst.

  2. FAZ-soma sagt:

    Lieber Don Aldduck,

    ja, ich...
    Lieber Don Aldduck,
    ja, ich habe Hegemann gerne gelesen. Alle haben Hegemann gerne gelesen oder so getan, überall sie als Wunderkind geehrt und der Lichtgestalt der neuen deutschen Literatur gehuldigt. Bis dann alle, niemals Hegemann gerne gelesen haben und das Wunder ein Plagiat wurde – Schalter umgelegt und Licht aus. Kennen wir das nicht von irgendwo her?

  3. Dirk sagt:

    <p>Wegen der sich...
    Wegen der sich verlängernden Rekonvaleszenz nicht mehr so oft wie früher aber immer wieder gerne.

  4. muscat sagt:

    <p>"Alle haben Hegemann gerne...
    „Alle haben Hegemann gerne gelesen oder so getan…“
    Komisch. Ich kenne niemanden (zumindest nicht persönlich), der dieses Werk gelesen hat und auch keinen, der so getan hat als ob.
    Was natürlich nichts heißen muss.
    .
    Aber zurück zum Koks im Ohr. Gibts das wirklich noch, so richtig Techno?
    Mit neongrünen Schlaghosen aus Plastik und so?

  5. donalphonso sagt:

    <p>Ich fand die Hegemann schon...
    Ich fand die Hegemann schon …. indiskutabel, als ich das erste mal was von ihr sah. Und das war vor den Vorwürfen.

  6. FAZ-soma sagt:

    Sah oder las?...
    Sah oder las?

  7. Manfred sagt:

    <p>Lieber Muscat,</p>
    <p>Ich...

    Lieber Muscat,
    Ich befürchte, Sie leben am Leben vorbei. Techno lebt. Zum Glück ohne grüne Schlaghose aus Plastik. Von Polo Bluse bis Blaumann wird Techno gehört. Ob Technohörer immer schön sind, liegt im Auge des Betrachters.
    Super Artikel. Endlich werden Katerdepressionen mal anständig diskutiert.

  8. abf sagt:

    <p>Mit der nervösen Kaelte...
    Mit der nervösen Kaelte von Helene Hegemann hat das hier nichts zu tun. Dieses Stück hier ist sensationell gut geschrieben. – auch spuert man den echten Spaß – am Leben und am Schreiben.

  9. muscat sagt:

    <p>Lieber Manfred, und ich...
    Lieber Manfred, und ich befürchte Sie kennen mich nicht.
    Techno ist für mich Berlin – oder mittlerweile, es geht ja kaum noch schlimmer, eine Stadt im Ruhrgebiet.
    Vielleicht meinten Sie aber auch Elektro. So nennen das glaube ich alle, die sich für was Besseres als die neongrüne Plastikhose halten.

  10. nico sagt:

    <p>Wunderschön geschrieben,...
    Wunderschön geschrieben, wie aus dem Leben. Sozialkater, einfach der treffenste Ausdruck für drei Tage auf der Piste. Virtuelles Schweben durchs Nirwana könnte man auch sagen. Postalkoholische Insuffizienz ginge auch – oder wie überstehe die Landung nach dem Höhenflug. Gnädig sind, die gefeiert haben.
    Bitte mehr davon, wir wollen Leben – auch wenn es undankbar ist.

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