Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Frühlingsgefühle unter fünf Grad: Die Laufschuhe

| 22 Lesermeinungen

Erwache doch, du schönste aller Jahreszeiten. Zaghaft zittern deine Lider, immer wärmer strömt das Blut durch deine Venen. Fest versprochen steckt dahinter frisches Leben. Tu es also! Du weißt, ich bin dir auf den Fersen.

Ist es Ihnen lieber, dass es fast noch zu kalt zum Joggen ist? Sind für Sie die Laufschuhe nur ein Auslöser schlechten Gewissens? Beim Umzug immer mitgeschleppt; eins, das jedes Ausmisten im Kleiderschrank überlebt, tatsächlich aber nur zweimal im Jahr zum Einsatz kommt? Einmal, um den Kollegen beim Stadtmarathon vom Rand aus zuzuwinken, und einmal vorm Spiegel, um eine Kombination der 80er aus Leggings und Turnschuhen auch dieses Jahr wieder von der Anzieh-Liste zu streichen?

Natürlich läuft man auch, um überhaupt erst Leggings tragen zu können. Man darf sich alle Optionen offenhalten. Wer gehört schon zu den dünnen Mädchen, die den Sonntag zum heiligen Tag des Brötchens erklären und ansonsten Kohlenhydrate eisern meiden? Wie kann man nur ohne Pasta, Knoblauchbrot, Maiskolben mit Butter, Backkartoffeln mit Sour Cream und Chips mit Gummibärchen?
Ich verstehe das nicht.

Denn wenn draußen Licht lockt, erkranke ich sowieso an hibbeliger Unruhe. Je wärmer die Strahlen, je länger die Tage, desto größer auch die Umtriebigkeit bei Aktiv-Atmern. Am Rande des guten Geschmacks bewegt sich, wer jetzt nicht sein Fitnessstudio-Abonnement kündigt. Sondern weiterhin Blicke wie Saugnäpfe erträgt, und lieber im zweiten Stock gegen eine Glaswand rennt. Zwischen Stein und Beton.

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Im Park empfängt Natur, oder was vom Walde übrig bleib, recht entzückend. Man kann aus erster Reihe mitzuverfolgen, dass wir auf Wetters Schneide stehen. Wobei auffällt, dass auf Winter gar nicht Frühling folgt, sondern der Herbst sich vehement dazwischen drängt. Beharrlich versucht er, einmal noch vor Oktober Melancholie zu versprühen. Dringt die Sonne nur matt durch graue Suppe am Himmel, und steigt das Thermometer wenige Striche nur über Null, ist die Luft sogleich mit Feuchtigkeit durchtränkt. Die aufgeweichte Wiese leuchtet noch lange nicht im satten Grün, sondern ist grauslig verdreckt vom braunen Laub.

Doch nicht im goldenen Schein und gerade erst vom Ast hinab gesegelt, nein: ausgelatscht und in End-Jahresstimmung rottet die sterbende Masse vor sich hin. Als könnten sich Bäume für Hässlichkeit schämen, strecken sie ihre knochigen Äste weit von sich. Würden nicht zurzeit die prallen Knospen, kurz vorm Aufplatzen, ihre drallste Form annehmen – ich könnte nicht glauben, dass der Frühling kommt.

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Also raus aus den ewigen Schatten der Häuserfassaden, zwischen denen nur ein mickriger Ausschnitt vom Himmel klemmt. Weg von der Aufgabenliste, vom Chat, genauso von Nachrichten der Menschheit mit tragender Bedeutung, außerdem sich stapelnden Formularen und klingelnden, oder eben gerade nicht klingelnden, Telefonen. Wer joggt, läuft mit gutem Gewissen einfach davon. Endlich mit Rundumblick im Park, der hoffentlich kein bekanntes Gesicht entdeckt. Bloß nicht rot gefleckt und laut schnaufend jemandem begegnen, am schlimmsten noch einem Küsschen rechts/Küsschen links-Begrüßer. Schweiß sollte sich nicht mischen. Nicht beim Sport.

Abseits der Straße muss ich niemandem Rechenschaft zollen, dass ich gerne langsam bin: der Igel sieht mehr vom Weg als der Hase. So bleibt Zeit, ein erschöpftes Lächeln mit anderen am Berg, auch Steigung genannt, auszutauschen. Wäre ich schneller, könnte ich auch nicht die Laufpärchen bewundern, die sich gegenseitig zum Sprint anfeuern. Und froh sein, niemals eine solche Beziehung geführt zu haben. Auch schön: aufs Äußerte angespannte Oberarme von Klimmzüglern im Trimm-Dich-Garten. Hier gilt das vier-Augen-Prinzip, denn der Pumper blickt auch selbst, gar verliebt auf seine Muskeln; als wüchsen sie augenscheinlich. Niemals betrete ich gar selbst einen dieser Spielgärten. Schließlich laufe ich doch schon, oder joggele, wie es meine Großmutter mit achtzig noch tat. Das muss ausreichen. 

Nur manchmal schnappe ich über, ziehe die Knie hoch wie ein Fußballer, gleich danach die Fersen zum Po, Wechselschritt in Seitenlage. Fünfzig Meter lang! Dann brennt die Lunge. Oder wähle statt der sicheren Route  – bei jeder Gabelung immer rechts und auf sicherer Entfernung zum Ausgang – das Wagnis, den ganzen Park kennenzulernen, und mehr. Die Treppe links hinter den Büschen reizt mich. Oh wie hübsch, sie führt über eine sechsspurige Autobahn. Reizend, ein Tümpel im Vorgarten einer Plattenbausiedlung. Trotzdem weiter, es muss noch einen anderen Weg zurück geben. Wer umkehrt, hat verloren.

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Noch eine Brücke! Mittlerweile gibt es keine andere Jogger mehr um mich rum. Da verweilt vielmehr ein alter Mann auf der Mitte der Autobahnbrücke und zählt Autos. Und einen anderen gibt es noch: einen im Jogger aber ohne Laufschuhe, dafür mit struppigem und knurrendem Hund. Ich wollte sowieso nicht stehen bleiben und jetzt meine Dehnübungen machen. Das bisschen Schmerz im Rücken und im vorderen Schienbein macht mir gar nichts; ich kann sogar noch schneller.

So komme ich auf eine Insel zwischen den Autobahnen, auf der sich sorgsam gestaltete Gärtchen aneinander reihen. Die Vogelkästchen sind gut besucht, gepflügt auch die Mini-Äcker und damit für die Saat bereit sind. Hier, bei an- und abschwellendem Rauschen des Verkehrs, kann ich meinen Oberkörper nach vorne fallen lassen und, mit einem Abstand von zehn Zentimetern zu meinen Schuhspitzen, die Arme hinab strecken und pusten.

Als ich gerade mit einer Hand am Zaun, den Oberschenkel dehned, lehne, öffnet sich die Tür des Häuschens. Ein braver Mann, der Dackelzüchter sein muss, kommt mit einer Leiter unter dem Arm heraus. Er legt sie ans Dach und inspiziert die morschen Stellen. Was er denn hier anbaue, frage ich ihn. Triticale, sagt der Fachmann. Ich, das ewige Landkind, nicke wissend: eine Mischung aus Weizen und Roggen also, sehr widerstandsfähig. Da komme dann aber nicht viel bei rum, sage ich und habe die hunderte Hektar großen Schläge in Mecklenburg im Kopf. Genauso wie die niemals abreißenden Klagen der Landwirte. Er schaut mich lächelnd an und erklärt: Mehl kaufe er im Laden, das Getreide sei mehr so fürs Auge.

Da kann ich sein Treiben plötzlich gut verstehen.


22 Lesermeinungen

  1. FAZ-soma sagt:

    Aber dann hat man nicht eine...
    Aber dann hat man nicht eine so gute Ausrede.

  2. icke sagt:

    <p>Kennen Sie "the lonelyness...
    Kennen Sie „the lonelyness of the long distance runner“ (iron maiden).
    Natürlich ist man an den guten Tagen mit sich selbst beschäftigt, mit seinem Körper, mit seinem ich, mit seinen Gefühlen, seinen Abgründen, seinen Schmerzen und seinem runner’s high, seiner Kraft und seinem nicht-mehr-können, aber auch mit dem Regen auf der Haut, oder dem weichen Frühlingswind im Gesicht, dem Schmatzen des Modders unter den Schuhen, dem Pochen der Schritte auf dem Asphalt…an den anderen Tagen, sucht man es bloss.
    Und in Armeestiefeln: nun, wer es mag, es gibt Schlimmerers, wie zu weiche Schuhe, in denen man schwimmt.
    Sich um kleine Kinder kümmern zu müssen kann vor Dauerlauf schützen.

  3. icke sagt:

    Und die Schuhe auf dem Baum,...
    Und die Schuhe auf dem Baum, sind das nicht Töppen? Damit wird doch nicht dauergelaufen, oder?

  4. FAZ-soma sagt:

    <p>Ich weiß auch nicht, wer...
    Ich weiß auch nicht, wer die Schuhe in den letzten Saisons so hübsch auf drei Metern Höhe drapiert hat. War es durch Mißmut nach einem verlorenen Fußballspiel? Ob sie mit dem Baum hinauf gewachsen sind? Ob sich schon Bewohner eingenistet haben? Ich konnte nur von unten Staunen.

  5. <p>Die Schuhe wollte sicher so...
    Die Schuhe wollte sicher so ein verschlafener Nachläufer noch zum Bundesverteidigungsministerium bringen, weil das doch jetzt alle Anständigen machen, aber dann war der Guttenberg schon weg, und die Dinger wieder nach Haus zu nehmen ist doch zu mühsam.

  6. Grenzgänger sagt:

    <p>Guten Tag.</p>
    <p>Gefällt...

    Guten Tag.
    Gefällt mir liebe Sophie , wie Sie diese Stimmung beschreiben, von dem Wetter, welches sich noch nicht recht entscheiden kann, ob es nun noch Herbst oder doch schon Frühling ist. Wäre ein Indiz mehr gewesen um meine vorangegangene Vermutung auszusprechen, die Sie bejaht haben, was mich dann allerdings derartig überraschte, daß ich bis heute nicht darauf antwortete.
    Vielleicht hole ich das irgendwann noch einmal etwas ausführlicher nach.
    War am Mittwoch in Lübeck an der Untertrave. Wie sich dort an einem Gemäuer und einigen herausragenden Balken ein gelbblühender Jasmin meinem Auge entgegenstreckte, war angesichts der hier immer noch überwiegend herrschenden frostigen Temperaturen, schon als mutig zu bezeichnen.
    Apropos Minusgrade.
    Schlimmer als Laufen bei Minusgraden ist eindeutig Fahrradfahren
    Und wenn ich schon beim Apropos bin:
    Wenn die Aufnahmen von diesem Jahr sind, dann handelt es sich um Krokusse, denn Herbstzeitlose blühen, wie der Name sagt, im Herbst.
    Jene gehören übrigens zu den Schwertliliengewächsen und diese zu den Liliengewächsen.
    Schöne, leider noch immer(erneut) bedeckte und frostige Grüße aus dem Norden.
    Grenzgänger

  7. Grenzgänger sagt:

    <p>Ach herrje. Das habe ich...
    Ach herrje. Das habe ich vergessen.
    TATIFAN
    Ich vermute Sie sind aus Baden – Württemberg?
    Missverstehen Sie mich bitte nicht als Besserwisser, aber
    dort sagt man in der Tat zum Gehen Laufen, was bei uns hier im Norden absolut nicht so ist. Wenn wir vom Laufen sprechen, dann meinen wir auch tatsächlich rennen und nicht gehen. Daher heißen die entsprechenden Schuhe eben Laufschuhe.
    Gruß
    Grenzgänger

  8. nico sagt:

    <p>Verehrte Sophie, es ist...
    Verehrte Sophie, es ist schon denkwürdig: heute mittag, auf einem Parplatz auf den nächsten Kundentermin lauernd, überlege ich, ob ich nun nach Jobverrichtung einkaufen sollte oder lieber jogge, wenn denn das Wetter umschlagen und mich dazu animieren würde. Es war noch alles grau, nebelig, und ar…kalt; doch dabei schaue ich, diesen Gedanken der Eigenmotivation nachhängend, wer denn bei der FAZ was zur Erheiterung der Laune beitragen könnte. Sophie las meine Gedanken. Über Sinn oder Unsinn des Laufens kann man trefflich diskutieren, besser ist, man zieht sie einfach an und tut es. Diese Sonne kam raus, dennoch nur lausige 3Grad. Egal. Turnschuhe an. Los, ohne zu überlegen. Wer will Saugnäpfe ertragen, wohl wahr – früher ja, heute nicht mehr, trotz GYM nebenan. Nun ja, die Endorphine sind wieder da. Ein schönes Regulativ der inneren Unruhe. Alles sieht besser aus. Entspannter. Pasta, pesce e vino schmecken jetzt auch einfach besser.

  9. FAZ-soma sagt:

    Lauf Nico, lauf! Und danach...
    Lauf Nico, lauf! Und danach mindestens in die Badewanne, besser noch ein die Sauna. Mich treibts dafür nun auf den Berg. Zwar Sonne, dafür viel braune Wiese. Ski-Wandern – wird viel zu selten betrieben.

  10. nico sagt:

    Ski-Wandern ohne Schnee liest...
    Ski-Wandern ohne Schnee liest sich so wie Nordic-Walking aussieht. Gibt es Bilder?

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