Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Du sollst nicht falschen Götzen zollen – Die Geldklammer

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Über Geld und Hektar spricht man nicht, dachte ich. In der Finanzstadt Frankfurt scheinen andere Regeln zu gelten: Man tanzt recht ungeniert ums goldene Kalb und vergisst im Workaholic-Wahn, wie Lebenswert sich noch errechnen ließe. Doch vielleicht können sie nichts dafür, vielleicht ist es nur Excel-Fieber, was in die Köpfe steigt.

„Grün, grün, grün sind alle meine Scheine. Grün und etwas gelb ist alles, was ich hab.“ Natürlich bin ich die einzige im Restaurant, die den Singsang von leblosen Gegenständen hört. Welches hochanständige Mädchen ließe sich schon von einer prall gefüllten Geldklammer anträllern? Oder begibt sich überhaupt in ein Umfeld, das solche Protzerei zulässt?  Auf dem Finanzplatz Frankfurt ist es jedoch schwer, dem zu entkommen. Denn der Besitzer der Klammer merkt nicht, dass im Stillen nur ein Urteil über ihn fällt, höchstens noch begleitet von einer hochgezogenen Augenbraue: hundsordinär. Es hilft ihm nicht, dass er seinen Kleiderschrank nach Vorgabe des Coffeetable-Buchs „Der Gentleman“ ausstaffiert. Auch nicht, dass sein Nadelstreifenanzug, Marke tailor-made, keine einzige Beule am Rücken oder unter den Achseln wirft, er statt des Friseurs einen Coiffeur aufsucht oder seine Socken, dreifarbig gestreift, eine farblich harmonische Einheit mit dem Einstecktuch bilden.  

So steht er also zu später Stunde, bereits recht angefüllt mit Champagnowski, am Tisch von drei jungen Frauen und versucht, die Identität stiftende Klammer vor sich her wedelnd, eine Übernahme einzuleiten. Tatsächlich zieht er seinen ersten Satz, der über Befruchtung oder sofortigen Mord eines Gesprächs entscheidet, zielsicher aus der untersten Schublade: „Darf ich Ihre Rechnung bezahlen?“

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Merkt er nicht, wie sich graue Erbärmlichkeit über die polierten Manschettenknöpfe legt? Ist ihm noch zu helfen?  Mit Manieren zumindest, oder um das Niveau zu steigern: geistiger Eleganz oder charmanter Genialität? Zeitgleich mit unserer andauernden Kunst- und Kulturblüte gilt sprachliche Raffinesse und das Spiel mit Erwartungen doch als Voraussetzung! Zumindest um mich zu beeindrucken. Die Variationen gekonnter Selbstdarstellung liegen greifbar auf der Straße, doch er weiß nur Geld aufzuheben. Welch‘ sonderbare Ausgeburt spült die Finanzmetropole hier an. Einen aus unzähligen Akteuren, die sich zweiundzwanzig Stunden an sechseinhalb Tagen der Woche in den verglasten Banktürmen verschanzen. Von denen in der Nacht nur ein Licht zu sehen ist, das ein Quadrat von Hunderten im Turm erhellt. Vielleicht sollte es nicht wundern, dass der Umgang mit Menschen vor dem Glas, die über die Straßen wie Ameisen kriechen, recht sonderbar zu werden droht.

Zur mitleidvollen Verteidigung könnte die Diagnose vielleicht Excel-Fieber lauten, das die Empfangswellen der natürlichen Empathie stört. Wenn,

ƒ(selbstwert) = ( S / K * selbstwert) + [Resonanz] Applaus der Kollegen beim Prahlen am nächsten Tag im Büro!$A$1 

wobei:

S = Anzahl der Scheine in der Geldklammer

K = Karrierelevel auf der Visitenkarte

– wie sollte sich in diese Gleichung noch Sensibilität für anderer Menschen Bedürfnisse mischen? Die eigenen haben sich im Zuge der Isolation längst zu Rudimenten zurückgebildet. Wir haben doch keine Zeit. Schnell, schnell, bevor das Smartphone wieder blinkt, müssen elementare Bedürfnisse befriedigt werden. Eine Beziehung aufgebaut, ausgekostet, wieder abgebrochen werden; immer rastlos, immer den peitschenden Mammon im Rücken. Nicht auszudenken, was ein geringerer Bonus für gesellschaftliche Rückschritte mit sich brächte. All die Verpflichtungen, Versicherungen und Veranstaltungen – sie lasten so schwer.

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Natürlich denkt dieser Herr nicht daran, dass er mit hoher Wahrscheinlichkeit zwei der drei Freundinnen sogleich in einen inneren Konflikt stürzt. Von Zeit zu Zeit, oder öfter, lebt jede über ihre Verhältnisse. Niemand möchte immer absagen, wenn vorgeblich besser verdienende Freunde sich einen schönen Abend machen wollen. Vorbei sind die studentischen Zeiten, in denen das monatliche Budget aus Wechsel, BAföG und Mini-Job einen überschwänglichen Lebenswandel ausgeschlossen haben und eine Absage mit der Begründung „das ist mir zu teuer“ kaum ausgesprochen werden musste. Es war ja allen klar. Jetzt wird es jedoch zum Störfaktor und nur mit Mühe toleriert, falls überhaupt vorgetragen. Vor allem dann nicht, wenn sich größere Gruppen zum geselligen Zusammenkommen in guten, und damit immer auch überteuerten Restaurants treffen. Alle trinken, mancher isst zwei oder drei Gänge und dann wird die Rechnung der Bequemlichkeit halber durch alle Anwesenden geteilt. Mehrere solcher Abende im Monat und der Kontoauszug wird selbst zur Quittung.

Wie einfach wäre es also, jetzt Geld zu sparen: der Geldklammer und ihrem Halter ein Lächeln vortäuschen, zwanzig Minuten Konversation halten und sich dann zur toilette (bitte französisch ausgesprochen) zurückziehen, derweil der Herr die Rechnung übernimmt. Danach wird sicher eine der zwei Schwankenden, von schwindender Selbstachtung angenagt, auch das Angebot nicht mehr ausschlagen, sich im weißen Stadtjeep nach Hause chauffieren zu lassen.

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In solchen Moment ist Verachtung für sich und andere die einzig rettende Maßnahme; sie stärkt das Rückgrat. (Weiß Gott: „get rich or die trying“ macht selbst den stursten Freigeist ab Dreißig zum Getriebenen) Am Tisch offenbart sich nämlich ungebeten die Biographie des unbeirrten Geldklammer-Trägers: teure Liebe durch glitzernde Geschenke, glamouröse Hochzeit, Kinder mit Ralph Lauren und Burberry ausstaffiert, dann die alle Kontoabbuchungen bei weitem übertreffende Scheidung. Dafür muss am Ende noch Geld übrig sein. Bis zur nächsten Runde. Und immer tiefer gräbt sich die Spirale der monetären Verdammung. Doch jeder findet, was er sucht. Insgeheim spekuliert er wohl darauf, seine Frau in die finanzielle Kneifzange zu nehmen. Genauso wie die Raubkatze, wenn sie im Zuge der Verwöhnung ihre Krallen spitzt und das Portemonnaie auskratzt. Dubai-Style, lass nach!


48 Lesermeinungen

  1. FAZ-soma sagt:

    Lieber Dominik,

    tatsächlich...
    Lieber Dominik,
    tatsächlich war mir dieser Herr gänzlich unbekannt, als er in mein Blickfeld geriet. Ansonsten finde die Situation, wer zahlt die Rechnung, hochkompliziet und nur charmant und Situationsbezogen zu lösen. Eine allgemeinen Verhaltenskodex wüsste ich auch nicht.

  2. nico sagt:

    <p>Sophie, G vielleicht auch...
    Sophie, G vielleicht auch für greenback?! Irgendwie doch der Ursprung des how to get a millionaire. Man lese die Kontaktanzeigen in FAZ und SZ: Ist genug Grünes da, kommt die Liebe von allein. Und: Jeden Tag steht ein Esel auf.
    In rough times the rich go yachting, meine ich.

  3. FAZ-soma sagt:

    Was ist ein Greenpack? Kann...
    Was ist ein Greenpack? Kann man das essen?

  4. Inge sagt:

    <p>Sophie von Maltzahn ich...
    Sophie von Maltzahn ich habe nur am Flughafen in einer Wechselstube gearbeitet und da sind die Menschen zu mir gekommen und da hast du die ganze Weltbühne vor Augen incl. Klammer Reiseschecks und kleinere und größere Betrüger es ist alles aus dem Beobachterwinkel entstanden und heute nachdem ich einige Wochen nicht zu Hause war sieht es bei mir aus wie in Japan nur das die Kinder und der Hund noch leben also alles relativ, man lerntmit jeder Aufgabe und hat einfach einen größeren Horizont der sich dann einbringen lässt damits anderen dann gleich wieder viel besser geht so ist das und die Japaner hatte ich damals schon als sehr diszipliniert erlebt wenn sie ihre Yen umtauschten

  5. <p>Frl. v. Matltzahn, ich...
    Frl. v. Matltzahn, ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir nach diesem Artikel doch die Hälfte des Rechnungsbetrags Ihres letzten Hotelbar-Besuches zukommen ließen. Es plagt so arg. Ihr Geldehard

  6. nico sagt:

    <p>So nah an der Börse,...
    So nah an der Börse, Sophie! Essen kann man ihn nur indirekt, den Dollar.

  7. FAZ-soma sagt:

    Lieber Kalchas, wenn die...
    Lieber Kalchas, wenn die Tastatur ein Zwinkern zuließe, ohne dafür semikolonistisch zu werden, schicke ich Ihnen eins!

  8. FAZ-soma sagt:

    <p>Lieber schwer gebeutelter...
    Lieber schwer gebeutelter Geldehardt. Zwei Kinderreime für Sie: „Mensch, ärgere dich nicht“ und „Geschenkt ist geschenkt – wiederholen gleich gestohlen.“
    Doch nutzen Sie ruhig mein literarisches Ich, um Ihrem Ärger Luft zu machen.
    – ich mache es genauso.

  9. focion sagt:

    <p>Ein möglicher...
    Ein möglicher Erklärungsansatz für derartige Verhaltensweisen: Weltfremdheit in der Moderne als Folge monetär/architektonisch bedingter Weltschau im Hochfinanzkapitalismus. Ein Blick aus der Klokammer eines der Frankfurter Geldtürme (Commerzbank) ist dabei aufschlussreich:
    .
    http://www.mikrocontroller.net/…/Commerzbank-Klo.jpg
    .
    Nach dem Blick herab nun ein Blick in die Geschichte. Genauer: ins zweite Buch der „Dialogi“. Dort berichtet Papst Gregor der Grosse über die mystische Weltschau des Mönchsvaters Benedikt, der dazu bei Nacht die Stufen nicht des Geld-, sondern des Glockenturms erklomm und sich im Gebet versenkte:
    „Eine sehr erstaunliche Sache aber folgte in diesem Schauen, denn, wie er selbst später erzählte, wurde ihm die gesamte Welt, wie in einem Sonnenstrahl gesammelt, vor Augen geführt“. Wem das gxxxliche Licht erscheint, so der Pabst, dem wird alles Geschaffene eng, der „Schoss der inneren Seele“ wird geweitet, „und so sehr in Gxxx ausgedehnt, dass er sich über der Welt befindet (…) Was Wunder also, wenn er die Welt vor sich versammelt schaute, der, im Geisteslicht erhoben, ausserhalb der Welt war?“
    Zwar schrumpft auch die Welt, wesentlich aber ist, dass dass sich der Geist des Schauenden erweitert, „der, in Gxxx entrafft, ohne Schwierigkeiten alles sehen konnte, was unter Gxxx ist. (…) Ein inneres Licht zeigte ihm, wie da unten alles so eng ist“.
    .
    Das innere Licht des Commerzbankers dagegen zeigt ihm, resultierend aus der durch simple Stillung morgendlichen Bedürfnisse induzierten Weltschau, „wie da unten alles so käuflich ist.“ So jedenfalls meine Vermutung: dass es sich bei dem betreffenden Individuum, um einen Commerzbanker handelt.
    .
    PS. ernsthaft: was soll man von einer derartigen Gestaltung des Sanitärbereichs wirklich halten? Mir scheint dem dann doch etwas verspätet pubertäres, irgendwie masculin/obszön selbstgefälliges anzuhaften. Musste beim Lesen jedenfalls gleich an dieses einst gesehene und eigentlich längst vergessene Foto denken.

  10. FAZ-soma sagt:

    Was für ein geniales Foto!...
    Was für ein geniales Foto!

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