Ding und Dinglichkeit

Im Glanz der Anderen: Das Netzwerk

Ein Mensch, der die Spitze von Erfolg und Ruhm erreicht, muss einsam werden. Das Innenleben hüte er besser wie ein Staatsgeheimnis, paranoide Abschottung scheint mir die einzige Lösung. Denn was bleibt übrig, wenn selbst die echten Freunde mit Forderungen warten auf die, die Konzerne leiten, Fernsehsender oder Plattenfirmen? Doch auf Gefälligkeit folgt selten ein Vertrag und so wettern enttäuschte Freunde ihr Leben lang mit bösem Groll.

Auch unangenehm, wenn auch weniger tiefschürfend, drängt bei jeder öffentlichen Gelegenheit ein Heer neuer Kontakte auf sie zu. Jeder Schulterschlag im Blickfeld anderer Leute wird ausgeschlachtet, jedes ergatterte Wort im nächsten Gespräch wiedergekäut und als schleimiger Brocken möglichen Neidern vor die Füße gespuckt: Friss und bewundere mich! Denn ich bin ein Freund von einem ‚Herrn mit Gescherr‘, einer Dame mit goldener Sahne, einem Kind mit Krone.

Bestimmt, aber dezent will ich das einseitige Geplauder beenden und mich an die Bar verabschieden. Doch auch das Glas des Schwätzers ist leer. Erbarmungslos zählt der Netzwerker weiter seine Verbindungen auf. Ich will hier weg! Kennt er denn niemand wichtigen, dem er sich präsentieren kann? Wahllos begrüße ich einen passierenden Bekannten oder ziehe mein Handy aus der Tasche, was signalisieren soll: unsere Zeit läuft ab. Aus meinen Ohren schlägt der Schaum schon Blasen.

Würden mir seine Pfauenfedern nicht so penetrant in der Nase kitzeln, könnte ich ihm zeigen, wie sein Aufplustern von außen wirkt. Er müsste dafür einmal nur zur Seite schauen.

Dort tobt eine Schöne auf die Tanzfläche. In ihrem Windschatten wehen gleich mehrere Bewunderer mit und auch zwei ihrer Gefolginnen. Durch die Beliebtheit der Schönen wähnen sie sich sicher, aus der Camouflage der Masse herauszutreten. Aufgekratzt gewährt diese mal der einen, mal dem anderen Bruchstücke ihrer Aufmerksamkeit. Sofort blühen die Begünstigten auf, imitieren wie Spiegel ihre Bewegungen. Einer versucht sogar den „Supermarkttanz“, um sie noch länger ganz für sich zu haben. Sekunden der Gunst, Minuten der Einheit, kein missbilligender Blick verunsichert mehr. Bis die Schöne sich weiter dreht. Alles zerfällt, der Günstling kann sich selbst im Flackern der Lichtmaschine nicht behaupten. Niemand wendet sich ihm zu und so bleibt ihm nur ein beschämter Blick auf den Boden, während seine Arme wie Fremdkörper am schlaffen Körper weiter schwingen. Geh in die zweite Reihe! Geh zuschauen, denken sich die anderen. Eingeschüchtert will er schon den Kreis verlassen, doch die Schöne tanzt weiter; sie tanzt für die, die den Rest bilden.

Vor wessen Blicken sie sich wohl so stark gruseln, dass sie ihre Bewegungsfreiheit opfern? Doch nicht etwa vor der Extrovertierten, die mit ihrer zarten Freundin am abgeräumten Tisch sitzt! Hektisch jagen ihre Blicke über ihre Begleiterin hinweg. Den Kreis der möglichen Bekannten durchschaut sie schnippisch wie erhaben. Bei jedem Zweiten entlädt sich eine Entrüstung. Unterwürfig folgt die Zarte den giftigen Blicken und nickt brav zu jeder Gehässigkeit. Nicht einmal als ein netter Mann mit ihr tanzen möchte, entlässt die große Freundin sie aus ihrer Komplizenschaft. Sie braucht ihren Eimer für die gekränkte Eitelkeit immer neben sich. Bis sie selbst ein Adäquat gefunden hat und die Schüchterne stehen lässt.

Für all die Randerscheinungen blind sind die, die einen Auftrag spüren, sobald man sich im Netzwerk trifft. Schließlich sind nicht alle Kontakte geschäftlich, sondern manche gar aufs äußerste privat.

In einer Dreier-Gruppe hat sich zueinander gesellt, wer sich niemals treffen sollte. Eine Verflossene des Bräutigams hält es für den richtigen Moment, um ihre erfolgreiche Widersacherin kennenzulernen. Sie bemüht sich um lockere Worte, doch Subjekt und Prädikat passen nicht zusammen, dafür lacht sie schrill und viel. Sie möchte sich gut stellen mit dem Paar, am besten eine Freundin der Braut werden.

Und da sie ab heute das Gesicht der anderen vor Augen hat, würde sie ihn gewiss niemals wieder abends spät noch zu sich einladen, sobald seine Verlobte auf Geschäftsreise ist. Jetzt nicht mehr, wo sie so nett plaudernd mit den beiden gesehen wurde. Die gesellschaftliche Rehabilitation könnte nur eine Einladung zur Hochzeit noch abrunden. Das fände sie angebracht, man hat schließlich gemeinsame Freunde.

Man sagt, Verbindungen schaden nur dem, der sie nicht hat – was zu widerlegen war.

 

Abbildungen: Skulpturen und Gemälde von Allen Jones, aufgenommen in der Levy Galerie

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