Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Im Glanz der Anderen: Das Netzwerk

| 20 Lesermeinungen

Man sagt, Verbindungen schaden nur dem, der sie nicht hat. Das kann nicht stimmen, wenn Profiteure durch ihr Netzwerk pirschen, immer auf der Suche nach der nächsten machtvollen Referenz. Und das dann auch noch Freundschaft nennen.

Ein Mensch, der die Spitze von Erfolg und Ruhm erreicht, muss einsam werden. Das Innenleben hüte er besser wie ein Staatsgeheimnis, paranoide Abschottung scheint mir die einzige Lösung. Denn was bleibt übrig, wenn selbst die echten Freunde mit Forderungen warten auf die, die Konzerne leiten, Fernsehsender oder Plattenfirmen? Doch auf Gefälligkeit folgt selten ein Vertrag und so wettern enttäuschte Freunde ihr Leben lang mit bösem Groll.

Auch unangenehm, wenn auch weniger tiefschürfend, drängt bei jeder öffentlichen Gelegenheit ein Heer neuer Kontakte auf sie zu. Jeder Schulterschlag im Blickfeld anderer Leute wird ausgeschlachtet, jedes ergatterte Wort im nächsten Gespräch wiedergekäut und als schleimiger Brocken möglichen Neidern vor die Füße gespuckt: Friss und bewundere mich! Denn ich bin ein Freund von einem ‚Herrn mit Gescherr‘, einer Dame mit goldener Sahne, einem Kind mit Krone.

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Bestimmt, aber dezent will ich das einseitige Geplauder beenden und mich an die Bar verabschieden. Doch auch das Glas des Schwätzers ist leer. Erbarmungslos zählt der Netzwerker weiter seine Verbindungen auf. Ich will hier weg! Kennt er denn niemand wichtigen, dem er sich präsentieren kann? Wahllos begrüße ich einen passierenden Bekannten oder ziehe mein Handy aus der Tasche, was signalisieren soll: unsere Zeit läuft ab. Aus meinen Ohren schlägt der Schaum schon Blasen.

Würden mir seine Pfauenfedern nicht so penetrant in der Nase kitzeln, könnte ich ihm zeigen, wie sein Aufplustern von außen wirkt. Er müsste dafür einmal nur zur Seite schauen.

Dort tobt eine Schöne auf die Tanzfläche. In ihrem Windschatten wehen gleich mehrere Bewunderer mit und auch zwei ihrer Gefolginnen. Durch die Beliebtheit der Schönen wähnen sie sich sicher, aus der Camouflage der Masse herauszutreten. Aufgekratzt gewährt diese mal der einen, mal dem anderen Bruchstücke ihrer Aufmerksamkeit. Sofort blühen die Begünstigten auf, imitieren wie Spiegel ihre Bewegungen. Einer versucht sogar den „Supermarkttanz“, um sie noch länger ganz für sich zu haben. Sekunden der Gunst, Minuten der Einheit, kein missbilligender Blick verunsichert mehr. Bis die Schöne sich weiter dreht. Alles zerfällt, der Günstling kann sich selbst im Flackern der Lichtmaschine nicht behaupten. Niemand wendet sich ihm zu und so bleibt ihm nur ein beschämter Blick auf den Boden, während seine Arme wie Fremdkörper am schlaffen Körper weiter schwingen. Geh in die zweite Reihe! Geh zuschauen, denken sich die anderen. Eingeschüchtert will er schon den Kreis verlassen, doch die Schöne tanzt weiter; sie tanzt für die, die den Rest bilden.

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Vor wessen Blicken sie sich wohl so stark gruseln, dass sie ihre Bewegungsfreiheit opfern? Doch nicht etwa vor der Extrovertierten, die mit ihrer zarten Freundin am abgeräumten Tisch sitzt! Hektisch jagen ihre Blicke über ihre Begleiterin hinweg. Den Kreis der möglichen Bekannten durchschaut sie schnippisch wie erhaben. Bei jedem Zweiten entlädt sich eine Entrüstung. Unterwürfig folgt die Zarte den giftigen Blicken und nickt brav zu jeder Gehässigkeit. Nicht einmal als ein netter Mann mit ihr tanzen möchte, entlässt die große Freundin sie aus ihrer Komplizenschaft. Sie braucht ihren Eimer für die gekränkte Eitelkeit immer neben sich. Bis sie selbst ein Adäquat gefunden hat und die Schüchterne stehen lässt.

Für all die Randerscheinungen blind sind die, die einen Auftrag spüren, sobald man sich im Netzwerk trifft. Schließlich sind nicht alle Kontakte geschäftlich, sondern manche gar aufs äußerste privat.

In einer Dreier-Gruppe hat sich zueinander gesellt, wer sich niemals treffen sollte. Eine Verflossene des Bräutigams hält es für den richtigen Moment, um ihre erfolgreiche Widersacherin kennenzulernen. Sie bemüht sich um lockere Worte, doch Subjekt und Prädikat passen nicht zusammen, dafür lacht sie schrill und viel. Sie möchte sich gut stellen mit dem Paar, am besten eine Freundin der Braut werden.

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Und da sie ab heute das Gesicht der anderen vor Augen hat, würde sie ihn gewiss niemals wieder abends spät noch zu sich einladen, sobald seine Verlobte auf Geschäftsreise ist. Jetzt nicht mehr, wo sie so nett plaudernd mit den beiden gesehen wurde. Die gesellschaftliche Rehabilitation könnte nur eine Einladung zur Hochzeit noch abrunden. Das fände sie angebracht, man hat schließlich gemeinsame Freunde.

Man sagt, Verbindungen schaden nur dem, der sie nicht hat – was zu widerlegen war.

 

Abbildungen: Skulpturen und Gemälde von Allen Jones, aufgenommen in der Levy Galerie


20 Lesermeinungen

  1. Devin08 sagt:

    <p>Die Macht des...
    Die Macht des Bewusstseins
    .
    Ein wenig fremd – mir -, diese Gesellschaft. Obwohl ich ahne um was oder wen es da geht. Doch man/frau geht seinen/ihren Weg. Und sollte da ein Netzwerk entstehen, dann wäre das eher Zufall. Es gibt da noch den altertümlichen Begriff wie „Freundschaft“. Ist das jetzt dasselbe wie „Netzwerk“? Ich selbst hatte nie viele Freunde, doch unter den wenigen, noch zu viele, die mich zuletzt enttäuschten. Am Ende bleibt Einer, bleiben zwei, drei Freunde. Und in aller Regel die für ein Leben lang. Nun ja, halbes Leben, über mehr kann ich nicht berichten. Solche Erfahrungen prägen. Sie prägten mich. Machten mich anders. Ernster. Härter. Doch auch verständnisvoller. Weicher.
    .
    Die Menschen sind wie sie sind. Wie die Umstände sind, würde der Marxist noch hinzufügen. Ändern wir die Umstände, so ändern wir den Menschen. Anders geht es nicht. Zumal das die Menschen selber machen müssen – ihre Umstände ändern. Netzwerke geben ein Gefühl von Ohnmacht, diesen gegenüber. Von etwas, das man nicht ändern kann. Das ist kein gutes Gefühl. Ich schlage daher vor, dass all diejenigen, die das kritisch sehen, solche Netzwerke meiden. Vielleicht trocknen sie dann aus, werden bedeutungslos. Verlieren sich im Nichts, wie eine Laune der Mode.
    .
    Doch ich ahne es. Da gehört mehr dazu, als gute Absichten und einen starken Willen. Ein Bewusstsein muss man haben. Hiervon, wie überhaupt. Zu diesem Zweck rede ich immer über Klassenbewusstsein – revolutionäres Bewusstsein.

  2. JD sagt:

    <p>Der Schlimmste von allen...
    Der Schlimmste von allen aber ist der gelassene Beobachter. Er (sie) gibt sich erhaben, nur um nicht zugeben zu müssen, dass er die eigene Rolle nicht gefunden hat, sondern irgendwo dazwischen hängt. Um dies zu verbergen erhebt er sich über das Verhalten der Anderen. Seine Rolle ist eine parasitäre. Das Verhalten der Anderen wirkt und wird erst durch seine Beoabachtung absurd und peinlich.

  3. FAZ-soma sagt:

    Wer andere sieht, sieht immer...
    Wer andere sieht, sieht immer auch sich. Abtastend, verzerrt. Warum auch nicht? Vor dem Spiegelbild des Ganzen taucht immer auch der Betrachter auf.

  4. FAZ-soma sagt:

    Gelassen? Wohl eher mit...
    Gelassen? Wohl eher mit spielerischer Entrüstung.

  5. Kopfgeburt sagt:

    <p>@JD</p>
    <p>Vom Beobachten...

    @JD
    Vom Beobachten des Beobachters der Beobachter (Dürrenmatt) – da darf sich wohl keiner ausnehmen. Allerdings finde ich die Rolle des Beobachters nicht schon per se peinlich. Aber richtig ist, dass das Beobachtete damit eine neue Dimension erhält. Und eine Interpretation von aussen. Diese Interpretation sagt sicherlich einiges über den Beobachter aus.
    Die Rolle des Supervisors (also: die Beobachtung des Beobachters) enthält wiederum eine Interpretation auf 2. Stufe (eine „Meta-Interpretation“), die die Aussage des Beobachters interpretiert, aber zugleich eine Aussage über den Supervisor enthält….
    …. ad infinitum….
    .
    Bester Devin08: „Netzwerk“ hat für mich noch so ein kleines „Geschmäckle“ von Eigennutz, während Freundschaft einfach ist. Das ist für mich der Unterschied.
    .
    Beste SvM: Lassen Sie sich nicht beirren. Durch Reflexion erst sind wir fähig uns über das Geschehnis an sich auch über uns selber klarer zu denken. In diesem Sinne sind reflektierende Menschen ständig am Beobachten. Gut zu wissen, dass nicht jeder Mensch vom Kleinhirn gesteuert wird!!

  6. FAZ-soma sagt:

    Schön Sie in der Diskussion...
    Schön Sie in der Diskussion dabei zu haben, liebe Kopfgeburt!

  7. Kopfgeburt sagt:

    <p>Ach ja - link zu...
    Ach ja – link zu Dürrenmatts Werk auf Wiki:
    de.wikipedia.org/…/Der_Auftrag_oder_Vom_Beobachten_des_Beobachters_der_Beobachter

  8. Devin08 sagt:

    <p>Freundschaft oder Netzwerk,...
    Freundschaft oder Netzwerk, und die Krise des Kapitals
    .
    @Kopfgeburt: Dies Geschmäckle sehe ich auch. Und wohin das Herrschen des Eigennutzes wirklich führt, möchte ich gerade an dem von Ihnen gut beschriebenen Zirkel zwischen Beobachter und Beobachteten demonstrieren, bzw. dann an dem Beispiel, das ich dem anhänge. Schon der gute Hegel hatte da seinen Kampf mit. Aber nur, weil er das Verhältnis auf dem Kopfe stehend zu lösen suchte. Die gesellschaftliche Praxis stellte sich ihm als rein geistige Bewegung dar, als eine Bewegung des Beobachters, als Bewegung des absoluten Geistes, welcher sich immer mehr vervollkommnet. Der deutsche Philister stand da schon Pate! Denn seine Dialektik verbleibt innerhalb einer gewissen Scholastik. Anders, wenn die gesellschaftliche Praxis als eine tätigende verstanden wird. Aus dem Beobachter wird der gesellschaftlich tätige Mensch, das revolutionäre Subjekt, um mit Marx zu reden.
    .
    Das Beobachtete – das Ding an sich – wird qua Verwandlung in ein Ding „für sich/für ihn“ kritisch angeeignet. Kritik wird zur Selbstkritik. Keine Überwindung ohne „Affirmation“ (Hegel verwendete diesen Begriff ohne seinen „Zirkel“ zu verlassen, denn dies meinte er immer nur in geistiger Hinsicht). Keine Affirmation ohne Überwindung. Nur ist diese Affirmation eine reflektierend-tätige. Eine, die im Moment der Tat, den Gegenstand der Betrachtung/der Kritik schon verändert. Das Wesen des Gegenstandes kann nur verstanden werden, wenn man es wandelt. Also den Gegenstand aus der Bewegung heraus begreift. Geistig zeigt sich das als Bewegung vom Abstrakten zum Konkreten, wie Hegel und Marx sagen würden.
    .
    In diesem Falle könnte das heißen: Überprüfen wir alle unsere eigenen Beziehungen auf ihr Wesen, auf das, was sie womöglich sind oder eben nicht – Freundschaften oder opportunistische Netzwerke. Machen wir sie zu dem, was die gesellschaftliche Bewegung, aus der heraus wir dies und solchermaßen kritisch zu begreifen suchen, uns für notwendig erscheinen lässt. Das wäre nicht nur aus ethischen Gründen angesagt, denn soweit ergäbe das nur eine schwache Bewegung, sondern aus ganz praktisch-politischen Erwägungen heraus.
    .
    Schauen wir uns mal die Causa Guttenberg blog.herold-binsack.eu von dieser Warte aus an. Ich glaube in seinem dramatischen Absturz auch ein Versagen seiner Netzwerke zu sehen. All die, die ihm nützlich sein wollten oder sollten (von den wissenschaftlichen Diensten des Bundestages beginnend, über die Medien, die ihn schon fast krönten, bis hin zu seinen Doktorvätern an der Uni, und auch seinen „Parteifreunden“), haben ihm am Ende geschadet. Ich denke, dass er im Moment nicht nur der einsamste Mensch in diesem Land ist (seine Frau wird ihn hoffentlich trösten), sondern vor allem auch das Beispiel, das negative, auf das dieses Land wirklich nicht mehr zu hoffen gewagt hatte. Und das macht die Sache zu einer revolutionären. Besser: zu einer, die eine revolutionäre Bewegung hervor zu bringen vermag. Ich sage das nicht aus Sentimentalität oder falschem revolutionärem Optimismus. Doch versuche ich das Wesen seines Dramas zu verstehen aus der realen Bewegung heraus zu verstehen. Denn so vermeide ich nicht nur, dass meine Kritik eine opportunistische, eine populistisch verlogene, eine selbstgerechte wird, sondern auch, dass sie unfruchtbar bliebe. Die reale Bewegung, das ist die „Krise des Kapitals“, die Krise der bürgerlichen Gesellschaft blog.herold-binsack.eu und ihrer Werte.

  9. colorcraze sagt:

    <p>Uuh, die Höllenkreise des...
    Uuh, die Höllenkreise des Netzwerkes… glücklich der Mensch, der privat, geschäftlich und öffentlich auseinanderzuhalten vermag und nicht in Bedrängnis gerät, diese Sphären vermischen zu müssen…

  10. Kopfgeburt sagt:

    <p>Bester Devin08</p>
    <p>Der...

    Bester Devin08
    Der klugen Worte haben Sie geliefert. Des Nachdenkens wert, und daher seid bedankt, edler Herr.
    .
    Mich deucht am ganzen liegt ein kleiner Haken. Id est: Von der Spiegelung/Reflexion (ergo: Wissen) zur Tat/Revolution: Da ist noch ein gewaltiger Schritt. Denn die Bewusstseinswerdung alleine macht noch nichts. Erst was wir daraus machen, das ist das Entscheidende.
    .
    (doch möglicherweise habe ich den Gebrauch der von Ihnen verwendeten Begriffe nicht gänzlich verstanden…)

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