Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Der Beginn einer großen Hassliebe: Der Pinsel

| 24 Lesermeinungen

Wer glaubt, auf einen viereckigen Block gehörten keine Kreise, der akzeptiert Form als Diktat. Dieses Blog tut das nicht, er formt stetig neu. Genauso wie die malende Anna - Sie werden sie gleich kennenlernen - die vor ihrer Leinwand gegen einen painter's block kämpft. Wozu der Aufwand? Weil auch Ziele in träumerischer Ferne einmal in Angriff genommen werden müssen.

Der Anfang ist gar nicht so wichtig, dachte Anna und zog ihren ersten Pinselstrich auf der Leinwand. Wie Gedanken kurz vorm Einschlafen vertieften sich ihre Züge im dunklen Blau mit Weiß. Doch schon die fünfte oder sechste Fahrt über das raue Papier verlor an Kraft und Richtung. Es sollte ein Bild entstehen, nur welches? Anna suchte in ihrer Rumpelkammer gesammelter Momente nach dem einen, der jetzt sein Auftreten im Augenscheinlichen feiern durfte. Dieses erste Gemälde sollte nicht umsonst entstehen, indem es nur ihr selbst gelten würde. Es sollte etwas Großartiges sein, eines das berührte, das verband und trennte. Etwas, das gewonnene Erkenntnisse entlarvte und Verlerntes neu begreifen ließ.

Weit davon entfernt, diesen Anspruch zu erfüllen, und wozu eigentlich, verharrte sie einen Moment. Statt den Pinsel wieder siegesgewiss in den Klecks gemischte Farbe zu tunken, griff sie bei jedem zweiten Ansatz zu ihrer Teetasse oder ihrem Wein oder den Zigaretten. Oder suchte das Feuerzeug für die Zigaretten; oder kochte schnell noch Wasser, um den Tee neu aufzubrühen. So kam sie zurück an den Platz, wo nichts entstand, und buhlte um die eine Ruhe, in der Gehaltvolles erst Beachtung findet.

Bild zu: Der Beginn einer großen Hassliebe: Der Pinsel

Doch statt erlösender Klänge in glühenden Farben, hörte sie nur Stampfen und Trampeln zu schlechter Musik. Ein Stockwerk über ihr übten ihre Nachbarn mitten in der Nacht ihre neu gelernten Schritte aus der Tanzstunde. Zu solcher Musik tanzten höchstens Animateurinnen im Clubhotel, wobei sie sich als Torero-Barbie verkleideten, dazu ein Plastikleid trugen und eine knallrote Blume im Dutt, die mit Gel festgekleistert jeder Drehung standhielt.

Hotellobby-Musik – immer wieder ausgespuckte Beethoven-Air atmen und Sinatras Nächte würgen – doch es fiel den Gästen nicht auf, denn es passte zu den langen, dünnen Zigaretten der Aufsteigerfrauen, die ihre Eleganz aus vergangenen Jahrzehnten abkupferten, und zu den Aufsteigermännern in eckigen Schuhen, die Budapester werden wollten. Sollte sie diese bescheuerten Menschen nun malen, nur weil sie ihr im Kopf spukte? Es schien ihr recht zufällig; sie schloss die Augen.

Anna kannte das Paar aus dem Treppenhaus und vom typischen Nachbargedöns, wenn man sich mal einen Dosenöffner leihen musste. Einmal war sie deswegen in deren Wohnung gewesen. Es sah bei ihnen aus wie bei Ikea, nur stammte nichts von Ikea. Sorgsam hatten sie ihre Möbel auf Straßenmärkten, in Antikläden oder beim Interior-Designer zusammen gesucht und demonstrierten sich und jedem Besuch, dass man den nächsten Schritt genommen hatte: Man richtete sich individuell ein, hatte Geschmack entwickelt und wollte um Himmels willen nicht mehr vergleichbar sein. Es hatte zutiefst genervt, wenn ein Gast rief: dein Vorhang ist bei mir der Bettbezug. Ihr Heim sollte etwas ganz besonderes werden. Doch es half alles nichts, denn die Anordnung der Möbel und der Deko-Kunst war und blieb wohl für immer so wie Ikea es in ihre Köpfe gepflanzt hatte. 

Bild zu: Der Beginn einer großen Hassliebe: Der Pinsel

Außer den beiden kannte Anna in ihrem Haus nur noch ihre Nachbarin eine Tür weiter, die ihre Wohnung nie zu verlassen schien. Als Anna einmal nach einem großen Topf fragen wollte, öffnete ihr ein spindeldürres Mädchen. Ihr strähniges aschblondes Haar lag den hohlen Wangen auf, die Daumen der spinnenartigen Hände steckten mit verlogener Lässigkeit im Bund einer Jogginghose Größe 34, die großzügig um ihre Beine schlackerte. Es war Anna öfter schon aufgefallen, dass bei ihrer Nachbarin häufig Einkaufstüten vor der Tür standen. Ihr Vater brachte ihr die von Zeit zur Zeit vorbei. Einmal war Anna ihm begegnet, als er die vollen Tüten vor der Tür abstellte.  Wie ertappt schien er, als Anna ihn begrüßte. Sorge sprang aus seinen tiefen Stirnfalten. „Sie macht nicht auf“, sagte er unmittelbar „deswegen stehen die Tüten hier manchmal.“ Seine Entschuldigung hat sie gerührt und irritiert zugleich. Es war ihr peinlich, in die Sorgen eines fremden, traurigen Mannes eingeweiht zu werden.  Schnell hatte Anna beteuert, dass das doch kein Problem sei und sie sich noch nie an den Tüten gestört hatte, schließlich kenne sie seine Tochter ein wenig. Erstaunt blickte er sie an, als spräche sie von einem Geist. Wahrscheinlich war sie das mittlerweile auch. Armes Ding.

Anna schlug die Augen wieder auf und blickte auf die Leinwand. Der Leichtigkeit beraubt, kämpfte sie um das Ziel, wohin die nächsten Striche führen sollten. Spindeldürre Mädchen vielleicht oder pralle Barbies? Diese verdammte Zufälligkeit, nach der sich Ideen spinnen. Wer sollte das nur kapieren?

Vor einer halben Stunde noch hatte sie nach gefühlten Stunden, ohne Einschlafen zu können, genervt auf ihr Handy geblickt. Halb zwei. Großartig. Morgen wollte sie doch früh aufstehen und viel zustande bringen! Sich gut konzentrieren, ganz dem Vorsatz der Erfolgreichen entsprechend: wer schneller denkt, hat weniger zu tun. Nur tat sie meistens lange nichts und noch weniger, wenn sie müde war. Die Aufgaben auf der Liste blieben trotz Zeit im Überfluss unausgeführt. Von Selbstdisziplin befreit, wurde Anna nur unter Druck willig, langweilige Bewerbungen oder Rechnungen zu sortieren. Bis ein unterschriebener Brief am trägen Tag im Umschlag mit Briefmarke zum Briefkasten gelangte, brauchte es gewiss drei Anläufe, bis sich das schlechte Gewissen gegen den Widerwillen durchsetzen konnte.

Bild zu: Der Beginn einer großen Hassliebe: Der Pinsel

Vom Liegen gelangweilt, war sie dann ins Wohnzimmer gegangen und hatte ein paar Minuten auf die Straße unter ihrem Balkon geblickt. Straßenbahn, U-Bahn und Lastwagen fuhren hier tagsüber im Minutentakt, nachts war es etwas besser. Sie sollte sich eine Hängematte über ihren Balkon spannen, hatte Anna gedacht. Dann hätte sie beim Schlafen auch noch ein wenig Abwechslung. Nur Abwechslung macht müde. Nun hatte sie keine Hängematte, also hatte sie entschlossen, was sie immer beschloss, wenn sie vom Wachsein nicht entlassen wurde. Sie wollte malen.

Doch zögernd und gewiss bald missmutig stand Anna vor der Leinwand. Warum sie malte, wusste sie noch lange nicht. Vielleicht, weil sie gerne erzählte, dass sie am liebsten ihr ganzes Leben lang nur malen wollte. Dann wäre sie eine Künstlerin, was ihr als eine recht bedeutungsvolle, dennoch charmante Berufung erschien. Als Künstlerin dürfte keiner mehr versuchen, ihr Schablonen starrer Gedankengerüste überzustülpen: Was rechtens war und anerkannten Erfolg versprach. Auch gerne auf der Liste gutgemeinter Ratschläge: was noch nie funktioniert hatte, denn zuletzt sei der Mensch immer schlecht, ungerecht und dafür fast entschuldigt, weil zu jeder Zeit dem eigenen Vorteil erlegen.

Künstlerin sein war ihre Chance, sich aus ihrer bisherigen Existenz zu schälen. Nebenbei war es auch verlockend, dass sie sich erst einmal nicht den mühsamen Bewerbungsprozessen unterziehen müsste, um dann in vorgefertigten Bahnen eine Karriere zu planen! Bäh. Nein, sie wollte einen besonderen Weg gehen. Einen, der nur von ihr selbst bestimmt wurde und auch nur von ihr selbst ausgefüllt werden konnte. Unaustauschbar. So sehr drängte es in ihr nach Bedeutung, als wäre sie einmal ihrer beraubt worden.

Bild zu: Der Beginn einer großen Hassliebe: Der Pinsel

Vielleicht wollte sie sich auch einfach nicht mit den anderen messen: An denen, die schon immer mit der Nase im Wind und einem festen Ziel vor Augen ihren Weg beschritten hatten. Was auch immer Anna sich auch für eine passende Richtung überlegt hatte, immer waren die anderen ihr voraus. Wie der Igel dem Hasen, der die Rennstrecke hin und her rannte bis sein Herz aus seiner Hasenbrust heraus springen wollte. Blöder Igel! 

Sie schloss die Augen noch einmal. Sagenhafte Technik. Was sollte sie nun zustande bringen? Es wäre so viel einfacher, wenn ein bestimmtes Bild sich im Kopf eingepflanzt hatte. Etwas, was sie einmal beobachtet hatte, einen Blick, eine Geste, ein Sonnenschein. Derlei hatte sie schon oft in Skizzen und Aquarellen festgehalten, doch jetzt drängte nichts davon aus ihr hervor. Erzürnt wollte Anna aber, dass dieser Moment jetzt ein magischer sein sollte. Gleich würde sie den Pinsel für immer wegschmeißen. Gescheitert mit dreiundzwanzig Jahren, konnten sie dann auf ihren Grabstein schreiben, denn alles, was danach kommen möge, würde sie nicht mehr interessieren.

 

 


24 Lesermeinungen

  1. Inge sagt:

    <p>noch schnell ein Gedanke zu...
    noch schnell ein Gedanke zu Stuttgart und der Absage der Uni das ist wie
    im Lotus (Lotussitz Bahnfahren) deswegen haben wir gerade in Monaco das Autorennen bei mir spielt es sich halt im Kopf ab und sie haben eine neue Bildidee fehlt nur noch die rosa Erdbeersahnetorte aber dafuer habe ich ja die
    langsame Uebersetzung erst mit Digitalfesthaltung per Kamera und dann umstaendliches Uebersetzen mit Woerterbuch dafuer backe ich sie dann wieder ganz schnell (ich hab die Torte in der Zeitung gesehen anlaesslich des Muttertages aber den Friseur nicht getraut zu fragen ob ich die Zeitungsbeilage mitnehmen darf) Die restlichen Rezepte gibts immer nach dem Schabbatgebet im Fernsehen (alle Rabbis moegen mir verzeihen sie duerfen dann gerne Freitagabend zum Schabbes kommen und sich von den Koestlichkeiten selber ueberzeugen auch alle die unter dem Holocaust so leiden mussten sind natuerlich herzlichst eingeladen egal wie sie aussehen das gilt auch fuer alle die
    unter den arabischen Angriffen jemanden verloren haben oder noch im Gefaengnis sitzen) Na hoffentlich ist der Tisch gross genug aber es kommen ja jedes Wochenende andere die eine warme suppe und ein warmes Gespraech und Anteilnahme schaetzen Schliesslich will meine letzte Seite erklaert werden

  2. Inge sagt:

    Nachtrag zur Sahneerdbeertorte...
    Nachtrag zur Sahneerdbeertorte ich habe das Bild so hypnotisiert dass ich davon
    in der Nacht traeumte dass ich sie ganz alleine genuesslich verspeise davon erzaehlte ich A. und der hatte Angst dass ich wieder nicht dabei ist und mitspeisen darf und das ist nichts als die reine Wahrheit was ich da erzaehle

  3. Plindos sagt:

    <p>Mich hatte es in den...
    Mich hatte es in den letzten 30 Jahren immer wieder verblüfft: All die Werke von Binde-Strich-Frauen, die untalentiert, aber stolz ihre Kleckserei-Produkte austellen müßen. Künstlerinnen. Dafür gibt es jedoch, in der Minderzahl, wirklich hochbegabte!
    Wie auf der Gegenseite (masc.) auch.

  4. Inge sagt:

    ich habe ja genug Plasma...
    ich habe ja genug Plasma gespendet kann man das jetzt nicht kuenstlich hochzuechten? und fuer jede Krankeit findet sich das richtige Mittel zur Heilung
    nur keine Panik heraufbeschwoeren Hygiene ist das a und o das kann auch in Russland passieren es ist halt jetzt grenzuebergreifende Medizin gefragt

Kommentare sind deaktiviert.