Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Kapital schlägt Autonomie: Eine Träne

| 15 Lesermeinungen

Jahr für Jahr haben sich die Künstler gegen die Zwangsräumung des Kunsthaus Tacheles gewehrt. Jetzt fahren die ersten Bagger auf und räumen ab. Mancher Querkopf kriegt viel Geld zugesteckt, damit er geht. Aber man darf das Tacheles nicht zerstören, denn es gehört mir!

Wie könnt Ihr es wagen, das Kunsthaus-Tacheles in Berlin zu zerstören. Es gehört mir! – wenn ich dort bin. Es gehört zu mir! – wenn ich meine Prägungen an fünf Fingern abzähle. Und ich, ich bin viele.

„Ich lebe in Singapur und tobte einen Sommer lang durch Berlins Parks ohne Rasenbegrenzung und Ruhestörung – das alles war wie Sirup. Im Tacheles bauen sie den Zucker an.“

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„Ich lebe in Hinterhofingen. Das kommt nach Vorderhofingen und liegt ungefähr vierzig Kilometer weit weg von Hofstadt. Mit dem Bus muss man zweimal umsteigen; das dauert fünfzig Minuten. Aber ich war mal in Berlin und habe im Tacheles Sky Saxon kennengelernt. Den psychedelic Rock’n’Roller Sky Saxon von „Sky Saxon and The Seeds“. Der sang mit all seiner gebliebenen Kraft your pushing too hard on me, what do you want me to be. Er selbst war etwas zu dünn.“

„Und ich bin Anwältin und lebe in London. In einem schönen Apartment in Chelsea. Jeden Tag gehe ich in meinem Kostüm in die Kanzlei. Auf dem Weg dorthin schaue ich in die Galeriefenster, und wann immer ich eine Metallskulptur sehe, zum Beispiel von John Chamberlain, muss ich ans Tacheles denken, an seine Schweißer: die Metallkünstler.“

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„Ich bin Argentinierin in Berlin und habe meinen Liebsten an die Tangobars von Buenos Aires verloren. Er ging, ich blieb. Mein Herz zerschall. Doch in den Nächten trete ich in der Beat Organization auf und wir singen come with the gentle people und stop, look and listen. Tagsüber arbeite ich in einem Schweizer Café, wo man sonntags bruncht. Wir singen ständig im Tacheles.“

„Ich schaue immer mal wieder im Tacheles vorbei, obwohl ich jetzt in Hannover lebe. Dort male. Dort eigene Ausstellungen habe. Wenn ich ins Tacheles komme, bin ich wohl der einzige unter ihnen, der ein sauberes, weißes T-Shirt trägt. (Am liebsten habe ich es gebügelt). Immer, wenn im Tacheles die Alarmglocke schlägt, reise ich an. Meistens komme ich zu spät zur Versammlung, aber ich bin da, wenn die Anwälte kommen und der nahende Einschlag der Bagger gefürchtet wird.“

 

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„Ich bin ein Künstler im Tacheles. Ich kann nicht mehr und mag nicht mehr für das Tacheles kämpfen. Damit es auch diesmal nicht von seinen Feinden zerschlagen wird: von den Fonds, irgendeiner Kapitalgesellschaft oder der Landesbank. Aber ich will noch kämpfen. Und im Grunde meines Herzens weiß ich, ich werde es auch diesmal tun. Damit sie hier nicht alles zerstören, was blüht. Aber es kann doch nicht sein, dass ich alleine das Tacheles retten soll. Es war mir klar, irgendwann würde es soweit sein: Die erste Baggerschaufel beisst in die Objekte auf dem Hinterhof und räumt ab. Gerade war es soweit und traf die zsu-zsu-bar. Im letzten Jahr standen wir noch beisammen, morgens früh um sieben, um acht, um neun Uhr. Bis der Termin begann, den die Zwangsverwaltung angesagt hatte und in Gefolgschaft der Anwälte aufschlug. Wir hatten aber auch Anwälte, zwei, drei sogar. Streiten können wir – hier auf Autonomiegebiet, wo kein Besitz so recht festgelegt ist. Zumindest nicht, dass man ihn auf Papier festhalten könnte.

Gewiss, ich weiß, wer welche Skulptur gemacht hat, wer sich welchen Container zur Galerie umgebaut hat oder eine meterhohe Bar aus Metallbuchstaben. Tatsächlich weiß ich es aber nur aus meinem nächsten Tacheles-Umfeld ganz genau. Da hinten, bei den Sprayern, wusste ich es mal. Aber es hat sich auch schon wieder verändert. Den roten Wohnwagen mit dem Konstrukt aus Schraubenziehern zum Beispiel, den hat Jorgé gemacht.  Der ist schon länger weg. In Australien, glaube ich.

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Aber muss ich wirklich beweisen, was hier genau passiert? Es ist einfach: Wir machen Urban Art. Ich zeige dir gerne fünf Konzepte, wie man die Fläche hinter dem Haus noch bestellen kann mit Kunstwerken, die im Kontext des Umfeldes funktionieren. Es ist ein magisches Dreieck aus Künstlern, Kunstwerk und Stadtleben. Im Grunde soll alles bleiben wie es ist, nur besser. Es fällt mir schwer, es noch deutlicher zu machen: Wir machen hier Kunst. Deswegen kannst du deinen Bagger nicht einfach in meine Skulptur hauen. Und wenn du einen Wert wissen willst, den du verstehst, dann komm vorbei, sprich mich an und ich verrate dir vielleicht den Preis.

Wir spielen hier nicht nur keep on rocking in the free world ; wir arbeiten hier.

Doch wenn sie anderen Erfolg haben und den Bauplan umsetzen, den sie als Modell präsentiert haben, dann geben wir uns bald nur noch steril die Hände. Wenn das Tacheles fällt, dann fällt der gesamte Komplex. Keine kleinen Bars mehr, die zum Hotspot Berlins werden, in der sich dann die großen Musikkritiker die Drinks in die Hand geben. Keine Konzerte, kein Zirkus, kein Theater, keine Kunst. Aber was kümmert es uns dann noch? Wo anders nehmen sie uns mit Kusshand.

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Aber was ist dann mit der nächsten Generation?“

 


15 Lesermeinungen

  1. <p>Tacheles ist ein Stück...
    Tacheles ist ein Stück Berliner Lebensgefühl. Das kann man als außenstehender nicht verstehen. Aber fällt das Tacheles dann fällt auch ein Stück vom alten Berlin. Und das ist Schade.

  2. Hennypenny sagt:

    <p>Müll? Drittklassig?...
    Müll? Drittklassig? hmmm.
    Also ich finde: Besser man macht Kunst, als gar keine! Erstens. Zweitens ist Kunst immer richtig & nie falsch. Drittens…die Erde dreht sich weiter, es wird ein neuer Raum entstehen, soviel ist sicher.

  3. fariazz sagt:

    <p>Ich bin kein Kuenstler. Ich...
    Ich bin kein Kuenstler. Ich verstehe auch nicht viel von Kunst. Aber im Tacheles kann man seinen Gedanken freien Lauf lassen. Man kann seine Seele baumeln lassen und alles um sich herum vergessen. Ich bin ein Berliner und im Tacheles fuehle ich mich an einen anderen Ort versetzt. Vielleicht ist das ja Kunst?

  4. tourist sagt:

    <p>ich überlege eben, wie ich...
    ich überlege eben, wie ich einem freund,-gestresster immobilienbes.-/verwalter die notwendigkeit von/des tacheles nahebringe. ich glaube, es vor 16 j. mal besucht zu haben nach meiner sportveranstaltung irgendwo in der nähe der oranienstr.
    ich ´glaube im garten noch eine mig gesehen zu haben.
    solche häuser gab´es vor 30 jahren noch überall in deutschland. meiner ansicht nach, war das wichtigste dort, kontakte zu knüpfen zu einer anderen welt-
    musik, malerei(vielleicht), politisches engagement, selbstverwaltung, alternatine(noch-weniger bekannte kunst)..
    dort hingen die leo kottke,doldinger, vomacka, degenhard usw. plakate, wo in den (anderen kinderzimmern) zu supertramp und three degrees geschunkelt wurde.
    und/ aber die welten trafen sich!-was wahrscheinlich auch ihre aufgabe war.
    um es als situatives bild auszudrücken: auf altem, echten parkett stand meine tasche mit den fussballklamotten, im hintergrund lief brainticket, ich kaute- auf brettern sitzend- ein wurstbrot und wartete auf mein freundin, die vom nachmittagsuntericht/franz. kommen sollte.
    das soll erst ´mal einer nachmachen.

  5. colorcraze sagt:

    <p>(Ich wohne seit 25 Jahren...
    (Ich wohne seit 25 Jahren in Berlin)
    Es ist zwiespältig. Im Tacheles war noch die Jugendkultur der 70er bis 90er Jahre konserviert, inklusive des von den 70ern bis 80ern bestehenden Anspruchs auf „beschützte Werkstatt“ bzw. Ausgehaltenwerden von der Stadt. Ich empfinde das Tacheles als ähnlich nostalgisch wie die Künstlerwerkstatt Bethanien seinerzeit oder die kommunalen Galerien, deren Ankäufe aus den 70ern heutzutage auch nur noch wie Gerümpel wirken. Ja, es läuft noch so la-la, aber es hat seinen Zenit überschritten.
    Es ist normal, daß sich in der Stadt die hot spots ändern.
    Wenig Einrichtungen können sich so institutionalisieren, daß sie über Generationen bleiben. Das meiste läuft einige Jahre, und wenn es sehr gut läuft, sogar 1, 2 Jahrzehnte. Ein Laden, der 30 Jahre besteht, gilt als altehrwürdig. Und macht dann meistens zu. Weil sich Struktur, Bewohner und Lebensart zu sehr geändert haben.
    Ob das Tacheles wirklich noch dieser Ankerpunkt für die Jugendkultur ist, der es in den 90ern mal war, weiß ich nicht. Daß es Treffpunkte für die Jugendlichen geben muß, liegt auf der Hand, die Frage ist nur, was wären die zeitgemäßen Treffpunkte für die Jugendlichen.
    Mir tut es jedenfalls um den Knaack-Club weitaus mehr leid als um das Tacheles, denn das war doch sehr ein bloßes Touristenschaufenster geworden.

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