Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Reisezeit frisst Lebenszeit: Am Gepäckband

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Wer reist, begibt sich in die Willkür höherer Mächte. Was kann man schon dagegen tun, wenn der Pilot fehlt oder das Gepäck verloren geht. Doch je kleiner der Einfluss, desto größer der Ehrgeiz: Es gibt immer Schlupflöcher, um dreißig Sekunden aufzuholen.

Die Masse kennt ihr Tempo: Es macht keinen Unterschied, dass die Stewardess am Gate mit beiden Armen in der Luft abwinkt. Es gäbe noch keinen Piloten für unsere Maschine. Man wisse nicht, wann der Mann mit dem Kerosin kommt. Oder, wann der Computer die Klospülung der Maschine wieder in seiner Programmiersprache akzeptiert. Das ist der Menge aber egal: Einmal initiiert, wächst die Schlange in weniger als dreißig Sekunden auf mehrere Meter an. Sie wird immer länger und länger und drängt stetig nach vorne. Man ist schließlich nicht umsonst von der Bank aufgestanden.

Einer fängt immer an. Mit Blick auf die Uhr – schon zehn Minuten überfällig – steht er auf und stellt sich direkt vor den Schalter am Gate. Denn wenn er als erster an seinen Sitzplatz kommt, dann kann er auch als erster seinen Koffer in den Kabinenschrank hebe, und hat garantiert Platz genug direkt über seinem Sitz. Nun muss er sich nicht durch das halbe Flugzeug quetschen und Stauraum für seinen Koffer suchen. Mit seiner Strategie geht er kein Risiko ein, Zeit zu verlieren, bis beim Aussteigen die Menge an ihm vorbeigestampft ist, damit er erst dann fünf Reihen hinter sich seine Tasche abholen kann. Als erster aus dem Flugzeug heißt, als erster durch die Passkontrolle und als erster am Taxistand. Als erster an der Hotelrezeption, als erster am Buffet, als erster im Bett.

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Zumindest wenn man annimmt, dass nur eine Flugzeugstür geöffnet wird. Zumindest wenn man annimmt, dass nicht drei Busse hintereinander weg die Passagiere zum Gebäude fahren. Dann wäre seine Kalkulation dahin und die anderen würden gleichziehen. Aber er tut, was ihm übrigbleibt und steht felsenfest als erster vor dem Ticketautomat, auch wenn der noch nicht einmal eingeschaltet ist.

Reisezeit frisst Lebenszeit. Darin sind sich alle einig. Sein Recht auf effiziente Wegbeschreitung gibt man auf, sobald man die Einstiegskarte in der Hand hält. Ab diesem Moment sind wir Reisende höheren Mächten schutzlos ausgeliefert. Was soll man schon dagegen tun, wenn der Slot für den Abflug verstreicht, weil nur ein Passagier es nicht rechtzeitig zum Gate schafft, und nun anderthalb Stunden bis zur nächsten Startzeit vergehen. Direkt lynchen, natürlich – zum Zeitvertreib.

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Doch es gibt Schlupflöcher. Und ich meine nicht den Online-Check-in oder den Online-Check-in-mit-Gepäck oder den Online-Check-in-mit-Gepäck-aber-ohne-Frau-und-Kinder. Das kann jeder. Ein Schlupfloch gibt es am Gepäckband. Ganz vorne muss man stehen, direkt hinter den Gummilappen. Dort, wo zuallererst die Koffer raus glitschen. Warum sich diesen Vorsprung entgehen lassen? Bis der Koffer einmal die Arena halb umrundet hat und womöglich ein entgleister Fremder die Tasche aufhebt und prüft, ob es nicht die eigene sein könnte? Schon wieder wären dreißig Sekunden verloren! Nein, es gibt nur eine vernünftige Position am Gepäckband. Aber andere sind genauso schlau. Deswegen muss man schnell aus dem Flugzeug raus kommen, ist doch klar.

Mag sein, dass man die Prozedur auf dem Weg in die Ferien noch gut durchsteht. Verspätung? Gepäck weg? Vom Taxifahrer im fremden Land um vierzig Euro betrogen? Die Nerven halten das aus. Endlich Urli.

Anders dagegen auf der Rückreise. Je voller der Flughafen auf der Ferieninsel, desto mehr verwandelt sich ein jeder in einen Ordnungshüter. Keiner darf überholen, findet der erste und repariert die aufgesprungene Gurthalterung. Der nächste wird zum Platzanweiser, dass es ja keiner wagt, die Diskretionslinie zu überschreiten. Auch eine allzu gerne an sich gerissene Position ist die der Gepäckkontrolleure. Kommen endlich die neuen Plastikschalen, um die Tasche in die Durchleuchtung zu schieben, sieht sich die Sicherheitsbeamtin aufs ärgste bedrängt. Als sie die Schalen auf die Ablage stellen will, stößt die gierige Menge sie um, schnell sind alle Schalen vergeben. Wer übrig bleibt, muss auf die nächste Runde warten. Das alles begleitet ein Chor aus wüsten Beschimpfungen an den Vordermann, den Hintermann, den Ehemann.

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Sinnigerweise erreicht man den Flughafen drei Stunden vor Abflug. Drei Stunden! Damit wurden schon mal zwei bezahlte Urlaubsstunden geklaut. Doch es wird besser. Unmengen an dunkelbraunrot angelaufenen Menschen stopfen sich in die Laufbahnen. Beim Vordermann lassen sich die Schweißperlen einzeln zählen, der Hintermann atmet aufgestoßene Luft ein. Wir pferchen uns freiwillig in jede entstehende Lücke. Wer Abstand will, wird überholt. Die Gold-Silver-Platin-und-Rubinen-Karte hilft den Privilegierten auch nicht weiter. Ihr Schalter ist nicht besetzt, man braucht jede Kraft in der Hauptreihe. Proletarier aller Länder, freut Euch am urlaubenden Deutschland, denn beim Billigflieger sind alle gleich und keiner gleicher.


35 Lesermeinungen

  1. <p>Nicht umsonst stammt das...
    Nicht umsonst stammt das englische „travel“ – über das französische „travail“ – von „trepalium“ ab, der lateinischen Bezeichnung für ein mittelalterliches Folterinstrument.

  2. Wenn da nicht das Fernweh nach...
    Wenn da nicht das Fernweh nach Olivenbäumen wäre; nach Meer, das sich in hell- und dunkelblaue Farbfelder teilt und dem Salz auf der Haut, das auf der Zunge kitzelt.

  3. <p>... und dem Duft von...
    … und dem Duft von Seeluft und der warmen Sonne, und ab und zu einem sanften Windhauch. Abends dann auf der Terrasse sitzen, Rotwein trinken und dem Hitzegewitter zuschauen, das kommt dem Paradies schon verdammt nahe.
    Ehrlich gesagt mag ich sogar Flughäfen, zumindest die gut organisierten, und Flugzeuge sowieso, zumindest die von guten Airlines.

  4. Ist auch besser fürs...
    Ist auch besser fürs Meilenkonto.

  5. @icke: ich sach ja, der Mensch...
    @icke: ich sach ja, der Mensch ist gut, an und für sich.

  6. <p>Das beste Schlupfloch ist...
    Das beste Schlupfloch ist einfach Business oder First zu fliegen, so man es sich denn leisten kann. Gewartet wird in der Lounge, das Gepäck kommt gleich als erstes mit rotem Zettel und sonstige Unannehmlichkeiten werden zumindest minimiert.

  7. Der Hackenporsche, mal anders....
    Der Hackenporsche, mal anders.

  8. Noch vergnüglicher wird das...
    Noch vergnüglicher wird das Warten, wenn man in der Lounge sitzt und die üppigen Alkoholvorräte vernichtet. Eigentlich ein Unding, was man sich dort vor dem Flug in die Birne pfeiffen kann.

  9. <p>Sehr schoen auf den Punkt...
    Sehr schoen auf den Punkt gebracht – bravo!
    Auf der Rueckreise von Europa beschloss eine hoehere Kraft – nennen wir sie einfach nur liebevoll FGD statt ihres pompoesen Namens „Fluggesellschaft Delta“ – meinen Touristenflugschein in ein Ersteklasseflugschein umzuwandeln. Ploetzlich sauste ich am Prekariat vorbei und saß komfortabel beim ersten Getraenk als die ersten noch schwitzenden Normalsterblichen ihren Weg ins Flugzeug sich erkaempften. Die Gardine trennte mich von diesen Menschen und nur zu acht teilten wir uns zwei WCs waehrend der Poebel sich zu 50? zu 70? um ihre zwei balgen muszten. Dass eine Frau der Touristenklasse sich heimlich unter uns – uns! – geschlichen hatte, dann zum Glueck von der Flugbegleiterin enttarnt wurde und gedemuetigt nach hinten laufen muszte, ihr Alkoholgetraenk von der Flugbegleiterin weggenommen und ins Klo geschuettet, zeigte den Gold-Silver-Platin-und-Rubinen-Karteninhabern (ich habe nur Silber – dasz FDG ueberhaupt mit mir spricht!?) , dass es sich lohnt, diese Flughafentortur auf sich zu nehmen. Denn die Wonnen, am schwitzstinkenden Touristen vorbeizuziehen – ja, unbeschreiblich!
    Am Ende des Flugs, als erster aussteigend, ward ich jedoch wieder einer von jenen geworden, die ich fuer einige Stunden durch Stoff, Raum und Flugkomfort getrennt gar nicht mehr wahrgenommen hatte. Ich war als Nachwehe dieses FDG-Glueckes in der Einserposition am Gepaeckband, aber bemerkte wie die ersten Schweisztropfen mir die Augensicht eintruebte.
    Wenigstens hatte ich den vordersten Platz erwischt und mein Koffer kam als dritter heruntergerollt…
    FDG – ab nun nur noch erste Klasse? Bin ich nun korrumpiert?
    Frau v. Maltzahn – woher wuszten Sie es, mich so gut zu beschreiben?
    Nochmals Danke fuer den kurzweiligen, schoenen, wenngleich mit einigen Anglizismen zu viel gespickten (Gate=Flugsteig, Check-in=Einbuchung usf.), Text.

  10. Aha, sehr interessant. Und so...
    Aha, sehr interessant. Und so lustisch. Mussten noch Zeilen gefüllt werde?

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