Ding und Dinglichkeit

Männerblicke auf der Haut: Der Druckpunkt

Wir reden hier nicht über große Entfernungen. Die Sünde liegt im Tiefkühlfach. Und im Vorratsschrank. Ich sitze im Wohnzimmer. Drei,  vier große Schritte und schon wäre ich dran. Über die Lippen könnte die Schokolade rutschen und mit meiner Zunge anstoßen. Schmelzen. Über den Zungenrücken Endorphine in den ganzen Körper schießen. Doch ich werde es nicht tun. Meine Finger werden nicht findig in der Plastiktüte tasten. Es knistern lassen. Erst einen, gleich zwei, tatsächlich acht Schoko-Bonbons rausziehen. Nein, nein. Ich jogge schließlich nicht umsonst.

Mit beiden Händen über die Taille streichen und denken: straff. Im neunzig Grad Winkel die Schulter hinab blicken und denken: definiert. Eine leichte Wölbung an den Hüftknochen feststellen und denken: schlank. Und einen weichen Schatten am Knie entdecken, der sich vom Muskelstrang am Oberschenkel ableitet. Ja, ich jogge. Sieht man doch.

Sport machen aktiviert das Körpergefühl. Gefährlich genug: Ist einmal die Barriere der Gleichgültigkeit überschritten, reagiert es über alle Maßen sensibel. 

Ein Steuerungshebel sitzt im Magen. Und damit auf keinen Fall in der rationalen Gehirnhälfte. Es ist ja nicht möglich, dass diese acht Bonbons innerhalb von dreißig Minuten zu dreißig Prozent Volumenzuwachs führen. Zu 99 Prozent an den üblich zu verdächtigenden Stellen – ich glaube es nicht und fühle es doch.

Doch auch einen anderen Auslöser kann verursachen, dass sich mein hinterer Oberschenkelmuskel nach mehreren Muskelkatersitzungen bewusst macht:

Ich gehe vor. Der Rock lässt Bein blicken im Sommer. Ich schaue beiläufig an mir runter. Das Unterbein teilt sich in Schienbein und gleich daneben wölbt sich unter Spannung eine Sehne auf, die in die Rillen meines Fußes überfließt. Auf hohen Absatz gehievt noch deutlicher als auf flacher Sohle.

Von hinten sieht er zu, wie bei jedem abrollenden Fuß der Unterschenkel sich zur Kugel formt. Einen Augenschlag lang ist der Muskel am prallsten, dann lässt er nach und glättet sich, sogleich der andere in Form sich bringt. Vom Knöchel an öffnet sich ein  Kegel nach oben, der im schmalen Winkel das Blickfeld sättigt. Je weiter sein Blick nach oben wandert, desto stärker spürbar wird er mir. Wenn ich jetzt zurückblicke, habe ich ihn erwischt. Sein ganzes Gesicht wird drei Millimeter nach hinten gerutscht sein und die Tiefen in den Augenfalten geglättet. Sein Blick ist vom Vorübergleiten so trüb geworden, dass ihn nichts mehr hält.

Vielleicht kennen wir uns. Vielleicht nicht. Oder, noch nicht genug. Und während wir uns mit Sonnenbrillen tarnen, trifft man sich im Kopfkino:

Auf einer Mittelmeerinsel. In einem offenen Club mit Pool, daneben eine kleine, extra ausgelegte Tanzfläche. Die Musik kommt aus New York. Die Gäste aus Europa. Das Essen aus Italien.

Seit ein paar Minuten wippen wir nicht mehr cool voreinander her, zwischen den Lippen mal den Strohhalm, mal die Kippe. Den Blick meist nach unten gerichtet oder auf die Menge und nur vorübergehend aufeinander gerichtet, mit einem Strahlen auf den Lippen, das bestätigt, wie herrlich hier alles ist.

Seit ein paar Minuten tanzen wir Oberkörper vor Oberkörper. Du legst deine Hand auf meine Hüfte. Noch einen Zentimeter näher an dich heran wage ich mich nicht. Du dich auch nicht. Die Musik schiebt uns an.

Plötzlich sind wir beide nass. Du hast im letzten Moment noch Dein Hemd ausgezogen, ich meine Schuhe. Gereizt, gerangelt, gestürzt. Ich schwimme an dich, du schwimmst an mich, wir umkreisen uns. So entstehen Sommerküsse.

Irgendwann steige ich die Leiter hoch. Du bist gleich hinter mir. Es gibt Handtücher zum Abtrocknen. Doch mein Kleid ist nass, es könnte kalt werden. Ich könnte mir eine Lungenentzündung holen, sorgst du dich. Ich muss aus den nassen Klamotten raus. Dein Hemd ist noch trocken. Ich ziehe es mir an und während ich mich umziehe, hältst du mir ein Handtuch vor und schaust dabei nur zur Tanzfläche.

Ein Saxophonist begleitet den DJ. Wir gehen zur Musik und gleiten beieinander zwischen die tanzenden Leute. Ich nehme etwas Abstand, will mich frei bewegen. Du siehst die Knöpfe an der Leiste an, als würdest du überlegen, ob man lieber oben oder unten anfangen sollte, dein Hemd aufzuknöpfen. Es liegt eng an durch die letzten Wassertropfen auf meiner Haut, reicht aber gerade noch lang genug hinunter. So viel Bein habe ich noch nie gezeigt. Doch das macht mir nichts. Ich jogge.

Die mobile Version verlassen