Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Männerblicke auf der Haut: Der Druckpunkt

| 29 Lesermeinungen

Wer auf seine Figur achtet, begibt sich auf gefährliches Terrain. Durch Sport und fettarme Nahrung entwickelt sich ein Körpergefühl, das hochsensibel auf sein Umfeld reagiert – mit manchmal prickelnden Konsequenzen.

Wir reden hier nicht über große Entfernungen. Die Sünde liegt im Tiefkühlfach. Und im Vorratsschrank. Ich sitze im Wohnzimmer. Drei,  vier große Schritte und schon wäre ich dran. Über die Lippen könnte die Schokolade rutschen und mit meiner Zunge anstoßen. Schmelzen. Über den Zungenrücken Endorphine in den ganzen Körper schießen. Doch ich werde es nicht tun. Meine Finger werden nicht findig in der Plastiktüte tasten. Es knistern lassen. Erst einen, gleich zwei, tatsächlich acht Schoko-Bonbons rausziehen. Nein, nein. Ich jogge schließlich nicht umsonst.

Mit beiden Händen über die Taille streichen und denken: straff. Im neunzig Grad Winkel die Schulter hinab blicken und denken: definiert. Eine leichte Wölbung an den Hüftknochen feststellen und denken: schlank. Und einen weichen Schatten am Knie entdecken, der sich vom Muskelstrang am Oberschenkel ableitet. Ja, ich jogge. Sieht man doch.

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Sport machen aktiviert das Körpergefühl. Gefährlich genug: Ist einmal die Barriere der Gleichgültigkeit überschritten, reagiert es über alle Maßen sensibel. 

Ein Steuerungshebel sitzt im Magen. Und damit auf keinen Fall in der rationalen Gehirnhälfte. Es ist ja nicht möglich, dass diese acht Bonbons innerhalb von dreißig Minuten zu dreißig Prozent Volumenzuwachs führen. Zu 99 Prozent an den üblich zu verdächtigenden Stellen – ich glaube es nicht und fühle es doch.

Doch auch einen anderen Auslöser kann verursachen, dass sich mein hinterer Oberschenkelmuskel nach mehreren Muskelkatersitzungen bewusst macht:

Ich gehe vor. Der Rock lässt Bein blicken im Sommer. Ich schaue beiläufig an mir runter. Das Unterbein teilt sich in Schienbein und gleich daneben wölbt sich unter Spannung eine Sehne auf, die in die Rillen meines Fußes überfließt. Auf hohen Absatz gehievt noch deutlicher als auf flacher Sohle.

Von hinten sieht er zu, wie bei jedem abrollenden Fuß der Unterschenkel sich zur Kugel formt. Einen Augenschlag lang ist der Muskel am prallsten, dann lässt er nach und glättet sich, sogleich der andere in Form sich bringt. Vom Knöchel an öffnet sich ein  Kegel nach oben, der im schmalen Winkel das Blickfeld sättigt. Je weiter sein Blick nach oben wandert, desto stärker spürbar wird er mir. Wenn ich jetzt zurückblicke, habe ich ihn erwischt. Sein ganzes Gesicht wird drei Millimeter nach hinten gerutscht sein und die Tiefen in den Augenfalten geglättet. Sein Blick ist vom Vorübergleiten so trüb geworden, dass ihn nichts mehr hält.

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Vielleicht kennen wir uns. Vielleicht nicht. Oder, noch nicht genug. Und während wir uns mit Sonnenbrillen tarnen, trifft man sich im Kopfkino:

Auf einer Mittelmeerinsel. In einem offenen Club mit Pool, daneben eine kleine, extra ausgelegte Tanzfläche. Die Musik kommt aus New York. Die Gäste aus Europa. Das Essen aus Italien.

Seit ein paar Minuten wippen wir nicht mehr cool voreinander her, zwischen den Lippen mal den Strohhalm, mal die Kippe. Den Blick meist nach unten gerichtet oder auf die Menge und nur vorübergehend aufeinander gerichtet, mit einem Strahlen auf den Lippen, das bestätigt, wie herrlich hier alles ist.

Seit ein paar Minuten tanzen wir Oberkörper vor Oberkörper. Du legst deine Hand auf meine Hüfte. Noch einen Zentimeter näher an dich heran wage ich mich nicht. Du dich auch nicht. Die Musik schiebt uns an.

Plötzlich sind wir beide nass. Du hast im letzten Moment noch Dein Hemd ausgezogen, ich meine Schuhe. Gereizt, gerangelt, gestürzt. Ich schwimme an dich, du schwimmst an mich, wir umkreisen uns. So entstehen Sommerküsse.

Irgendwann steige ich die Leiter hoch. Du bist gleich hinter mir. Es gibt Handtücher zum Abtrocknen. Doch mein Kleid ist nass, es könnte kalt werden. Ich könnte mir eine Lungenentzündung holen, sorgst du dich. Ich muss aus den nassen Klamotten raus. Dein Hemd ist noch trocken. Ich ziehe es mir an und während ich mich umziehe, hältst du mir ein Handtuch vor und schaust dabei nur zur Tanzfläche.

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Ein Saxophonist begleitet den DJ. Wir gehen zur Musik und gleiten beieinander zwischen die tanzenden Leute. Ich nehme etwas Abstand, will mich frei bewegen. Du siehst die Knöpfe an der Leiste an, als würdest du überlegen, ob man lieber oben oder unten anfangen sollte, dein Hemd aufzuknöpfen. Es liegt eng an durch die letzten Wassertropfen auf meiner Haut, reicht aber gerade noch lang genug hinunter. So viel Bein habe ich noch nie gezeigt. Doch das macht mir nichts. Ich jogge.


29 Lesermeinungen

  1. polly sagt:

    <p>also...
    also tarzanundjane,
    sie sind von sich selbst gelangweilt und lassen der jungen welt nicht die rechte das leben als frucht neu anzubeissen. das leben geht mit jeden organismus von neuem an und jeden blick darf die junge blütenpracht geniessen dafür gilt kein daherhalten eines grauen miesepeters. wenn das leben sich rauschend durch die worte von sophie neu beschrieben sich entdecken lassen, in ihrem und unseren zeitalter, dann beherzige man es und knülle nicht die knospen eines jungbrunns, Sie dreimal miesmacher. gehen Sie mal raus und sehen sich die natur an, nehme Sie das grosse im ganzen wahr und auch die einzelnen membranen zu einem ahornblatt, machen Sie sich mit den primären dingen eine freude. öffnen Sie ihr herz und atmen Sie rosa luft ein.

  2. erinnye sagt:

    <p>@grand guignol: Die...
    @grand guignol: Die Sinnhaftigkeit Ihrer beiden Links sollten Sie kurz näher erörtern. Sind Sie Ethnologe? Kämpfen Sie mit der Vergeblichkeit Ihrer Existenz?

  3. FAZ-soma sagt:

    ...and along comes polly....
    …and along comes polly.

  4. erinnye sagt:

    Gerne doch ;-)...
    Gerne doch 😉

  5. <p>erinnye@: Nett, dass Sie...
    erinnye@: Nett, dass Sie nachfragen. Ach wo, bin weder Ethnologe noch kämpfe ich vergeblch mit meiner Existenz, weit und breit keine Sinnkrise in Sicht, falls Sie das meinten, auch fühle ich mich nicht von Ihren Schwestern verfolgt (eher ab und zu von einer Emanze…).
    Aaaaber, der Blick selber dürfte doch schon reichen, um die ganze Komik aufzu-zeigen die unserer Zvilisation und Kultur innewohnt, sobald sie einer gänzlich anderen gegenübergestellt wird.
    Deswegen gehe ich so gern in Kasperltheater, wie mein Name schon andeutet. Und beobachte mit Vergnügen die unverstellten Reaktionen der Kinder auf die Taten des Guignol (aber nicht im kitischig Rousseau´schen Sinne).
    Ergebenst Ihr Guignol
    http://www.youtube.com/watch

  6. Raoul sagt:

    <p>Es ist doch herrlich, wenn...
    Es ist doch herrlich, wenn über das geschrieben wird, was wir so tagtägllich mit uns rumtragen – unseren Körper. Und da hat jeder so seine eigenen Gedanken dazu. Ich habe früher sehr viel Sport gemacht und das fördert schon eine intensive Auseinandersetzung mit seinem Körper. Manche nennen es Selbstverliebtheit. Und wenn es so wäre, dann tut sie niemanden weh und macht manche eben glücklich. Das ganze natürlich bitte nicht in übertreibenem, weil krankhaften Maße.
    Und gegen Sommerphantasien kann ja nun wirklich niemand etwas haben .

  7. Earl Grey sagt:

    <p>Was ist nur los mit Ihnen,...
    Was ist nur los mit Ihnen, dass Sie sich nicht wenigstens ein bisschen inspirieren lassen können von diesen Zeilen? Verbittert? Verlassen? Enttäuscht? Müde? Es kann doch nicht nur der Jugend überlassen werden sich in herrliche Tagträume zu flüchten. Und ganz skandalöses es dann noch in die Tat umzusetzen. Kopfkino ist was Feines. Meins ist jedenfalls hiermit ganz offiziell an! Vielen Dank dafür, liebe Frau von Maltzahn!

  8. De Gudde sagt:

    <p>Vielen Dank an Frau von...
    Vielen Dank an Frau von Maltzahn, es lebe der Heroin-Chic! Was Anderes fällt mir zu diesen Ausführungen über das Gewicht der Frau nicht ein.

  9. molinerisimo sagt:

    @Michael aus Wgt.: Fragen sind...
    @Michael aus Wgt.: Fragen sind indiskret, lieber beobachten und denken statt einfach drauflosduzen! Erstes Bild: San Miguel. Spanien. Ist die Autorin in Spanien? Vielleicht. Aber warum arbeitet sie dann? Zweites Bild: Kettchen mit Heiligenfigur (männlich, da bärtig. Der Hl. Michael vielleicht? Wieder San Miguel? Unwahrscheinlich). Würde die Autorin so etwas tragen? Ich hoffe nicht, sie wohnt schliesslich in Berlin, da trägt man einen solchen Aberglauben nicht zur Schau, selbst mit einem „von“ im Namen nicht. Drittes Bild: Spanien? So saftig grün? Wohl kaum um diese Jahreszeit. Also? Was meinen Sie? Ist sie das oder nicht?

  10. Stefan P. sagt:

    Sophie, pssst! Jetzt verraten...
    Sophie, pssst! Jetzt verraten Sie doch nicht allen, wie wir uns auf Sardinien kennengelernt haben… Aber interessant: Der ein oder andere Kommentator sieht in der Beschreibung Ihres aufmerksamen Körpergefühls offenbar das weibliche Pendant zum von Ihnen selbst unlängst geschmähten Wedeln mit der Geldklammer. Bleiben Sie entspannt; die Tatsache, dass Sie eine Oberfläche haben, bedeutet keineswegs, dass nichts dahinter ist. Das wird nur gerne mal übersehen, um von den eigenen Unzulänglicheiten abzulenken…

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