Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Kunstschön vorm Spiegel: Lockenwickler

| 29 Lesermeinungen

Mit der ondulierten Frisur starb ein ganzes Arsenal an Hilfsmitteln: Trockenhauben, Haarnadeln und natürlich der Lockenwickler. Der richtig brutale, der in die Kopfhaut piekt und daran erinnert, daß es ohne Leid keine Schönheit geben kann. Doch das ist vorbei. Wir sind heute alle naturschön. Oder tun zumindest so.

Vermutlich sind die Punks schuld. Zumindest glaubt das die kulturwissenschaftliche Modeforschung, die der Auffassung ist, daß die Dekonstruktion der Frisur mit dem Iro begann. Jedenfalls hatte das zur Folge, daß irgendwann in den Achtzigern die Dame von Welt aufhörte, ihre Frisur zu ondulieren, und damit ein ganzes Arsenal an Accessoires dem Vergessen anheim gab: Lockenwickler und Trockenhaube, Haarnadel und Frisierumhang. Jüngeren und männlichen Lesern muß man vermutlich ohnehin erklären, was genau da passiert ist. Es fällt ja einigermaßen schwer, sich vorzustellen, daß eine Frisur einst nur als akzeptabel galt, wenn sie aussah und sich anfühlte wie in Beton gegossen.

Bild zu: Kunstschön vorm Spiegel: Lockenwickler

Gehen wir es also kulturhistorisch an. Es wurde jahrzehnte-, achwas, jahrhundertelang gewellt und gebauscht und gekringelt, in unterschiedlichste Modeformen gelegt, mal naß, mal trocken, mal enger anliegend, mal höher toupiert. Es wurde aber fast immer befestigt was das Zeug hielt, und Haare standen gefälligst nicht vom Kopf ab, sondern lagen in Reih und Glied. Die Dauerwelle war unverzichtbar, die Stützwelle Mindestmaß. Ich kenne die Tortur noch aus eigener familiärer Anschauung, wenngleich nicht eigener Anwendung: Waschen, Festiger, Aufrollen. Und zwar nicht auf irgendeinen weichen Wellnessblödsinn, sondern auf verschieden große Drahtrollen mit stacheligen Pfeifenputzern im Inneren, deren Borsten sich in die Kopfhaut piekten. Feststecken mit Nadeln, die sich ebenfalls in die Kopfhaut piekten. Schönheit war ohne Leiden nicht zu bekommen. Dann entweder lufttrocknen mit Tuch darüber (die klassische Hausfrauenfrisur in the Making) oder mit Trockenhaube. Ein elastischer Schlauch führte vom aufgeblähten, durchlöcherten Heißluftkissen zum Fön, der eigens über einen Plastikhalter verfügte, damit er sicher auf dem Tisch stand. Dabei Strümpfe stopfen oder Kreuzworträtsel. Dann Auskämmen, toupieren, mit Haarspray fixieren. Dazu einen Frisierumhang um die Schulter, aus pastellfarbenem Plastik mit Nylonspitzenborte. Gewaschen wurde so zweimal pro Woche, nicht häufiger.

Auf diese Weise erreichte die Generation unserer Mütter und Großmütter den Betonlook, bei dem keine Strähne auf die Idee gekommen wäre, ein Eigenleben zu entwickeln. Sie hatten keine Haare, sie hatten eine Frisur, ein feuchtigkeitsempfindliches Gesamtkonzept für den Kopf, das nach morgendlicher Herrichtung verlangte. Ob die Haare dabei gesund blieben, war nicht so wichtig. Die Heimdauerwelle hieß zwar Kräuterwelle, aber sie stank so erbärmlich, daß das Bad nach Anwendung zwei Tage gelüftet werden mußte. Heute ist ja alles Aloe Vera und Pfirsichduft, damals noch echte Chemie. Von Poly, da denkt man den -ester gleich schon mit.

Die Frisuren der Mütter bedeuteten nicht nur eine von uns abweichende Toleranzschwelle im Ertragen von Leid und Bereitschaft zur aufwendigen Zeremonie, sondern auch eine andere Grenzziehung zwischen Natur und Kultur. Es war jahrzehntelang vollkommen klar, daß das gepflegte Aussehen Zeit kostete und mit Mühe verbunden war. Es war etwas künstliches, das Frauen mit geheimnisvollen Mitteln und Maßnahmen erreichten. Es entstand in einer Zeit, die Toilette hieß, vorm Schminktisch oder vorm Allibert mit Klappspiegel verbracht wurde und das Herstellen einer angemessenen äußerlichen Erscheinung zum Ziel hatte. Diese Zeit gibt es nicht mehr. Es gibt nur noch Duschen, der Rest passiert irgendwie außenrum zwischen Schiebetür und Wasserhahn. Wash & go. Schnell und praktisch, jeden Morgen im Vorübergehen. Und alle tun so, als koste es kein bißchen Zeit, Fassade zu richten, Augenbrauen zu zupfen und gegen all das zu kämpfen, was an Körpern keinen Platz haben soll. Weil wir alle so tun, als seien wir natürlich blond und natürlich epiliert, natürlich hornhautfrei mit natürlich wallender Mähne. Alles Natur, wie unser Naturshampoo mit natürlichem Pfirsichduft.

  Bild zu: Kunstschön vorm Spiegel: Lockenwickler

Und ungefähr an diesem Punkt frage ich mich, ob unsere Mütter und Großmütter nicht zumindest in diesem Belang ehrlicher waren. Wenn man bei sich selbst uns anderen immer einen gewissen Aufwand einkalkuliert, den es braucht, bis man so aussieht wie man aussieht, nimmt das auch Druck weg. Es schafft eine Komfortzone. Es schafft leider auch schreckliche Rentnerdauerwelle in Silbergrau an Sackanorak, aber das ist nur der äußerliche Nebeneffekt. Es geht mir dabei eher um die innere Wirkung der Lockenwickler- und Trockenhaubenzeit, die man sich nimmt, ohne so zu tun, als brauche man sie nicht. Denn natürlich braucht sie jeder. Man verbringt diese Zeit zwar nicht mehr mit den Folterwerkzeugen der Dame von Welt, man pinnt sich keine Drahtrollen mehr mit Haarnadeln auf die Kopfhaut, die anschließend mit Birkenwasser beruhigt werden muß, man ist sich der Strapazen von Fön und Dauerwelle deutlich bewußter. Aber natürlich braucht man die Zeit, und andere brauchen sie auch, und natürlich gibt man sich Mühe und steckt Geld in Pflegemittel und formt und fönt. Das haben die Dame von Welt und der Punk mit dem Iro gemeinsam. Nur die moderne Frau, die soll naturschön sein. Ist sie aber nicht. Sie tut nur so. Und alle wissen es.


29 Lesermeinungen

  1. Filou sagt:

    Frau Dienr erlebte, gepriesen...
    Frau Dienr erlebte, gepriesen sei der HErr, die Gnade der spaeten Geburt. So entging ihr die Erfahrung mit fruegruenen Maiden, die in kartoffelsckbraunen Gewaendern, mit straehnigem Haar, nach Kernseife duftend (duftet Kernseife ueberhaupt?) gegen den Konsumzwang (Shampoos, schicke Schuhe, huebsche Tuecher etc.) anlebten. Das muss so um die spaeten 70er und fruehen 80er herum gewesen sein. Da bekam man schon Visionen von solchen Goettinen der herkoemmlichen Haarpflege: https://view.stern.de/de/picture/2038895/Lockenwickler-Dicke-Frau-Duane-Hanson-Einkaufswagen-Pickelface-510×510.jpg
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    Gottseidank kam alles, wie immer, ganz ganz anders.

  2. Frau Diener, wahrscheinlich...
    Frau Diener, wahrscheinlich ist der Ursprung der Rüstzeit wahrscheinlich wirklich martialisch für das Anlegen der Rüstung.
    Heutzutage kenne ich das nur als Zeit für das Umrüsten von Maschinen zwischen zwei Herstellungsvorgängen, also die Umstellung von Produkt A auf Produkt B.
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    Bei manchen Frauen habe ich durchaus den Eindruck, daß die Aufmachung auch eine Form des Distanz-Schaffens zwischen sich und einer als eher feindlich empfundenen Umwelt ist. Eben DOCH eine Art Rüstung als Übertreibung der von Ihnen genannten Komfortzone.

  3. Kopfgeburt sagt:

    Ähem..... irgendwie fehlt mir...
    Ähem….. irgendwie fehlt mir jetzt eine Gurkenmaske…

  4. Okay, hier hätte ich ein paar...
    Okay, hier hätte ich ein paar schöne Männer für Euch: https://www.youtube.com/watch?v=dvo97Q1OlLs&feature=player_embedded (bei Bedarf, sende ich gerne die Telefonnummern der Herren zu. Frau Diener hat selbstverständlich die erste Wahl!)

  5. nico sagt:

    Frau ist naturschön oder sie...
    Frau ist naturschön oder sie ist es nicht. Da hilft kein Nacharbeiten. Mann dagegen braucht nur interessant zu sein, das aber heißt heutzutage viel.
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    Frau Diener, haben Sie die „Lockenwickler“ in Paris geschrieben? „Die letzte Bouillon von Paris“ schmeckte mir eben sehr. Habe ähnliche Erfahrungen dort und vor allem in Rom gemacht mit einer Römerin. Wie gut und günstig erschien mir Rom!
    Sehr schön auch geschrieben: „Zum Abschluß hier die beliebte Maronencreme……..in völliger Abwesenheit von Streuseln, Raspeln oder der sonst unvermeindlichen Dekorationsphysalis“. Köstlich! Ich hasse nämlich diesen Ausdekorierungswahn dt. Gastronomiebetriebe.

  6. Jeeves sagt:

    In Berliner Bussen immer noch...
    In Berliner Bussen immer noch häufig zu sehen, diese „schreckliche Rentnerdauerwelle in Silbergrau“, aber umso mehr erfreut es das Herz wenn eine ältere Dame zusteigt, deren Vorbilder offenbar die Pariser Boheme der fünfziger Jahre war und noch ist. Die lächeln auch häufiger. Erstere sind meist zu zweit und reden meist & andauernd miteinander.
    Auch bei Konzerten der Alten Musik sieht man häufig nur diese „modernen“ alten Damen, auch ältere Buchhandel-Angestellte und Bioladen-Kunden haben keine „Rentnerdauerwelle in Silbergrau“.
    Meine Gattin, die in einem anderen Kulturkreis aufwuchs, hat mich zuerst auf diese beiden „Klassen“ älterer deutschen Damen aufmerksam gemacht: die silberblauen Lockenköpfchen und die langkleidrigen Strähnigen. Achja, an den Schuhen kann man sie auch leicht unterscheiden. DIe „Muttis“ von den „Künstlern“.
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  7. fraudiener sagt:

    Martin Emmerich, das ist...
    Martin Emmerich, das ist sicher so. Schminke und Hosenanzug sind eine Uniform, die man sich abends abwaschen und ausziehen kann, und der ganze Streß und Ärger tropft gleich mit ab.
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    Filou, Gegenbewegungen neigen immer dazu, es erst einmal ins Extrem zu treiben, bevor man sich irgendwo einpendelt zwischen Naturkind und rokokös überpudert. Also in unserer heutigen dezenten Mitte. Die zwar nach Mitte aussieht, aber genauso viel Arbeit macht wie die gute alte Damentoilette und insofern eine Heuchelei ist.
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    Nurmalsozwischendurch, besten Dank für das freundliche Angebot. So ein Pilot hat mich mal in einer Bar angegraben, aber der war mir dann zu ungebildet. Man (ich) will ja doch immer die ganze Packung.

  8. fraudiener sagt:

    nico, es ist schön zu sehen,...
    nico, es ist schön zu sehen, daß Sie noch Illusionen haben. Nacharbeiten hilft viel. Das merkt man am, äh, nennen wir es „unmittelbares Straßenfeedback“.

  9. ThorHa sagt:

    "Schöne aka gepflegte...
    „Schöne aka gepflegte Männer“
    Ich beschwere mich hiermit öffentlich wegen männerfeindlichen Sexismus! 🙂 Was Frauen Recht ist, kann im Zeitalter der Gleichberechtigung Männern nur billig sein. Für das uneingeschränkt geltede Männerrecht auf Bierbäuche, Schafscherfrisuren, Drei- bis Siebentagesbärte, Jogginanzüge, Muskelshirts und Bierflaschenorgien in der Öffentlichkeit. Es lebe der befreite Mann! Nieder mit der männerfeindlichen Unterdrückung durch die Poshfrauen! Innere Schönheit braucht kein Make Up! Gegen die Entmenschlichung des Mannes als weibliches Sexualobjekt!
    Mit antisexistischem Gruss,
    Thorsten Haupts

  10. colorcraze sagt:

    @Filou: oh ja, die „Altis“...
    @Filou: oh ja, die „Altis“ („Alternativen“)! Und so ein verwaschen-auf-zu-dunklem-Stoff eingefärbtes Lila und Grün, farbfleckig à la Kartoffeldruck, in der Reutlinger Edelvariante auch handgewebt… das waren die eigentlichen „zurück zur Natur“-Vertreter, jedenfalls in meinen Augen. Iro hingegen war mindestens soviel Aufwand wie Dauerwelle, als ich es gut raushatte (ich wollte ja schließlich eine mehrfarbige Frisur), brauchte ich 2, 3 Tage zum Richten (Waschen – dauert. Bleichen mit heftigst erreichbarer Chemie – dauert. Färben – dauert. In Form bringen – dauert auch.) und dann hielt es 3 bis 5 Wochen. Die Gelatine-Variante. Mit Kernseife habe ich es auch eine Zeitlang gemacht, das roch gut (ja, Kernseife duftet) – übertünchte sogar alte geölte Lederjacke und Tabakqualm -, war aber nicht so haltbar, sehr regenempfindlich und fing ab und an mal an zu jucken auf der Kopfhaut.

    @Frau Diener: Iro ist eher eine Art eckige Dauerwelle, von der Machart her. Oder vom Zeitaufwand den afrikanischen Zöpfelfrisuren verwandt. Aber Natur ist das nun eben gerade gewollt nicht – auch bezüglich der Farbe (reine Farben, keine natürlichen Haarfarben. Und das funktioniert nur mit heftigem Bleichen vorher. Außer bei schwarz.). Und die Kurzhaarfrisuren der Newaver mußten oft nachgeschnitten werden, damit sie exakt blieben. – Was ich vermisse, ist der Dutt. Der war bei meiner Großmuttergeneration noch recht verbreitet (lange Haare am Hinterkopf zu einem Knoten zusammengedreht und unverrutschbar festgesteckt, falls das jemand nicht mehr kennen sollte). Dauerwelle hingegen – man könnte es auch „römische Matronenfrisur“ nennen, denn Porträtstatuen der römischen Kaiserzeit haben fast immer eine solche – kam WIMRE mit Liz Taylor auf, und hat sich in den Generationen, die heute 65+ sind, seither gehalten. Meine Großmutter bestand immer auf Wellen mit dem Kräuseleisen – das war wohl eine Prägung von zwischen 1910 und 1940 vielleicht -, und ich kann mich nicht entsinnen, meine Großmuttergeneration mit Dauerwelle gesehen zu haben.

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