Ding und Dinglichkeit

Privates ganz öffentlich: Die Schublade

Woher kommt es eigentlich, dass  sich der Mensch im Möbelhaus benimmt, als wäre er Zuhause? Und zwar in einem solchen Möbelhausel, das konzipiert ist, damit man einen Wohnraum nach dem anderen durchlebt und nicht bloß anzuschaut. Man zieht vorbei am Saisonbezug der jahrelang bewährten Stühle- und Sofaecken, vorbei an Schlafzimmervarianten bis hinein ins Kinderbadezimmer.

Hier kommt es dann soweit, dass er tut, als stünde er in der eigene Küche zwischen Tür und Angel – und wirft dem anderen vor: „Nie machst du die Schubladen richtig zu. Es ist immer dasselbe, ich komme in die Küche und sie sind offen. Ohne Grund, ohne Anlass. Keiner außer mir macht sie hinter sich zu, immer bleibt es an mir hängen, jedes Mal.“

Mag sein, dass dieser angeheizte Ton zuhause möglich ist, bitte. Normalerweise bleiben diese Küchengespräche aber dort. Woanders benimmt man sich. Doch in dieser Zuhause-Kulissenwelt geschieht etwas mit uns, dass unser Bild von Öffentlichkeit verschwimmt. Die Imagination geht voran, so gleitet jeder in seine private Welt. Kein Wunder eigentlich: Stellen Sie sich vor, sie stehen vor diesem Sessel in blau-grün-grau-karierten Karo-Muster und müssen aus dem Kopf heraus entscheiden, ob er zu den Glasuntersetzern auf Ihrem empfindlichen Wohnzimmer-Holztisch passt, oder nicht. Während Sie das tun, sind sie schon auf halbem Weg nach Hause.

Unser Paar steht also mit seinem latenten Schubladenproblem in der Abteilung Einbauküche. Die Frau überlegt laut, ob man nicht sowieso langsam anfangen sollte, über eine neue Küche nachzudenken. Ihn stören die Schubladen schließlich enorm. Mittlerweile gehören Schubladen, die sich fast von ganz alleine schließen, zum Standard. Alle neuen Küchen können sowas. Vom Mülleimer bis zum Auszieh-Vorratsschrank. Es schließt fast automatisch, man braucht nur einmal anzustupsen. Die letzten drei bis vier Zentimeter werden magnetisch angezogen. Ihre Probleme wären gelöst.

Vielleicht rechnet der Ehemann jetzt im Kopf die Ausgaben zusammen, vielleicht auch nicht. Er sagt zumindest, sie bräuchten aber eigentlich keine komplette, neue Küche, wenn sie die Küchenschubladen einfach mal richtig zumachen würde. Und so geht das hin und her, alle können zuhören. 

Sie fühlen sich recht heimelig, wieso? Ist die Marketingstrategie so gut aufgegangen? Und wir stecken mitten drin und merken es gar nicht?

Der Kulturpessimist grummelt: Kein Wunder, immer dasselbe: Bequemlichkeit umgarnt des Menschen Dummheit, bis irgendwann sich keiner mehr wundert, dass ihm die eigenen Ideen ausgehen. Aber am Ende will es wieder niemand gewesen sein.

Der Marketeer findet dagegen, dass die Planung des gesamten Möbelhauses sehr gut  gelungen ist. Wie wunderbar, wenn sich der Kunde so wohl fühlt, dass es ihm wie sein Heim vorkommt. So hat er eine längere Verweildauer und kauft auch mehr. Hier noch ein Packen mit Kleiderbügeln, dort eine neue Matratze. Das Möbelhaus macht eben ein gutes Angebot.

Vielleicht könnte ich zum Ding des Möbelhauses auch die Bratpfanne küren. Denn ich konnte in der Markthalle – das ist dort, wo man endlich nicht mehr an den Einzelstücken vorbei gehen muss und sie nicht an ihrem Platz im Ensemble belassen soll, sondern endlich in den Einkaufswagen packen darf – dort diskutierten Mutter und Tochter über eine Bratpfanne, als hätten sie ihr Leben lang nichts anderes getan. Braucht eine vernünftige Bratpfanne einen roten Punkt in der Mitte oder nicht? Ohne roten Thermopunkt kommt der Mutter keine Pfanne ins Haus. Die Tochter hat das noch nicht begriffen. Mutter: beharrlich, Tochter: störrisch. Aber man hat ja die Zeit.

Die Frage, ob man überhaupt in ein solches Möbelhaus gehen sollte und sich entsprechend einrichten darf, erübrigt sich. Was soll die exaltierte Sorge vor dem Einerlei? Es lässt sich doch hervorragend kombinieren und Ektop-Sofas passen schließlich überallhin. Also hat sie auch jeder.

Wer könnte nicht durch die Wohnung gehen und Sticker vom Lieferkarton, die mit dem Strichcode und der zwölfstelligen Nummer, auf den Stücken aus dem Möbelhaus verteilen? Einen Aufkleber für jeden Stuhl oder Stuhlkissen, jede Tischdecke und Duschvorhang, wir liefen durch unsere Wohnungen und klebten Sticker.

Aber wenn Sie meinen, die Bratpfanne ist nicht das richtige Ding, können Sie sich ja eines aus Ihrem eigenen gestickerten Möbel- und Accessoirehaufen aussuchen.

Aber dann würde mich interessieren, welches.

 

 

 

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