Ding und Dinglichkeit

Mit Chef-Chef auf die Yogamatte

Eine Yoga-Stunde ist bei weitem mein liebster Wetteinsatz. Ich finde, es gibt Menschen, denen möchte man einmal im Leben eine solche Wette andrehen: einem mühsamen Flirt zum Beispiel oder dem Chef-Chef. Wie würden sie sich wohl während der neunzigminütigen Dehn- und Kraftübung anstellen?

Es soll jetzt aber nicht so klingen, also würde ich meinen Chef-Chef gerne auf der Yogamatte platzieren, so wie andere ein Foto auf den Sandsack kleben oder auf die Dart-Scheibe. Oder auf die Luftgewehrscheibe. Nein, wenn ich die Waffen wählen darf – und darum bitte ich doch sehr – suche ich mir die Yoga Matte aus. Dann nehme ich meinen Chef-Chef und stelle mir vor, wie er einen umgekehrten Hund neben mir schlägt. Das reicht mir zum Vergnügen.

Beim umgekehrten Hund kippt man den Oberkörper nach vorne und bildet ein Dreieck mit der Matte. Man streckt seine Arme so weit es geht und den Po in Richtung Decke; dabei drückt man die Kniekehlen durch und zieht den Rücken lang.  Besonders wichtig: das Becken nach vorne kippen. Das Becken? Ja, denn hier steckt alle Kraft, hier liegt das Zentrum, und gar nicht in den Armen, – die fangen nämlich schon bald unter der eigenen Last zu zittern an.

Man kann Yoga nur ausüben, wenn man versteht,  sein Gewicht nicht ausschließlich auf den naheliegensten Muskel zu stützen, so wie im umgekehrten Hund eben auf die Arme. Aktiviere deine Füße, deine Fingerkuppen, deine Hüfte! Spanne deine Oberschenkel an, sodass auch sie einen Teil des Gewichts übernehmen und sich dein Körper überhaupt im Dreieck halten kann. (Level 1). Oder du auf einem Bein stehen kannst, während dein anderer Fuß auf deiner Hüfte liegt – ohne festzuhalten –  deine Arme sich zweimal vor der Brust überkreuzen und du deinen Oberkörper langsam nach vorne beugst wie ein Diener vor dem Kaiser, gleichzeitig gehst du, auf einem Bein wohlgemerkt, in die Hocke, alles ohne die Verknotung aufzulösen und richtest dich danach wieder auf. (Level 2-3).  Das schafft ein Oberschenkel niemals allein, du musst deinen Rücken benutzen und dein Becken nach vorne kippen, dein Zentrum aktivieren.

Dabei aber nicht das Atmen vergessen, sondern immer im Takt bleiben. Auch wenn du dich darauf konzentrieren musst, dass die Schultern nicht an den Ohren kleben -achte vor allem anderen auf deine Atmung, sie ist das wichtigste. Tief einatmen, und einen Tick länger wieder ausatmen. Pause. Und bei jedem Mal, da dich die Luft verlässt, streckst du dich noch ein bisschen mehr. Bis die Fersen beim Hund den Boden berühren. Da willst du hinkommen. So wie die Frau neben dir, die ohne Anstrengung zu zeigen, im nach unten gerichteten Hund ihren ganzen Fuß auf dem Boden abstellen kann. (Von wegen Yoga sei frei von Konkurrenz).

Fünf, sechs Atemzüge lang hältst du dich in dieser Position, dann wippe nach vorne in die Armstütze. Dein Körper wird flach wie ein Brett. Als nächstes knicken deine Arme ein, und dein Körper nähert sich dem Boden, doch er berührt die Matte nicht. (Ellenbogen ran!). Dann die aufgestellten Füße auf die Fußrücken kippen und den ganzen Körper nach vorne schieben; bäume den Oberkörper auf, sei eine Cobra, und biege dich nach hinten ins tiefe Hohlkreuz. Und wieder hoch mit dem Becken, lang ausatmen, zurück in den nach unten gerichteten Hund. Das Ganze fünf Mal wiederholen.

Dabei kann es passieren, dass, während du die immer gleiche Bewegung durchführst und jedes Mal der optimalen Form näher kommst, beim Ausatmen die ganze Spannung  deinen Körper mit einem tiefen Seufzen verlässt. Womöglich aus demselben Grund, warum Tennisspieler immer so laut auf dem Platz sein müssen. Uuuu…aahhh..ööööhhh.  Stell Dir vor, so benimmt sich dein Chef-Chef neben dir! Das will man doch mal gesehen haben.

Und der Yoga-Lehrer fordert ihn auf, alle Gedanken aus dem Kopf zu entlassen, die Schlechten wie die Guten. Dein Kopf soll so leer werden, als hätte er nie zu denken angedacht gehabt – das ist in keinem Fall Büro-Sprache.

Ich hatte mal einen Yoga-Lehrer in Kerala, das liegt im Süden Indiens an der Küste. Jeden Morgen um sechs saßen wir im Lotussitz – es war wohl nur ein Schneidersitz –  in einem Pavillon und konnten auf das Wasser blicken, das noch ganz still da lag. Und der Yogi wiederholte ununterbrochen: „Open yourrr mind, relase your inner liight“. Er selbst schien es sich recht gut gehen zu lassen, denn sein weicher Bauch wölbte sich über seine Stretchhose. Aber was nach Bequemlichkeit aussah täuschte: Kerzengerade saß er vor uns, anderthalb Stunden lang, und hatte dabei seine Knie gelassen auf dem Steinboden abgelegt. Er ließ uns Yoga inhalieren, bis wir unsere Namen nicht mehr wussten.

Es bringt mir Spaß zu sehen, dass ein Hauch von diesem ehrwürdigen Yogi bis ins Zentrum von Frankfurt weht. Ich weiß, dass es so ist, denn ich sehe es, wenn neben mir ein Mädchen ihren Hals streckt und ihr Bein in die Luft hebt, als wäre sie ein Schwan. Oder ein Krieger. Ein Krieger I, Krieger II und Krieger III. Oder sie ihren Kopf im Sitzen neben ihren Knien auf dem Boden ablegt und dabei ihr Gesicht keine Mimik mehr zeigt. Einzig ein kleiner runder Schatten verdunkelt sich an ihren Mundwinkeln, es ist ein zartes Lächeln. Sie ist jetzt ganz bei sich und schaut dabei so friedlich aus, dass nichts mehr darauf hin deutet, dass sie sich heute in schweren Verhandlungen mit Kunden und Kundes-kunden durchgesetzt hat.

Zurück zum Chef-Chef. Ich finde, man sollte es bei der nächsten Betriebsfeier irgendwie hinkriegen, ihn zu einer Wette zu überreden. Oder mit jemandem darum wetten, dass er es nicht schafft, dem Chef-Chef eine Wette anzudrehen.

Vor allem, hab ich eigentlich schon den Muskelkater erwähnt, der einen am nächsten Tag erwartet?

 

Die mobile Version verlassen