Ding und Dinglichkeit

Oberflächlich reicht, bitte! – Das Sektglas

Es begibt sich also zu dem Moment, da die Gastgeber gleich ihre Begrüßungsrede halten werden. Der Raum ist gefüllt, es ist bisweilen bereits so eng, dass die Gäste sich mit Saumkontakt aneinander vorbeischieben. Die Menschen grüßen rechts, sie grüßen links. Schultern werden brüderlich geklopft und Wangenknochen schonend aneinander gehalten, – die Gesichts-Malerei in mehreren Schichten soll nicht gleich wieder verwischen.

Viel Bewegungsspielraum bleibt dabei nicht. Mag hinten im Saal ein vertrautes Gesicht auftauchen, zu dem man gerne gehen würde, – so einfach ist das nicht. Die Zeit ist längst noch nicht so weit, dass man wie mit Scheuklappen durch die Versammlung laufen könnte und die drei Meter bis zur Bar oder zur Garderobe in normaler Schrittgeschwindigkeit bewältigt. Erstmal begrüßt  man einander,  – oder grüßt auch nur, was sich schon mit einem Augenschlag und einem Nicken vollziehen lässt. Du hier, ich hier, war ja klar. Die knappe Reaktion ist auch gar nicht unhöflich, sondern vollkommen ausreichend. Man trifft sich schließlich nicht in der Bahn oder an der Supermarktkasse, wo ein paar Wechselworte unumgänglich sind.

Dabei muss man sagen: Das reine Grüßen ist bereits die höhere Kunst des selbstverständlichen Umgangs mit zwar Unvertrauen, aber dennoch Bekannten. Üblicher ist erstmaliges ignorieren. Man hat sich schlicht nicht gesehen. Man ist gerade im Gespräch und möchte es auch nicht unterbrechen. Man sieht sich vielleicht später. Die Mimik bleibt ungerührt. Sollten sich die Blicke trotzdem ungewollt kreuzen, das Gesicht wird jedenfalls nicht den Eindruck verbreiten, dass es den anderen zu erkennen scheint. Hakt einer später nach, hat man sich doch dort und dort das letzte Mal gesehen, aber leider nur von weitem.

Warum sich diese Art von Taktgefühl dermaßen sensibilisiert hat? Warum man ironischerweise inmitten der vielen Menschen eine subtile Scheu vor Konversationen aufbaut? 

Ein Grund ist wohl die schnelle Kränkung, die einem widerfahren kann. Es kostet schließlich Überwindung, guten Willen und ein gestärktes Selbstbewusstsein will man ein Gespräch mit jemandem führen, der überall sonst hinschaut, nur nicht einem in die Augen. Höchstens im Vorbeigleiten und gleich wieder zurück zu den Leuten. Wer ist hier, wer dort, wer weg?

Wer steht neben wem, ist das die neue Frau von xx, woher kennen sich eigentlich xy und xy? Zu reinen Übungszwecken könnte man in diesen Situationen, in denen sich zwei mit dem Empfangs-Sektglas in der Hand unterhalten, im einem Satz platzieren, was man der Nase gegenüber schon immer mal vorhalten wollte. Neunzig Prozent der Proben blieben wohl ohne Reaktion. Bei Nachfrage kann man immernoch revidieren.

Man sollte in diesen Situationen besser gar nichts sagen, und bloß reden. Steht man nämlich mit einem recht Aufgeschlossenen, oder ist selbst bei guter Laune ein solcher, muss man mit seiner Geschichte gewiss drei bis viermal ansetzen. Die Geübten unter den Aufgeschlossenen ignorieren nämlich eben nicht den nächsten, der vorbeikommt, sondern begrüßen, stellen vor, reden weiter, und wieder: begrüßen, vorstellen, weiterreden.

Ganz ehrlich? Mir macht das nichts oder nichts mehr. Ich habe selbst kaum genügend Konzentrationspotenzial in diesen Momenten. Meistens ist es mir zu laut, denn der Geräuschpegel verschluckt jedes dritte Wort. Mich fordern Menschenansammlungen in geschlossenen Räumen schon akustisch heraus. Bisweilen verstehe ich minutenlang nur Splitter- und Flattersätze. Gestenreiche Erzähler kommen mir daher sehr entgegen.

Interessant wird es, wenn man sich unbedingt jemandem vorstellen möchte, mit dem man Anknüpfungspunkte vermutet, von denen der andere gar nichts ahnen kann. Unbedingt will man also ins Gespräch kommen und seine Existenz klar machen. Was also tun?

Das Spiel mit dem schlichten Grüßen lässt sich dabei nutzen. Eine Sekunde länger als gewohnt im Vorbeigehen dem anderen ins Gesicht geschaut, dabei einmal sachte die Augenbraue gehoben. „Du hier? War ja klar.“ Der andere überlegt eventuell, ob man sich bereits kennt, aber woher? Der zweite Blick, – Geduld, Geduld. Noch nicht hingehen und die Hand entgegenstrecken.

Lieber achtet man auf einen freien Moment und dann, als hätte man gezaubert, steht man neben jenem Menschen und lässt eine leichte Bemerkung in dessen Richtung los, etwas Witziges oder Höfliches, nichts Langatmiges. Schließlich sind Rede- und Zuhörzeit begrenzt. Und dann: Kennen wir uns nicht? Hin und her überlegt. Nein, wir kennen uns wohl noch nicht, naja, macht auch nichts: Ich bin Sophie Maltzahn. Guten Tag.

Und beim nächsten Mal können wir zumindest mit Sicherheit sagen, dass wir uns beim letzten Mal hier und jetzt begegnet sind.

 

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