Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Ungeahnte feministische Potentiale: Fleischfarbene Hüfthalter

| 25 Lesermeinungen

Moderne Textilkettenfilialen verkaufen wieder Hüfthalter. Fleischfarbene Hüfthalter. Ja sind wir denn wieder soweit? Zum Glück, denn das bedeutet, daß die Verlogenheit ein Ende hat. Eine Verteidigung.

In den hintersten Nischen deutscher Warenhäuser haben sie überdauert. Sie hängen an Bügeln und kauern verschämt in rosa Pappschachteln, die in Resopaschubladen die Wände bedecken. Sie haben Namen, die wahlweise an orthopädische Stützstrümpfe denken lassen oder an Schlagersängerinnen der Siebziger Jahre. Sie sind nicht schön, beim besten Willen nicht, aber ihre Trägerin sollen sie schönmachen, oder zumindest versuchen, sie in eine gewisse Form zu pressen. Ich habe völlig vergessen, dass es so etwas noch geben könnte.

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Dann stand ich letztens bei einer großen schwedischen Bekleidungskette in der Unterwäscheabteilung, weil ich dort immer Strumpfhosen kaufe (nur falls jemand nachfragt – Sie wären nicht der erste). Und dort hingen sie, gummiglänzend und in einem Ton, den man gemeinhin mit möglichst viel Verachtung in der Stimme als „fleischfarben“ bezeichnet. „Fleischfarben“ heißt heute und immer dann, wenn es nicht mit Verachtung gemeint ist, „nude“. Klingt auch besser, njuud, nach Sanddüne und Strandvergnügen, „fleischfaben“ hingegen klingt ja immer gleich nach oberhessischen Wurstwaren, aus einer braungekachelten Marktbude herausgereicht von mittelalten rotwangigen Metzgerinnen. Das mag für manchen auch eine gewisse Erotik bergen. Das will ich gar nicht hinterfragen. Auch nicht hinterfragen müssen.

Aber diese Gummihülsen, die sich laut Etikett zwischen erhöhter Taille und Knie um die Kontrolle der Körperform kümmern sollen, waren eindeutig fleischfarben und von sehr begrenzter Frivolität. Sie hießen Shaper. Aber so leicht lasse ich mich nicht täuschen, ich weiß genau, was das ist, das ist nämlich nichts anderes als ein ordinärer Hüfthalter. Und zwar nicht eines dieser dekorativen Modelle, das sich mehr an der Hüfte festhält als sie an ihm, sondern ein sehr funktionelles Teil, das vor allem wirkt. Nämlich hüfthaltend.

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Und da fiel mir ein, wann ich das letzte Mal etwas über Hüfthalter gelesen habe. Das war in einem Artikel über die Kostüme der Fernsehserie Mad Men, in dem die Ausstatterin Janie Bryant sagte, in die Kleider passe Christina Hendricks, die die Chefsekretärin Joan spielt, nur hinein, weil sie Hüfthalter trage. Ohne Hüfthalter ginge das nicht, der ganze Look sei überhaupt nur mit Hüfthalter möglich. Aha, dachte ich mir damals, so bekommt man das also hin mit der Taille. Und dass sich vermutlich die Hausfrauen der fünfziger und sechziger Jahre darüber ausgetauscht haben, von Mutter zu Tochter, von Nachbarin zu Nachbarin, sah ja niemand, was drunter war, gab ja noch keine Hüfthosen, blieb ja Geheimnis bis ungefähr zur Hochzeitsnacht, im Idealfall zumindest.

Nur einige wenige Wochen später las ich einen weiteren Artikel über Christina Hendricks‘ Taille. Diesmal war es ein Interview mit einem Fitness-Spezialisten, der uns Leserinnen erklärte, wie unfassbar hart das Training sein muß, das diese Frau erduldet, damit die Kleider so sitzen, wie sie sitzen. Täglich, am besten stundenlang, schweißtreibend, begleitet von einem rigorosen Ernährungsplan. Das sei für uns Normalsterbliche kaum zu schaffen (eine Anleitung gab der Fitness-Spezialist trotzdem, versteht sich). Ich las das, schüttelte den Kopf und dachte: Hüfthalter! Die trägt doch Hüfthalter!

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Anscheinend funktionieren sie ja auch, wenn Fitness-Spezialisten die Welt und ihre Taillen nicht mehr verstehen. Wenn Menschen allen Ernstes glauben, auch die gewagteste Körperform sei antrainiert und angehungert und verdanke sich nicht einfach einer geschickten Anordnung von Gummi und Stoff. Für Frauen vor fünfzig Jahren war das noch eine Selbstverständlichkeit, für uns heutzutage ist das völlig aus dem Blickfeld gerückt. Wir gehen davon aus, daß die Formen sich stets zu Vor- oder Nachteil frei entfalten und ziehen nicht in Betracht, daß jemand nachhilft. Wenn es sich nicht gerade um eine achtzigjährige Erbtante handelt, die sich in ihre fleischfarbenen Hüft- und sonstigen Halter preßt. Die Vorstellung ist ja auch nicht schön und nicht nude und ganz nahe an den oberhessischen Wurstwaren.

Dennoch. Ich bewundere die schwedische Bekleidungskette für ihre Konsequenz. Wer Mad-Men-Mode verkauft, muß auch die passenden Hüfthalter dazu liefern und nicht einfach fordern, sich die entsprechenden Körperformen hart und schweißtreibend anzutrainieren, denn das ist ziemlich verlogen. Das führt wieder nur dazu, dass sechzehnjährige Mädchen in den Spiegel starren und an sich zweifeln. Oder sechsundzwanzigjährige Mädchen. Alle aus der Post-Hüfthalter-Periode der Textilgeschichte eben, die sich in Retro-Mode versuchen und am eigenen Körper verzweifeln, der nicht ins Gesamtbild passen mag. Alljene möchte ich aufrütteln und ihnen zurufen: Frauen! Gedenkt des Hüfthalters! Verbrennt Formunterwäsche nicht voreilig, es könnte sein, dass sie immer noch feministischer ist als die zeitgenössischen Alternativen, die die Fitness-Spezialisten euch verkaufen wollen.


25 Lesermeinungen

  1. Ein paar Bilde mit/ohne...
    Ein paar Bilde mit/ohne hätten den Artikel verständlicher, den Text vielleicht sogar überflüssig gemacht.
    Dagegen befördert die Bebilderung, so wie sie ist, das Verständnis in keiner Weise.

  2. Abgefahren das!? Über was...
    Abgefahren das!? Über was sich Manche so aufregen können? Mir zwicken manche meiner Unterhosen, manche-smal verirrt sich ein Härchen in den Stoff und das reisst einen dann schon aus den Gedanken raus, so manche-smal, zwischen den Schenkeln, aber, über was sich Manche so aufregen können?, ich kratze dann kurz und dann ist das Zwicken wieder vorbei, aber Manche regen sich so manche-smal … so auf. Also wirklich? Sssisss doch bald Gabentisch, da gibt vielleicht auch was Frisches zwischen die Schenkel, was weniger zwickt … so manchesmal, aber gut, dann halt um die Taille, was enges, Mensch gönnt sich ja auch sonst wenig weites, also muss es was enges sein, also wirklich, so aufregend, um die Hüften und so wenig Kunst dabei, so viel Kommerz, aber es ist halt Weihnachten, Frau KommerzienRat und die Sissi kommt auch wieder im Fernsehen, gleich vor Scream, wovor auch sonst, die Eine schreit vor Enge, die Anderen vor … ja vor was? Also manchmal, da weiss ich einfach nicht weiter … Oh du fröhliche, oh du …

  3. Clelia, das stimmt. Aber...
    Clelia, das stimmt. Aber manchmal setzen sich Vorstellungen fest, da lohnt es sich, nochmal genauer hinzuschauen: Ist der BH antifemiistisch? Oder gar nicht so schlimm wie das, was wir momentan so treiben, alles unter dem Label der Gesundheit, versteht sich? Da kann man ruhig mal von der anderen Seite draufschauen, finde ich.
    .
    Försterliesel, Schnürtaillen machen auch eine prima Haltung.
    .
    Don Ferrando, ich hatte diesen Text anscheinend völlig verdrängt. Aber natürlich, Hüfthalter bringen einen um. Wenn man sie dauernd trägt. Und nicht nur ab und an.

  4. Andreas, naja, die weibliche...
    Andreas, naja, die weibliche Silhouette ist diversen Modeformen unterworfen, aber immer mal wieder sehr schmal in der Taillengegend. Macht ein breites Becken. Suggeriert Fruchtbarkeit. War lange wichtig, und schon lange, lange vor Sisi.

  5. Nee, ne, ne .... man sollte...
    Nee, ne, ne …. man sollte keine 35-jährige über Hüfthalter bloggen lassen!
    Ich reibe mir verwundert die Augen, wie wenig die Verfasserin über Miederware weiss und welche enormes Geschäft (mit der Angst der Trägerinnen) diese Funktionswäsche im deutschen Bekleidungsmarkt spielt. Hüfthalter alias Schlankstützware sind ein wichtiges Marktsegment mit enormen Zuwachsraten. Die namhaften deutschen Shopping Sender verkaufen an einem Angebotstag bis zu 5Mio EUR von diesem Machmichattraktiverwohlfühlunderwear. Bitte dort mal reinzappen, recherchieren und dann ANSTÄNDIG ablästern!

  6. ja, liebe Andrea Diener,...
    ja, liebe Andrea Diener, Schnürtaillen trugen auch die Offiziere unter der Galauniform, Offiziere mußten bei Paraden gut aussehen, aber auch (wenn sie z.B. arme dritte Söhne ohne Erbe waren) attraktiv auf reiche Töchter wirken, denn nur solche Eltern konnten die „Kaution“ stellen, die bei Heirat eines k&k Offziers zu zahlen war …

  7. an irgendwas fehlts ja immer...
    an irgendwas fehlts ja immer (ich bin dünn, das sieht aber in einem Dirndl und
    in Wickelkleidern nach nix aus, dafür gabs früher den roßhaargepolsterten Hüftring und den cul de Paris) ; am vernünftigsten finde ich die Empirekleider,
    der Busen läßt sich ja immer (irgendwie) hübsch präsentieren und der Rest ist kaschiert; in der Tracht hat sich das dann auch für lange Zeit festgesetzt, weil die Frauen früher ja fast ständig schwanger waren und daher nur als junge Mädchen eine Taille hatten, es gab ein Schnürspenzerchen und der Rock wurde unterm Busen angesetzt.
    (die kurzen Leibchen und Jäckchen, mit dekoriertem Decolletee, Sammelstücke der bayrischen Trachtenstelle, die der Don verlinkt hatte, und die allemanischen Trachten zeugen davon)

  8. Wenn man gut gepolsterte zu...
    Wenn man gut gepolsterte zu nicht so üppigen Figuren ins Verhältnis setzt, haben die Hüfthalter beträchtliche Erfolgsaussichten. Als schwedisches Produkt verwundert es, dort ist die allgemeine Verunstaltung durch Trikatell’s Küche und wohl in erheblichem Maße Alkohol noch nicht so fortgeschritten, wie hierzulande. Sicher wäre eine zucker- und alkoholarme Ernährung gesünder als das Zusammenquetschen der menschlichen Innereien. Das braucht man keineswegs auf Frauen begrenzen. Frohe Weihnachten.

  9. Frauen sind erotisch!...
    Frauen sind erotisch! Hauptsache sie haben überhaupt was an zum ausziehen – oder sind schon nackt.
    .
    Und auch wir halten es immer mit dem Selbstversuch: Bevor wir Loden grundsätzlich ablehnen, betreten wir lieber flugs ein Geschäft und schreiten zur Anprobe.
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    Auch wir berichten also lieber von Schlächthöfen, nachdem wir ausgiebig eigenhändig assistierten. Gerne auch in brütender Sommerhitze. Aber jeder wie er will.

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