Ding und Dinglichkeit

Verlass mich nicht! – Der Speicherplatz

Vor kurzem fiel mein Fernseher aus. Was für einen hohen Stellenwert das Gerät bei mir hat, beweist, dass es mittlerweile direkt neben meinem Bett steht. Ich brauche meinen Fernseher vor allem zum Aufwachen. Ohne MoMa, Tagesschau und die Kulturzeit gerät mein morgendlicher Informationsumschlag komplett durcheinander. Doch mit einem Mal hörte Susanne Daubner auf, mir mit ihrer rauchigen Stimme die Meldungen des Tages zuzuraunen. Im Bad schnurrte der Deutschlandfunk sein neun Uhr Programm weiter. Wovon man im Schlafzimmer natürlich nichts verstehen kann. Mist, so verpasse ich doch, wohin die Welt sich heute dreht, was auf meiner Skala der Alltag-Ärgernisse ziemlich weit oben steht.

Was hat das Ding denn bloß? Sein Bild ist mit dem Ton gleich mit verschwunden und hat einen schwarzen Bildschirm zurückgelassen. Nur eine Nachricht hatte das Medium noch für mich übrig, mit weißen Buchstaben in einer Schrift gehalten, wie sie wohl nur noch in den Tiefen der Programmiersprachen auftauchen: „Mitteilung folgt“. Aha. Es blitzte kurz in der Röhre, danach durchquerte ein hellblauer Streifen einen dunkelblauen Hintergrund und in der Mitte prangte ein graues Dialogfeld: „Datenbank leer“.

Was für eine Überraschung. Ich dachte, das Fernsehbild kommt aus dem Kabel, so wie die Milch aus der Tüte. Nun wird es also erst gespeichert und dann erst abgespielt? Ist das so in der dialogen Welt?  Bei der Technik kann man mir alles erzählen, allerdings interessiert es mich nicht, weswegen ich nicht bis zum Ende zuhöre, selbst wenn sich einer die Mühe machen würde, mich aufzuklären. Für mich ist längst entschieden: Ich bin ein Technik-Nutzer, kein Technik-Versteher – es ist ein ähnliches Verhältnis, wie die meisten  Herren es wohl  zu Frauen entwickelt haben.

Sind die Datenbahnen von meinem Fernseher verstopft? Haben sich zwei Gleichungen an einem Schnittpunkt verheddert und blockieren nun den  Kreislauf? So dass mein Knopfdrücken nicht mehr das Herz des Geräts erreicht? Es lässt mich ratlos zurück, vor allem, weil ich doch fest daran glaube, dass Daten nicht einfach so verschwinden.

<< Übrigens werde ich an dieser Stelle auf keinen Fall in die politische Diskussion um die Vorratsdatenspeicherung abdriften. Das können wir in den Kommentaren gerne ausschlachten, – und die Reste fressen. >>

Aber sie tun es. Vor kurzem hatte ich zusammen mit einer Freundin meinen Kopf über ihren What’s App-Chat in ihrem Handy gebeugt. Wann hört man eigentlich auf mit „Er schrieb, und dann schrieb ich, und er wieder, und ich darauf“ – ich hoffe niemals. Wir saßen also nebeneinander und lasen den Flirt rückwärts gehend bis dann auf einmal Schluss war und zwar vor ungefähr drei Monaten. Gelöscht. Vernichtet. Verloren. Das schneidet doch ein Stück vom Herzen raus! Vielleicht ist er bloß auf parallele Speicherplätze transferiert worden? Aber das muss einem doch  irgend jemand  sagen, wenn so etwas passiert!

MMS, SMS, Email, Anrufabfolge: Sind sie nicht Fragmente meines Lebens, Teile meiner Wahrnehmung, Beweise dafür, was bloß noch bruchstückhaft durch mein Gedächtnis treibt? Wie es noch einmal genau gewesen ist, von einander abgesetzt in grünen und grauen Sprechblasen? So werden sie zur Ablage meines Ichs, darauf verlasse ich mich. Es reicht doch, dass sie zerrissen und verteilt sind auf mehrere Festplatten und Mikrochips und so stetig meinen Datenwald verkomplizieren.  Meistens finde ich mich darin zurecht, aber nur, wenn nicht einfach der Weg abgeschnitten, mein zweiter Kopf abgetrennt, die dritte Hand abgehackt wird. Entschuldigung, spinnen Sie?

Das Rätsel um meinen Fernseher klärte sich übrigens zwei Tage später :  Die Bettdecke hat auf einen Knopf der Fernbedienung gedrückt, der den Fernseher in einen bespielbaren Bildschirm verwandelt. Was für eine trickreiche Bettdecke. Wahrscheinlich will sie mein nächstes Ding werden – in zwei Wochen dann wieder, wenn nichts dazwischen kommt, aber Sie kennen das ja: Man ist so vieles nicht gewohnt.

 

 

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