Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Verlass mich nicht! – Der Speicherplatz

| 23 Lesermeinungen

Datenbank leer, Emails gelöscht, Chat verschwunden: Wenn Technik ihr Eigenleben bevorzugt, statt zu funktionieren wie gewohnt, führt sie an die Grenzen der Hilflosigkeit. Am besten noch vor neun Uhr morgens.

Vor kurzem fiel mein Fernseher aus. Was für einen hohen Stellenwert das Gerät bei mir hat, beweist, dass es mittlerweile direkt neben meinem Bett steht. Ich brauche meinen Fernseher vor allem zum Aufwachen. Ohne MoMa, Tagesschau und die Kulturzeit gerät mein morgendlicher Informationsumschlag komplett durcheinander. Doch mit einem Mal hörte Susanne Daubner auf, mir mit ihrer rauchigen Stimme die Meldungen des Tages zuzuraunen. Im Bad schnurrte der Deutschlandfunk sein neun Uhr Programm weiter. Wovon man im Schlafzimmer natürlich nichts verstehen kann. Mist, so verpasse ich doch, wohin die Welt sich heute dreht, was auf meiner Skala der Alltag-Ärgernisse ziemlich weit oben steht.

Was hat das Ding denn bloß? Sein Bild ist mit dem Ton gleich mit verschwunden und hat einen schwarzen Bildschirm zurückgelassen. Nur eine Nachricht hatte das Medium noch für mich übrig, mit weißen Buchstaben in einer Schrift gehalten, wie sie wohl nur noch in den Tiefen der Programmiersprachen auftauchen: „Mitteilung folgt“. Aha. Es blitzte kurz in der Röhre, danach durchquerte ein hellblauer Streifen einen dunkelblauen Hintergrund und in der Mitte prangte ein graues Dialogfeld: „Datenbank leer“.

Bild zu: Verlass mich nicht! - Der Speicherplatz

Was für eine Überraschung. Ich dachte, das Fernsehbild kommt aus dem Kabel, so wie die Milch aus der Tüte. Nun wird es also erst gespeichert und dann erst abgespielt? Ist das so in der dialogen Welt?  Bei der Technik kann man mir alles erzählen, allerdings interessiert es mich nicht, weswegen ich nicht bis zum Ende zuhöre, selbst wenn sich einer die Mühe machen würde, mich aufzuklären. Für mich ist längst entschieden: Ich bin ein Technik-Nutzer, kein Technik-Versteher – es ist ein ähnliches Verhältnis, wie die meisten  Herren es wohl  zu Frauen entwickelt haben.

Sind die Datenbahnen von meinem Fernseher verstopft? Haben sich zwei Gleichungen an einem Schnittpunkt verheddert und blockieren nun den  Kreislauf? So dass mein Knopfdrücken nicht mehr das Herz des Geräts erreicht? Es lässt mich ratlos zurück, vor allem, weil ich doch fest daran glaube, dass Daten nicht einfach so verschwinden.

<< Übrigens werde ich an dieser Stelle auf keinen Fall in die politische Diskussion um die Vorratsdatenspeicherung abdriften. Das können wir in den Kommentaren gerne ausschlachten, – und die Reste fressen. >>

Bild zu: Verlass mich nicht! - Der Speicherplatz

Aber sie tun es. Vor kurzem hatte ich zusammen mit einer Freundin meinen Kopf über ihren What’s App-Chat in ihrem Handy gebeugt. Wann hört man eigentlich auf mit „Er schrieb, und dann schrieb ich, und er wieder, und ich darauf“ – ich hoffe niemals. Wir saßen also nebeneinander und lasen den Flirt rückwärts gehend bis dann auf einmal Schluss war und zwar vor ungefähr drei Monaten. Gelöscht. Vernichtet. Verloren. Das schneidet doch ein Stück vom Herzen raus! Vielleicht ist er bloß auf parallele Speicherplätze transferiert worden? Aber das muss einem doch  irgend jemand  sagen, wenn so etwas passiert!

MMS, SMS, Email, Anrufabfolge: Sind sie nicht Fragmente meines Lebens, Teile meiner Wahrnehmung, Beweise dafür, was bloß noch bruchstückhaft durch mein Gedächtnis treibt? Wie es noch einmal genau gewesen ist, von einander abgesetzt in grünen und grauen Sprechblasen? So werden sie zur Ablage meines Ichs, darauf verlasse ich mich. Es reicht doch, dass sie zerrissen und verteilt sind auf mehrere Festplatten und Mikrochips und so stetig meinen Datenwald verkomplizieren.  Meistens finde ich mich darin zurecht, aber nur, wenn nicht einfach der Weg abgeschnitten, mein zweiter Kopf abgetrennt, die dritte Hand abgehackt wird. Entschuldigung, spinnen Sie?

Bild zu: Verlass mich nicht! - Der Speicherplatz

Das Rätsel um meinen Fernseher klärte sich übrigens zwei Tage später :  Die Bettdecke hat auf einen Knopf der Fernbedienung gedrückt, der den Fernseher in einen bespielbaren Bildschirm verwandelt. Was für eine trickreiche Bettdecke. Wahrscheinlich will sie mein nächstes Ding werden – in zwei Wochen dann wieder, wenn nichts dazwischen kommt, aber Sie kennen das ja: Man ist so vieles nicht gewohnt.

 

 


23 Lesermeinungen

  1. Robert B. sagt:

    <p>Daten- bzw....
    Daten- bzw. Wahrnehmungsfragmente die „ziellos durchs Gedächtnis treiben“ lassen sich zwecks besserer Erinnerung in eine zusammenhängende, verknüpfende Form bringen und mit einer komfortablen Suchfunktion ausstatten. Die Datenverarbeitung gab uns dazu Werkzeuge wie Bücher, Alben oder Blogs in die Hand. Und dann erkennt man erst einmal, wie wichtig das geschriebene Wort als Gedankenstütze ist.
    .
    Die ganzen gesammelten Erlebnisse, Fotosafaris, Gedanken, interessanten Texte interessanter Autoren waren für mich der Grund, mit dem Schreiben anzufangen. Was damit später einmal wird, muss sich zeigen, aber mich beschleicht das Gefühl, dass es doch irgendwann einmal gedruckt und gebunden werden muss, obgleich so die bequeme Suchfunktion unter den Tisch fiele. Aber ein Buch kennt nun einmal keine inkompatiblen Datenformate, keine leeren Akkus, kein DRM, keine Plattformpleiten – eventuell nur säurehaltiges Papier. Insofern sind Radio und Fernsehen als Medien grundverschieden zum geschriebenen Wort, weil sie prinzipiell flüchtig sind und nur die Erinnerung bleibt.

  2. FAZ-soma sagt:

    Lieber Robert B. Ich pflichte...
    Lieber Robert B. Ich pflichte Ihnen bei. Kaum zu vergleichen.

  3. Mike sagt:

    <p>Ich kann ihnen nur zum...
    Ich kann ihnen nur zum Defekt ihres TV-Gerätes gratulieren. Schmeißen sie es am besten aus dem Fenster und hören sie sich lieber einen guten Podcast zum Frühstück an. Sensationsgier bringt uns nicht weiter und befördert nur Journalisten, die diese Berufbezeichnung nicht verdient haben.

  4. Mike sagt:

    Ich kann ihnen nur zum Defekt...
    Ich kann ihnen nur zum Defekt ihres TV-Gerätes gratulieren. Schmeißen sie es am besten aus dem Fenster und hören sie sich lieber einen guten Podcast zum Frühstück an. Sensationsgier bringt uns nicht weiter und befördert nur Journalisten, die diese Berufbezeichnung nicht verdient haben.

  5. Sebastian sagt:

    <p>Wenn ich mein Telefon...
    Wenn ich mein Telefon verliere habe ich alle Nummern in einem Buch.
    Wenn meine Freunde ihr Telefon verlieren haben sie dannach keine Freunde mehr.

  6. tiberiat sagt:

    <p>Liebe Sophie von...
    Liebe Sophie von Maltzahn,
    ein Lob auf Ihre Bettdecke!
    Morgens schon MoMa, das ist hart, sehr hart.
    Ich glaube die wollte Sie schützen, bemerkenswert.

  7. Carsten sagt:

    Wir befinden uns in der Flucht...
    Wir befinden uns in der Flucht vom denken ins wissen. Die Frage ist, wer irgendwann noch denken soll?

  8. <p>Witzig, hitzig, dissig,...
    Witzig, hitzig, dissig, rissich, schmissich, einzich, klitzich in schissich mussich gleich issich unsich nich wirlich wissich, aber es war einen Versuch wert Ihren Beitrag zu toppen, was die schmissichkeit angeht, manchmal binnich ganzich neidich auf die guten Einfälle anderer Schreiber-innen, innen?, so aussen, na ich weiss nich, aber das mit den Männern und den Frauen, wow, genau, so isses, nur die Haut wählt, oder zählt sie, die Oberfläche, zählt?, zahlt!, der Kapitalismus eine Erscheinung der Haut, das Haut mich aber jetzt um, aber ich komme vom Weg ab, wie Ihr Fernseher, so deckich, schrecklich, freilich manchmal glücklich, oder auch nich, aber KulturZeit am Morgen vetreibt Grandits und … Sie wissen das besser, aber die Technik weiss es nich, die weiss nich mal, das sie is, das wissen aber auch viele Technik-Nutzer nich, was is, das is und was nich is, das ich is, aber Sie wissen das ichs heut einfach nich schaffe auf normale Weise den Gefällt mir Knopf gedrückt zu halten, einfach weil der woanders is und nich rüberreicht, übrigens, es gibt seit vorgestern die Timeline, da vergessen Sie nix mehr, wenn Sie sie füllen und das Beste is, Sie werden auch nicht mehr vergessen, solange die Technik is und Wir sie bei Laune (Strom) halten, versuchen Sie es doch mal damit. Das Motto lautet: Wir vergessen Nichts. Bleibt die Frage: Was ist Nichts? Also gut, Morgen steht geschrieben: Wir behalten ALLES!, und was bleibt dann mir noch übrig? Nichts. Das vergesse ich Euch nie! Aber das ist ein anderes Thema. Ein fröhliches und gesundes Jahr auch Ihnen und Allen Anderen!

  9. FAZ-soma sagt:

    Lütze, du kannst es!...
    Lütze, du kannst es!

  10. Maltze, Du auch, und das is...
    Maltze, Du auch, und das is gut so!

Kommentare sind deaktiviert.