Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Pilgerfahrt nach Lourdes: Die Orthese

| 29 Lesermeinungen

Eine Woche übernimmt der Malteser-Pilger die Verantwortung für ein behindertes Kind. Spielt, füttert und singt mit ihm; die Freude des Kindes darüber ist seine Belohnung. Wie funktioniert also diese über die Wand gespielte Glückserfahrung?

„Es ist nämlich so, dass unsere Psychen uns belohnen,
wenn wir leben, was als Potenz in uns angelegt ist.“
Joachim Gauck

Trägt Orthesen, steht im Pflegebuch über das behinderte Kind, das ich auf der Pilgerfahrt nach Lourdes betreuen werde. Hilfe, was sind Orthesen? Ich kenne nur Prothesen. Meiner Freundin neben mir flattern die Nerven noch viel stärker, – ihr Kind ist Epileptiker. Damit nicht genug: Es sitzt im Rollstuhl und wird über eine Magensonde ernährt. Immer wieder von vorne studiert sie das dünne Heftchen mit Tipps und Pflegeanweisungen, die von Betreuern aus dem Kinderheim detailliert zusammengetragen wurden. „Den hatte ich im letzten Jahr auch“, schaut ihr einer über die Schulter. „Das ist das fröhlichste Kind, das ich kenne!“ Irritiert blickt sie ihn an. Noch passen diese gegensätzlichen Informationen nicht zusammen. „Als ich das Heft zum ersten Mal gelesen habe, ist mir auch der Angstschweiß ausgebrochen.“  Erleichterung glättet ihre Stirn, sie ist nicht allein.

Bild zu: Pilgerfahrt nach Lourdes: Die Orthese

Am Bahnhof warten wir auf die Ankunft der Kinder. Unsere Jungs sind schon dabei, den Zug zu beladen mit Gepäck, Medikamenten, Spielzeug, tausenden Windeln und Hipp-Brei.
Die schweifenden Blicke der Passanten bleiben an uns hängen. An blau-weiß gestreiften Kleidern mit vorgebundenen Schürzen. An einer Gruppe Frauen im Alter von zwanzig bis vierzig Jahren. An altmodisch gekleideten Krankenschwestern mit wallendem Haar und Augen, die schwarz umtuscht sind und vom Kajalstrich betont.

Im ersten Kinderbus kommt das Pflegekind meiner Freundin an. Eine Laderampe liefert ihn in seinem Rollstuhl auf dem Asphalt ab. Seine Arme zappeln und strecken sich nach den vielen Menschen, die um ihn stehen. Sie greifen nach seinen Händen und sagen ihm fröhlich „Hallo, hallo“. Ganz ungebremst jedweder Erwartung, dass er ein Hallo zurück sagen könnte. Er spricht nicht. Er lacht. Mit verschränkten Armen und rätselndem Blick auf ihr Kind läuft meine Freundin neben der Betreuerin aus dem Heim zum Warteraum im Bahnhof.

Eine Viertelstunde später wird auch mein Kind vorgefahren. „Kannst schon mal mit ihr vorgehen zum Sammelplatz. Das schafft sie!“ Sagt die Betreuerin und drückt mir zwei kleine Patschen in die Hände. Auf Bauchnabelhöhe schaukelt vor mir ein hübsch frisierter Kopf von links nach rechts. „Aber die Orthesen? Brauchen wir die nicht?“ „Die hat sie schon an“, erklärt die Erfahrene und zeigt auf die Füße des Mädchens. Ich sehe nur zwei Sandalen mit Klettverschluss an schmerzhaft weit nach außen gedrehten Füßen. Wieder ein hilfesuchender Blick zur Helferin, doch die hebt schon das nächste Kind aus dem Auto. Sie hat gesagt, dass wir das Stück laufen können; ich vertraue ihr und lasse tausend Fragen offen.

Bild zu: Pilgerfahrt nach Lourdes: Die Orthese

Ich halte beide Hände und laufe rückwärts los, doch statt eines Schritts lässt sie nur ihren Oberkörper nach vorne fallen. Ich richte sie wieder auf und rede ihr zu. Von den letzten Fahrten weiß ich, dass die Kinder zwar abwesend wirken, aber dennoch viel von ihrem Umfeld mitkriegen. Weswegen man auch niemals über ihre Köpfe hinweg über sie reden darf. Ich spreche mit meinem Mädchen und ziehe ein wenig an ihren Armen. Das hilft, wir wackeln los. Auf der Hälfte der Strecke bleibt sie stehen, will sich auf den Boden fallen lassen, doch ich richte sie wieder auf. „Wir schaffen es. Es ist nicht mehr weit. Du kannst mir vertrauen!“ Sage ich mit fester Stimme und tatsächlich schiebt sie eines ihrer steifen Beine nach vorne. Woher kommt bitte diese Sicherheit? Vor zwei Minuten noch stand ich ratlos vor dem Kind wie vor einer Autopanne.

Aber wir laufen gemeinsam bis in den Warteraum. Umgeben von dreißig anderen Kindern mit allerlei körperlichen und geistigen Bürden warten wir auf den Reisesegen des Priesters, der die Gruppe begleiten wird. Beim „Lied für die Sonne, die strahlende Schwester“ bricht bereits mein Tränenstaudamm, – er wird sich erst nach der Fahrt wieder aufbauen.

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Vorher lassen sich die Tränen der stummen Ergriffenheit nicht runterschlucken. Nicht bei den Prozessionen, in denen wir in einem langen Zug und von Gebeten und Chorälen begleitet in die Kirche einziehen. Nicht bei den Bädern im Lourdes-Wasser, das Wunder vollbringen soll. Nicht an der Grotte, an der dem Kind Bernadette vor über hundert Jahren erst die Heilige Mutter Gottes erschienen ist und auf diese Begegnung hin sich Lourdes zum Wallfahrtsort entwickelte.

Auch meine Freundin hat sich ihrem Kind schon ganz zugewandt. Sie kniet vor dem Rollstuhl, spielt mit der zitternden Hand ihres Jungens und singt vor einem Gesicht, das strahlt und gluckst.

Warum dann Tränen? Bestimmt sind es die Kinder, denen Musik direkt ins Herz zu fliessen scheint: Sie richten sich auf in ihren Stühlen, sie wippen mit den Oberkörpern oder stossen laute Freudenschreie aus. Bestimmt ist es, dass ich – selbst mit meiner Krächzstimme noch – zu denen gehöre, die den Kindern diesen Spaß bereiten. Bestimmt ist es Dankbarkeit, dass ich – was auch immer das Leben für Umstände macht – es wieder geschafft habe, in den Dienst der Freude zu treten. In einen Dienst, den Jesus Christus uns empfohlen hat. Einen Dienst, der den Weg zeigt zum wahren Glück: den Weg zu Gott.


29 Lesermeinungen

  1. Adelaide sagt:

    <p>Wunderschön die Erlebnisse...
    Wunderschön die Erlebnisse – und hier vielleicht für Claire: diese Tage erleben zu dürfen, das Strahlen der Kinder zu sehen und die Glückseligkeit in ihren Augen bei allem, was man mit ihnen macht – Spielen, Füttern, Herumtollen, Singen, Beten – ist allein Wunder und Spontanheilung für jede einzelne Seele, die hier mit dabei ist.
    Kommt auch mal zum Stage nach Lourdes -einfach so, spontan helfen in der Hospitalité- da erlebt man Lourdes von der anderen Seite und bekommt am Ende einen Gesamteindruck, was Lourdes bedeutet: Begleiten UND Empfangen.
    Meldet Euch: info@hospitalite.de

  2. Karli Lauffs sagt:

    Vor allem Heilung des Geistes...
    Vor allem Heilung des Geistes geschieht in Lourdes. Für Kinder und für Erwachsene. Als Mensch mit Behinderung, als Begleiter oder als Pilger. Sehr empfehlenswert.

  3. FAZ-soma sagt:

    Ich glaube auch, lieber Karli,...
    Ich glaube auch, lieber Karli, dass es mehr ums Geistige geht. Auch wenn einem die dinglichen Glaubenstransmitter in Lourdes etwas aufgedrängt werden. Für den Protestanten zumindest. Ich halte es da mit Luther: „Totes Ding bleibt totes Ding.“

  4. Wunderschön und DANKE für...
    Wunderschön und DANKE für Ihr Engagement!
    .
    Eine kleine Anmerkung möchte ich noch machen, Karli Lauffs und Sie Frau von Maltzahn schreiben von „Heilung des Geistes“, damit ist doch wohl der Verstand, das Bewusst-Sein gemeint, oder? Falls ja, würde mich interessieren, welcher Art diese Heilung des Verstandes ist?
    Falls Sie damit jedoch den Glauben gemeint haben, also eher das Unbewusste im Menschen, das Gefühl, dann möchte ich Ihnen zustimmen, denn das Gefühl erfährt auch auf und durch eine Pilgerfahrt Erleichterung und Zustimmung der ganz besonderen Art.
    Aber vielleicht erfährt dadurch auch der Geist, der für mich mit dem Verstand gleichzusetzen ist, ein wenig Klärung und Beruhigung und das ist ja gerade in Zeiten der Krise auch so etwas wie Heilung.
    Verzeihen Sie einem Wortklauber diese Anmerkungen.
    Auf das der Heilige Geist auch in mich fahre, und ich leichterDINGs UND in vielen Sprachen die DINGLICHKEIT erfahre und heiter weiter verbreiter.
    So nach Pfingsten ist das doch ein berechtigter Wunsch.
    Salü.

  5. Karli Lauffs sagt:

    <p>Lieber Herr...
    Lieber Herr Lützenich,
    danke für die Nachfrage. Gemeint habe ich folgendes; Die Heilung des Geistes halte ich für bedeutender als die Heilung des Körpers. Aber besser sollte ich auch von der Heilung der Seele sprechen. Verstand und Glaube (Geist und Seele) ergänzen sich. Körper, Geist und Seele machen den ganzen Menschen aus. Und dass es Gottes Heiliger Geist ist, der den Menschen heilt, wenn wir uns ihm und unseren Mitmenschen zuwenden, das glaube ich ganz sicher.
    In Lourdes ist der Heilige Geist besonders spürbar. Mancher Kranke und vermeintlich Gesunde wird bestimmt geheilt, aber eben nicht (nur) körperlich. Das betrifft ganz sicher das Gefühl (das berührt sein und berührt werden – wie von Frau v. Maltzahn so schön beschrieben), aber auch den Verstand: das eigene Leben relativiert sich und erschließt vielleicht sogar einen neuen Sinn, angesichts der Verbundenheit von großem Leid, Mitleiden und Anstrengung mit tiefer Erfülltheit, Freude und Liebe. Deshalb empfehle ich Lourdes.
    Liebe Sophie,
    mit Luther bin ich hier nicht einer Meinung. Symbole helfen dem Glauben (und dem Verstand). Bedrängt werde ich von ihnen allerdings auch als Katholik nicht gerne.

  6. Adelaide sagt:

    Liebe Sophie, Karli,...
    Liebe Sophie, Karli, Oliver!
    Schön, wie das Thema Heilung uns alle beschäftigt.
    Gerne verweise ich auf einen Brief, den eine Kranken zum Dank an die Hospitalité geschrieben hat. So und so ähnlich kann jeder von uns es verspüren…
    https://www.hospitalite.de/Berichte-aus-Lourdes.21.0.html
    Das Geheimnis liegt vielleicht in dem bedingungslosen „JA“ – das jeder Lourdes-Fahrt zugrunde liegt, im Augenblick, in dem wir zusagen, mit dabei sein zu wollen, komme, was komme!?

  7. Schnack sagt:

    Ich bin begeistert!...
    Ich bin begeistert!

  8. perfekt!57 sagt:

    <p>ist sie sicher, dass es...
    ist sie sicher, dass es sich tatsächlich um das malterserkreuz gehandelt hat? evtl. doch noch mal nachsehen? geht das? vielleicht kleiner fehler? wir hätten sonst glatt eher auf das „aquavit-kreuz getippt. also das stehende auqavitkreuz, welches gar nicht reisen muss. schon an, ort & stelle eingebungen hat. „eingebungen“ halt. das gemeine aquavitkreuz eben. in einer verdünnung von 100%.
    .
    und grüße. try harder. you can.-

  9. Frieder sagt:

    Tatsächlich ein...
    Tatsächlich ein verblüffender und anrührender Blogbeitrag – das erwartet man nicht inmitten der eitlen Selbstbespiegelungen, die viele Blogs leider sind.
    Vielen Dank!

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