Ding und Dinglichkeit

Ding und Dinglichkeit

Keine Frage, die Welt ist voller dinglicher Phänomene. Um viele davon wird einiges Gewese gemacht, etwa um Autos, Mobiltelefone, Schuhe. Das sind die

Pommernregen beim Storchennest

| 34 Lesermeinungen

Bei Regen könnte man keine erholsamen Ferien machen? Wer das denkt, hat wohl noch nie einen Hunde-Tag eingelegt, an dem man sich von einem Körbchen ins andere kuschelt. Und zwischendurch gibt es die Reha-Injektion aus rein natürlichen Inhaltsstoffen.

Zurzeit hat es Mecklenburg-Vorpommern nicht leicht, sein Standortmarketing „Urlaubsland“ zu verteidigen. Jedenfalls nicht, wenn man mit der standardisierten Katalogvorstellung „Sonnenbrand, tropfendes Eis am Stiel, Sand im Portemonnaie“ an die Sache ran geht. Es regnet nämlich. Jeden Tag. Zumindest nicht den ganzen Tag. Aber manchmal auch das. Plitschplatsch prasselt es in die Pfützen, plitschplatsch: Socken nass. Dummerweise ist es schon der zweite Sommer in Folge. Im letzten Jahr stieg der See sogar bis kurz vor unsere Terrasse an. So schlimm ist es dieses Jahr nicht, – noch nicht. Aber das ist wohl nur ein schwacher Trost für den, der die Hoffnung aufgeben und lieber Lana Del Rey in die Sommerdepression folgen möchte.

Bild zu: Pommernregen beim Storchennest

Allerdings greifen die übrigen mecklenburgischen Parameter auf dem Weg zur Tiefenentspannung trotzdem. Wenn sie nicht sogar durch den Regen noch deutlicher hervorstechen.

Während die Welt hinter dem Nieselregen verschwindet, erlebt der Urlauber die Ausdehnung der Zeit. Das ist ein bekanntes Phänomen; schon Bismarck riet beim Weltuntergang nach Mecklenburg zu ziehen, schließlich passiere hier alles fünfzig Jahre später.

Hier verliert das Diktat des Aktivismus seine Wirkung. Mit bestem Gewissen legt man gerade bei Regen einen Hunde-Tag ein, an dem man sich bloß von einem Körbchen ins andere kuschelt: Langes Frühstück bis drei, kurzer Ausflug zum Supermarkt gepaart mit kleiner Schlössertour, danach Tee und Kekse im Sofa mit gutem Buch. Mittagsschlaf zwischen sechs und acht. Aperitif um neun, Dinner um zehn, Nachtisch um Mitternacht. Danach elf Stunden Schlaf in dunkler Ruhe. So verrinnen zwei Tage wie zwei Wochen.

Bild zu: Pommernregen beim Storchennest

Verabreden braucht man sich in Mecklenburg nicht. Man hat nämlich schon mehrere Dates. Man ist verabredet mit dem Storchenpaar, das mit seinen roten Schnäbeln bis zehn Meter vorm Haus im grünen Gras stochert. Stundenlang kann man ihnen dabei zusehen. Es stört sie ja keiner, regnet doch. Stört sie aber auch bei gutem Wetter keiner, sonst hätten sie hier gar nicht erst das Wagenrad bezogen.

Sprengt die Sonne zwischendurch die Wolkentürme und verspricht eine trockene Stunde, trifft man sich beim Spaziergang mit dem großen Feldhasen, der durch die Ackerfurche im Stoppelfeld hoppelt. Zwei Kraniche tanzen dazu auf runden Strohballen. Nur der Rehbock will nichts aufführen, dafür hat er keine Zeit, er ist den duftenden Ricken auf den Fersen.

Bild zu: Pommernregen beim Storchennest

Nach dem Regen jagt auf dem Spaziergang eine Reha-Injektion ins Blut. Aufnahmestation: Nase. Die sensorische Reise beginnt mit Tannengrün. Nächster Halt: honiger Blütennektar. Transit: moorige Erde. Ankunft: Erntekorn.

Die Reise ist visuell gepaart mit rotem Mohn im sich bis zum Horizont streckenden Gold aus reifem Getreide. Mit vollen Blätterreben an meterdicken Baumstämmen. Mit zu Wohnhäusern umfunktionierten Scheunen. Mit Pferden im Garten. Mit mahnenden Schlossruinen und restaurierter Backsteingotik.

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Nirgends kann sich der Städter an störenden Merkmalen seines Alltags verhakeln. Nicht mal das Handy findet hier Empfang. Warum sollte man auch telefonieren und sich rausreißen lassen aus dem wohligen Mantel des Ganz-bei-sich-Seins? Reicht doch, dass am Ende der Ferien die eigenen Batterien bis zum Überlaufen voll sind. Und man verwundert ist, wenn man mit Tatendrang zurück ins Leben hüpft. Plötzlich kann man die urbane Hektik wieder gut vertragen. Als hätte sie einem sogar etwas gefehlt. Wer hätte das gedacht?


34 Lesermeinungen

  1. Raoul sagt:

    Als Küstenbewohner kann ich...
    Als Küstenbewohner kann ich die gedanken sehr gut nachvollziehen. Nicht, dass mit ein wenig Sonne nicht auch gut täten, aber der Entschleunigungseffekt ist enorm.Mal nichts Tun und auf Spaziergängen beobachten, was um einen herum passiert ist etwas sehr schönes und schärft den Blick für wesentlichere Dinge.
    Wir fahren zum Beispiel einmal im Jahr nach Dänemark auf die Insel Fanö. Ganz bewußt im Oktober oder Februar. Kaum jemand da, Wetter halt so wie es dann ist und genießen die Ruhe, stundenlange Spaziergänge inklusive. Erholung pur!
    Hier eine kleine Geschichte zum Thema (nichtkommerzieller Link) –
    https://goodnewstoday.de/gute_nachrichten/2010/03/09/urlaub-auf-fano-entspannung-pur/

  2. Huebsch.
    Der neue Drang von...

    Huebsch.
    Der neue Drang von uns Deutschen nach Osten, in den Urlaub?
    Im Westen ist ja nichts Neues, eben Konsum und Arbeit.
    Falls sich jemand fragt: Où suis-je?
    Im Neookzident.

  3. perfekt!57 sagt:

    tiptop, einer ihrer besten...
    tiptop, einer ihrer besten texte. und wir empfehlen ggfls. auch mal den deutschen südwesten zu versuchen, irgendwo zwischen arzfeld (nicht a. selbst) und luxembruger grenze, sagen wir tentismillen (tentismühle). da hat man es bei bedarf genauso, und auch noch mehrsprachig. und auch bis, sagen wir, clervaux wäre es nicht weit. https://www.clervaux.lu/de/willkommen.html
    .
    und man evtl. auch noch das beste aus beiden welten kombinieren: so wohnen, zwei büros im haus, also für jeden eines, und in die stadt, zu den kunden hinfahren.

  4. nico sagt:

    Toll! Das ist wohl die...
    Toll! Das ist wohl die Entdeckung der Langsamkeit. Gerade heute las ich ein Zitat: Wirklich große Dinge geschehen ganz langsam und leise. Nur Unwichtiges macht viel Lärm.
    Nach der Wende waren wir mal am Kummerowsee zum Fischen. Da war niemand, mitten im Sommer. Die waren wohl am Ballermann.

  5. FAZ-soma sagt:

    Auf dem Kummerower See und...
    Auf dem Kummerower See und anschließend Tollense haben wir schon zwei Mal ein Kanutour gemacht. Kamen uns vor wie in der Wildnis. Und den armen Bewohnern von Neukalen ging es ähnlich, als sie uns wild im Hafen zelten sahen.

  6. FAZ-soma sagt:

    Witizg, dass Sie auf Welk...
    Witizg, dass Sie auf Welk kommen. Hatte vor ein paar Tagen erst überlegt, ihn auf meine Literaturliste zu setzen. Mich dann aber doch für Fallada entschieden.

  7. vita55 sagt:

    <p>Meistens düse ich da...
    Meistens düse ich da durch, über die Oder, von VorPo nach HinterPo.
    Aber das ist so schön – schön geschrieben und schön erinnert – daß ich jetzt doch mal für ein paar Tage zwischenlanden werde.
    „schön erinnert“ – weil es wie die Erinnerung an Kindersommerferien klingt. Da will man doch immer wieder hin.

  8. perfekt!57 sagt:

    <p>was evtl. verwandtes ja...
    was evtl. verwandtes ja neulich in den gazetten: mette-marit in indien, macht „komminikationsdiät“, (vissipana), redet fast nur noch mit einer freundin/begleiterin oder gar nicht. die innere stimme wieder einmal hören.
    .
    (http://www.lqforyou.at/…/Genug-gequatscht
    .
    natur und selbstbestimmung tun ja zwischendrin überhaupt immer wieder gut, wenns mal wieder reichte, mit dem getan-haben. und man freut sich mit, wenns anderen auch gut geht.
    .
    (interessanterweise, so finden wir, werden folgende links/inhalte immer noch teils heftig abgelehnt, dabei könnte man doch so leicht teile einer womöglich richtigen analyse von ratschlägen zu falschen gesellschaftsmodellen trennen … de.wikipedia.org/…/Entfremdung de.wikipedia.org/…/Entfremdete_Arbeit )
    .
    und kontrast? http://www.youtube.com/watch

  9. FAZ-soma sagt:

    Starke Nummer, grazie für...
    Starke Nummer, grazie für Annamateur & Außensaiter

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